Stadt Luzern: Bevölkerung soll «Lage im Auge behalten»

Hochwasser kommt in Luzern frühestens Anfang nächster Woche

Mitarbeiter der Stadt Luzern im Einsatz am Reusswehr. (Bild: jdi)

Aufgrund des regenreichen Frühlings steht dem Vierwaldstättersee das Wasser sprichwörtlich bis zum Halse. Die Sicherheitsverantwortlichen rechnen allenfalls mit einem Hochwasser in Luzern, falls am Dienstag tatsächlich die ganz dicken Wolken kommen.

Ein ruhiges Wochenende für Luzerner Hauseigentümer und die Stadtbevölkerung? Nicht ganz. Der Pegelstand des Vierwaldstättersees ist alarmierend hoch. Am Donnerstag überschritt er zwischenzeitlich die Marke von 434 m.ü.M. Gemäss der Skala des Bundesamts für Umwelt (BAFU) bedeutet dies: Gefahrenstufe zwei. Bei mehr als 434,75 m.ü.M. wäre bereits die höchste Gefahrenstufe fünf erreicht. Auf die hohen Pegelstände hat die Stadt Luzern bereits ein erstes Mal reagiert und die Schleusen des Reusswehrs am Mittwoch zu zwei Dritteln geöffnet (zentralplus berichtete).

Doch mit Gefahrenstufe fünf sei in den kommenden Tagen aller Voraussicht nach nicht zu rechnen, wie Christian Wandeler, Sicherheitsmanager der Stadt Luzern, vermutet: «Über das Wochenende erwarten wir eine Beruhigung der Situation.» Doch bereits nächste Woche könnte sich die Lage erneut verschärfen. «Wichtig wird es sein, wie stark Anfang nächster Woche die Niederschläge im ganzen Einzugsgebiet des Vierwaldstättersees sein werden», so Wandeler weiter.

Bei Alarmstufe Rot werden die Brücken gesperrt

Für den Fall der Fälle haben die Sicherheitsverantwortlichen Luzerns konkrete Massnahmen angedacht. Anders als der Bund arbeitet die Stadt Luzern mit Farben. Phase gelb entspricht der BAFU-Gefahrenstufe zwei und hat die Einberufung des Gemeindeführungsstabs zur Folge. Phase orange ist an einen Pegelstand von 434,40 m.ü.M. gekoppelt. Die Stadt würde dann beispielsweise Sandsäcke an die Bevölkerung verteilen und den Aufbau der mobilen Hochwasserschutzbauten entlang der Reuss und am Schwanenplatz einleiten. Stiege der Pegel um weitere 50 cm an, würden die Brücken gesperrt.

«Hochwasservorhersagen sind immer ein Stück Spekulation. Mit Überraschungen müssen auch erfahrene Experten rechnen»

Webseite der Stadt Luzern

Die Pegelstände bestimmen auch die Schleusenöffnung des Reusswehrs, wie Daniel Arnold erklärt. Er ist Projektleiter für Naturgefahren im Kanton Luzern. «Überschreitet der Seepegel 434 m ü.M., ist der Abfluss überproportional zu vergrössern, damit der Seepegel möglichst rasch wieder in den Toleranzbereich kommt», erklärt Arnold. Obwohl das Seitenwehr nach der Längswehröffnung nun wieder geschlossen sei, lasse der Kanton Luzern zurzeit immer noch mehr Wasser die Reuss hinunter, als für die Einhaltung des zulässigen Höchstpegels von 434 m.ü.M. nötig. Sollten die Niederschläge noch ergiebiger werden als prognostiziert, könne zusätzlich das Seitenwehr gesenkt werden.

Niemand macht gerne Prognosen

Die Messgeräte der Hochwasser-Experten dürften präziser sein als Vorhersagen, die aus dem Kaffeesatz herausgelesen werden. Dennoch gibt sich die Stadt Luzern zurückhaltend, wenn es darum geht, das Vertrauen der Bevölkerung in die Prognosen der Sicherheitsverantwortlichen zu stärken. «Hochwasservorhersagen sind immer ein Stück Spekulation. Mit Überraschungen müssen auch erfahrene Experten rechnen», steht auf der Webseite der Stadt geschrieben.

