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«Nylon 7»: Gratwanderung zwischen Arbeitsintegration und Produktionsdruck
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Täglich stehen im «Nylon 7» drei Menüs auf der Karte. (Bild: Heinz Dahinden)

Neue Kantine in der alten Emmenbrücker Viscosi «Nylon 7»: Gratwanderung zwischen Arbeitsintegration und Produktionsdruck

4 min Lesezeit 14.09.2017, 12:01 Uhr

In der ehemaligen Viscosuisse-Kantine an der Spinnereistrasse in Emmenbrücke wird wieder der Kochlöffel geschwungen. Die IG Arbeit bietet im «Nylon 7» Mittagsmenüs und Arbeitsstellen. Das Projekt integriert Menschen mit Handicap, wird aber durch die Politsituation überschattet.

Tagsüber eine Kantine für jedermann, abends und an Wochenenden ein Eventlokal zum Mieten: Diesen Mittwoch hat die IG Arbeit unter dem Namen Nylon 7 die ehemalige Kantine der Viscosuisse neu eröffnet (zentralplus berichtete).

Die IG Arbeit, die 1984 mit Sitz in Luzern gegründet wurde, versteht sich selbst als soziales Unternehmen, das auf die Integration von Menschen mit psychischen Schwierigkeiten spezialisiert ist. Das Nylon 7 bietet neu 20 Arbeitsplätze für bis zu 35 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, die durch das Fachpersonal der IG Arbeit individuelle, gezielte Förderung und Begleitung erhalten.

Täglich drei Menüs

Nebst Werkstätten, Taxiservice und einem Brockenhaus führt die IG Arbeit bereits drei Gastronomieunternehmen in der Stadt: das Bistro EssWerk, die Mensa EssSenti sowie das Personalrestaurant Salü.

Das «Nylon 7» ist der erste Betrieb, den die IG Arbeit ausserhalb der Stadt Luzern eröffnet. Geschäftsführer Marc Pfister versteht den Schritt als eine Gelegenheit, Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung aktiv an der Entwicklung eines neuen, dynamischen Stadtteils teilhaben und mitwirken zu lassen. «Das sehen wir als gelebte Integration», erklärt er.

«Oft ist bis am Morgen nicht klar, wer den Tag über arbeiten kann.»

Gabie Burkhard, Leiterin Geschäftsfeld Gastronomie der IG Arbeit

Am Mittwoch hat das Nylon 7 offiziell die Tore für seine Gäste geöffnet. In der Küche herrscht bereits reger Betrieb. Immerhin stehen neben Buffet und Salatbar zwei Caterings und drei Menüs für die Kantine auf dem Arbeitsplan. Das Angebot der Kantine umfasst derzeit «Pizzoccheri nach Veltliner Art», Buchweizennudeln und Gemüse; hausgemachter Hackbraten mit Kartoffelpüree und Rüebli; und als Wochenhit angepriesen: Fried Rice mit Gemüse, Ei und gebratenen Riesencrevetten. Und trotzdem von Hektik keine Spur. Im Nylon 7 herrscht eine ruhige, konzentrierte Arbeitsatmosphäre vor.

Mit dem industriellen Flair von damals

Der goldenen Decke entlang führt eine Schienenkonstruktion durch den grossen, hellen Raum. An ihr sind Vorhänge befestigt, mit denen sich die Kantine bei Bedarf in verschiedene Teilbereiche separieren lässt. Neben dem klassischen Buffet gibt es noch einen Bereich fürs Front Cooking sowie eine gemütliche, kleine Lounge.

2,5 Millionen Franken wurde in den Umbau der alten Räumlichkeiten investiert – mit Eigenmitteln, Krediten und Spenden. Möglichst viele Originalelemente der alten Speiseanstalt von früher sollten erhalten bleiben und damit ein Teil des industriellen Flairs von damals. So wurde ein grosses Wandbild von Paul Stöckli restauriert, die alten Kugellampen leuchten jetzt mit stromsparenden LED und ihr Licht wird an der goldfarbenen Decke reflektiert.

Anspruchsvoller Arbeitsalltag

Ein Gastronomiebetrieb wie das Nylon 7 ist eine grosse Herausforderung für alle Beteiligten. Die Fachpersonen müssen auf der einen Seite den betrieblichen Ablauf sicherstellen und andererseits ihre anspruchsvolle Betreuungsfunktion gegenüber den Mitarbeitenden mit einer Beeinträchtigung erfüllen», erläutert Gabie Burkhard, Leiterin Geschäftsfeld Gastronomie und Mitglied der Geschäftsleitung der IG Arbeit. «Bei Mitarbeitern mit Beeinträchtigung handelt es sich um Menschen mit ganz unterschiedlich stark ausgeprägten psychischen Beeinträchtigungen, die individuell gefördert werden.»

Marc Pfister, Geschäftsführer der IG Arbeit, bedauert den erhöhten Druck auf die Mitarbeiter.

Marc Pfister, Geschäftsführer der IG Arbeit, bedauert den erhöhten Druck auf die Mitarbeiter.

(Bild: Heinz Dahinden)

Dabei müssen die Fachpersonen trotz starker Leistungsschwankungen seitens der Mitarbeiter den Betrieb stets aufrechterhalten. «Oft ist bis am Morgen nicht klar, wer den Tag über arbeiten kann», erzählt Gabie Burkhard. In der täglichen Morgensitzung werden die Arbeitseinsätze jeweils gemeinsam besprochen. Neben den Büroarbeitsplätzen für das Fachpersonal gibt es im Untergeschoss auch einen Ruheraum mit einem kleinen Sofa darin, wo sich die Mitarbeitenden eine Auszeit nehmen können, sollte es ihnen einmal zu viel werden.

Die Sparrunden in Politik setzen zu

Insgesamt sei die Vorfreude zur Eröffnung unter den Mitarbeitenden sehr gross, erzählt Gabie Burkhard. Die feierliche Atmosphäre im Rahmen der Neueröffnung wird allerdings auch ein wenig überschattet von zunehmend schwierigeren politischen Rahmenbedingungen. Die vielen Sparrunden machen den sozialen Institutionen wie der IG Arbeit zu schaffen. «Unser Jahresbudget beträgt 12 Millionen Franken, davon sind heute noch 40 Prozent durch Leistungsvereinbarungen gedeckt, die restlichen 60 Prozent müssen wir selbst erwirtschaften», erklärt Marc Pfister. Der Anteil der öffentlichen Hand gehe von Jahr zu Jahr zurück, das fehlende Geld müsse durch mehr Produktion kompensiert werden, was den Druck auf die Betriebe und die Mitarbeiter ständig erhöhe.

«Wir müssen immer mehr Aufträge akquirieren – gleichzeitig sind wir bemüht, den Druck auf die Mitarbeiter abzufedern.»

Marc Pfister, Geschäftsführer IG Arbeit

«Wir müssen immer mehr Aufträge akquirieren und gleichzeitig sind wir bemüht, den Druck auf die Mitarbeiter irgendwie abzufedern. Das ist unglaublich anspruchsvoll.» Die Doppelbelastung aus Bezugspersonenarbeit und Produktionsdruck wird auch für das Fachpersonal immer belastender. Pfister erklärt, dass die Grenzen der möglichen Ertragssteigerungen für soziale Institutionen in vielen Fällen erreicht sei. Unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen gehe die IG Arbeit mit einem Projekt wie dem Nylon 7 ein grosses unternehmerisches Risiko ein. «Trotzdem können wir nicht einfach stillstehen, wenn wir sehen, dass Bedarf vorhanden ist», so Pfister.

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