Oberster Fahrlehrer: «Ruckelige Busfahrten? Müssen Einzelfälle sein!»
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Er sorgt dafür, dass die Verkehrsbetriebe Luzern auch im stressigen Vorweihnachtsverkehr nicht ins Ruckeln kommen: Hannes Ming, Leiter der vbl-Fahrschule. (Bild: zar)

Immer wieder Kritik an holprigem Fahrstil der vbl Oberster Fahrlehrer: «Ruckelige Busfahrten? Müssen Einzelfälle sein!»

4 min Lesezeit 4 Kommentare 15.12.2019, 16:30 Uhr

Bildung, Kontrollen und technische Helfer: das ist die vbl-Dreifaltigkeit für ein geschmeidiges Fahrerlebnis – auch im hektischen Adventsverkehr. Trotzdem: Die Passagiere sollten sich auch künftig festhalten.

Bus-Chauffeure, die auf Gas und Bremse drücken wie Schlagzeuger auf ihr Drumpedal. Passagiere, die nach Vollbremsungen gleich im Verbund durch Busse purzeln und sich dabei verletzen. Wie rücksichtslos sind die vbl-Chauffeure tatsächlich? Und wie gravierend ist das Problem von Stoppunfällen?

Das haben wir Hannes Ming (45) gefragt, in seinem verwinkelten Büro im 1. Obergeschoss an der Tribschenstrasse 64. Als Leiter der Fahrschule der Verkehrsbetriebe Luzern (vbl) weiss Ming nicht nur um die Sorgen der Chauffeure, er wappnet sie auch mit dem nötigen Rüstzeug, um im Stadtluzerner Verkehr zu bestehen.

zentralplus: 60 Stopp- und Anfahrunfälle verzeichnen die Verkehrsbetriebe Luzern (vbl) jährlich (zentralplus berichtete). Dabei verletzt sich im Schnitt ein Passagier. Das ist mehr als eine verletzte Person pro Woche – und klingt nach ziemlich viel.

Hannes Ming: Jeder Fahrgast, der sich in einem vbl-Bus verletzt, ist einer zu viel. Ganz klar. Trotzdem muss man diese Zahl ins richtige Verhältnis setzen. Wir transportieren jährlich rund 50 Millionen Fahrgäste, pro Tag rund 140‘000 Passagiere. Angesichts dieser Ausgangslage sind 60 Zwischenfälle, so bedauerlich sie auch sein mögen, eine relativ geringe Zahl. Zumal sich früher mehr Stoppunfälle ereignet haben, trotz weniger Verkehr.

zentralplus: Das überrascht tatsächlich. Wie haben die vbl dieses Kunststück bewerkstelligt?

Ming: Es ist kein Kunststück, sondern vielmehr das Resultat harter Arbeit. Eine besondere Rolle kommt dabei der Aus- und Weiterbildung zu, welche die vbl sehr ernst nehmen. Wer sich bei der vbl hinter das Lenkrad setzen will, geniesst eine intensive und gründliche Schulung in mehreren Stufen. Und auch altgediente Chauffeure lernen laufend dazu. Sie sind per Gesetz zu einem Weiterbildungskurs pro Jahr verpflichtet.

Ming zückt die Hochglanzbroschüre «Weiterbildung 2020» hervor, blättert das Inhaltsverzeichnis auf und landet zielsicher mit dem Zeigfinger auf einem grünen Block, unter dem die Kurse zur Fahrtechnik aufgereiht sind.

Da gibt es zum Beispiel den Kurs: «Stopp (den) Unfall!», wo Teilnehmende genau auf das Problem von Stoppunfällen sensibilisiert werden. Wie wirkt sich ein abruptes Bremsmanöver auf stehende Passagiere aus? Mit welchen Blicktechniken bekomme ich am meisten davon mit, was rundherum auf der Strasse vorgeht? Welchen Mindset braucht es, um auch in schwierigen Verkehrssituationen auf das Unvorhersehbare vorbereitet zu sein? Das und vieles mehr lernen unsere Teilnehmer.

«Auch erfahrene Chauffeure können nicht auf ihren Pedalen rumspielen, wie sie wollen.»

zentralplus: Unfälle lassen sich aber auch so nicht gänzlich vermeiden.

Ming: Das ist klar. Aber stellen Sie sich vor: Ein vbl-Chauffeur muss täglich rund 8,5 Stunden lang Entscheidungen fällen. Ist nur eine von diesen unzähligen falsch, kann das verheerende Folgen haben. Gerade jetzt, in der vermeintlich «besinnlichen Adventszeit», die für unsere Mitarbeitenden draussen auf der Strasse besonders hektisch ist. Das frühe Eindunkeln, der tiefe Sonnenstand, die Geschäftigkeit gegen Jahresende; das alles wirkt sich merklich auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden aus. Ein Restrisiko wird immer bestehen. Denn wie bitte soll man vermeiden, dass etwa ein Passant unvermittelt vor einen Bus springt?

«Würden unsere Buschauffeure keine Vollbremsungen machen, könnte dies für die anderen Verkehrsteilnehmenden verheerende Folgen haben.»

