Nur nicht resignieren: Warum es okay ist, Avocados zu essen
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Stephanie Hess weiss, wie man seinen ökologischen Fussabdruck so klein wie möglich hält. (Bild: wia)

Zuger Journalistin schreibt Ratgeber für ein ökologisches Leben Nur nicht resignieren: Warum es okay ist, Avocados zu essen

5 min Lesezeit 6 Kommentare 15.12.2020, 12:16 Uhr

Es ist nicht einfach, ein nachhaltiges Leben zu führen. In allen Bereichen konsequent zu sein ist quasi unmöglich. Das muss man gar nicht, findet Stephanie Hess. Gerade hat sie einen Ratgeber zum Thema ökologisches Leben veröffentlicht.

Fleisch: Des Teufels. Avocado aus Peru: Sehr bedenklich. Palmöl sowieso. Fliegen: Ein absolutes No-Go. Ganz zu schweigen von Mikroplastik, das sich bereits einen Weg ins arktische Eis gebahnt hat. Dass man irgendwann resigniert, wenn es darum geht, so ökologisch wie möglich zu leben, ist nicht verwunderlich. Die aus Zug stammende Journalistin Stephanie Hess hat kürzlich für den Verlag «Beobachter Edition» einen Ratgeber geschrieben, der genau diese Resignation verhindern soll.

Wir treffen Hess bei sich zu Hause; es schneit sogar in Zürich, wo die gebürtige Hünenbergerin mit ihrer Familie in einem «2000-Watt-Quartier» lebt. Den Impuls, sich intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit zu befassen, hat ironischerweise ihre eigene Resignation gegeben. «Ich hatte keine Lust, mich in der Migros jedes Mal zu fragen, ob der Kauf einer Avocado aus Mexiko denn nun ökologisch vertretbar sei», erzählt sie uns bei einem Kaffee.

Man muss nicht alles richtig machen

Hess engagierte eine Nachhaltigkeits-Expertin, mit der sie durch die Regale schlenderte und einzelne Lebensmittel auf Herz und Nieren prüfte. Daraus entstand ein ausführlicher Artikel in der «Annabelle», für die Hess seit mehreren Jahren arbeitet.

Wenig später wurde die Journalistin von einer Lektorin der «Beobachter Edition» angefragt, ob sie dem Thema ein Buch widmen wolle. Im Verlag verfolgte man schon länger die Idee, gemeinsam mit der Biovision, einer Stiftung für ökologische Entwicklung, einen Ratgeber zu realisieren. Stephanie Hess wollte. Ende November erschien das Werk «Ökologisch!». Und, macht Hess nun alles richtig?

«Nein», sagt sie schmunzelnd. «Doch das muss man auch nicht. Sehr beruhigend fand ich das Gespräch mit einem Nachhaltigkeitsethiker zu diesem Thema. Er bezeichnete Nachhaltigkeit als Prozess, in welchem wir alle drinstecken und der nicht moralisch bewertbar sei.» Die Autorin weiter: «Denn niemand kann bislang durchwegs nachhaltig leben. Diese Aussage empfand ich als sehr entlastend.»

Wenig Fleisch, Verzicht aufs Flugzeug, kein Foodwaste

Einen Beitrag für die Umwelt zu leisten sei im Prinzip gar nicht so schwer, sagt Hess: «Wer kein oder wenig Fleisch isst, nicht mit dem Flugzeug reist und Foodwaste vermeidet, der ist schon ziemlich safe», so Hess’ Beurteilung. Das klingt doch ganz hoffnungsvoll. «Ausserdem kann man viel bewirken, wenn man weniger Kleider kauft, und wenn, dann idealerweise Secondhand.»

Wir sitzen im Wohnzimmer der Autorin, blicken uns um: Zwei Adventskalender, ein Tripp-Trapp, ein paar Spielzeuge. Da steht ein (kleiner) Holzelefant im Raum. Womit wir bei einem der grossen Tabus wären, was die Nachhaltigkeit anbelangt.

«Menschen, die das Klima radikal schützen wollen, sollten eigentlich keine Kinder bekommen.»

Stephanie Hess, Autorin von «Ökologisch!»

