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Nun bäckt der Schriftsteller richtige Brötchen
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Der neue Geschäftsführer des Cafés, Thomas Brändle, im eigenen Lokal. (Bild: wia)

Thomas Brändle führt neu das Unterägerer Café Nun bäckt der Schriftsteller richtige Brötchen

6 min Lesezeit 2 Kommentare 08.05.2017, 05:16 Uhr

Nachdem das Café Brändle in Unterägeri zwei Jahre einem fremden Besitzer gehörte, ging der Betrieb nun unverhofft wieder zurück an die Gründerfamilie. Der Schriftsteller Thomas Brändle betreibt nun das Lokal. Und er hat dort bereits Ecken gefunden, in denen es sich wunderbar schreiben liesse. Eigentlich.

Das Café Brändle in Unterägeri hat unruhige Zeiten hinter sich. Erst verkaufte Martin Brändle den Betrieb an einen deutschen Unternehmer; nur zwei Jahre später wurde es dem Deutschen zu bunt und er verkaufte das Café wieder an den früheren Inhaber. Der ist jedoch aktuell in der Ostschweiz, weshalb sein Bruder, Thomas Brändle, in die Bresche gesprungen ist und die Geschäftsführung im März dieses Jahres übernommen hat.

Das erstaunt, ist Thomas Brändle doch hierzulande viel mehr für seine Bücher denn für seine Backkünste bekannt. zentralplus hat Brändle im traditionsreichen Café getroffen.

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zentralplus: Nach zwölf Jahren, in denen Sie selbst über Ihre Zeit verfügen konnten, haben Sie nun einen hektischen, verantwortungsvollen Job gefasst. Wie ergeht es Ihnen mit dieser Umstellung?

Thomas Brändle: Tatsächlich stehe ich jeden Tag, auch am Wochenende, im Betrieb. Ich hatte seit unserer Übernahme Anfang März erst einen Tag frei. Das Leben verschiebt sich halt hierhin. Meine Freunde besuchen mich hier statt zuhause, ich esse hier. Ich beginne um fünf Uhr, früher stand ich zwei Stunden später auf. Meine Arbeitstage dauern momentan zwischen 12 und 14 Stunden. Das wird sich aber bessern.

«Das Jahr 2017 hat mir bereits ausreichend Überraschungen beschert.»

zentralplus: Wie findet das Ihre Partnerin?

Brändle: Wir haben die Sache natürlich im Voraus besprochen, und sie ist sich bewusst, dass es in der ersten Phase sehr zeitintensiv wird. Meine Freundin bekommt im Juli ein Kind, dann müssen wir schauen, wie wir das machen. Das Jahr 2017 hat mir also bereits ausreichend Überraschungen beschert.

zentralplus: Das klingt alles nicht so, als wenn Sie nebenbei noch schreiben könnten.

Brändle: Nein, derzeit komme ich überhaupt nicht dazu. Ziel ist es jedoch schon, dass ich hier zwischendurch in der Ecke sitzen und, wenn nicht schreiben, so doch Ideen wälzen kann.

zentralplus: Nun sind Sie also der Geschäftsführer. Wie ist das, nachdem Sie quasi 12 Jahre weg vom Fenster waren?

Brändle: An den Betrieb musste ich mich schnell wieder gewöhnen. Denn ich springe, je nach Bedarf, auch im Service oder in der Backstube ein. Früher habe ich zu viel auf Ästhetik und Qualität geachtet. Heute ist es auch meine Aufgabe, die Wirtschaftlichkeit des Betriebs sicherzustellen. So habe ich etwa gerade wunderschöne Gartenmöbel gefunden, die sich toll machen würden im Wintergarten. Die kosten jedoch ein Vermögen, und ich muss allenfalls darauf verzichten. Es gibt momentan Wichtigeres, worum wir uns kümmern müssen.

«Vielleicht hat Neff zu viel gewagt, zu viel geändert. Ägeri ist anders als Zug. Hier ist man viel ausgestellter.»

zentralplus: Wie hat das Dorf reagiert, als bekannt wurde, dass das «Brändle» wieder den Brändles gehört?

Brändle: Die Reaktionen sind durchwegs positiv. Der Geschäftsgang hat deutlich zugelegt. Vielleicht hat der ehemalige Besitzer des Cafés, Markus Neff, zu viel gewagt, zu viel geändert. Ägeri ist anders als Zug. Hier ist man viel ausgestellter.

zentralplus: Ist das letztlich der Grund, warum das Café Brändle nun wieder in den Händen der ursprünglichen Besitzer ist? Dass Neff zu viel ändern wollte?

Brändle: Es gibt wohl mehrere Gründe. Neff hatte den Betrieb 2015 gemeinsam mit Unterstützung seiner Partnerin übernommen. Sie hat sich dann jedoch später im eigenen Beruf weitergebildet. Dazu kommt wohl noch, dass Neff neu zugezogen war und dass das Café Brändle ein komplexes Unternehmen ist.

zentralplus: Komplex? Inwiefern?

Brändle: Da ist zum einen das Café mit warmer Küche, zum anderen natürlich die Backstube und der Verkauf mit Konditorei- und Confiserieartikel. Wir haben aktuell vier Lehrlinge, die zu betreuen sind. Zwei haben dieses Jahr Abschlussprüfung. Ausserdem hat das Lokal sieben Tage die Woche geöffnet. Man muss gut organisieren können, damit das Ganze wirtschaftlich ist.

