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Päckli abholen zwischen Gipfeli und Gemüseständen
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Mit dem Einkaufskorb direkt «in die Post»: die Postagentur im Spar im Würzenbach. (Bild: ida)

Wie zufrieden sind Luzerner mit Postagenturen? Päckli abholen zwischen Gipfeli und Gemüseständen

5 min Lesezeit 20.12.2017, 12:04 Uhr

Anfang Jahr kündigte die Post an, dass sie künftig in Luzern vier Poststellen nicht mehr selbst betreibe. Obwohl man inzwischen Briefe und Päckli in Supermärkten oder Bäckereien abgeben kann, wünschen sich viele Kunden die alten Poststellen zurück. Doch auch von Betreibern von Postagenturen kommt Kritik, wie ein Augenschein vor Ort zeigt.

«Ich bin froh, muss ich nicht eine halbe Weltreise machen, nur um ein paar Briefmarken zu posten», meint ein Anwohner aus dem Würzenbachquartier im Supermarkt Spar. Den Einkaufskorb hat er auf die Theke gelegt. Seit nicht einmal einer Minute befindet er sich im Laden: «Wenn dann endlich einer kommt.» Seine Augen wandern im Laden umher. Geräuschvoll atmet er aus. Und da: Zwischen den Gemüseständen taucht ein Mitarbeiter im roten Hemd auf. Auf seinem Gilet steht mit weissen Grossbuchstaben klar und deutlich: Spar.

Studie: Lieber «richtige» Postfilialen

Seit knapp drei Monaten beherbergt der Spar im Würzenbach in Luzern eine Postagentur. Im Februar dieses Jahres informierte die Post, dass sie vier Poststellen in der Stadt Luzern nicht mehr selbst betreiben und diese durch andere Formate ersetzen möchte. Die Poststelle im Schönbühl geht eine Agentur-Partnerschaft mit der Migros ein und kann voraussichtlich Mitte 2018 erste Kunden bedienen. Ende Januar 2018 wird die Postagentur in der Bäckerei Bucher in Reussbühl eröffnet.

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Oftmals äussern Kunden Bedauern, wenn eine Postfiliale geschlossen wird. Stimmen erheben sich gegen die Poststellenschliessungen oder -umwandlungen (zentralplus berichtete). Im Rahmen einer aktuellen repräsentativen Studie des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom) hat sich gezeigt: Postagenturen, die eine Partnerschaft eingegangen sind, sind bei der Bevölkerung weniger beliebt als klassische Postfilialen. Kritisiert wurden insbesondere die Öffnungszeiten, die Freundlichkeit des Personals und das Angebot.

Würzenbach – die Postagentur zwischen Gemüse und Waschmittel

Die Postagentur in Würzenbach wurde im September 2017 eröffnet. Laut Marktleiter Frank Heinemann gehen täglich zirka 160 Kunden bei der Postagentur ein und aus. Das Angebot reicht vom Aufgeben von Briefen und dem Abholen von Paketen, Auszahlungen bis zu 500 Franken bis zum Verkaufen von Briefmarken.

«Wir sind nur ein Zwischenglied zwischen der Post und dem Kunden.»

Frank Heinemann, Marktleiter Spar Würzenbach

Bis zu sechs Spar-Mitarbeiter wurden eigens durch die Post geschult. Kunden werden an einem einzigen Schalter bedient. Einen Pluspunkt sieht Heinemann in der Aufrechterhaltung von Postdienstleistungen am Standort Würzenbach.

Nur wenig tadelnde Worte

Gemäss Frank Heinemann hat sich die anfängliche Skepsis der Kunden im Würzenbach gelegt. Die ersten eineinhalb Monate seien schwierig gewesen: «Es ist ein anderes System. Wir bieten nicht mehr dasselbe wie vorhin an. Für viele Postkunden hatte es zu Beginn schon einen bitteren Nachgeschmack.»

So mussten sich die Kunden daran gewöhnen, dass ein kleineres Dienstleistungsangebot und neu nur noch ein Schalter zur Verfügung stehen. Die Kunden hätten sich ans Warten gewöhnen müssen. Einige reagierten mit Verwunderung, andere mit Empörung. Heinemann betont: «Wir sind nur ein Zwischenglied zwischen der Post und dem Kunden.» Kritik würde es insbesondere beim Zahlungsverkehr hageln. Kunden verstehen nicht, weshalb es keinen Postfinance-Bankomaten mehr gäbe. Das bestätigt eine Kundin vor Ort: «Der Bankomat fehlt mir schon. Aber verglichen mit Deutschland ist das hier heilig.»