«Kinder sind ein grosser Posten. Deshalb sollten Menschen, die das Klima radikal schützen wollen, eigentlich keine haben.» Doch relativiert Hess: «Ich finde es fragwürdig, wenn wir beschliessen, dass kommende Generationen nicht existieren dürfen, bloss weil wir’s nicht auf die Reihe kriegen, unser Verhalten zu ändern und Verzicht zu lernen.»

Sie überlegt und sagt dann: «Es fällt mir leicht, Fleisch und Fliegen wegzulassen. Die Kinderfrage empfinde ich jedoch als eine sehr starke Einschränkung der persönlichen Freiheit.»

Auch das Individuum muss mithelfen

Mühe hat Hess jedoch auch mit der gegenteiligen Haltung: «Wenn Leute etwa sagen: ‹Das Individuum kann sowieso nichts ändern an der Lage. Das kann nur der Staat.› Ein demokratischer Staat allerdings braucht Bürger. Diese stimmen ab, engagieren sich – und entscheiden als Konsumentinnen und Konsumenten mit ihrem Einkaufsverhalten auch mit, was in den Regalen der Grossverteiler liegt.»

Dennoch fordert Hess auch vom Staat, mehr Verantwortung zu übernehmen.

«Die internationalen Abkommen müssen konsequenter umgesetzt werden. Etwa die Ziele des Pariser Klimaabkommens, für die mehr Massnahmen ergriffen werden müssten, um den Ausstoss von Treibhausgasen zu minimieren. Ebenso müssen den Nachhaltigkeitszielen der UNO und deren Erreichen bis 2030 viel höhere Priorität zugeschrieben werden.»

«Wir wissen schlicht nicht, was passiert, wenn gewisse Arten aussterben.»

Während der Erarbeitung des Buches stiess Stephanie Hess immer wieder auch auf überraschende – und beklemmende – Fakten. «Besonders was die Biodiversität betrifft. Bis ich mich eingehender damit auseinandergesetzt hatte, empfand ich die Biodiversität immer als Nebensächlichkeit.»

«Doch letztlich ist alles verknüpft, jede Art ist ein Rädchen in einem riesigen System und wir wissen schlicht nicht, was passiert, wenn gewisse Arten aussterben.» Das wohl bekannteste Beispiel: «Das Insektensterben, das mancherorts dazu geführt hat, dass Menschen die Bestäubung von Pflanzen selber übernehmen müssen.»

Nachhaltige Mode? Schwierig

Auch wurde Hess während der Arbeit bewusst, wie schwierig es ist, wirklich auf nachhaltige Mode zu setzen. «Es gibt durchaus gute Nachhaltigkeitslabels, doch ist es praktisch unmöglich, Mode herzustellen, die auf ganzer Linie nachhaltig ist. Schlicht, weil in jedem Detail jedes Kleidungsstücks so viel Welt drinsteckt.»

«Ich zitiere gerne die Modeschöpferin Vivienne Westwood: ‹Buy less, choose well, make it last›.»

Die Baumwolle stamme aus Tansania, werde dann beispielsweise in China zum Faden gesponnen, in Indien gewoben, in Italien gefärbt, um dann in Rumänien zu einem Kleidungsstück zusammengenäht zu werden. Das macht die vollständige Nachverfolgbarkeit schwierig. Hess schwört darum selber auf Secondhand-Kleider. «Ich zitiere dazu gerne die Modeschöpferin Vivienne Westwood: ‹Buy less, choose well, make it last›.»

Die böse Avocado ist nicht ganz so böse

Hand aufs Herz: Zwar weiss Hess nun sehr genau, was jeder Mensch fürs Klima tun kann und wie wir ein klein wenig die Welt retten können. Wo «sündigt» sie dennoch? «Wir haben zwar kein Auto, doch zwischendurch kommt es beispielsweise vor, dass wir ein Mobility mieten, ohne dass es nötig wäre. Auch trinke ich sehr gerne Kaffee und Wein, also Produkte, welche die Umwelt ziemlich belasten.» Diesbezüglich sei es ein Abwägen, da man ja mit Fairtrade-Labels auch eine gute Sache unterstützen könne, sagt Hess. «Auch wenn diese Labels immer wieder in der Kritik stehen.»

