Oft begegnet – immer ignoriert
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Etliche Häuser in der Stadt Luzern sind mit Wandmalereien versehen und haben ihre eigene Geschichte zu erzählen Hier das Zunfthaus zu Pfistern.. (Bild: Anja Glover)

Wandmalerei in der Stadt Luzern Oft begegnet – immer ignoriert

3 min Lesezeit 2 Kommentare 27.03.2016, 11:03 Uhr

Über 200 Wandmalereien sollen Luzern angeblich verschönern. zentralplus hat sich einer Führung angeschlossen und den Blick auf die Fassaden gerichtet, an denen wir täglich vorbeieilen. Der Wasserturm etwa war einmal bemalt. Und ein Ereignis darf an den Gebäuden der Stadt natürlich nicht fehlen.

Banksy soll jährlich mehrere Tausend Touristen dazu bringen, an den Fassaden verregneter Londoner Häuser hochzublicken. Natürlich handelt es sich hierbei um den Street-Art-König schlechthin, doch gibt es auch in unseren Luzerner Gassen einiges zu erspähen. Wie gut kennen Sie unsere eigenen Wandmalereien, und haben Sie überhaupt alle Kunstwerke schon entdeckt? zentralplus hat sich einer Führung angeschlossen.

Das Gute liegt bekanntlich nah, und so kommt es, dass die Stadt Luzern alleine über 200 Fassadenmalereien besitzt. Sie erzählen von Geschichten, von Magie und Brauchtum, von den guten alten Zeiten, aber auch von den schlechten. Sie zieren jahrein, jahraus die Häuser, an denen wir vorbeischlendern, und doch gebührt ihnen nur selten unser Blick. Die Stadtführerin Heidi Vogt, der wir uns angeschlossen haben, schreitet gekonnt und mit wachem Blick durch die Gassen, von denen man meint, dass sie bereits alles kennt: «Wer genau hinsieht, entdeckt immer wieder Neues»,  lehrte die Kennerin diesen Samstagabend eine Gruppe Interessierter.

Der Mann auf dem Einrad schwebt beinahe an einer Luzerner Fassade in der Buobenmattpassage.

Der Mann auf dem Einrad schwebt beinahe an einer Luzerner Fassade in der Buobenmattpassage.

(Bild: Anja Glover)

Täuschend echt

Ein Bruchteil der Bevölkerung habe unsere Wandmalereien je gesehen, und ein noch viel kleinerer Teil wisse etwas über deren Geschichte. Jeden Samstag führen deshalb erfahrene Luzerner mit Luzern Tourismus durch die Leuchtenstadt und informieren die Zuhörer unter anderem auch über Hausfassadenmalereien. Dabei begeben sich die Zuhörer – meist nicht Luzerner – auf eine Entdeckungstour der besonderen Art und erfahren, wonach in Geschichtsbüchern mühsam gesucht werden muss.

Beispielsweise soll der allen bekannte Wasserturm früher mit Fenstern bemalt gewesen sein. Und das Gemälde in der Steinenstrasse etwa wirkt so echt, dass es doch einige Velofahrer gab, die in die Wand fuhren, um zum dargestellten See zu gelangen. Deshalb türmen sich nun Steine davor zu einer Mauer.

Und dann gebe es da noch das Fritschihaus von Ottiger, welches den Ablauf der rüüdigen Fasnacht erzählt. Was selten jemand weiss: Die geisterhafte Person an der unteren Randmitte etwa soll dazu mahnen, mit der Natur freundlich umzugehen. Und der schwarz-weisse Kopf unten rechts zeichnet das Bild eines richtigen Fasnächtlers nach der fünften Jahreszeit: traurig, erschöpft, alkoholisiert – aber befriedigt.

Das Fritischigebäude etwa erzählt von der Luzerner Fasnacht.

Das Fritischigebäude etwa erzählt von der Luzerner Fasnacht.

Das bekannte Gemälde Nord-Süd am Bahnhof Luzern, welches über zahlreiche McDonalds- und Roadhouse-Gänger ragt oder zumindest dann betrachtet wird, wenn man am Fussgängerstreifen zum Anhalten gezwungen wird, ist im Unterhalt mit 100’000 Franken jährlich das teuerste Gemälde der Schweiz. Da es gestern ein sonniger Tag war, wurde es durch Storen geschützt und war nicht ersichtlich. Es erinnert an den alten Bahnhof, in welchem es über die Ankömmlinge blickte.

Arbeit ist Leben, Nichtstun der Tod

In welchen Häusern steinreiche Menschen gelebt haben, sieht man daran, dass sie aus Stein gebaut wurden. Andere zeichneten die Steine einfach auf und markierten damit ihren Wohlstand. «Viele Wandmalereien dienen als Zier, genauso viele aber erzählen von moralischem Schaffen», so Vogt. Tatsächlich, ein Bild sagt bekanntlich mehr als Tausend Worte, und dennoch gibt es einige Sprüche, die zu lesen es sich lohnt: Amor medicabilis nullis herbis – Die Liebe ist durch kein Kraut heilbar, heisst es an einer ehemaligen Apotheke. Oder etwa: Schaffen und Streben ist der Götter Gebot, Arbeit ist Leben, Nichtstun der Tod. Oder neben dem berühmten Fritschi-Haus etwa erkennt man eine Familie, wie sie sein sollte. Ihre Tugenden allesamt wurden schön an die Hausmauer gemalt.

Man erfährt so einiges auf der Tour durch die eigene Stadt, ist beeindruckt von der Farb- und Kunstvielfalt und gleichwohl peinlich berührt, es bisher übersehen zu haben. Liebe Leser, wenn Sie durch die Stadt gehen, versäumen Sie es nicht, an den Gebäuden der Stadt hochzublicken. 

Zum Teil sind die Bilder ziemlich einfach gehalten

Zum Teil sind die Bilder ziemlich einfach gehalten

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2 Kommentare
  1. Tamara Bonc, 27.03.2016, 17:45 Uhr

    200 Fassadenmalereien unglaublich – wenn ich das nächste Mal durch Luzern laufe, versuche ich die Augen offen zu halten. Schön wäre es wenn die Bilder in der Fotogalerie mit dem Hinweis versehen wären, wo diese Bilder zu sehen sind.

  2. Anton Häfliger, 27.03.2016, 12:49 Uhr

    Über diesen Artikel habe ich mich sehr gefreut. Unsere schöne Stadt wird durch diese Bilder noch aufgewertet. Die Geschichten zu diesen Bildern sind sicher interessant.
    Danke Anja Glover

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