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Neumayr: «Meine letzte Chance für ein solches Abenteuer»
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Markus Neumayr beim Kartenspiel während der Reise nach Sassuolo im Rahmen der Europa-League-Quali. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus )

FCL-Mittelfeldspieler erklärt Wechsel in Türkei Neumayr: «Meine letzte Chance für ein solches Abenteuer»

6 min Lesezeit 27.06.2017, 21:12 Uhr

Im Winter verlängerte Markus Neumayr seinen Vertrag beim FC Luzern bis Sommer 2019. Jetzt verlässt er den Club trotzdem. Kasimpasa Istanbul wird seine zehnte Station als Profi-Fussballer. Mit ein Grund für seinen Abgang war die Unruhe im FCL-Umfeld. Dennoch ist eine Rückkehr in die Zentralschweiz nicht ausgeschlossen.

Kaum eine Stadt auf der Welt ist so fussballverrückt wie Istanbul. Mit den Traditionsclubs Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas kämpfen gleich drei Vereine um die Vorherrschaft am Bosporus. Einer, der künftig in der Türkei mitmischeln will, ist Markus «Mac» Neumayr. Der FCL-Mittelfeldspieler wechselt auf die kommende Saison nach Istanbul. Allerdings nicht zu einem der grossen Drei – sondern zu Kasimpasa Istanbul (zentralplus berichtete).

Mit Neumayr verliert der FC Luzern eine schillernde Persönlichkeit. Der Spieler mit der extravaganten Frisur hat mit seiner Art dem Club gut getan. Aus sportlicher Sicht war der 31-Jährige eine wichtige Stütze und seine Vertragsverlängerung im Dezember 2016 wurde von den Fans entsprechend gefeiert. Nur ein halbes Jahr später verlässt der ehemalige Spieler von Manchester United die Luzerner, was einige Beobachter stutzig macht. Vor seinem Abflug diesen Dienstag in die Türkei hat zentralplus mit «Mac» gesprochen.

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zentralplus: Markus Neumayr, wer war die treibende Kraft hinter dem Wechsel? Sie, Kasimpasa oder der FCL?

Markus Neumayr: Ich. Jeder Clubwechsel in meiner Karriere ging von mir aus. Schlussendlich haben mehrere Faktoren den Ausschlag gegeben. Ich bin aber überzeugt, dass es am Schluss für alle Seiten ein positives Geschäft war.

zentralplus: Was sind die Gründe?

Neumayr: Ich bin 31 Jahre alt und mir lag ein sehr gutes Angebot vor. Ich habe dann alles mit meiner Frau besprochen. Wir haben uns entschieden, das Abenteuer anzutreten. Ich bin froh, hat’s geklappt.

zentralplus: Und wie hat der FCL reagiert?

Neumayr: Ich wusste, dass sie eine Ablöse wollten. Als Erstes habe ich Markus Babbel und Patrick Rahmen informiert. Die Transferkommission hat anschliessend das Ganze besprochen und grünes Licht gegeben.

zentralplus: Wissen Sie, was Kasimpasa bezahlt hat?

Neumayr: Ja. Die Summe werde ich aber weder nennen noch kommentieren.

«It’s like heaven»: Sehen Sie im Video, was Markus Neumayr über seinen neuen Club sagt:

 

🔊Röportaj: #MarkusNeumayr #Kasımpaşa

Ein Beitrag geteilt von Kasımpaşa Spor Kulübü (@kasimpasask) am 23. Juni 2017 um 6.04 Uhr


 

zentralplus: Im Dezember 2016 verlängerten Sie Ihren Vertrag um 2,5 Jahre. Jetzt verlassen Sie den FCL. Was hat sich im letzten halben Jahr verändert?