Und was ist denn nun mit dieser Avocado? Ist sie so sündhaft, wie es ihr Ruf vermuten lässt? «Nein, ist sie nicht», sagt Hess, zückt ihr druckfrisches Buch und blättert bis zum entsprechenden Diagramm, das die Umweltbelastung verschiedener Lebensmittel aufzeigt. «Früchte verursachen eine Umweltbelastung von vier Prozent. Vergleicht man das mit dem Fleisch, das allein 33 Prozent ausmacht, ist die Avocado vernachlässigbar.»

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6 Kommentare
  1. Daniel, 17.12.2020, 12:24 Uhr

    Ich schütze das Klima indem ich keine Kinder habe und keine Avocados esse. Allerdings nicht ganz radikal, da ich ab und zu fliege und ein Auto der Energieeffizienzklasse G besitze (jedoch wenig Km fahre). Frau Hess› Ansichten sind jedoch weder pragmatisch noch objektiv, sondern eher einfältig. Ganz entspannt findet sie Pariser Klima- und UNO Nachhaltigkeitsziele – also letztlich mehr staatliche Eingriffe, Steuern und Verbote – richtig und sinnvoll. Logisch, denn der Staat fördert das «Kinderhaben» und belastet immer mehr bestimmte Fortbewegungsarten und das passt halt problemlos zu Frau Hess› persönlichem Lebenskonzept. Wäre es nicht konsequent, wenn auch «Kinderhaben» anstatt gefördert, steuerlich belastet würde (Avocados sind ja vernachlässigbar)? So sieht meine Klimabilanz aber besonders schlecht aus, da ich über Steuern auch noch jene unterstützen muss, die Kinder haben – also gezwungenermassen ein klimabelastendes Verhalten anderer mitfinanziere, während Frau Hess entspannt Kinder, Avocados und Mobility geniessen kann.

  2. Rudolf, 16.12.2020, 08:19 Uhr

    Die Avocado erzeugt unter den Früchten die höchste Umweltbelastung und einen immensen Wasserverbrauch.

  3. Sandra Klein, 15.12.2020, 16:49 Uhr

    Davon abgesehen finde ich es ziemlich erfrischend, wenn das Thema mal etwas dogmatisch angegangen wird. Und, wie sie richtig sagt: Das grösste Problem ist die Bevölkerungszunahme. In der Schweiz hatten wir 1960 um die 5 Millionen Menschen, heute sind es fast 9 Millionen. Kein Wunder, gehen der Erde die Ressourcen aus!

  4. Sandra Klein, 15.12.2020, 16:44 Uhr

    Sehr schön. Ich habe und will keine Kinder, dafür esse ich Fleisch und fliege in der Gegend rum. So ist alles wieder im Lot, wenn man dieser Logik folgt. Was ich aber nicht verstehe: Was ist an (Bio-)Wein ökologisch so bedenklich?

  5. Luc Bamert, 15.12.2020, 15:15 Uhr

    «Auch trinke ich sehr gerne Kaffee und Wein, also Produkte, welche die Umwelt ziemlich belasten.» So redet man allen Kaffee- und Weinliebhabern ein schlechtes Gewissen ein. Ein ziemlich unsympathischer Charakterzug von Schweizerinnen und Deutschen. Anderswo heisst das Motto: leben und leben lassen. Umso mehr, als daran weltweit Millionen von Arbeitsplätzen hängen. Diesen Personen gehts massiv schlechter, wenn alle nur noch Wasser trinken. Ich mag weder Kaffee noch Alkohol, aber käme nie auf die Idee, jemanden zu kritisieren, der solches konsumiert. Dieser Ökofimmel nimmt immer mehr fanatisch-religiöse Züge an. Und das verheisst nichts Gutes.

  6. Roger Bucher, 15.12.2020, 13:32 Uhr

    Ein Avocadobaum benötigt pro Tag rund 50 Liter des in den eher heißen, trockenen Anbaugebieten ohnehin schon knappen Wassers. Es wird meist dem Grundwasser entnommen oder Flüssen, die man dafür umleitet. Schätzungen gehen von 1000 bis 2000 Liter Wasser aus, die für ein Kilo der fettigen Frucht aufzuwenden sind (Quelle: VZ, Peta). Das sind 5 bis 10 Badewannen Wasser (je 100 bis 200l) für etwa 4 Früchte.

    vernachlässigbar??

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