Nun kommen die Asylsuchenden auf den Gubel
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Mit Peace-Zeichen und Krakeleien: Jetzt gehen die Türen auf. Für drei Jahre wird die Truppenunterkunft der Schweizer Armee auf dem Gubel als Bundesasylzentrum genutzt. (Bild: Fabian Duss)

Ab in den Container Nun kommen die Asylsuchenden auf den Gubel

6 min Lesezeit 11.05.2015, 05:10 Uhr

Am Montag öffnet das Bundesasylzentrum auf dem Gubel bei Menzingen seine Tore. Die Bevölkerung konnte bereits einen ersten Augenschein nehmen – und erschien in Scharen.

«Asylanten Gubel nie», hiess es vor ein paar Jahren auf Heuballen am Dorfeingang von Menzingen. Von rechts wurde gegen ein Gespenst geschossen, das künftig die Bevölkerung und deren Hab und Gut bedrohen würde. Vergebens, denn das Schreckenszenario jener, die bereits lange vor der Ankunft der ersten Asylsuchenden den Teufel an die Wand malten, tritt ab Montag für drei Jahre ein: Dann empfängt das Bundesasylzentrum auf dem Gubel die ersten 15 Asylsuchenden.

Gemäss Martin Reichlin, Mediensprecher des Staatssekretariats für Migration (SEM), kommen Ende Woche nochmals zehn, danach wöchentlich rund 25 Personen hinzu. «Ob die Kapazität von 120 Asylsuchenden ausgelastet wird, hängt von der Situation im Asylbereich ab», sagt Reichlin, «also davon, wie viele Leute in die Schweiz kommen und wie die Kapazitäten in den fünf Verfahrenszentren an der Grenze sind.» Auf dem Gubel bringt das SEM für durchschnittlich einen Monat Menschen unter, die auf den Entscheid ihres Asylgesuchs oder auf ihre Ausreise warten.

Informativer Pragmatismus

Der Menzinger Gemeinderat setzt mittlerweile auf einen pragmatischen Umgang mit dem Asylzentrum. «Je mehr wir kommunizieren und informieren, desto weniger ungeklärte Fragen und Widerstand gibt es», erläutert Gemeinderätin Barbara Beck-Iselin die Devise.

Auf Initiative des Gemeinderats konnte sich die Bevölkerung am Samstag in der Truppenunterkunft der Fliegerabwehr-Lenkwaffenstellung der Armee auf dem Gubel umsehen. Zu Hunderten zog es Menschen aus Menzingen und dem Ägerital auf den abgelegenen Gubel. Zum Volksfest hinter Stacheldraht und Sichtschutz fehlten einzig Bratwürste und Ländlermusik. Vertreter des Staatssekretariats für Migration (SEM), der Gemeinde Menzingen, des Kantons Zug und der Sicherheitsfirma Securitas standen während vier Stunden Red und Antwort. Mitarbeiter der Betreuungsfirma AOZ führten die Besucher durch die Räumlichkeiten.

Ein grosszügiges Areal

Der Militär-Muff ist auf dem Gubel noch allgegenwärtig. Die Schlafräume reichen von 4er-Zimmern im Familientrakt bis zum 28-Betten-Schlafsaal in der Männerbaracke. Familien, Frauen und Männer werden separiert untergebracht. Gegessen wird in der Kantine, für kleinere Bedürfnisse zwischendurch gibt es einen Kiosk, der aus dem Dorf beliefert wird. Ebenfalls aus Menzingen kommt das Küchenteam, denn auf dem Gubel werden die Asylsuchenden nicht selber kochen, sondern von Mitarbeitern des Restaurants Ochsen verköstigt.

«Es gibt eine Abmachung mit dem VBS, dass nicht geschossen wird.»

Barbara Beck-Iselin, Gemeinderätin Menzingen

Zwischen den Baracken gibt es viel Platz und es stehen mehrere Aufenthaltsräume zur Verfügung. Weitere Räume dienen der Rechts- oder Rückkehrhilfeberatung oder religiösen Tätigkeiten. Auch ein Seelsorger schaut ab und zu vorbei.

Ganz besonders interessierte die Besucher, wie die Asylsuchenden während ihres Aufenthalts beschäftigt würden. «Sie werden gewisse Ämtli haben», erklärt AOZ-Mitarbeiter Roman von Flüe. So werden Asylsuchende etwa bei der Essensausgabe mithelfen oder für die Reinigung der Infrastruktur sorgen. Für vorerst maximal 16 Personen pro Tag gibt es externe, gemeinnützige Beschäftigungsmöglichkeiten. Man habe bereits Arbeit für mindestens die nächsten zwei Jahre, sagen Jris Bischof vom kantonalen Sozialamt und Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard einhellig.

 «Die grosse Angst gibt es nicht»

Das Gelände des Bundesasylzentrums nimmt nur einen Teil der Bloodhound-Stellung der Armee ein. Der Rest der Militäranlage wird weiterhin von Truppen genutzt. «Es gibt eine Abmachung mit dem VBS, dass nicht geschossen wird», versichert Gemeinderätin Beck-Iselin. Mit der Polizei, die auf dem Gubel Hunde- und Schiesstrainings mache, strebe sie eine ähnliche Vereinbarung an.

