Nur ein Handyklingeln störte besinnliche Ode an die Trauer
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Die Zuger Sinfonietta mit Isabelle van Keulen als Solistin und Dirigent Daniel Huppert im Lorzensaal Cham (Bild: Patrick Hürlimann)

Zuger Sinfonietta mit Isabelle van Keulen Nur ein Handyklingeln störte besinnliche Ode an die Trauer

3 min Lesezeit 23.01.2017, 11:59 Uhr

Am Sonntagvormittag lud die Zuger Sinfonietta im Lorzensaal in Cham zum dritten Abo-Konzert unter dem Titel «In memory of …» und spielte Werke von Britten bis Pärt. Gemeinsam mit der Solistin Isabelle van Keulen und unter der Leitung von Daniel Huppert präsentierte sie musikalische Interpretationen der Trauer.  

Das Programmheft versprach anspruchsvollen Stoff. Die genannten Komponisten setzen sich alle mit Trauer auseinander und eröffnen also die ganze Bandbreite dessen, was man fühlt, wenn ein geliebter Mensch nicht mehr da ist: Schöne Erinnerungen gehen Hand in Hand mit Tränen, dem Vermissen und der Leere.

Wie viel Traurigkeit steckt denn wirklich in der Trauer?

All diese Emotionen vereinten sich etwa bei Paul Hindemith in seiner «Music of Mourning», mit der die Sinfonietta von langsamen, über bewegte bis hin zu lebhaften Tönen durch die Phasen der Trauer spielte. Das Orchester widmete sich der Langsamkeit mit Konzentration und der Lebhaftigkeit mit Hingabe; gerade diese lebhaften Passagen waren es denn auch sicherlich, die die Zuhörer zum Nachdenken anregten und fragten, wie viel Traurigkeit denn wirklich in der Trauer steckt.

Orchester und Dirigent anfangs nicht im Einklang

Das Wetter in Cham schien sich in dieser Frage klar zu sein. Es blieb dem Leitthema der Matinée treu und schickte tiefliegenden Nebel als Geleit zu den Stücken über die Trauer. Vielleicht gerade wegen dieses Wetters brauchte die Sinfonietta zu Beginn etwas Zeit, um warm zu werden; anfangs noch waren Orchester und Dirigent nicht ganz im Einklang.

Doch dann, bei Benjamin Brittens «Variations on a Theme of Frank Bridge» angekommen, hatten sie ihren Fokus gefunden und die Zuger setzten um, was das Programm versprach: eine grosse Fülle musikalischer Variation. Einen grossen Beitrag hierzu leistete die Isabelle van Keulen, die etwa Brittens Lachrymae in der Solostimme interpretierte. Ihr Spiel ist charakterstark, zielgerichtet und akzentuiert; sie setzt die einmalige Klangfarbe der Viola gekonnt ein, um Musik gewordene Tränen in den Saal zu tragen.

Die Sinfonietta trat als reine Streicherformation auf und kostete die ganze Bandbreite einer solchen aus: von van Keulens energetischer Solo-Viola bis zu einem Stück als Brittens Opus 4, das von Anfang bis Ende gezupft wird, wurde den Zuhörern alles geboten.

Ein wandelbares Streichorchester

Beim Opus 4 liefen die Kammermusiker denn auch zu Höchstform auf: Eindrücklich demonstrierten sie die Wandelbarkeit ihres Instruments, sowohl in der Handhabung als auch im Klang. Die erste Geige Simone Zgraggen und Dirigent Huppert führten souverän durch das vielschichtige Stück, das sich mal ganz leise, mal ganz laut, mal solistisch, mal orchestralisch gab. 

Einen weiteren Höhepunkt bot Arvo Pärts «Cantus in Memoriam Benjamin Britten». Pärts bisweilen disharmonisch anmutende Passagen wusste das Orchester korrekt umzusetzen – denn gerade in dieser scheinbaren Disharmonie liegt der atmosphärische Charakter seiner unverwechselbaren Musik.

Handyklingeln und die Lüftung stoppten Sinfonietta nicht

Im Lorzensaal selbst hingegen sorgte von allen Instrumenten die Lüftung am eifrigsten für einen beständigen Klangteppich, was, vor allem bei den leisen Violinenpassagen, schade war. Schlimmer noch: Vor der Pause zerbrach die ruhige Stimmung im Saal an der Tatsache, dass jemand sein Mobiltelefon nicht stumm schalten konnte und über einen quälend langen Zeitraum hinweg ein stetes Bimmeln ertönte.

Mehrere Sekunden lang harrten alle aus, um dem Missetäter die Chance zu geben, sein Telefon zu bemerken, doch zwecklos: Das nächste Stück musste ins Klingeln hineingespielt werden, und die Sinfonietta bewies makellose Professionalität. Insgesamt präsentierten die Musiker aus Zug während zwei Stunden eine beeindruckende Vielfalt an Klang, Melodie und Emotion auf hohem spielerischem Niveau und entliessen ihre Zuhörer entspannt und gespannt aufs nächste Abo-Konzert in den Sonntagnachmittag.

Das Abokonzert Nr. 4 «Mozart zum Muttertag» findet am 14. Mai im Lorzensaal Cham statt.

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