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Ein charismatischer Prediger: Andreas «Boppi» Boppart, Organisator der Explo 15. (Bild: azi)

Christlicher Massenevent in Luzern «Nichts ist mächtiger als das vereinte Christentum»

6 min Lesezeit 3 Kommentare 31.12.2015, 10:01 Uhr

Es ist der grösste christliche Massenevent in Luzern seit dem Papstbesuch: Rund 6000 Gläubige versammeln sich derzeit auf der Allmend. Auf der Suche nach dem temporären Reich Gottes hat sich zentral+ unter die Menge gemischt. Und dabei erfahren, dass selbst innerhalb der Rockerszene missioniert wird.

Man könnte meinen, es sei ein Rockstar, der in der Luzerner Allmend gastiert. Ein bunt gemischtes Publikum steht an der Kasse Schlange, Securitys kontrollieren den Einlass, Spannung liegt in der Luft. Drei Grossleinwände übertragen das Geschehen auf der Bühne, dennoch will jeder ganz vorne sein, schliesslich hat man je nach Billett 80 bis 120 Franken pro Tag dafür hingelegt.

«Während der Vorbereitungszeit ist bei uns der Glaube kontinuierlich gewachsen, dass Gott uns in diesen Tagen besuchen wird, dass er uns beschenken und dass er unseren Glauben erneuern wird, dass da etwas Frisches, Strahlendes entstehen kann. Und genau darum ist es so gut, dass du heute da bist», heisst es an der Eröffnungsfeier der Explo. «Fresh Faith – frischer Glaube», so das Motto der Veranstaltung, die noch bis Neujahr andauern wird.

«Diese Vielfalt, das ist es, was mich begeistert. Denn das riecht nach dem Reich Gottes.»
Andreas «Boppi» Boppart, Organisator

Seit dem Papstbesuch im Jahr 1984 ist dies der grösste christliche Massenevent in Luzern, der hier gerade vonstatten geht. Rund 6000 Gläubige aus 20 verschiedenen Freikirchen, aber auch aus der reformierten und katholischen Landeskirche nehmen an der «Explo 15» teil. Alle Altersgruppen sind vertreten, ein Viertel der Besucher sind zwischen 20 und 30 Jahren alt.

«Es ist diese Vielfalt, die mich begeistert», sagt Andreas «Boppi» Boppart, Eventprediger und Missionsleiter von Campus für Christus sowie Gastgeber der Konferenz. «Diese Vielfalt, das ist es, was mich begeistert. Denn das riecht nach dem Reich Gottes.»

Frisch, locker, easy

Die Menge tobt, es wird applaudiert, gepfiffen und gelacht. Andreas «Boppi» Boppart ist nicht nur Prediger, sondern auch Entertainer, hat immer einen Witz parat. Er gibt sich frisch, locker, easy. Glauben ist was Cooles, das will er insbesondere dem jüngeren Publikum vermitteln. Er träumt von Stadien, die vor vereinter Anbetung und Lobpreis der Schweizer Christen vibrieren, heisst es in seiner Ankündigung.

«Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der eine neue Einheit der Christen möglich ist.»
Andreas «Boppi» Boppart

Wer glaubt, braucht sich hier nicht zu verstecken. Im Gegenteil, man soll es öffentlich zeigen, gemeinsam singen und beten oder zumindest ein Hipster-Shirt vom Merchandising-Stand kaufen (siehe Bildergalerie). Jung und hip soll hier alles sein, sowohl das Auftreten des charismatischen Predigers «Boppi» als auch das äussere Erscheinungsbild der Explo.

Mit Ohropax an die «Session»

Hier sind es Breakdancer, die auf der farbig beleuchteten Bühne tanzen, während christliche Texte gerappt werden und eine Live-Band das Publikum einheizt. Die Andacht wird zur grossen Show, zur «Session», sodass am Eingang gar Ohropax verteilt werden und niemand auf seinem Stuhl sitzen bleibt. Auch die älteren Semester stehen, singen die religiösen Texte voller Inbrunst mit und strecken die Hände in die Höhe (siehe Video).

Um sich an der Konferenz zurechtzufinden, gibt’s eine App; für diejenigen, die nicht dabei sein können, einen Livestream. Das ist zeitgemässer Glaube, ist man seitens der Organisatoren überzeugt.

Predigten können irritieren

Vielleicht ist es gerade das, was teilweise befremdend wirkt. Wenn jemand in einer Zeit, in der die Angst vor religiösem Fundamentalismus so gross ist wie kaum zuvor, auf der Bühne steht und wiederholt betont, dass nichts mächtiger sei als das vereinte Christentum, dass das Reich Gottes geschaffen werden soll. Das kann irritierend wirken.

«Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der eine neue Einheit der Christen möglich ist», sagt «Boppi» in seiner Predigt weiter. «Wir glauben alle an denselben Gott.» Und so solle die Explo die Gläubigen aus der ganzen Bandbreite der christlichen Religion über alle Differenzen hinweg miteinander verbinden.

«An der Explo geht es darum, Gott zu spüren und den Glauben und die Einheit der Kirche zu erleben.»
Lukas Gammenthaler, Medienbegleiter an der Explo

Gemeinsamkeiten statt Unterschiede betonen – eigentlich nicht schlecht. Doch etwas Unbehagen bleibt. Wahrscheinlich, weil man nur selten die Gelegenheit dazu hat, Religion als Massenphänomen wahrzunehmen und Tausende Menschen zu sehen, die eine tiefe Überzeugung für etwas haben, was Aussenstehende vielleicht weniger nachvollziehen können.

Kein christlicher Einheitsbrei

Was will man mit Veranstaltungen wie der Explo erreichen? Will man einen «christlichen Einheitsbrei» schaffen, um gegen aussen stärker präsent zu sein? «Nein, ganz und gar nicht», erklärt Lukas Gammenthaler, Medienbegleiter an der Explo. Er begleitet zentral+ durch die Explo; eins zu eins Medienbetreuung, auch das ist eher ungewohnt.

Lukas Gammenthaler (26) hat zentral+ durch die Explo begleitet.

Lukas Gammenthaler (26) hat zentral+ durch die Explo begleitet.

(Bild: azi)

Der 26-Jährige steht voll und ganz hinter der Organisation Campus für Christus. «Sonst könnte ich das hier nicht machen», lacht er und führt uns durch das «Explo Village», eine Ausstellung, an welcher sich verschiedene christliche Organisationen präsentieren. «Diesen Organisationen und ihren vielfältigen Tätigkeiten eine Plattform zu bieten, ist eines der Ziele der Explo», so Gammenthaler. Gott spüren, den Glauben und die Einheit der Kirche erleben, um das gehe es an der Explo.

Mit der Bibel zu den Hells Angels

Wie vielfältig sich Menschen für den Glauben engagieren, wird im «Explo Village» deutlich (siehe Bildergalerie). Hilfswerke sammeln Naturalspenden für die Ostukraine, christliche Zeitschriften suchen neue Leser, und andere Organisationen versuchen Inputs zu liefern, wie man seine nächsten Ferien sinnvoll gestalten kann. Warum nicht mal ins «Praise Camp» oder für einen Sozialeinsatz nach Afrika?

«Es war jahrelange Arbeit, das Vertrauen der Leute zu gewinnen.»
«Enrico» Brändli, Biker Church Schweiz

Beim Schweizerischen Weissen Kreuz dreht sich alles um das Thema Jugend und Sex. Hier wird Aufklärungs- und Präventionsarbeit geleistet, während gleich nebenan Werbung für Ehevorbereitungskurse gemacht wird. Wird hier gelernt, was passiert, wenn die Zeit der Enthaltsamkeit vorbei ist? Mein Begleiter lacht verlegen und erklärt: «Vielmehr geht es darum, sich darauf vorzubereiten, dass die Ehe nicht immer einfach ist, gerade, wenn die erste Phase der Verliebtheit vorbei ist.» Aha. Wir gehen weiter.

Ein Stand an der Messe fällt dabei aus dem Rahmen. Hier zeigen die Trucker Church, die Disciples of Christ der Biker Church und die Christliche Polizeivereinigung Einblicke in ihre Arbeit (siehe Bildergalerie). Normalerweise stehen sich diese Gruppierungen nicht unbedingt freundschaftlich gegenüber, doch hier haben alle dasselbe Ziel: das Wort Gottes zu verbreiten.

Sie alle sind auf der Strasse unterwegs: Heini «Enrico» Brändli von den Disciples of Christ (links), Jakob Ryter von der Trucker Church (Mitte), Martin Riedener und Max Fehr von der Christlichen Polizeivereinigung (rechts)

Sie alle sind auf der Strasse unterwegs: Heini «Enrico» Brändli von den Disciples of Christ (links), Jakob Ryter von der Trucker Church (Mitte), Martin Riedener und Max Fehr von der Christlichen Polizeivereinigung (rechts)

(Bild: azi)

Die Truckerbibel wurde in unzählige Sprachen übersetzt, und Jakob Ryter und seine Gefolgschaft ziehen regelmässig von Raststätte zu Raststätte, um den gestrandeten Fernfahrern die frohe Botschaft zu überbringen. Gerade um Weihnachten herum sei dies gut angekommen, erzählt Ryter, der selbst jahrelang Lastwagenchauffeur war.

