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«Oft schwingt Scham mit, wenn es um die Menstruation geht»
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Angeekelt? Das muss nicht sein. (Bild: Adobe Stock)

Luzernerin kämpft gegen eines der letzten Tabus «Oft schwingt Scham mit, wenn es um die Menstruation geht»

6 min Lesezeit 23.06.2019, 17:00 Uhr

Bluten, Bauchkrämpfe, Beschwerden: Ihre Menstruation nehmen viele Frauen als Belastung wahr. Das bestätigt eine aktuelle Umfrage. Eine Luzernerin zeigt, wie Arbeitgeber Abhilfe schaffen könnten. Einem Menstruationsurlaub, wie ihn andere Länder kennen, steht sie aber skeptisch gegenüber.

«Ein Mann telefonierte im Zug. In aller Lautstärke sagte er dem Gegenüber, dass seine Frau wegen Menstruationsbeschwerden heute nicht zur Arbeit kommen werde», erzählt Michaela Eicher. «Und alle Passagiere reagierten mit Augenrollen und Entsetzen.»

Eine Episode, die laut Eicher veranschaulicht, welchen Umgang die Gesellschaft mit diesem Thema pflegt. Ein Mann, der ohne Hemmungen über die weibliche Periode spricht, wird schräg angeschaut.

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«Die Erfahrung zeigt, dass oft Ekel und Scham mitschwingen, wenn ein Gespräch auf die Menstruation kommt», sagt die Luzernerin. Gerade in «unserer hyperexhibitionistischen» Gesellschaft finde sie das erstaunlich. Sie setzt sich deshalb für eine Entkrampfung der Debatte ein und möchte den Schleier des Tabus lüften.

Umfrage lanciert

Dass die Monatsblutung negativ konnotiert ist, spürt auch Josiane Hosner. Sie widmet sich hauptberuflich dem weiblichen Zyklus, unterrichtet Frauen in Onlinekursen zum Thema und bringt Ende Jahr ein Buch zum Thema auf den Markt. «Manche reden nicht einmal mit ihrem Partner darüber, wenn sie Schmerzen haben oder es ihnen nicht gut geht.» Nur schon diese Scham aus den Köpfen zu bringen, sei ein wichtiger Schritt.

«Die Menstruation ist keine Krankheit und wer darunter leidet, macht ja nicht Urlaub.»

Michaela Eicher, Luzerner Unternehmerin

Eicher und Hosner sind überzeugt, dass es einen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit dem Thema braucht. Deshalb haben die beiden gemeinsam mit der Luzerner Marktforschungsagentur Blue Eyes Marketing eine repräsentative Umfrage lanciert und finanziert. Eines des Ergebnisse: Für 49 Prozent der Frauen ist die Mens ein Übel. «Dabei geht es vielen besser, wenn sie sie akzeptieren und als Teil ihres Zyklus verstehen lernen», sagt Hosner.

Von Emojis und Marathonläuferinnen

Der geforderte Wandel ist zuletzt bereits in die Gänge gekommen. Auf politischer Ebene wird über die (zu hohe) Mehrwertsteuer für Tampons und Binden diskutiert (siehe Box). Menstruationstassen als Alternative zu den Wegwerfprodukten haben inzwischen die breite Öffentlichkeit erreicht – zumindest die weibliche. Seit die Aktivistin und Künstlerin Kiran Gandhi 2015 den London Marathon ohne Tampon und mit entsprechend blutgetränkter Hose lief, lassen mehr Frauen dem Blut freien Lauf und praktizieren das sogenannte «Free Bleeding».

Seit kurzem gibt es sogar ein eigenes Emoji für die Periode – auch das mit der Absicht, das Thema zu enttabuisieren. Wie es die deutsche «Zeit» auf den Punkt brachte: «Die Menstruation hat gerade ihr Momentun.» 

Kiran Gandhi am London Marathon 2015:


 

Um diese Entwicklung weiter voranzutreiben, will Michaela Eicher selber eine Vorreiterrolle einnehmen – und zwar als Arbeitgeberin. Über die Menstruation wird in ihrer Kommunikationsagentur offen gesprochen. Die weiblichen Angestellten – zurzeit beschäftigt Eicher in ihrem Unternehmen eine weitere Frau – dürfen sich während ihrer Menstruation zurücknehmen oder von zuhause aus arbeiten. Denn Eicher ist überzeugt, dass viele Frauen nicht in jeder Phase ihres Zyklus’ gleichermassen leistungsfähig sind. «Das ist natürlich», sagt sie. Auch Männer seien nicht immer auf demselben Level tätig.

Michaela Eicher möchte damit andere anspornen, es ihr gleich zu tun. Denn die von ihr mitinitiierte Umfrage hat auch gezeigt, dass 58 Prozent aller Frauen nicht dazu kommen, während der Mens etwas kürzerzutreten und mehr Pausen zu machen. Befragt wurden insgesamt 906 Personen, jeweils rund die Hälfte Frauen und Männer.