«Für viele Postkunden hatte es zu Beginn schon einen bitteren Nachgeschmack.»

Frank Heinemann

Auch die Bäckerei Merz in der Luzerner Altstadt agiert seit 2012 als Postschalter. Tagtäglich würden sie auf vielfältigste Reaktionen der Kunden stossen, positive wie auch negative, erklärt Geschäftsführerin Arina Osintseva.

Die Bäckerei Merz in der Luzerner Altstadt: Zwischen Gipfeli und Kaffee werden auch hier Dienstleistungen der Post angeboten.

Die Bäckerei Merz in der Luzerner Altstadt: Zwischen Gipfeli und Kaffee werden auch hier Dienstleistungen der Post angeboten.

(Bild: ida)

Ein Problem, das sich bei ihnen herauskristallisiert, sei die erschwerte Anfahrt mit dem Auto: «Wenn jemand 20 Kisten Wein bestellt hat und der Pöstler diese nicht bei ihm vor die Tür abgestellt hat, dann flucht derjenige bei uns.» Vielfach seien es aber Fehler von anderen, die sie ausbaden müssten. Durch das verkleinerte Dienstleistungsangebot können sie beispielsweise keine Sendungsverfolgungen machen, um zu sehen, wo ein abhandengekommenes Paket stecken geblieben ist. Wird ein Paket vermisst, müsste die Bäckerei selbst mit der Post Kontakt aufnehmen. Kommentare wie «Verkauft doch weiter eure Gipfeli!» habe es durchaus schon gegeben. Oder Kunden, die wie Rohrspatzen fluchten.

Diskussion auf politischer Ebene

Auch auf politischer Ebene wird das Thema heiss diskutiert (zentralplus berichtete). In einem Postulat forderte die SP/JUSO-Fraktion den Stadtrat kürzlich auf, «sämtliche Gespräche mit der Post in Bezug auf die Schliessung oder Umwandlung von Poststellen umgehend abzubrechen und die Ausdünnung des Postnetzes in der Stadt Luzern zu stoppen». Der Grosse Stadtrat hat das Postulat vergangene Woche abgelehnt – obwohl es nebst den Linken auch aus der SVP Zustimmung gab.

«Die Menschen werden immer mobiler. Das spürt auch die Post.»

Markus Flückiger, Verantwortlicher Kommunikation Postnetz Mitte

Zirka 600 Poststellen sollen schweizweit abgebaut und Tausende Arbeitsplätze gestrichen werden. Die Dienstleistungen der Post sollen gekürzt werden. Im Kanton Luzern soll bis 2020 rund ein Drittel der Poststellen geschlossen werden, in der Stadt Luzern allein fünf Standorte (zentralplus berichtete).

Vermehrt Postpartnerschaften wie mit Spar, Migros und Co.

Auch bei der Post ist man sich der Kritik bewusst. Doch Markus Flückiger, Verantwortlicher Kommunikation Postnetz Mitte, argumentiert, dass die Post auf das Kundenverhalten reagiere. Immer weniger Kunden suchen Poststellen auf. Geschäfte am traditionellen Postschalter hätten kontinuierlich abgenommen. «Die Menschen werden immer mobiler. Das spürt auch die Post: Postdienstleistungen werden vermehrt elektronisch und rund um die Uhr angefragt», so Flückiger.

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft habe direkte Konsequenzen auf die Postgeschäfte. E-Mail und E-Banking haben sich derart in der Gesellschaft etabliert, dass seit 2000 schweizweit die Einzahlungen um 40 Prozent zurückgegangen seien, Paketabgaben um 46 Prozent und Briefe gar um 65 Prozent. «Damit nimmt der wirtschaftliche Druck auf unser Netz zu», sagt Flückiger.

Durch die Postumwandlungen und die dadurch eingegangenen Partnerschaften resultieren nach Markus Flückiger zwei essenzielle Vorteile: Den Kunden stehen längere Filialöffnungszeiten zur Verfügung und die Wege eines Kunden zur Post bleiben kurz, da die Agenturen im Quartier bleiben.

Die Situation im Würzenbach zeigt, dass sich die Kunden grösstenteils mit der Situation zurechtgefunden haben. Die Begeisterung hält sich dennoch in Grenzen.

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