Dabei sind es häufig andere Verkehrsteilnehmende wie Auto- und Velofahrer oder Fussgängerinnen, die Unfälle verursachen. Das zeigen Auswertungen von Stoppunfällen. Würden unsere Buschauffeure in solchen Fällen nicht eine Vollbremsung machen, könnte dies für die anderen Verkehrsteilnehmenden verheerende Folgen haben.

vbl in Zahlen

Rund 140’000 Passagiere befördern die Verkehrsbetriebe Luzern (vbl; inklusive Tellbus, Thepra sowie Nachtbus) täglich. 350 Busfahrerinnen und Busfahrer bedienen dabei 37 Linien, die gesamthaft 470 Kilometer lang sind. Die vbl-Fahrschule bildet jährlich rund 50 Busfahrer aus, von welchen rund 75 Prozent eine Anstellung erhalten bei vbl. Zudem bildet die vbl-Fahrschule auch Personal von der Auto AG Uri und PostAuto Zentralschweiz aus.

zentralplus: Das leuchtet ein. Weniger aber, warum Buschauffeure derart rücksichtslos und rabiat anfahren und abbremsen müssen. Ein Vorwurf, der unter vbl-Passagieren immer wieder ertönt.

Ming: Dass der eine Chauffeur etwas gar zügig von der Haltestelle wegfährt und eine andere Busfahrerin überraschend schnell abbremst – das mag vorkommen. System aber hat das nicht, im Gegenteil! 

Ming legt den Zeigfinger wieder auf den grünen Block zur Fahrtechnik.

Auch hierzu werden unsere Chauffeure geschult, in speziellen Kursen. Die defensive Fahrweise wird gefördert und dadurch der persönliche Fahrstil verbessert. Auch erfahrene Busfahrer können nicht auf ihren Pedalen rumspielen, wie sie wollen. Mehrmals pro Jahr werden sie durch ihre Vorgesetzten auf ihren Fahrten begleitet.

zentralplus: Der Fahrzeugpark der vbl wird laufend erneuert. Es scheint so, als ob die Busse immer grösser und länger werden. Hat auch das einen Einfluss auf den Fahrstil?

Ming: Ja, aber einen positiven. Denn mit neuen Bussen steigt in der Tendenz auch die Benutzerfreundlichkeit. Der Fahrer oder die Fahrerin soll sich möglichst uneingeschränkt darauf konzentrieren können, was auf der Strasse abgeht, und sich nicht mit dem Fahrzeug abmühen müssen. Die neusten Doppelgelenk-Trolleybusse übrigens sind so konstruiert, dass man gar nicht mehr ruckartig anfahren kann. Selbst wenn der Fahrer das Gaspedal durchdrücken würde.

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4 Kommentare
  1. Der Obernauer, 17.12.2019, 17:05 Uhr

    Den in diesem Artikel gemachten Aussagen muss ich energisch Widersprechen. Ein beträchtlicher Teil der Busfahrer pflegt einen ruppigen Fahrstil. Speziell in den Doppelgelenkbussen wird sehr unprofessionell agiert ( Randsteine, Beschleunigung aus Kurven, Anhaten und Anfahren, etc ). Zusammen mit der schlechten Federung der Busse ergibt sich oft ein sehr unangenehmes Fahrerlebniss. Ich fühle mich in den vbl Bussen oft nicht sicher … Ja, ich bin älter und Sehbehindert, aber das ist meine Meinung

  2. Walter Albrecht, 17.12.2019, 10:46 Uhr

    War öfters mit dem Doppelgelenkbus der Linie 1 unterwegs, oder mit dem 12er
    oder mit dem Bus Nr. 19.
    Fast jedesmal waren es holprige, ruppige Fahrten. Das liegt sowohl an den LenkerInnen als auch an den Fahrzeugen. S-Bahn, Trams in Zürich oder Basel sind
    wesentlich ruhiger. Eine automatische Metro hätte diese Probleme nicht

  3. vreni, 16.12.2019, 18:17 Uhr

    Die Linie 40 ist zwar nicht vbl, aber ich sag euch, wenns um die Kurve geht Richtung Roupigen, da musst man sich gut festhalten und wen dann noch einer frech reinfährt und der Chauffeur brüsk bremsen muss, kann es vorkommen das mann 2 Sitzreihen weiter vorne ist. Einmal bin ich voll auf dem Schoss eines jungen Burschens Sass gelandet… Ich 60, der meinte nur na nicht so stürmisch, tut mir leid ich habe eine Freundin, ein Gelächter im vollen Bus .er half mir auf, zum Chauffeur sagte ich, Sie haben wohl ihre Fahrschule in der Beck gemacht…

  4. w.e.gammenthaler, 16.12.2019, 10:40 Uhr

    “ Dass der eine Chauffeur etwas gar zügig von der Haltestelle wegfährt und eine andere Busfahrerin überraschend schnell abbremst – das mag vorkommen. System aber hat das nicht, im Gegenteil!“ – dem muss ich ganz klar widersprechen, es sind ausnahmen, wenn bei stationen sanft abgebremst wird – im gegenteil in rasantem tempo auf die station zu und dann ein hartes bremsen!

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