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«Benimm-Flyer»: Flüchtlinge wehren sich

Die Luzerner Benimmregeln für Asylbewerber kommen nicht gut an. (Bild: bra)

Asylsuchende werfen der Luzerner Regierung vor, sie als Wilde hinzustellen und unnötig Öl ins Feuer zu giessen. In einem offenen Brief machten sie ihrem Ärger Luft. Das Thema wurde von den nationalen Medien aufgenommen, Guido Graf rechtfertigte sich in der «Tagesschau».

Eine Woche vor der Fasnacht hat die Luzerner Regierung einen Flyer mit Verhaltensregeln herausgegeben. Diese wurden daraufhin in den Asylzentren verteilt (zentral+ berichtete). Schon damals schrieben wir, dass Flüchtlinge, welche den Flyer an der Pressekonferenz lasen, viele Punkte als selbstverständlich betrachteten.

Jetzt gibt es Protest. Der Flyer stösst bei Flüchtlingen auf Unverständnis, schreibt der «Tages-Anzeiger». In einem Offenen Brief an die Regierung des Kantons Luzern, der von der «Neuen Luzerner Zeitung» in der gedruckten Ausgabe vom 6. Februar publiziert wurde, machen sie ihrem Unmut Luft. Man fühle sich durch die Aktionen der letzten Wochen gekränkt. «Sexuelle Übergriffe sind keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage des fehlenden Anstands», schreiben die Flüchtlinge. Sexuelle Übergriffe seien im ganzen Nahen Ostens ein Verbrechen.

Der offene Brief, den die «NLZ» kommentarlos in der Ausgabe vom 6. Februar publizierte.

Der offene Brief, den die «NLZ» kommentarlos in der Ausgabe vom 6. Februar publizierte.

(Bild: Screenshot)

Die rund 20 Piktogramme im Flyer thematisieren die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie unerwünschten Körperkontakt und sexuelle Gewalt. In Luzern wollte man mit diesem Mittel sexuelle Übergriffe, wie in Köln und anderen europäischen Städten an Sylvester geschehen, an der Fasnacht verhindern.

Schwierig Einheimische kennen zu lernen im Bunker

Die Verfasser kritisieren: «Sie haben uns als Wilde hingestellt, die aufgeklärt werden müssen. Damit giesst die Regierung zusätzlich Öl ins Feuer und provoziert uns gegenüber Rassismus.» Sie seien ebenfalls an einem guten Umgang zwischen den Geschlechtern interessiert und daher bereit, eine Diskussion darüber zu führen. Für viele sei es aber schwierig, die lokalen Menschen und Werte kennenzulernen, da sie oftmals monatelang in Bunkern untergebracht werden.

Süleyman Özbayhan hat den Brief mitverfasst. «Die Aufklärungskampagne der Regierung stellt uns unter Generalverdacht. Sie werfen uns alle in einen Topf und das stört uns», sagte er in der «Tagesschau» von SRF. Özbayhan ist ein anerkannter Flüchtling, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt.

Kaum Vorfälle

Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf kann die Kritik nicht nachvollziehen und stellte im Schweizer Fernsehen klar, dass der Flyer für alle und nicht nur für Flüchtlinge gelte. «Der Auslöser waren die Vorkommnisse in Köln und die verschiedenen Rückmeldungen, die wir aus der Bevölkerung erhalten haben. Wir haben diesen Flyer präventiv ins Leben gerufen, denn wir wollen keine Probleme an der Luzerner Fasnacht», sagte der CVP-Regierungsrat in der «Tagesschau».

Nach Angaben der Luzerner Polizei verlief die diesjährige Fasnacht soweit äusserst ruhig und friedlich. Bislang sei ein einziger Fall von sexueller Belästigung gemeldet worden. Es seien weniger betrunkene Jugendliche unterwegs als früher.

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