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Pädophiler ging deutschen Ermittlern ins Netz
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Luzerner chattete zwei Jahre mit Minderjährigen Pädophiler ging deutschen Ermittlern ins Netz

6 min Lesezeit 1 Kommentar 12.07.2016, 05:36 Uhr

«Operation Biber» – unter diesem Namen fahndeten die deutschen Behörden 2014 nach Pädophilen. Dabei kamen sie auch einem 33-jährigen Luzerner auf die Schliche. Bei ihm fand die Polizei abscheuliche Bilder. Jetzt wurde er verurteilt. Wie der Fall einzuordnen ist.

Es war 20 Minuten nach sechs Uhr morgens, als die Luzerner Polizei am 10. Juli 2014 bei der damals 21-jährigen Saskia Sigrist und ihrem 33-jährigen Bruder Reto (Namen geändert) klingelte: Hausdurchsuchung. Als die Polizisten gingen, nahmen sie ein Notebook, eine externe Festplatte sowie einen USB-Stick mit – und Reto Sigrist.

Einem Untercover-Polizisten auf den Leim gegangen

Von seinem Notebook aus hatte Sigrist unter dem Pseudonym «Lehrer» einige Monate zuvor einen «Pascal_12» angechattet. Pascals Profilbild legte nahe, dass es sich um einen minderjährigen Jungen handelte. Sigrist skypte mit Pascal und konfrontierte ihn «mit klaren sexuell motivierten Texten und Aufforderungen zu sexuellen Handlungen», das geht aus der Anklageschrift hervor. Sein Pech: Pascal war kein Schüler, sondern ein Ermittler des Baden-Württembergischen Landeskriminalamts. Dieses ermittelte die IP-Adresse und gab sie an die Schweizer Behörden weiter.

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Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Luzern fand die Staatsanwaltschaft belastendes Material auf Sigrists Datenträger: Fotos, Videos und Chatprotokolle. Während knapp zwei Jahren chattete er mit verschiedenen Minderjährigen und forderte sie zu sexuellen Handlungen auf (einem 13-jährigen Mädchen schrieb er beispielsweise, er wolle sie «fesseln und f…»). Gegenüber einem anderen Chatpartner fantasierte Sigrist darüber, Kinder sexuell zu missbrauchen («ich würde auch eine 2-jährige ausprobieren») und zu töten.

Abscheuliche Bilder auf dem Computer

Über 2000 Bilder und Videos wurden bei Sigrist gefunden, sie zeigten den Missbrauch von teilweise noch sehr kleinen Kindern, aber auch sexuelle Gewalt an erwachsenen Frauen. Teilweise seien gefesselte und geknebelte nackte, missbrauchte Kinder zu sehen, heisst es in der Anklageschrift. Über ein Peer-to-Peer-Programm verbreitete er einen Teil dieser Dateien auch weiter.

«Als die Hausdurchsuchung stattfand, stand ich vor dem Spiegel und fragte mich, ob das wirklich die Person ist, die ich sein wollte.»

Verurteilter Pädophiler

 

Letzten Monat stand Reto Sigrist deswegen vor dem Luzerner Kriminalgericht. Laut der «Neuen Luzerner Zeitung» (NLZ) sagte er dort: «Das hatte damals mit meiner Situation zu tun. Persönlich, beruflich und finanziell lief es nicht gut, sodass ich diese Ersatzhandlungen fand.» Die Hausdurchsuchung und die Festnahme seien ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen. «Als die Hausdurchsuchung stattfand, stand ich vor dem Spiegel und fragte mich, ob das wirklich die Person ist, die ich sein wollte.»

Zwei Jahre Gefängnis

Heute hat Sigrist wieder einen festen Job, wohnt mit seiner Freundin und besucht eine Therapie. Obwohl er bewusst in Kauf genommen habe, die sexuelle Integrität und Entwicklung von Kindern zu stören, sei ihm diese positive Entwicklung zugute zu halten, befand Staatsanwalt Georges Frey.

Das Gericht verurteilte Sigrist zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, wie aus heute freigebenen Urteil hervorgeht. Das psychiatrische Gutachten attestierte ihm ein erhöhtes Risiko, wieder ähnliche Straftaten zu begehen, wenn er bei kritischen Lebensereignissen keine anderweiten Bewältigungsstrategien habe. Auf so genannte «Hands on»-Delikte gebe es hingegen keine Hinweise. Deshalb schob das Gericht die Gefängnisstrafe zu Gunsten einer ambulanten Massnahme auf.

Gewaltberater Thomas Jost hat in den letzten Jahren mit vielen Männern zu tun gehabt, die sexuelle Gewalt anwenden.

