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Ohne Rolf, dafür mit Stimme: Wenn Gedanken das Skript torpedieren
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Christof Wolfisberg in «Abschweifer»: Die Wasserkaraffe und der Gartenzwerg spielen beide eine Rolle. (Bild: zvg/Beat Allgaier Anderhub)

Christof Wolfisbergs «Abschweifer» im Kleintheater Ohne Rolf, dafür mit Stimme: Wenn Gedanken das Skript torpedieren

3 min Lesezeit 03.04.2019, 11:34 Uhr

Christof Wolfisbergs erstes Solostück hatte im Kleintheater Premiere. Was als Lesung beginnt, wird immer stärker von absurden Gedanken torpediert. «Abschweifer» ist herrlich komisches Meta-Theater, das sich mit dem Publikum anlegt. Doch dieses schlägt zurück.

Die Ausgangslage ist simpel: Da tritt Christof Wolfisberg auf die Bühne. Da ist ein Tischchen, ein Mikrofon, sein Skript. Wer ein Theater erwartet hat, wird flugs enttäuscht: Eine Lesung seines Romans soll es werden.

Aber was schon die ulkige Aufmachung mit knalligem Hemd, Karo-Kittel und Perücke andeutet: Das Stück wird recht abgefahren. «Abschweifer» ist das erste Solostück des Luzerners Christof Wolfisberg, den man seit 20 Jahren vom Duo Ohne Rolf kennt. Nun also alleine und also mit Stimme (Regie, wie schon bei Ohne Rolf: Dominique Müller).

Es beginnt eine ziemlich verflixte Geschichte in der Geschichte in der Geschichte: Ein Mann beobachtet von seinem Küchenfenster aus eine Frau. Er stellt sich vor, wie sie das Haus verlässt, durch die Stadt spaziert, im Theater landet – und dort Wolfisberg auf der Bühne sieht.

Sie lauscht Wolfisberg, wie er da sein Skript von ebendiesem Mann liest, der eine Frau beobachtet … Der Text kollidiert mit seinen Gedankengängen – und nun greifen auch noch die Gedanken von Frau Hofmann, wie die Frau fortan heisst, ins Geschehen ein.

Das fehlende Wasser

Als «Meta-Pokus-Theater» wollte Wolfisberg das Stück beschreiben, wie er im Interview sagte. Der Begriff trifft es ziemlich gut. Was uns Wolfisberg auftischt, ist alles andere als eine Lesung. Das Skript entführt in eine reichlich absurde Gedankenwelt und entwirft ein ausgewachsenes Bühnenstück.

Das Skript diktiert dem Vorleser, was er machen muss – inklusive vorgedruckter Fehler: Was tun, wenn da steht, dass er einen Schluck Wasser nimmt – das Wasser aber fehlt? Kann er die Anweisung austricksen? Das Geschehen beeinflussen?

Glaube keinem Skript, das du nicht selber geschrieben hast.

Neben Frau Hofmann (sie wird im Publikum verortet) wird ein zweiter Zuschauer unfreiwillig Teil dieses Meta-Theaters: der Mann mit den schweissigen Händen. Er wird nicht geschont und muss den fiesen Skriptanweisungen folgen. Er wird sich aber im Verlauf des Stücks an Wolfisberg rächen, indem seine Gedanken das Skript in eine Blödelei verwandeln. «Theater muss immer etwas gefährlich bleiben», sagte Wolfisberg im Vorfeld. Dabei nimmt er sich selber am wenigsten aus.

Die Sache wird immer irritierender und komischer, der Spiess dreht sich, die Katze beisst sich in den Schwanz: Wer bestimmt nun das Geschehen? Die Realität greift ins Skript ein, schreibt es um, diktiert den Wolfisberg. Das Publikum schlägt zurück. «Das menschliche Hirn ist eine bizarre Masse», sagt Wolfisberg.

Die Zuschauer-Gedanken übernehmen das Stück, und es endet in einer Ansammlung von Nonsense.

Die Zuschauergedanken übernehmen das Stück, und es endet in einer Ansammlung von Nonsens.

(Bild: zvg/Beat Allgaier Anderhub)

Der konstruierte Zufall

In den bisher vier stummen Plakatstücken von Ohne Rolf blieb dem Publikum verborgen, was für ein toller Sprecher und Vorleser Wolfisberg ist. «Abschweifer» ist nicht nur klug verdreht und bis ins Detail ausgetüftelt, sondern urkomisch: Es gibt Slapstick-Einlagen, eine Zauberer-Nummer, einen kotzenden Gartenzwerg – und da ist die Geschichte eines brutalen Büsi-Massakers, die schuld ist, dass es überhaupt zum Roman kam.

Wolfisberg reisst das Publikum in den 90 Minuten tief mit in seine Abschweifungen. Sein Gedankentrip zeigt, wie mächtig Worte werden. Wie spielerisch klug man mit dem Wortzwang – und hier gibt’s bei allen Unterschieden einige Parallelen zu Ohne Rolf – umgehen kann.

Herrlicher Nonsens

Im zweitletzten Kapitel nehmen die Gedanken von Frau Hofmann das Bühnengeschehen komplett ein. Fein säuberlich arrangiert Wolfisberg, wie vom Skript diktiert, eine grosse Ansammlung von herrlichem Nonsens. Spätestens dann ist das grosses Theater und hat sich von der Vorlesung emanzipiert.

«Abschweifer» ist ein geschickt konstruiertes Tohuwabohu über bizarre Gedanken. Schwer in Worte zu fassen, aber garantiert zum Totlachen. Und glaube keinem Skript, das du nicht selber geschrieben hast.

Der Applaus im ausverkauften Kleintheater war lang und ehrlich. Und am Schluss gab es noch eine Torte für Wolfisberg: Abschweifer, Vorleser, Geburtstagskind.

Weitere Vorstellungen: Freitag, 5. April und Samstag, 6. April, Kleintheater Luzern. Danach folgt eine Tournee durch die Schweiz.

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