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Ohrenbetäubendes Geschrei  – auf der Bühne und im Publikum
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Ronja und Birk kuscheln sich in der Bärenhöhle im Wald aneinander. (Bild: Ingo Hoehn)

Premiere «Ronja Räubertochter» im Luzerner Theater Ohrenbetäubendes Geschrei – auf der Bühne und im Publikum

4 min Lesezeit 25.10.2017, 11:23 Uhr

Das Luzerner Theater feierte am Mittwoch vor zahlreichen Kindern die Premiere des neuen Stücks «Ronja Räubertochter». Der Klassiker von Astrid Lindgren löste bei den jungen Zuschauer «Frühlingsschreie» aus. Doch der Held des Abends war diesmal nicht Ronja.

Der Donner grollt, Blitze erhellen die Bühne. Die Mutter presst und presst, während alle anderen um sie herumwuseln. Die Geburt der Ronja zu Beginn des Stücks jagt einem Schauer über den Rücken. Die schwarzen Wilddruden, die über der Burg erscheinen, tragen ihr Übriges dazu bei. Aber keine Angst — es wird kein Blut vergossen. Gefürchtet haben sich die Kleinen trotzdem ein wenig. Das zeigte der Blick in ihre weit aufgerissenen Augen.

Die Geschichte

Ronja (Anna Rebecca Sehls) kommt als Kind von Mattis (Hans-Caspar Gattiker) und seiner Frau Lovis (Stefanie Rösner) auf der Mattisburg im Mattiswald zur Welt. In der Nacht ihrer Geburt schlägt der Blitz in die Burg ein, teilt das Anwesen in zwei Hälften und erschafft dazwischen den Höllenschlund. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Mattisräuber mit Überfällen.

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Als Ronja grösser ist, ziehen die Erzfeinde, die Borkaräuber, in den abgespaltenen Burgteil ein. Birk (Michel Kopmann), der Sohn von Borka (Patric Gehrig), freundet sich mit Ronja an. Nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Vater zieht Ronja mit Birk in den Wald und verbringt mit ihm dort den Sommer. Als es kälter wird, bittet Mattis seine Tochter, zurückzukommen. Birk und Ronja schaffen es, dass sich die beiden Räuberbanden vereinen. So wären alle glücklich und froh, würde nicht just in dem Moment der alte Glatzen-Per (Matthias Kurmann) sterben. Zum Glück steht dieser für das finale Lied wieder auf und singt kräftig mit.

Die Winter können ganz schön kalt sein auf der Mattisburg.

Die Winter können ganz schön kalt sein auf der Mattisburg.

(Bild: Ingo Hoehn)

Glatzen-Per ist 99

Die Schauspieler gaben alle ihr Bestes – kamen jedoch nicht gegen die wunderbar überzeichnete Figur des Glatzen-Pers an. Matthias Kurmann erschuf einen weisen und leicht verrückten alten Mann, der – wie er selber sagte – «nicht ganz hundert» ist. Er spielte diese Rolle derart gut, dass Erstklässler Damian fragte: «Ist er echt oder verkleidet er sich nur?» Grossen Unterhaltungswert bot auch der Auftritt der Rumpelwichte. Diese Wesen wurden durch zwei aus dem Boden auftauchende Halbpuppen gespielt (Daniela Luise Schneider und Sandrine Zenner). Ihr plötzlicher Auftritt und ihre seltsame Aussprache sorgten für viele Lacher.

Die Vermischung verschiedener Sprachen und Dialekte im Stück war hingegen gewöhnungsbedürftig. Ausser Glatzen-Per sprachen die Darsteller meist Hochdeutsch. Glatzen-Per fungierte als Bindeglied zwischen Publikum und Bühne, indem er seine Worte auch mal an die Kinder richtete. Ob man deswegen auf Schweizerdeutsch setzte? Im Gegensatz dazu wurden die Lieder im Dialekt gesungen. Sandrine Zenner alias Pelle legte sogar eine Rap-Einlage auf Französisch hin. Hier war Nichtverstehen allerdings Programm. Auch die Mattisräuber verstanden kein Wort.

Schräge Töne in der Märchenwelt

Das Bühnenbild (Martin Dolnik) mit teilbarer Burgmauer sowie meterlangen Holzpfählen für die Waldszenen erzeugte zusammen mit dem Lichtdesign (Clemens Godzella) eine stimmungsvolle Atmosphäre. Auch Erwachsenen wird das Eintauchen in die Märchenwelt dadurch leicht gemacht. Unter diesen Umständen verzeiht man auch die eine oder andere Unstimmigkeit. Zum Beispiel beim ziemlich disharmonischen Duett «Höt Nacht» von Ronja und Birk, bei dem man sich fragte, ob das wirklich so klingen soll.

Die Mattisräuber: Ganz links der Glatzen-Per (Matthias Kurmann), Ronjas Mutter Lovis (Stefanie Rösner), Ronja (Anna Rebecca Sehls), Ronjas Vater Mattis (Hans-Caspar Gattiker) und Klein-Klipp (Stefan Schönholzer).

Die Mattisräuber: Ganz links der Glatzen-Per (Matthias Kurmann), Ronjas Mutter Lovis (Stefanie Rösner), Ronja (Anna Rebecca Sehls), Ronjas Vater Mattis (Hans-Caspar Gattiker) und Klein-Klipp (Stefan Schönholzer).

(Bild: Ingo Hoehn)

Schreiende Kinder

Die Aufführung lebt unter anderem von den Mitmachreaktionen des jungen Publikums. Als die Protagonisten nicht bemerkten, dass sich Graugnome anschleichen, begannen die Kinder lautstark zu rufen. Ein anderes Beispiel war Ronjas und Birks «Frühlingsschrei», bei dem sie den Frühling begrüssten und die Kinder aufforderten, mitzumachen. Da konnte man sich als Zuschauer nur noch die Ohren zuhalten.

Zwischendurch gab es für die Kinder aber auch einige Längen zu überstehen. In der Geschichte werden grosse Themen wie Freundschaft und Treue oder Leben und Sterben verhandelt. Bei traurigen oder stillen Szenen wurde das junge Publikum schnell unruhig. Stillsitzen geht eben am besten, wenn vorne etwas läuft. Trotzdem machten die Kids bei jeder Gelegenheit mit und spendeten am Schluss tosenden und kreischenden Applaus. So wurden sie zum Schluss von Intendant Benedikt von Peter gelobt: «Ihr wart ein super Publikum und habt toll geschrien!»

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