Die Luzerner Sportsguitar (von links: Roland Saum, Oliver Obert) waren auf dem gleichen Label wie Nirvana.
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Die Luzerner Sportsguitar (von links: Roland Saum, Oliver Obert) waren auf dem gleichen Label wie Nirvana. (Bild: zv)

20. Todestag von Kurt Cobain «Nirvana war eine schöne Form von Wut»

7 min Lesezeit 05.04.2014, 07:02 Uhr

Am 5. April 1994 nahm sich der Sänger von Nirvana das Leben und damit verlor eine Generation ihre Protestfigur. Ganz nah dran an Kurt Cobain war damals eine Luzerner Band namens Sportsguitar. Sie wurden vom selben amerikanischen Label wie Nirvana unter Vertrag genommen. Eine internationale Reichweite, die in Luzern bis heute einmalig geblieben ist.

Die Bandhistorie des Labels «Sub Pop» liest sich wie ein «Who-is-Who» der alternativen Rockszene: White Stripes, Sonic Youth, Soundgarden, Band Of Horses, Hot Hot Heat und viele angesagte Bands mehr sind oder waren bei der Musikagentur aus Seattle beheimatet. Und irgendwo taucht in der Geschichte des Plattenlabels auch die Luzerner Band Sportsguitar auf. Mit diesem Vertrag, der wohl die meisten hiesigen Musiker in ein freudiges Delirium versetzt hätte, waren die ehrgeizigen Musiker Oliver Obert und Roland Saum aber nicht zufrieden und zogen weiter.

«Inländische Labels interessierten uns nicht»

Vorläufer der Band Sportsguitar war die Gruppe «Hypocrisy In Spring», welche in der Zeit von 1986 und 1990 aktiv war und ein Album veröffentlichte. Nach deren Auflösung schrieb Obert neue Songs, welche dann im Sommer 1993 aufgenommen wurden. «Die Songs hatte ich einfach so geschrieben», erinnert sich Obert, «ein Bandprojekt war gar nicht angedacht». Um die Songs aufzunehmen, lud Obert zusätzlich den Gitarristen Roland Saum, mit welchem er schon bei «Hypocrisy In Spring» zusammengespielt hat, in das Studio ein.

Als die Songs im Kasten waren, schrieben sie mehrere Musiklabels an, um ihre Platte zu veröffentlichen: «Wir hatten damals einen guten Draht zum Musikgeschehen und kannten uns daher aus. Angeschrieben hatten wir nur Adressen im Ausland», erklärt Obert. «Schweizer Agenturen wie Little Jig oder Irascible gab es damals noch nicht – oder wir wussten ganz einfach nicht von deren Existenz.»

Obert erklärt, dass Anfang der 90er Jahre die Musikindustrie noch komplett anders aufgestellt war: «Das war alles noch vor dem Internet und die Szene war massiv weniger international vernetzt.» Und trotzdem fanden die Aufnahmen von Sportsguitar den Weg nach Seattle. Eine Künstlerkollegin aus New York sendete die Tonbandkassette nach Seattle zum Label Sup Pop. Und dieses biss tatsächlich an: «Bevor wir auch nur etwas veröffentlicht hatten, kam die erste Zusage aus Seattle von Sup Pop. Sie meinten: Lasst uns etwas machen», erinnert sich Obert.

Weltweite Reaktionen

Sub Pop war zu dieser Zeit eines der angesagtesten Labels überhaupt. 1989 veröffentlichten sie das Debutalbum von Nirvana. Der Erfolg von «Bleach» machte dann auch die Major Labels auf die Band rund um Kurt Cobain aufmerksam. Und so schnappte sich «Geffen Records», eine Tochter von Warner Music, die Truppe. Sub Pop liess Nirvana aber nicht einfach so ziehen, sondern blieb an den Erfolgen der Band beteiligt. Als dann im Jahr 1991 das Album «Nevermind» veröffentlich wurde, durchbrach Nirvana die Schallmauer. Das Rolling Stone Magazin wählte das Album 2003 auf Platz 17 der 500 besten Alben aller Zeiten. Und dieses Label aus Seattle, im entfernten Amerika, veröffentlichte 1995 die erste Single «Gong Gong/Tits» vom Luzerner Duo Sportsguitar.

«Wir hatten weltweit Reaktionen», sagt Obert nicht ohne Stolz: «Plötzlich hatten wir überall offene Türen, quasi eine VIP-Membercard. Dieser Deal gab uns eine enorme Credibility, wir bekamen sogar Angebote aus Japan.» Schon ein Jahr vor dem Single-Release stand eine erste USA-Tour auf der Agenda. Sportsguitar spielten rund 30 Konzerte in den Staaten. Für eine Band, welche noch nie einen Tonträger auf den Markt brachte, war der Erfolg beachtlich: «Wir spielten da schon mal vor 100 bis 200 Zuschauern», blickt Obert zurück, betont aber auch, dass es unter der Woche auch mal Konzerte mit 20 Zuschauern gab.