Gewaltberater Thomas Jost hat in den letzten Jahren mit vielen Männern zu tun gehabt, die sexuelle Gewalt anwenden.

(Bild: rob)

Und jetzt? So funktioniert die Therapie

Reto Sigrist befindet sich in psychotherapeutischer Behandlung und besucht eine Beratung bei Agredis. Der Luzerner Gewaltberater Thomas Jost ist Leiter von Agredis. Er hat seit Jahren mit gewalttätigen Männern zu tun und hat auch schon Männer therapiert, die kinderpornografische oder Gewaltvideos konsumierten. Er weiss, wie sich solche Neigungen in den Griff kriegen lassen.

«Es ist einfacher, sich Befriedigung im Internet zu holen, als einen Menschen ins Bett zu bringen.»

zentralplus: Es lief in seinem Leben nicht gut, sagte der Verurteilte bei der Gerichtsverhandlung, daher habe er diese «Ersatzhandlungen gefunden». Haben Sie das auch schon erlebt oder ist das eine Schutzbehauptung?

Thomas Jost: Ich habe mehr den Eindruck, das ist eine Bagatellisierung. Das soll ablenken von dem, was wirklich dahinter steht. Wenn Männer wissen, sie haben etwas Schlechtes gemacht, beginnen sie, die Verantwortung abzugeben.  «Das ist doch nicht so schlimm. Den Kindern macht das ja nichts», sagen sie sich. Dass er diese Taten nicht aus einer Position der Stärke begangen hat, kann ich mir hingegen gut vorstellen. Es ist einfacher, sich diese Befriedigung im Internet zu holen, als einen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen oder ins Bett zu bringen.

«Sexualstraftäter wissen in der Regel ganz genau, wie sie zu ihrer Befriedigung kommen.»

zentralplus: Hat man dem Mann einen Dienst erwiesen, als man ihn verhaftet hat?

Agredis: Die Hälfte kommt freiwillig

272 Männer und Jugendliche haben in den letzten zwei Jahren das Beratungsangebot von Agredis in Anspruch genommen. Die Fach- und Beratungsstelle für häusliche Gewalt in Luzern hat acht Gewaltberater, welche in 2'000 Beratungsstunden mit gewalttätigen Männern arbeiteten. Mehr als die Hälfte der Männer besuchen die Beratungen freiwillig (für sie kostet eine Stunde 100 Franken), die anderen werden von der Justiz oder den Behörden und Heimen zugewiesen.

Jost: Es ist richtig, dass man ihn für sein Handeln zur Verantwortung zieht. Wie er dann darauf reagiert, kann sehr individuell sein. Es kann sein, dass er sich nach der Verhaftung sagte: Jetzt ist fertig, jetzt muss sich etwas ändern. Dann wäre die Staatsgewalt erfolgreich gewesen. Auf jeden Fall musste er sich erklären: Wieso er weg war, wieso die Polizei seinen Computer mitgenommen hat. Es kann aber auch sein, dass er eine solche Veränderung nur vorgibt und weiter Kinderpornografie gebraucht, einfach noch versteckter. Sexualstraftäter sind in meiner Erfahrung sehr strukturiert. Die wissen in der Regel ganz genau, wie sie zu ihrer Befriedigung kommen. Das passiert nicht aus einer momentanen Lust, sondern baut sich auf.

zentralplus: Welche Rolle spielt die Verfügbarkeit von solchen Darstellungen im Internet?

Jost: Eine sehr Grosse. Mit ein paar Klicks ist man heute auf Pornoseiten, und von da nicht mehr weit weg von Gewalt- und Kinderpornografie. Es ist sehr viel leichter geworden, solche Neigungen zu befriedigen. In der Beratung habe ich die Erfahrung gemacht, dass einzelne Männer zwanghaft Videos von sexueller Gewalt anschauen und das auch als Spirale erkennen. Diese haben sich teilweise 24 Stunden am Tag damit beschäftigt.

«Gedanken können sich erst dann weiterentwickeln, wenn ich mich ernsthaft damit auseinandersetze.»

zentralplus: Kann man solche Fantasien «abschalten»?

Jost: Mann kann sie unterdrücken, aber nicht abschalten. Das Problem beim unterdrücken ist einfach, dass sie sofort wieder da sind, wenn man unerwartet damit konfrontiert wird. Ich glaube: Gedanken und Gefühle können sich erst dann weiterentwickeln, wenn ich mich ernsthaft damit auseinandersetze.

zentralplus: Wie entwickelt sich eine solche Neigung?