Michaela Eicher (links) und Josianne Hosner streben einen Wandel der Gesellschaft an.

Michaela Eicher (links) und Josianne Hosner streben einen Wandel der Gesellschaft an.

(Bild: zvg)

Gleichzeitig ist der Luzernerin bewusst, dass ihre eigene Lösung kein Rezept für alle darstellt. «In meiner kleinen Agentur funktioniert es gut, aber an der Migros-Kasse ist es eher schwierig, sich zurückzunehmen.»

Skepsis gegenüber Mens-Urlaub

Andere Länder, vor allem in Asien kennen einen Menstruationsurlaub, zum Beispiel Japan, Taiwan, Indonesien oder Südkorea. Dort können Frauen mit Beschwerden während ihrer Tage freinehmen. Auch der Sportkonzern Nike erlaubt Mitarbeiterinnen mit Menstruationsbeschwerden, freizunehmen.

Die Blutsteuer

In der Schweiz besteht keine Dringlichkeit für einen «menstrual leave», wie die NZZ kürzlich berichtete. Eine entsprechende Forderung formulieren auch Michaela Eicher und Josianne Hosner nicht. «Ich bin da skeptisch, denn die Menstruation ist keine Krankheit und wer darunter leidet, macht ja nicht Urlaub», sagt Eicher. Zudem hat sie, selber Unternehmerin, Verständnis für Einwände seitens der Arbeitgeber. «Das Potenzial für Unfrieden zwischen Männern und Frauen ist gross. Und die Finanzierung ungeklärt.»

Auch pragmatische Fragen, etwa um einen Missbrauch solcher «Urlaubstage» zu verhindern, wären laut Eicher zu klären. Die Menstruation sei zudem etwas Intimes, ergänzt Josianne Hosner. «Nicht jede Frau will, dass ihr Arbeitgeber und die Mitarbeiter wissen, dass sie ihre Tage hat.»

Kritik an System

Dennoch: Mehr im Rhythmus der Natur tätig zu sein, täte vielen gut, ist Hosner überzeugt. Sie weiss, dass sie damit schnell in der «Esoterik-Ecke» abgestellt wird, doch die Kurse mit inzwischen knapp 600 Frauen würden sie bestätigen: «Viele stellen sich selber in Frage, wenn sie nicht den ganzen Monat stabil sind. Wenn sie realisieren, dass dies natürlich ist, löst das oft ein Aha-Erlebnis aus.»

«Es ist für alte weisse Männer einfacher, wenn Frauen sich selber in Frage stellen und nicht das System.»

Josianne Hosner, Kursleiterin

Ihr Engagement ist auch eine gesellschaftliche Kritik am Leistungsdruck und der Position der Frauen in der Arbeitswelt. Dass die Wirtschaft nicht Rücksicht nehmen will auf natürliche Voraussetzungen, ist ihrer Meinung nach auch dem Patriarchat geschuldet. «Über die letzten Jahrhunderte ist den Frauen eingeredet worden, dass sie ihre Menstruation verstecken sollen», sagt Hosner und spricht von einer Entmächtigung und einem Ruhigstellen der Frauen. «Es ist für alte weisse Männer einfacher, wenn Frauen sich selber in Frage stellen und nicht das System.»

Selber lebt die gelernte Buchhändlerin und selbständige Beraterin seit einigen Jahren «zyklisch». Und das mit Überzeugung: «Seit ich meine Kräfte und Stärken je nach Phase gezielt einsetze, erledige ich in weniger Arbeitsstunden deutlich mehr.»

Kampf gegen die «Blutsteuer»

Tampons und Binden unterliegen in der Schweiz der Mehrwertsteuer von 7,7 Prozent. Sie gelten – anders als zum Beispiel Lebensmittel, Katzenstreu, Schnittblumen oder gar Viagra – nicht zum täglichen Bedarf und werden darum nicht zum reduzierten Satz von 2,5 Prozent besteuert.

Dagegen regt sich Widerstand. Ein Vorstoss des SP-Politikers Jacques-André Maire fordert die Abschaffung der «Blutsteuer», wie sie von Kritikern bezeichnet wird. Im März hat der Nationalrat die Motion angenommen. Stimmt auch der Ständerat zu, muss der Bundesrat das Gesetz anpassen und Damenhygieneartikel als lebensnotwendige Güter definieren.

Laut der repräsentativen Umfrage der Luzerner Marktforschungsmanufaktur Blue Eyes Marketing befürworten 78 Prozent der Bevölkerung in der Deutschschweiz eine tiefere Besteuerung – auch die Männer.

Auch in Deutschland, wo Tampons und Binden mit dem Satz von 19 Prozent besteuert werden, ist die Debatte im Gang. Nachdem über 170’000 Personen die Petition «Periode ist kein Luxus» unterstützten, muss sich der Bundestag mit der geforderten Senkung befassen.

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