Neumayr: Es ist ja bekannt, dass ich letzten Winter Angebote von Sion und Lugano hatte. Damals kam ein Wechsel aber nicht in Frage. Die Rückrunde war für mich unbefriedigend – auch mit der Unruhe im Umfeld. Da ist man als Spieler frustriert und kann nicht mehr seine Top-Leistung abrufen.

zentralplus: In der Medienmitteilung zur Vertragsverlängerung im Dezember hiess es unter anderem, Ihre Familie fühle sich sehr wohl hier. Mittlerweile haben Sie auch den Schweizer Pass. Da steht der Wechsel in die Türkei etwas quer.

Neumayr: Es ist in meiner Karriere wohl die letzte Chance für ein solches Abenteuer. Ich will meiner Familie etwas anderes und Neues zeigen. Aber der Plan ist schon, wieder in die Schweiz zurückzukehren.

Markus Neumayr erhielt während seiner Zeit beim FCL den Schweizer Pass:

 

#neumayr77 #mac #hoppschwiiz #officialySwisscitizen💪🏼 #happy😊

Ein Beitrag geteilt von Markus Neumayr (@neumayr77) am15. März 2017 um 10.28 Uhr


 

zentralplus: Sie werden Ihrem Ruf als Wandervogel mal wieder gerecht (siehe Box).

Neumayr: Mir ist egal, was andere über mich denken. Ich will glücklich sein. Wenn jemand sein ganzes Leben in seinem Dorf bleibt, nenne ich ihn auch nicht Landei. Ich bin ein Mensch, der gerne andere Dinge anschaut. Es ist keine Flucht, ich hatte unglaubliche Jahre hier in Luzern. Wäre die Möglichkeit nicht gekommen, nach Istanbul zu gehen, hätte ich mir vorstellen können, beim FCL meine Karriere zu beenden. Aber solche Möglichkeiten kriegst du nicht so oft. Und ich wollte keinesfalls in vier oder fünf Jahren wehmütig zurückschauen und mich ärgern, es nicht gewagt zu haben.

Die Odyssee des Markus Neumayr

Neumayr wächst in Hösbach, einer Kleinstadt in Unterfranken, auf. Schon bald fällt sein Talent auf und er wechselt via Viktoria Aschaffenburg mit 13 Jahren in die Juniorenabteilung von Eintracht Frankfurt. An seinem 17. Geburtstag unterzeichnet er einen Vertrag bei Manchester United. Fürs Fanionteam reichte es ihm allerdings nicht. Erst spielte er bei den Junioren, dann in der zweiten Mannschaft.

Und so ging’s weiter:

2003–06: Manchester United

2006–08: MSV Duisburg

2008–09: Zulte Waregem (Belgien)

2009–10: Rot-Weiss Essen

2010–11: Wacker Burghausen

2011–12: FC Thun

2012–13: AC Bellinzona

2013–16: FC Vaduz

2016–17: FC Luzern

ab 2017: Kasimpasa Istanbul

zentralplus: Bezüglich Sicherheit machen Sie sich keine Sorgen?

Neumayr: Nein, jedes Land hat seine politischen Probleme. Ich war da und hab mir alles angeschaut. Dass die Terrorgefahr höher als in Luzern oder Vaduz ist, ist mir auch klar. Doch wir lassen uns nicht von so etwas einschränken. Ich hatte mit den beiden Ex-FCL-Spielern Jakob Jantscher oder Oscar Scarione Kontakt. Sie spielen respektive spielten in der Türkei und konnten mir das Land nur empfehlen.

zentralplus: In der letzten Sommervorbereitung waren nebst Ihnen mit dabei: Sarr, Costa, Puljic, Thiesson, Hyka, Jantscher, Itten, Marco Schneuwly … Dave Zibung war Stammgoalie. Schon extrem, wie sich der FCL verändert.

Neumayr: Es waren sogar noch mehr, etwa Schachten oder Fandrich. Die vielen Wechsel sind krass. So etwas ist nie einfach. Ich glaube, der Club ist momentan in einer unruhigen Zeit. Das betrifft allerdings weniger die Mannschaft – wir waren unglaublich solidarisch und hatten mit Babbel einen super Coach.

zentralplus: Aber es gibt Probleme?

