Gesellschaft

Warum Menschen bewusst auf Alkohol verzichten
Nix mit Saufen an Silvester: Luzerner bleiben nüchtern

  • Lesezeit: 6 min
Drinking Wine, feeling fine? Das Gegenteil – bewusst auf Alkohol zu verzichten – wird immer hipper. (Symbolbild: Zachary Kadolph/Unsplash)
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Drinking Wine, feeling fine? Das Gegenteil – bewusst auf Alkohol zu verzichten – wird immer hipper. (Symbolbild: Zachary Kadolph/Unsplash)

Silvester steht vor der Tür, der Champagner ist kaltgestellt – und für die meisten von uns ist der morgige Kater bereits vorprogrammiert. Aber nicht für alle. Wir haben drei Menschen aus Luzern gefragt: Warum trinkst du keinen Alkohol mehr?

Glühwein, Prosecco, Chardonnay, ein kräftiger Bordeaux – über die Festtage haben viele von uns der Leber einen zünftigen alkoholischen Cocktail zugeführt.

Doch mit dem neuen Jahr kommen wie immer die guten Vorsätze. Oder der fette Kater. Gesünder und fitter will man sein – und öfter nüchtern. Da kommt der Dry January gelegen. Also der Gedanke, einen alkoholfreien Monat einzulegen (zentralplus berichtete). Und diesen dann auch durchzuziehen.

Dem Prosecco haben einige schon längst abgeschworen. Der healthy Lifestyle ist auf dem Vormarsch, das alkoholfreie Leben im Trend. Wir haben drei Menschen aus Luzern gefragt, warum sie keinen Alkohol mehr trinken.

Béla (28) trinkt seit vier Jahren keinen Alkohol mehr

Den 28-jährigen Béla* kenne ich noch von früher vom Ausgang. Als wir uns mit dem 4. Bier über die Theke der Bar zuprosteten. Rein theoretisch wäre das auch jetzt noch möglich – nur mit dem Unterschied, dass Béla nun ein alkoholfreies Bier in seiner Hand hätte.

Béla trinkt seit vier Jahren keinen Alkohol mehr. Damals realisierte er, wie sehr das Bier zur Gewohnheit wurde: «Am Dienstag nach der Arbeit gab’s das erste Feierabendbier – das fast jeden Abend zur Routine wurde.»

Ein Feierabendbierchen oder ein Glas Wein zum Znacht – für die meisten von uns ist das völlig normal. Alkohol zu trinken wird von unserer Gesellschaft völlig akzeptiert. Eher noch runzeln wir die Stirn, wenn uns jemand sagt, er trinke nichts. Komm schon, sagen wir dann. Nur ein Glas! Du musst doch mit uns anstossen.

Béla gelangte an den Punkt, an dem er seinen Alkoholkonsum überdachte. Warum genau? Er erzählt, wie er vor vier Jahren geplant hatte, mit dem Velo nach Ungarn zu radeln. Und das in acht Tagen. Dafür musste Béla natürlich topfit sein. Zugleich schrieb er für sein Studium eine Arbeit, in der er sich mit Sucht und Burnout auseinandersetzte.

Eine Stationsärztin habe ihm damals gesagt, dass man von etwas abhängig ist, wenn man drei Monate lang nicht darauf verzichten könne. «Das habe ich damals mal so zur Kenntnis genommen. Aber bei den Vorbereitungen für meine Velotour habe ich mir zum Ziel gesetzt, drei Monate lang vor dem Start komplett auf Alkohol zu verzichten. Dass ich nicht abhängig war, davon ging ich schwer aus. Dennoch wollte ich es mir selbst beweisen.» Kam hinzu, dass sein Vater, der ihn als Kind verprügelt hatte, Alkoholiker war. Alles Gründe, die gegen den Alkohol sprachen.

«Wenn ich mich anderen erkläre, erwidern sie nicht selten: Ah cool, ich trinke imfall eigentlich auch nicht so viel.»

Gelang ihm die Abstinenz? «Ja, mega easy.» Er lernte, dass in der Bar59 auch Tee über den Tresen gereicht wird. Und dass alkoholfreier Gin und Bier genauso schmeckt.

Dass er keinen Alkohol mehr trinke, dass musste Béla immer wieder und wieder sagen. Etwa wenn er mit einem Kollegen ins Roadhouse ging, dieser einen Pitcher Bier und zwei Gläser auf den Tisch stellte. «Dude, ich hab dir doch gesagt, ich trinke nichts mehr …»

Erst dachte Béla, dass er seine Abstinenz beenden würde, sobald er seine Velotour nach Ungarn geschafft hatte. «Aber irgendwie fehlte mir dann die Lust … Und die Vorteile, keinen Alkohol mehr zu trinken, überwiegen für mich klar.»

Der totalen Abstinenz für immer hat sich der Luzerner aber nicht verschrieben: «Ich würde schon mal wieder mit einem Glas Alk anstossen – aber da müsste der Moment für mich stimmen und besonders sein.»