Sub Pop war nicht das Wunschlabel

Dabei war Sub Pop gar nicht das Wunschlabel der beiden Luzerner. Während andere Bands bei einem solchen Deal in Stockstarre geraten wären, liebäugelte Obert mit seinem Favoriten «Matador Records» aus New York: «Sub Pop war damals mehrheitlich in der humorlosen Grunge-Ecke zu Hause. Das war schon sehr testosteronorientiert und das hat mir eigentlich nicht gefallen.» Zu dieser Zeit gab es laut Obert zwei grosse Indie-Labels in den USA. Das waren Sub Pop oder eben Matador. Trotzdem war es für Obert klar, den Deal mit Sup Pop einzugehen, denn «wer bei Sub Pop unter Vertrag steht, wird automatisch auch ein Thema bei Matador».

Ob erste Wahl oder nicht: Der Vertrag mit Sub Pop machte hierzulande die Runde. René Sager, Grafiker und ehemals Sänger der Luzerner Band Neutones, erinnert sich: «Nach dem medial abgefeierten Sub Pop-Deal spielten Sportsguitar im Sedel und die Leute standen für die Tickets Schlange bis zum unteren Parkplatzende. So etwas sah ich noch nie bei einer Luzerner Band.»

Luzerner über Sportsguitar

René Sager, ehemals Neutones
«Ich selber war und bin heute noch ein grosser Fan von Sportsguitar. Sie fielen mit ihrer Mischung von Gitarrenlärm, chansonartigen Gesangslinien und nicht ganz jugendfreien Texten in der Schweiz so ziemlich aus dem Rahmen. Ich war damals zu Besuch bei einem Grafiker-Kollegen, der mir die Entwürfe zur ersten CD einer Bands namens ‹Sportsguitar› zeigte. Ich sah die Sachen durch und dachte: Was für ein bescheuerter Bandname.»

Rolf Tschuppert, ehemaliger Radiomann
«Gehört habe ich das erste Mal von Sportsguitar via DRS 3. Dachte, es sei eine neue Band aus den USA. Ich war sehr überrascht, als ich hörte, dass die Band mit dem angesagten Sound aus Luzern kommt. Habe die Band leider nie persönlich kennengelernt, obwohl ich im Sedel Mal ein Konzert besucht habe. Das war grossartig.»

Thomas Gisler, Künstlerischer Leiter Schüür, Luzern
«Das letzte Album ‹Cicada’s Chirping› wurde in der Schüür getauft. An einem Donnerstag. Vor viel zu wenigen Leuten. Für mich war das irgendwie das Zeichen, dass die Band wohl zu international ist für das hiesige Publikum. Mir aber eigentlich egal. Ich mag die Band.»

Martin Gössi, Sänger von Moped Lads
«Die Beiden waren absolut Besessene. Ich erinnere mich an die mürrisch zaghaften Ansagen von Oliver Obert, gefolgt von absolut hitverdächtigen Gesangsharmonien. Währenddessen drehte Roland Saum vor seinem Verstärker durch und kratzte alles aus seinem Brett und sog sämtliche Rückkopplungen in gewünschter Tonlage und Zeitpunkt hervor.»

Eine heimische Band auf dem Grunge-Label der Stunde sorgte aber auch für Verwirrung, wie Sager zu berichten weiss: «Nach der Sub Pop-Sensation strömten Krethi und Plethi in den Sedel, um endlich diese schweizerischen Nirvana zu sehen. Etliche Besucher verliessen dann aber nach ein paar Songs aufgebracht den Saal und wollten ihr Geld zurück.» Dies, weil die Band überhaupt nicht nach Grunge oder eben Nirvana tönte.

1995 startete die Band ihre zweite USA-Tournee. Erneut spielten die Luzerner rund 30 Konzerte und Obert erinnert sich, dass der Hype um Sportsguitar damals seinen Höhepunkt hatte: «In New York war der Backstage randvoll. Da waren Agenten, Labels wie Island und Warner. Das war unglaublich und die Band toll in Form. Es hatte sich rumgesprochen: In New York, Boston oder Chicago». Nach dieser Tour erhielt die Band mehrere Angebote: Von diversen Major-Labels und: Von Matador, für welche sich Sportsguitar dann auch entschieden hatten.

Angekommen bei Matador – dann der «Knick»

Die erste Veröffentlichung unter Matador war der Zweitling «Married, 3 Kids». Nach Sub Pop gelang es der Band also, den zweiten, grossen und internationalen Plattenvertrag an Land zu ziehen. Schon kurz danach folgte die dritte USA-Tour. Trotz der vielen Erfolge in den Staaten, geriet die Karriere in der Schweiz ins Stocken: «Hier fand nur ein kurzer Hype statt, obwohl die Leute extrem neugierig waren», sagt Obert und gesteht ein, selbst viel dazu beigetragen zu haben, dass dieses Interesse abflachte: «Wir erlaubten uns ein Scharmützel mit den Medien: Wir gaben keine Interviews, da wir unseren Platz in der Tagespresse nicht sahen. Das war wohl etwas naiv, arrogant.» Danach wurden Sportsguitar jahrelang ignoriert, in den Augen von Obert sogar «abgestraft».