«Manchmal nehmen wir die Fahrer nach Hause, damit sie kurz duschen können und etwas Warmes zum Essen erhalten, bevor sie wieder auf die Strasse gehen», so Ryter. Manchmal warteten die Fahrer wochenlang auf die Heimfahrt, seien getrennt von ihren Familien und einsam. «Die Glaubensgemeinschaft kann hier viel bewirken.»

Auch Heini «Enrico» Brändli von der Biker Church weiss, dass der Glaube viel bewirken kann, gerade weil er sich in einem schwierigen Umfeld bewegt. Er ist mit harten Jungs aus der Bikerszene auf Du und Du. «Es war jahrelange Arbeit, das Vertrauen der Leute zu gewinnen», sagt der Biker. Heute sei das Verhältnis freundschaftlich, hin und wieder traut er sogar ein Biker-Paar. Auch er ist stets mit der Bikerbibel unterwegs, in welcher das Neue Testament abgedruckt ist und mit persönlichen Geschichten von Bikern ergänzt wurde, die zum Glauben gefunden haben.

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3 Kommentare
  1. Simon Meyer, 02.01.2016, 17:50 Uhr

    Frodo, Luke Skywalker, Jesus. Jede Zeit hat ihre Phantasiewelten, Helden und solche die darin mehr sehen als eine schöne Geschichte. Abgesehen davon, dass es an einer Comicom lustiger zu und her geht als bei solchen Massenpredigern, habe ich noch nie davon gehört, dass sich Star Trek-Fans und Star Wars-Fans gegenseitig umbringen, andere Leute auf Scheiterhaufen werfen oder Kreuzzüge anzetteln.
    Massenveranstaltungen wie die im Artikel beschriebenen sind meiner Meinung nach eine Gefahr.

  2. Andreas Buholzer, 02.01.2016, 02:44 Uhr

    Ich war etwa 30 Jahre alt, als ich begann, mein Leben auf ein christliches Fundament zu stellen, eine Beziehung mit Gott und Jesus einzugehen. Und natürlich ist mein Hirn seither nicht off line, fremdgesteuert.

    Doch lasse ich mich vermehrt u.a. von der Bibel und solchen Predigten bereichern, statt von Blick & Co. Und mein Glaube hilft mir auch, als selbständiger Berater, bei meinen Kunden und anderen Stakeholdern (Lieferanten, Free Lancer, Mitarbeitern etc.) einen respektvollen Umgang zu pflegen. Und ich glaube, dass der Fokus auf Kundenbedürfnisse (sowie die Bedürfnisse der anderen Stakeholder) – eine Art „Nächstenliebe“, wie sie Jesus lehrt – der Grundstein meines Erfolgs sind.

    Und ich fühle mich als Christ freier denn je. U.a. ist mir weniger wichtig, was andere von mir denken (könnten).

    Und dieser Beitrag hat mich gefreut, weil er recht ausgewogen ist. Respektvoll mit den Veranstaltern und Teilnehmern, dem Thema Glaube umgeht.

    Ich selber war an zwei Tagen an dieser Veranstaltung und finde sie als Christ „de Hammer“, gerade auch die Menschen, die dahinter und auf der Bühne stehen. Und dass bei Nicht-Christen (wenn diese „Etikette“ erlaubt ist) dieser Anlass auch ein gewisses Unbehagen auslöst, ist verständlich und auch absolut in Ordnung. Danke, dass Sie, Andrea Zimmermann, sich die Mühe gemacht haben, sich einen Eindruck des Anlasses und der Teilnehmer vor Ort zu machen.

    Und eines ist sicher: Ein Christ ist kein besserer Mensch. Begeht auch Fehler, Sünden. Auch das Schwarz/Weissdenken Christ/Nicht-Christ löst in mir und den meisten Christen Unbehagen aus. Wir wollen nicht trennen, sondern Gemeinschaft. Gleichzeitig nicht aufdringlich sein. Niemanden unseren Glauben aufzwingen. Aber davon erzählen, wie bereichernd es sein kann, ein Leben mit Gott und Jesus zu führen, ist den meisten von uns ein Bedürfnis. Sowie natürlich eine Beziehung mit Gott und Jesus zu pflegen. Sei dies alleine „im stillen Kämmerlein“ oder eben an einem Anlass wie der Explo.

  3. Werner Raymond Duss, 01.01.2016, 04:07 Uhr

    Solche Massenveranstaltungen machen mir Angst. Es scheint dass viele Leute einfach jemandem nachrennen müssen/wollen. Hier ist es eben Christus in Form seiner irdischen Vertretung.

    Ich denke lieber selber.

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