Neumayr: Ich will nicht negativ über den Verein reden. Der FCL wird immer ein spezieller Platz in meinem Herzen haben. Dennoch muss man sich fragen, warum es immer wieder diese Flauten gibt. Für mich war das unerklärlich, denn jeder, der sich im Kreis der Mannschaft bewegt, merkt, dass sie eine eingeschworene Truppe ist. Es sind Faktoren, die von aussen an die Mannschaft herangetragen werden. Es ist nicht gut, wenn sich Leute öffentlich äussern und positionieren, die nicht im Alltagsgeschäft dabei sind. Ich will wirklich niemandem den Schwarzen Peter zuspielen. Ich denke einfach, alle sollten sich Gedanken machen, wie der FCL langfristig Erfolg haben kann.

zentralplus: Was wäre mit dem Club möglich?

Neumayr: Das hat man im Kalenderjahr 2016 gesehen. Wir schlossen die Saison 15/16 als Dritter ab und standen auch in der Winterpause auf dem dritten Platz. Mit unserem Budget war das eine grosse Leistung.

«Immer wieder hörte ich: ‹Ja, der Neumayr schafft’s sowieso nicht›.»

zentralplus: Denken Sie, der FCL kann auf den Qualitätsverlust und die vielen Abgänge reagieren? Oder muss man sich auf eine schwierige Saison einstellen?

Neumayr: Grundsätzlich ist es immer schwierig, wenn mehrere Stützen gleichzeitig verloren gehen. Es braucht eine gewisse Zeit, bis die Verantwortung wieder verteilt ist. Aber der FCL hat kompetente Leute, die wissen, wie man das auffangen kann. Die Frage ist auch, wie viel man investieren kann, um Ersatz zu holen.

Markus Neumayr ging beim FCL voran.

Markus Neumayr ging beim FCL voran.

(Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

zentralplus: Sie waren 1,5 Jahre bei Luzern. Konnten Sie sich spielerisch nochmals steigern?

Neumayr: Definitiv. Man entwickelt sich immer weiter. In meiner ganzen Karriere spürte ich stets Gegenwind. Immer wieder hörte ich: «Ja, der Neumayr schafft’s sowieso nicht.» Es gibt immer Leute, die negativ reden. Das ist für mich auch ein Ansporn. Wenn du nicht selbst an dich glaubst, glaubt keiner an dich. Und diese Entwicklung, die ich sportlich machte, habe ich auch als Mensch gemacht.

zentralplus: Ihre Frau betreibt gemeinsam mit Marco Schneuwlys Frau einen Modeblog. Was machen die beiden, wenn die Ehemänner nicht mehr gemeinsam bei Luzern kicken?

Neumayr: (Lacht) Ich weiss nicht genau, was sie geplant haben. Aber das Internet kennt man ja überall.

zentralplus: Was wird Ihnen am Besten in Erinnerung bleiben?

Neumayr: Ich erinnere mich speziell an die Szene nach der Niederlage gegen Lugano vor dem Cup-Halbfinal in Sitten. Da haben uns die Fans gefeiert und Mut zugesprochen. Das war sehr emotional. Sie haben ein gutes Gespür für die Mannschaft. Und das darauffolgende Spiel in Sion war eines der besten Spiele, das ich in meiner Zeit in Luzern erlebte. Leider konnten wir die gute Leistung nicht mit dem Finaleinzug krönen. Das zeigt aber, wie viel die Fans beitragen können. Es sind jedoch nicht einzelne Momente. Das ganze Bild meiner Zeit beim FCL macht es aus. Ich habe hier viele Freunde gewonnen. Man weiss nie, im Leben sieht man sich zweimal, im Fussball öfter. Vielleicht kehre ich wieder zurück. Ich gehe auf jeden Fall mit einem positiven Gefühl.