Muss sich Béla nach vier Jahren Abstinenz immer noch dafür rechtfertigen, dass er nichts trinkt (was ja eigentlich paradox ist)? «Sicher nicht mehr so wie früher.» Sein Freundeskreis hat es ja mittlerweile kapiert. «Aber klar werde ich im Ausgang beispielsweise darauf angesprochen, ob ich mit dem Auto unterwegs sei, weil ich mein Mate ohne Schuss trinke.» Viele suchen scheinbar nach plausibleren Gründen, warum jemand nicht trinkt, als dass er einfach nicht will.

Spannend, was Béla weiter anspricht: «Wenn ich mich anderen erkläre, erwidern diese nicht selten: Ah cool, ich trinke imfall eigentlich auch nicht so viel.»

Marina (28): trank nie gerne – und lässt es jetzt ganz bleiben

Marina hat bereits als 18-Jährige nie viel und auch nicht gerne Alkohol getrunken. Höchstens mal ein Bier, wenn sie mit Freunden unterwegs war. «Um nicht gleich den Aussenseiterinnen-Status auf mich zu ziehen, trank ich halt mit.»

«Kontrolle abzugeben, war noch nie meine Stärke. Ich stelle es mir enorm schlimm vor, so viel zu trinken, dass man nicht mehr weiss, was man gemacht hat.»

Sie war allerdings noch nie betrunken, hatte keinen Filmriss. Vielmehr war Marina diejenige, die ihren Freunden nach einer durchzechten Nacht erzählte, was diese betrunken alles angestellt hatten. Angst, deswegen selbst was verpasst zu haben, hat sie nicht. «Kontrolle abzugeben war noch nie meine Stärke», sagt Marina. «Und ich stelle es mir enorm schlimm vor, so viel zu trinken, dass man nicht mehr weiss, was man gemacht hat.»

Bereits als junge Erwachsene war sie viel mit dem Auto unterwegs. «Das habe ich dann mega oft auch als Ausrede gebraucht. Ich bin mit dem Auto hier, ich trinke nichts – damit war ich fein raus.»

Später stiess sie auf die Straight-Edge-Bewegung. Eine Bewegung, die dem Alkohol abschwört. Ihren Ursprung hat diese im Punk der 1980er-Jahre. Ein Teil der Punkszene störte sich am selbstzerstörerischen Lebensstil und propagierte stattdessen Nüchternheit. Wegbereiter der Bewegung war die Band «Minor Threat». In ihrem Lied «Out of Step» sangen sie 1981: «I don’t smoke, I don’t drink, I don’t fuck … At least I can fucking think.»

«Schliesslich fand ich in dieser Community meine Ausrede», sagt Marina. Deswegen habe sie sich auch ein schwarzes X in einem Mandala tätowiert. Das X gilt als Wiedererkennungsmerkmal der Bewegung. Früher hat man in den USA Minderjährigen ein schwarzes X auf den Handrücken gemalt, um damit zu markieren, dass ihnen kein Alkohol ausgeschenkt würde.

«Eigentlich traurig, dass man begründen muss, warum man nicht trinkt», sagt Marina. Das zeige eben auch, wie gesellschaftlich verankert der Alkohol sei. «Ich verstehe nicht, warum unsere Gesellschaft so geschlossen entschieden hat, dass Alkohol als Droge okay ist.»

Und was macht Marina, wenn auch heuer an Silvester ihr jemand ein Glas Champagner in die Hand drückt? «Ich behalte das Glas in der Hand, stosse an – aber nehme keinen Schluck davon.»

Arian (24) bleibt nüchtern – dem Körper zuliebe

Auch der 24-jährige Arian* trinkt keinen Alkohol. Im Unterschied zu Béla hat er mit dem Trinken noch nie gross Erfahrungen gemacht. «Als ich 16 Jahre alt wurde, habe ich mir selber gesagt: Ich will keinen Alkohol trinken.» Also in einem Alter, in welchem sich viele auf das erste Glas Wein in ihrem Leben freuen oder ihre ersten Rausch-Erfahrungen heimlich mit Freunden in irgendeiner Waldhütte machen.

Arians Entscheidung ist dem Sport geschuldet. Seit 20 Jahren spielt er Fussball, seit sechs Jahren macht er Fitness. «Da ist es für die Gesundheit einfach besser, auf Alkohol zu verzichten.» Auch wenn der Fussballverein zugegebenermassen kein einfacher Ort sei, abstinent zu leben. «Ab und an fiel zu Beginn mal ein blöder Spruch – mittlerweile haben es aber alle gecheckt. Es reicht mir auch niemand mehr ein Bier.»

Neben gesundheitlichen Aspekten hat Arian auch Respekt vor Alkohol. «Ich will mich einfach nicht in einer Situation sehe, in der ich betrunken bin und Dinge mache und sage, die ich später bereuen könnte.»

*Namen geändert.

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