«Die Leute, die hierher kommen, sollen ihre Zeit in Würde verbringen können.»

Martina Schneider, IG «Zentrum Gubel Mänzinge»

Die Stimmung in der Bevölkerung sei verhalten positiv, urteilt Gemeinderätin Barbara Beck-Iselin am Ende des Nachmittags. Sie habe sich in den vergangenen Tagen auch auf den umliegenden Gehöften umgehört. Die grosse Angst gebe es nicht. Die Bauern sorgten sich eher um Details, etwa dass die Asylsuchenden nicht über ihre Felder liefen.

Aufwand für Asylsuchende sei störend

Unglücklich wirkt derweil SVP-Kantonalpräsident Thomas Aeschi. «Es wird sich zeigen, wie es funktioniert», sagt er. Man müsse abwarten und sofort Massnahmen ergreifen, wenn Probleme aufträten.

Zum Glück gebe es Sperrzeiten, während deren die Asylsuchenden im Zentrum zu bleiben hätten, meint Aeschi, bevor er zur Grundsatzkritik ausholt: Auf dem Gubel sehe man die Folgen der verfehlten Asylpolitik unter SP-Bundesrätin Sommaruga. Der Aufwand, der dafür betrieben und von den Steuerzahlern berappt werde, störe ihn ausserordentlich.

 IG will eine Brücke schlagen

Einen prononciert anderen Umgang mit dem Bundesasylzentrum wählt indes die IG «Zentrum Gubel Mänzige», welche die Besucher verköstigt und mit Informationen beliefert. «Es geht nicht, nichts zu tun und, wenn etwas schiefläuft, zu sagen: Habt ihr gesehen, wir haben es ja schon immer gesagt», sagt einer ihrer Vertreter, der Lokaljournalist Tony Mehr.

Aktuell machen bereits 40 Personen aus den umliegenden Gemeinden bei der IG mit. «Fürs Erste sammeln wir Kleider, Schuhe und Spielsachen», erklärt Marianne Aepli, ebenfalls Mitglied der IG. Geplant seien auch Begegnungsmöglichkeiten, Aktivitäten und andere Hilfestellungen.

Die IG, die eine Brücke zwischen der Bevölkerung und den Asylsuchenden schlagen will, möchte aber auch offen sein für Fragen, Anregungen und Sorgen der Menzinger. Den Ausschlag für ihr Engagement habe der anfängliche Widerstand gegen das Asylzentrum gegeben, betont nicht nur Aepli, sondern auch Martina Schneider. «Die Leute, die hierher kommen, sollen ihre Zeit hier in Würde verbringen können», findet sie und erinnert an das Sprichwort, dass es aus dem Wald schalle, wie man hineinrufe. Kurz darauf erkundigt sich ein Menzinger, wo er das mitgebrachte Kinderspielzeug abgeben könne.

Rigide Hausordnung

Wie in allen Asylzentren des Bundes gilt auch auf dem Gubel eine strikte Hausordnung, die sich auf eine Verordnung des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements stützt. Asylsuchende dürfen das Zentrum an Werktagen nur von 9 bis 17 Uhr mit einer Ausgangsbewilligung verlassen. An Wochenenden dürfen sie sich von Freitag um 9 Uhr bis Sonntag um 19 Uhr draussen aufhalten. Sie erhalten dafür eine regionale Fahrkarte für die Hin- und Rückfahrt ab Menzingen. Zwischen dem Dorf und dem Gubel erwartet sie ein rund 45-minütiger Fussmarsch. Bei ihrer Ankunft im Zentrum und ihrer Abreise sowie für gesundheits- oder verfahrensbedingte Termine werden sie von AOZ-Mitarbeitern nach Menzingen gefahren.

Das Bundesasylzentrum ist für die Öffentlichkeit nicht frei zugänglich. Während maximal zweieinhalb Stunden pro Tag dürfen Bewohner Besuch empfangen. Ab 22 Uhr herrscht Nachtruhe. Danach sind nur noch Securitas-Angestellte präsent. Mehrere Mitarbeiter patrouillieren in der Umgebung und führen tagsüber Eintrittskontrollen durch.

Alle Asylsuchenden werden im Wachhaus gefilzt. Alkohol, waffentaugliche Gegenstände, elektronische Geräte wie Handy oder Fotokameras und sonstige Vermögenswerte werden vorübergehend konfisziert. Für das temporäre Festhalten renitenter Personen oder als Schlafraum für jene, die zu spät ins Zentrum zurückkehren, steht ein sogenannter Besinnungscontainer zur Verfügung. Die Türfalle auf der Innenseite fehlt. Wie SEM-Leiter Mario Gattiker vergangenes Jahr der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter versicherte, wird der Container nicht zu disziplinarischen Zwecken benutzt.

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