«Es wäre blöd gewesen, wenn der Betrieb zugegangen und Leute hätten entlassen werden müssen.»

zentralplus: Und nun sind Sie es, der sich auf diesen komplexen Betrieb eingelassen hat. Warum?

Brändle: Ich kenne das Geschäft bereits gut. Bis 2004 habe ich es mit meinem Bruder Martin geführt, wir haben uns jedoch nicht sonderlich gut vertragen. Darum habe ich mich dem zugewandt, was ich am liebsten mache: dem Schreiben. Das habe ich die letzten zwölf Jahre gemacht, habe Bücher veröffentlicht und Kolumnen geschrieben. Die Frage, ob ich wieder ins Familiengeschäft einsteigen wolle, ist dann 2015 erstmals wieder aufgetaucht, als mein Bruder angekündigt hat, aus gesundheitlichen Gründen aufzuhören. Martin verkaufte das Geschäft schliesslich an Neff. Doch dieser teilte letzten Herbst mit, dass er den 10-Jahres-Vertrag auf diesen Sommer künden wolle.

zentralplus: Sommer? Sie haben jedoch bereits Anfang März übernommen. Wie das?

Brändle: Neff wollte dann doch eine möglichst schnelle Lösung. Und mein Bruder hat das Geschäft zurückgekauft. Es wäre blöd gewesen, wenn der Betrieb zugegangen und Leute hätten entlassen werden müssen. Auch ist es in unserem Interesse, dass der Betrieb unabhängig bleibt und nicht Teil einer Kette wird. Mit meinem Bruder habe ich ausgehandelt, dass ich ihm den Betrieb zu gegebener Zeit allenfalls abkaufen werde. Ich möchte nicht Angestellter bleiben.

zentralplus: Mir fällt auf, dass Ihr Betrieb immer wieder Flüchtlinge und ehemalige Asylbewerber einstellt. Ist das ein Credo des Café Brändle?

Brändle: Er überlegt und zuckt mit den Schultern. Schon mein Vater hat immer wieder Benachteiligten eine Chance gegeben. Er hatte über zwölf Jahre hinweg einen geistig Behinderten angestellt, der wohnte auch im gleichen Haus. Heute haben wir häufig Lehrlinge, die sich schulisch schwer tun. Es kommt oft vor, dass sie dann in diesem handwerklichen Betrieb unverhofft Erfolgserlebnisse haben und dann förmlich aufblühen.

zentralplus: Das Café Brändle ist auch auf der App «Too good to go» zu finden. Das heisst, Lebensmittel des Tages können am Abend zu vergünstigten Preisen abgeholt werden. Ist auch das ein Resultat dieser durchaus sozialen Einstellung?

Brändle: Nein. Das war eine Idee meines Vorgängers. Derzeit nimmt unser Betrieb nicht teil. Die Idee ist zwar super, aber ich weiss noch nicht, ob ich das weiterführen werde. Ich muss mich zuerst mit den Betreibern von «Too good to go» austauschen.

«Ich wünsche mir, dass ich, sobald der Betrieb wieder brummt, eher als Gastgeber und Schriftsteller fungieren kann.»

zentralplus: Gibt es Dinge, die Sie im Betrieb ändern möchten?

Brändle: Gerne würde ich die Bereiche Küche und Confiserie ausbauen. Und schon bald gibt es wieder eigens produzierte Glacé aus der Konditorei. Ausserdem ist mein Keller voller alter Rezeptbücher, die ich hervorzuholen gedenke.

zentralplus: Was ist ihr Wunsch für die Zukunft?

Brändle: Nun, einerseits fühle ich mich moralisch verpflichtet, den Betrieb, den meine Eltern ab 1971 aufgebaut haben, gut weiter zu führen. Für meinen Vater war es schon schwierig, als wir das Geschäft vor zwei Jahren verkauft haben. Ob ich die Erwartungen erfülle, weiss ich nicht. Anderseits wünsche ich mir, dass ich, sobald der Betrieb wieder brummt, eher als Gastgeber und Schriftsteller fungieren kann. Schreiben werde ich wohl hier im Lokal müssen, denn ich bezweifle, dass ich das zuhause machen kann, wenn der kleine Schreihals da ist. Aber wir werden sehen.

zentralplus: Gibt es denn schon Ideen für ein nächstes Buch?

Brändle: Konkrete nicht, aber ich bin ziemlich sicher, dass es im Café Brändle spielen wird.

 

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2 Kommentare
  1. Jörg Willi Dr.med.vet., 08.05.2017, 15:39 Uhr

    Hinweis an Valeria Wieser: Ich erinnere mich noch an die Primarschule, als man uns den Satz beibrachte: Der Bäcker backt das Brot. Ist es vielleicht heute teurer, weil die Bäcker bäcken?

    1. Redaktion Valeria Wieser, 08.05.2017, 17:44 Uhr

      Sehr geehrter Sarastro

      Besten Dank für Ihren Kommentar.
      Tatsächlich ist es so, dass «backen» verschiedenermassen konjugiert werden kann. Ich backe, du backst, er backst, oder aber, ich backe, du bäckst, er bäckt. http://www.duden.de/rechtschreibung/backen_herstellen_garen

      Die Bäcker müssen sich also einen anderes Argument einfallen lassen für das heute teurere Brot.

      Freundliche Grüsse
      Valeria Wieser

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