Sie hätten damals die Tragweite dieser Entscheidung nicht erkannt. «Im Nachhinein kann ich das verstehen. Es ist aber schon wahnsinnig, wie verletzt Medien sein können», so Obert. Auch Neutones-Sänger Sager erinnert sich an die speziellen Eigenheiten von Sportsguitar: «Sie pfiffen auf Sachen wie eine funktionierende Homepage sowie auch auf die Zusammenarbeit mit der Presse, wie es wohl noch keine andere Schweizer Band zuvor tat.»

«Sie spielten wie selbstverständlich einen Sound, der dem Umfeld Lou Reeds bestens zu Gesicht gestanden wäre.» Martin Gössi über Sportsguitar (Bild: Oliver Obert, Roland Saum, v.l.).

«Sie spielten wie selbstverständlich einen Sound, der dem Umfeld Lou Reeds bestens zu Gesicht gestanden wäre.» Martin Gössi über Sportsguitar (Bild: Oliver Obert, Roland Saum, v.l.).

Mit dem Album «Happy Already» im Jahr 1998, welches ebenfalls auf Matador erschien, startete dann die nächste USA-Tour. Diese stand aber unter einem schlechten Stern: Bereits bei den Aufnahmen zum Album zog sich Obert einen Tinnitus zu. «Die Tour war grösser als alle zuvor und wir hätten mit bekannten Bands zusammengespielt. Doch nach dem fünften Konzert mussten wir abbrechen, mein Gehör brauchte eine Pause. Das war der Knick.» Der Tour-Abbruch habe die Dynamik der Band und ihre Entwicklung gebremst. Zu Hause angekommen meldete sich Matador per Telefon und teilte den Luzernern mit, dass man nicht mehr weiter mit ihnen planen würde. Matador wurde vom Riesen Warner aufgekauft und die eingeschlagene Strategie mit dem Aufbau europäischer Bands wurde aufgegeben. Sportsguitar standen auf der Strasse.

Die Gitarre an den Nagel gehängt

Das Ende der Zusammenarbeit mit Matador Records bedeutete gleichzeitig auch das Ende von Sportsguitar, zumindest als Duo. Zwar veröffentlichte Oliver Obert unter dem Namen Sportsguitar noch die Alben «Surface» (2000) und «Cicida’s Chirping» (2003), die früheren Erfolge blieben aber aus. «Surface» wurde immerhin noch in Japan veröffentlicht, «Cicida’s Chirping» schaffte dann keinen internationalen Release mehr. Obert selbst steht den beiden Werken kritisch gegenüber: «Surface hatte zwar durchaus lustige Songs, aber es fehlte die komplette Ästhetik, das Album hatte keine Vision.»

Zufriedener zeigt er sich mit seinem letzten Werk: «Der ästhetische Fokus war sicherlich höher als bei ‹Surface›, aber auch das Album genügte meinen Ansprüchen nicht, es fehlte eine gewisse Intensität.» Mit dieser Platte setzte Obert dann auch endgültig einen Schlussstrich unter die Sportsguitar-Geschichte: «Das Songschreiben war ein integraler Bestandteil meines Lebens. Doch plötzlich spürte ich: Eigentlich will ich gar nicht mehr.» Obert hängte die Gitarre an den Nagel und begann ein Betriebswirtschafts-Studium. Heute lebt er in Luzern, ist verheiratet und hat drei Kinder, womit sich durchaus auch ein kleiner Kreis schliesst. Hiess doch das Sportsguitar-Album aus dem Jahr 1997 «Married, 3 Kids».

Nirvana nie getroffen

Obwohl Sportsguitar Labelkollegen von Nirvana waren, haben sich die Bands nie getroffen: «Der Abstand blieb unverändert», sagt Obert, erinnert sich aber an einen Konzertraum: «Das war in einem nassen, fensterlosen Betonkeller. Uns wurde gesagt, dass Nirvana auch dort gespielt haben. Das war schon ein ehrfürchtiger Moment.» Und Obert gesteht, dass es ihm schon viel bedeutet, einmal auf demselben Label wie Nirvana gewesen zu sein.

Live gesehen hat Obert die Band von Kurt Cobain aber nie. «Ich habe den Song ‹Smells Like Teen Spirit› oft gehört. Das Album hatte ich auf Kassette», erzählt Obert. «Ich hörte ihre Musik nicht, weil sie tief in meinem Herzen war, sondern weil es einfach geil war, eine schöne Form von Wut.» Die Radikalität, mit welcher Kurt Cobain 1994 Selbstmord beging, habe Obert erschüttert: «In einem Gartenhäuschen mit einer Schrotflinte. Cobain war in seinem Tod gleich radikal wie in allen anderen Bereichen seines Lebens.»

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