Jost: Es gibt Männer, bei denen prägt sich das schon im Kindesalter aus. Es gibt aber auch Männer, die erst als Erwachsene ihr Gefallen beispielsweise für Gewaltdarstellungen entdecken. Das sind oft Männer, die Erniedrigung und Abwertung erfahren haben, sich nicht für voll genommen fühlten. So etwas kann sich in der Sexualität niederschlagen. Das passiert aber nicht von heute auf morgen. Sehr häufig steckt eine Geschichte dahinter.

«Diese Männer brauchen eine Form von Eruption, um sich besser zu fühlen. Das kann Gewalt oder auch ein Samenerguss sein.»

zentralplus: Wer sind diese Menschen?

Jost: In der Regel erlebe ich solche Männer emotional sehr weit weg von sich. Sie können sich selber schlecht wahrnehmen. Wenn man sie fragt, ob es ihnen gut geht, haben sie Mühe ihre Emotionen auszudrücken. Sie sind sehr verkopft und über- oder unterfordern sich stetig, weil sie nicht spüren, was sie brauchen. Bei Gewalt geht es etwa häufig darum, eine Erniedrigung zu verarbeiten. Unangenehme Erlebnisse schieben sie sofort zur Seite brauchen dann eine Form von Eruption, um sich besser zu fühlen. Das kann Gewalt oder auch ein Samenerguss sein.

zentralplus: Und wie therapieren Sie dann?

Jost: Es geht darum, sich selber besser zu spüren. Die Männer sollen sich bewusst werden, wieso sie jetzt etwa frustriert sind. Und dann helfe ich ihnen, Strategien zu entwickeln, wie sie Frustrationen auf eine andere Art als durch Gewalt abbauen können. Es gibt Männer, denen Sport hilft, um sich bewusst mit sich selber auseinanderzusetzen. Es kann zum Beispiel auch helfen, mit der Partnerin über Sexualpraktiken zu reden. Diese Männer müssen den eigenen Weg verändern wollen. Aber wie das geht, ist sehr individuell.

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1 Kommentare
  1. Angelika Oetken, 12.07.2016, 13:39 Uhr

    Es gibt Männer, die durch ruppig und aggressiv vollzogenen Sex ihre Wut und ihre Aggression abbauen. Unabhängig davon wie man das ethisch bzw. geschlechtsspezifisch bewerten will, wäre das in Ordnung, so lange die Partnerin oder der Partner damit einverstanden ist und die Gesetze nicht gebrochen werden. In unserer traditionellen Sexualkultur existieren solche sexuellen Muster, die Gossensprache und “Herrenwitze” geben Aufschluss, die Porno- und Prostitutionsbranche bedienen die Wünsche eines Teils der männlichen Bevölkerung.

    Es ist aber doch ein grundsätzlicher Unterschied, ob ein erwachsener Mann sich von der Vorstellung angezogen fühlt, eine andere erwachsene Person mit gewalttätigen und entwürdigenden Sexualpraktiken zu überziehen oder ob er davon phantasiert, dies mit einem Kind zu machen.

    Eine der hartnäckigsten und Opfer schwer belastenden Missbrauchsfolgen sind die so genannten Täterintrojekte und Flashbacks. Gerade wenn deren Inhalt gewalttätiger oder entwertender Natur ist, löst das in Betroffenen oft große Verunsicherung aus, bis hin zu panischer Abwehr und kompletter Verdrängung. Was im Alltag oft gelingt, im Zusammenhang mit Intimität, Körperlichkeit und Sexualität häufig nicht. Gerade männliche Missbrauchsopfer finden ganz besonders schlecht adäquate Hilfe. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sie überproportional oft einen anderen, sehr destruktiven Weg beschreiten, nämlich den der Reinszenierung. Also an Anderen (Kindern) wiederholen, was ihnen selbst einmal angetan worden ist. Dies hat durchaus entlastende Wirkung. So wie auch der Konsum von Suchtmitteln, weshalb beides – Selbstbetäubung und Missbrauch – von den Täterinnen und Tätern gern kombiniert wird. Aber langfristig ist diese Strategie natürlich ein Desaster. Weil das Trauma weitergegeben wird, anstatt es aufzuarbeiten.

    Ein weiterer Punkt, den man im Zusammenhang mit Pädokriminalität auch anschauen sollte, ist die übergroße Tabuisierung des Missbrauchs von Jungen durch ihre Mütter. Wie leicht dies die Persönlichkeit und sexuelle Identität der Kinder beschädigen kann, ist leicht nachzuvollziehen. Wie viele Kindesmissbraucher und Frauenquäler in ihrer Kindheit von ihrer eigenen Mutter missbraucht wurden, die große Frage. Manche werden sich nicht einmal explizit daran erinnern. Aber die destruktiven Impulse um so stärker spüren.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden