Neustart in Kriens: Wer übernimmt das Zepter?
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Wissen, wohin es mit Kriens gehen muss: Maurus Frey (Grüne) und Christine Kaufmann-Wolf (CVP)

Duell um das Stadtpräsidium Neustart in Kriens: Wer übernimmt das Zepter?

9 min Lesezeit 1 Kommentar 19.06.2020, 05:00 Uhr

Maurus Frey (Grüne) und Christine Kaufmann-Wolf (CVP) wollen das Krienser Stadtpräsidium übernehmen. Beide stehen für einen Neubeginn und sind motiviert, die Probleme der Stadt anzupacken. Ein Gespräch über Geld, Gastronomie und Grabenkämpfe.

Links oder bürgerlich, Frau oder Mann? Wer in Kriens das Zepter von Stadtpräsident Cyrill Wiget (Grüne) übernimmt, entscheiden die Wählerinnen am 28. Juni.

zentralplus hat die beiden Kandidaten, Maurus Frey (Grüne) und Christine Kaufmann-Wolf (CVP), zum gemeinsamen Gespräch getroffen. Wo sie sich streckenweise auffallend harmonisch gaben – aus gutem Grund.

zentralplus: In Kriens ein schönes Café als Treffpunkt für das Gespräch zu finden, war nicht ganz einfach. Was sagt das über das Lebensgefühl in Kriens aus?

Christine Kaufmann-Wolf: Kriens hat eine starke Erneuerung hinter sich. Es gibt einige Cafés, aber als Auswärtige kennt und findet man sie nicht gleich. Und es sind sicher nicht alles Lokale mit lauschigen Plätzchen. Es besteht also schon noch Potenzial.

Maurus Frey: Es ist ein Fakt: In den letzten Jahren sind mindestens fünf Beizen zugegangen. Kriens ist nicht das kulturelle und gastronomische Epizentrum der Zentralschweiz. Das ist auch okay, solange wir nicht zur Schlafstadt werden. Wenn es uns gelingt, das Zentrum aktiver zu gestalten und die Aufenthaltsqualität zu steigern, werden auch mehr Cafés kommen. Kriens vermittelt vielleicht nicht das Lebensgefühl von Downtown, aber es bietet Lebensqualität.

Kaufmann: Stimmt, und Kriens hat mit dem Sonnenberg und dem Krienser Hochwald zwei sehr schöne Naherholungsgebiete. Durch die Nähe zur Stadt Luzern halten sich insbesondere Junge halt oft in Luzern auf. Und die Gastronomie ist ein hartes Business.

Frey: Aber man kann gut einen geselligen, schönen Abend in Kriens verbringen.

Kaufmann: Auf jeden Fall.

zentralplus: Die Gemeinde ist in den letzten Jahren enorm gewachsen, neben dem alten ist auch ein neues Kriens entstanden. Das Wachstum hat aber auch Kritik hervorgerufen. Wie stehen Sie zur Entwicklung?

Kaufmann: Es hat in der Tat eine grosse Bautätigkeit gegeben. Das basiert auf einer langjährigen Strategie des Gemeinderates, die vom Einwohnerrat jeweils bestätigt wurde. Man wollte, dass Kriens vorwärtskommt. Im Zentrum fand eine Verdichtung statt. Man muss sich manchmal noch etwas dran gewöhnen, doch viele alte Gebäude sind durch neue, moderne ersetzt worden.

«Wir haben zwar viele tolle Inselprojekte, die wunderbar in jedes Architekturportfolio passen. Aber die einzelnen Puzzleteile müssten auch einen Beitrag an das Ganze leisten.»

Maurus Frey

zentralplus: Das tönt überaus positiv.

Frey: Es ist nicht das Problem, dass gebaut wurde, sondern wie gebaut wurde. In Kriens Süd sind Investitionen von rund einer Milliarde ausgelöst worden. Dieser schnellen Entwicklung stand eine unterdotierte Bauverwaltung gegenüber, die nicht vehement die nötige Qualität eingefordert hat. Wir haben zwar viele tolle Inselprojekte, die wunderbar in jedes Architekturportfolio passen. Aber die einzelnen Puzzleteile müssten auch einen Beitrag an das Ganze leisten.

Kaufmann: Das Zentrum und der Mattenhof sollen sich ergänzen, das schafft eine attraktive Vielfältigkeit. Neue Quartiere sehen am Anfang immer grau aus. Es braucht Zeit, bis das Grün kommt. Da bin ich sehr zuversichtlich.

Frey: Aber Zuversicht allein reicht nicht, es passiert nichts von selber. Wir müssen die Begriffe Siedlungsentwicklung und Städteplanung ernst nehmen.

Kaufmann: Zuversicht heisst auch nicht, einfach dem Prinzip Hoffnung zu folgen. Wir müssen klare Spielregeln formulieren und einfordern. Wir müssen aber auch ein verlässlicher Partner sein und uns an getroffene Abmachungen halten.

«Kriens ist ein Patient und eine Steuererhöhung bedeutet, ihm Medizin zu verabreichen. Die eigentliche Kur besteht aber aus Massnahmen auf der Einnahmen- und der Ausgabenseite.»

Christine Kaufmann

zentralplus: Gewachsen sind auch die finanziellen Probleme. Man liest nun oft von der Krise in Kriens. Welches Rezept haben Sie dagegen?

Kaufmann: Für mich ist klar, dass wir die Leistungen anschauen müssen: Welche braucht es, wo können wir alte Zöpfe abschneiden, welche Ausgaben könnte man vorübergehend aussetzen? Aber konkrete Vorschläge kann ich hier vom Tisch aus nicht nennen, es ist ohnehin vermessen, in wenigen Sätzen ein solch komplexes Problem lösen zu wollen.

Frey: Eine Steuererhöhung kommt für mich nur gemeinsam mit einer Bearbeitung der Ausgaben infrage. Wir müssen schauen, wo wir kosteneffizient unterwegs sind und wo weniger. Ich wehre mich aber gegen ein «Sparen um jeden Preis». Wir müssen weiterhin attraktiv sein, gerade für junge Familien. Wir dürfen unsere Attraktivität nicht der Sparwut opfern.

Kaufmann: Ja, Kriens darf nicht kaputtgespart werden. Zudem dürfen wir der nächsten Generation nicht einen noch höheren Schuldenberg hinterlassen.

Am 28. Juni kommt aus, wer die Nachfolge von Cyrill Wiget antritt. (Bild: jal)

zentralplus: Wie stehen Sie zu einer Steuererhöhung?

Kaufmann: Kriens ist ein Patient und eine Steuererhöhung bedeutet, ihm Medizin zu verabreichen. Die eigentliche Kur besteht aber aus Massnahmen auf der Einnahmen- und der Ausgabenseite. Wichtig ist auch, dass wir gute Steuerzahler ansiedeln können. Ich rede nicht von Millionären, sondern von Menschen wie Maurus und mir. In der Weinhalde sind jetzt 50 Eigentumswohnungen geplant – das ist die Chance für Kriens.

Frey: Jahrelang galt das Mantra von der Wachstumsstrategie: Mehr Krienser bedeutet mehr Steuereinnahmen. Das hat nachweislich nicht funktioniert. Ich bin froh, wenn man das nun einsieht: Die gutsituierten Krienser wechseln in die neuen Wohnungen, doch in die alten ziehen dann eben nicht die gewünschten Steuerzahler. Dieses überholte Rezept müssen wir bei der Weinhalde nicht wieder auftischen.

Kaufmann: Im Moment ist das Grundstück eine Brache. Es ist steil und für Landwirtschaft nicht ideal. Mit dem Bau von attraktiven Wohnungen entsteht ein enormer Mehrwert für Kriens – auch finanziell. Kriens kann sich den Fortbestand einer Brache in Toplage nicht leisten. Dies in Anbetracht der desolaten finanziellen Situation, in der sich die Stadt aktuell befindet. Zudem hat man den Eigentümern schon vor Jahren die Umzonung versprochen. Da ist eben die Verlässlichkeit der Gemeinde gefragt.

Frey: Es ist nicht Aufgabe des Stadt- und des Einwohnerrats, Versprechungen zu machen. Sondern eine Siedlungs- und Stadtentwicklung zugunsten der ganzen Gemeinde zu betreiben.

«Als Stadtpräsidentin muss man dafür sorgen, dass nicht jeder Stadtrat nur für sein Gärtli denkt. Wir sind gemeinsam für einen grossen Park zuständig.» 

Christine Kaufmann

zentralplus: Oft fällt derzeit das Wort Krise. Man hat es beim Kanton Luzern in den letzten Jahren gesehen: Es kann ein negatives Image entstehen, wenn die knappen Finanzen alles dominieren. Wie wollen Sie das verhindern?

Frey: Wir müssen innerhalb der nächsten vier Jahre das Schiff in Richtung finanziell ruhige Gewässer steuern. Es wird nicht von Anfang an der meist ruhige Vierwaldstättersee sein, es wird noch Wellen geben.

Kaufmann: Das sehe ich ähnlich: Es geht nun nicht mehr um Grabenkämpfe, wir müssen überparteilich zusammenstehen und ein gemeinsames Ziel ansteuern.

Maurus Frey

Der 38-Jährige war von 2008 bis 2013 im Krienser Einwohnerrat. Heute politisiert er im Kantonsrat und ist zugleich Präsident der Grünen Kanton Luzern. Der Informatiker und zweifache Vater arbeitet als Leiter Entwicklung bei einer Firma für Umweltmonitoring. Maurus Frey schaffte im ersten Wahlgang den Sprung in den Krienser Stadtrat.

zentralplus: Kann man denn so schnell das Schiff auf Kurs bringen, wenn im Stadtrat möglicherweise niemand für Kontinuität sorgen kann?

Frey: Das ist sicher eine Herausforderung und mir ist es wichtig, dass die Wähler das wissen. Dennoch ist es eine Chance, denn es erlaubt uns, den absolut zwingenden Wechsel vom operativen zum strategischen Führungsgremium vorzunehmen. Anstatt dass wir uns in der Tiefe von Sachgeschäften verlieren, können wir auf der richtigen Flughöhe die Stadt gestalten.

Kaufmann: Ein Risiko besteht im Verlust der Kenntnisse der Sachgeschäfte und der Vernetzung. Eine Chance sehe ich darin, dass die Neuen sehr motiviert sind und eine grosse Bereitschaft mitbringen, Kriens gemeinsam voranzubringen. Sonst bräuchten wir gar keinen Neustart.

«Die Welt ist einfach komplizierter und vielschichtiger als das Links-Rechts-Schema erfassen kann.»

Maurus Frey

zentralplus: Dass drei Bisherige nach dem ersten Wahlgang zurücktreten, ist einzigartig. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für diesen Drang nach Umbruch?

Kaufmann: Die Wählerinnen haben einen Neustart gefordert. Über die Gründe kann ich nur spekulieren: Bei einigen Wählern dürften persönliche Gründe ausschlaggebend gewesen sein, bei anderen die Unzufriedenheit über verschiedene Entscheide oder Entwicklungen. Bei manchen einfach die Lust auf einen Neustart.

Frey: Was wohl alle verbindet: Sie haben den amtierenden Stadtrat abgewählt, nachdem sie gemerkt haben, dass das Führungsgremium untereinander zerstritten und mit sich selber beschäftigt ist.

zentralplus: Wie würden Sie die Rolle als Stadtpräsident oder Stadtpräsidentin interpretieren und wie Ihren Führungsstil beschreiben?