«Hochwasser sind auch mit dem neuen Wehr nicht auszuschliessen. Sie kommen einfach seltener vor»

Daniel Arnold, Projektleiter Naturgefahren Kanton Luzern

Sowohl Wandeler als auch Arnold verweisen auf die möglichen Niederschläge Anfang nächster Woche. Die ganz dunklen Wolken ziehen gemäss Meteo Schweiz am Dienstag auf.

Stadt und Kanton Luzern sind vorbereitet

Wandeler ist für den Ernstfall zuversichtlich: «Das Hochwasserschutzkonzept funktioniert und die Organisation für die Bewältigung eines solchen Ereignisses funktioniert ausgezeichnet.» Im Nachgang des Hochwassers im Jahr 2021 seien Optimierungen, wie zum Beispiel das Konzept für die Ab- und Rückgabe von Sandsäcken an die Bevölkerung, vorgenommen worden, weiss Wandeler. Zu erwähnen sei auch das zusätzliche mobile Deichsystem, das 2022 erstellt wurde. Eine Versicherung, die auch für Schäden an Gebäuden aufkommt, hatte es der Stadt geschenkt.

«Es ist schon so, dass Extremwettersituationen in den letzten Jahren vermehrt auftreten»

Christian Wandeler, Sicherheitsmanager der Stadt Luzern

Weitaus grössere Investitionen wurden 2009 bis 2011 vorgenommen. Fast 23 Millionen Franken kostete die Nachrüstung des Reusswehrs. Die Investition zahle sich nun aus, erklärt Daniel Arnold. Das Wehr könne schneller und besser gesteuert werden. Aber: «Hochwasser sind auch mit dem neuen Wehr nicht auszuschliessen. Sie kommen einfach seltener vor.»

Arnold ist überzeugt, dass der Kanton Luzern die Lehren aus dem Jahr 2021 gezogen hat. «Es ist wichtig, dass man weiss, was passieren kann und wie beziehungsweise wo man intervenieren kann.» Die Einsatzplanung der Feuerwehr sei ein wichtiges Instrument dafür.

Ist der Klimawandel schuld?

Die Zahl der Naturkatastrophen hat sich laut einem Bericht der UNO seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt. Die meisten von ihnen seien klimabedingt. Inwiefern trifft dies auch auf Überschwemmungen in Luzern zu?

«Es ist wichtig, dass sich Privatpersonen frühzeitig auf ein Hochwasser vorbereiten und die Lage im Auge behalten»

Christian Wandeler, Sicherheitsmanager der Stadt Luzern

Daniel Arnold erklärt: «Der Pegel ist für die Jahreszeit zwar hoch, aber wir hatten anfangs Mai auch schon mal einen höheren Stand». Der Kanton Luzern registriere jedoch eine Zunahme starker Niederschläge – sowohl bezüglich der Intensität als auch der Häufigkeit. Diese Zunahme ist auch Christian Wandeler nicht entgangen: «Es ist schon so, dass Extremwettersituationen in den letzten Jahren vermehrt auftreten.» Worauf das zurückzuführen sei, könne er aber nicht beantworten.

Lage im ganzen Kanton Luzern angespannt

Während die Stadt Luzern dank der Investitionen in das Wehr noch von Überschwemmungen verschont blieb, ist es andernorts im Kanton bereits zu Schäden gekommen. Die Niederschläge der letzten Tage hätten die Wigger und die Luthern stark ansteigen lassen, sagt Daniel Arnold. Vor allem an der Luthern habe es einige Schäden gegeben. Immerhin: Die Pegelstände kleinerer Gewässer im Kanton sänken innert kurzer Zeit wieder auf Normalniveau zurück, wenn die Niederschläge aufhörten.

Auch sonst bestehe kein Grund zur Sorge, versichert Christian Wandeler. Die Stadt Luzern sei gut vorbereitet auf ein allfälliges Hochwasserszenario. «Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass sich auch Hauseigentümer und Privatpersonen frühzeitig auf ein Hochwasser vorbereiten und die Lage im Auge behalten.»

Über den (Pegel)stand der Dinge hält dich zentralplus selbstverständlich auf dem Laufenden.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Christan Wandeler
  • Schriftlicher Austausch mit Daniel Arnold
  • Artikel in der «Zeit»
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