Kaufmann: Respekt, Anstand, Wohlwollen gegenüber Andersdenkenden und Verbindlichkeit sind die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, gepaart mit der Einhaltung des Kollegialsystems. Als Stadtpräsidentin muss man das Gremium umsichtig und dennoch klar führen und dafür sorgen, dass nicht jeder Stadtrat nur für sein Gärtli denkt. Wir sind gemeinsam für einen grossen Park zuständig. Nebst der Vertretung der Stadt nach aussen, leitet sie oder er die strategische Arbeit des Stadtrates und hat die allgemeine Aufsicht über die Stadtverwaltung. Ich stehe für einen kooperativen Führungsstil: partnerschaftlichen Dialog mit Vertrauen in Mitarbeiter, vereinbarte Zielvorgaben und mit klaren Entscheidungsbefugnissen und Freiräumen.

Christine Kaufmann-Wolf

Die 52-Jährige war von 2008 bis 2016 im Krienser Einwohnerrat. Heute politisiert sie im Kantonsrat und ist Präsidentin der CVP Kriens. Die zweifache Mutter ist diplomierte Wirtschaftsfachfrau und in mehreren Organisationen tätig. Nach dem enttäuschenden Abschneiden der bisherigen zwei CVP-Stadträte und deren anschliessendem Rückzug wurde Christine Kaufmann-Wolf als Kandidatin nachnominiert.

zentralplus: Herr Frey, wären auch Sie als Stapi mehr Teamplayer als Stadtvater?

Frey: Ja. Als Stadtpräsident ist man auch der Zeremonienmeister. Man muss die richtigen Rahmenbedingungen und eine gute Kultur etablieren, sodass ein respektvoller und konstruktiver Austausch möglich wird. Und der Stapi muss sein Team für ein gemeinsames Ziel begeistern können.

zentralplus: Also auch in Sachen Führung teilen Sie offenbar viele Einstellungen. Darum letzte Frage: Was können Sie besser als der oder die andere?

Frey: Ich kann besser Fussball spielen (lacht).

Kaufmann: Velo fahren kann ich aber auch gut (schmunzelt). Ich muss vorab betonen: Ich kämpfe nicht gegen Maurus Frey, sondern ich kandidiere für ein Exekutivamt. Meine Kandidatur soll helfen, dass die CVP ihren Sitz im Stadtrat halten kann und die Bevölkerung für das Stadtpräsidium eine Auswahl hat. Was ich besser kann? Ich bin durch meine langjährige politische Tätigkeit in der Wirtschaft und in der Politik sehr gut vernetzt und geniesse breite politische Akzeptanz. Aus der Mitte heraus und als offene Person bin ich prädestiniert dafür, Lösungen zwischen links und rechts zu vermitteln.

Frey: Die Welt ist einfach komplizierter und vielschichtiger, als das Links-Rechts-Schema erfassen kann. Unabhängig von links und rechts kann ich mit meiner Erfahrung im Austausch mit verschiedenen Stakeholdern auch in komplizierter Umgebung Lösungen finden. Vor allem aber bringe ich eine Lust mit zu gestalten statt zu verwalten. Und genau das ist die Aufgabe von uns Politikern.

Kämpfen ums Stadtpräsidium: Maurus Frey und Christine Kaufmann-Wolf. (Bild: jal)

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1 Kommentare
  1. Kasimir Pfyffer, 19.06.2020, 10:54 Uhr

    In Kriens gibts abstossende Bausünden en masse, absehbare Steuererhöhungen wg. 5 Mio Defizit, chronifizierten Stau, eine gelähmte Verwaltung und düstere Aussichten für die nächsten Jahre.
    „Gute Steuerzahler“ finden diese Mischung nicht sexy.
    Entweder ist Kaufmann unendlich naiv (dann sollte man sie nicht wählen), oder sie hat zuviel Druck von der Baulobby, die schon ganz Kriens verschandelt hat (dann sollte man sie erst recht nicht wählen).

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