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Neugierige Blicke in fremde Schlafzimmer
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Grosser Andrang im Wohnbereich: Die Rückzugsorte wurden für einmal zu Begegnungszonen. (Bild: Laura Livers)

Viele Besucher am Zuwebe-Jubiläumsfest in Baar Neugierige Blicke in fremde Schlafzimmer

5 min Lesezeit 02.07.2017, 13:16 Uhr

Die Zuger Institution Zuwebe bietet Menschen mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung seit 50 Jahren Arbeit und ein Zuhause. Zum Jubiläum öffnete sie am Samstag ihre Türen in Inwil – und provozierte bewusst voyeuristische Blicke.

Im Bücherregal stapeln sich Dan-Brown-Bücher neben Comics, auf einem Tisch liegt ein halbfertiges Puzzle. «Das eigene Zimmer dient den Bewohnern als Rückzugsort. Deshalb dürfen geschlossene Türen nicht geöffnet werden, und geöffnete Zimmer nicht eigenständig betreten», wurde im Vorfeld der Führung durch den Hauptsitz der Zuwebe in Inwil hingewiesen. Nichtsdestotrotz erhascht man im Vorbeigehen Blicke auf Stofftier-gesäumte Betten, Wände voller Hansi-Hinterseer-Poster und halbgeöffnete Kleiderschränke.

Es ist ein Einblick in ein sonst verstecktes Universum, den die Zuger Institution Zuwebe anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens diesen Samstag bot. Eine Chance, die sich offensichtlich viele nicht entgehen lassen wollten.

Die 2009 sanierten Wohnungen sind geräumig, hell und aufgeräumt. «Natürlich sieht es nicht immer so bei uns aus», scherzt eine Betreuerin. «Aber das Ordnunghalten und Putzen gehört bei uns fest in den Wochenplan.» In den Wohngemeinschaften säumen Putzpläne, Wochenplaner und Ämtliaufteilungen die Wände, fein säuberlich beschriftet und mit Fotos versehen: «Dann kann keiner behaupten, er hat nicht gewusst, dass er oder sie dran sei», kommentiert eine Besucherin und lacht. «Genau so ein Plan hängt bei uns zu Hause auch.»

Was heisst denn schon normal?

Wie Voyeure bewegen sich die Besucher durch die Wohnungen – das ist bewusst provoziert. Immer wieder wird betont, dass die soziale Integration von Menschen mit Beeinträchtigung nur funktioniert, wenn Berührungsängste abgebaut und Kommunikationswege geöffnet werden. Und genau so wird auch Normalität in diesem Haus zelebriert. Nämlich in dem Sinne, dass die vielfältigen Beeinträchtigungen und die damit einhergehenden Bedürfnisse nicht als «besonders» deklariert werden, sondern als selbstverständlich gelten und so zu einer ganz eigenen Norm werden.

In der Schreinerei werden beispielsweise Verpackungen für eine Schnapsbrennerei gefertigt.

In der Schreinerei werden beispielsweise Verpackungen für eine Schnapsbrennerei gefertigt.

(Bild: zvg)

Sowieso: Der Begriff «normal» fällt an diesem Samstag nur sehr spärlich. Vielmehr wird von einem «geordneten Alltag» oder einer «geregelten Arbeit» gesprochen; von Integration und Selbstbestimmung. Selbstständigkeit ist das grosse Thema, wie sich während der Führung durch den Wohntrakt zeigt. «Im Idealfall wandern unsere Klienten vom ‹Wohnen Praxis›, mit viel Betreuung zum ‹Wohnen autonom› mit punktueller Betreuung und werden dann flügge», erzählt eine der Betreuerinnen, während sie die Besucher durch das Stockwerk führt.

Alles unter einem Dach

In der Zuwebe wird aber nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet. Menschen mit Beeinträchtigung zu beschäftigen, das war der Ursprungsgedanke der Zuwebe (siehe Box). Und die Arbeitsintegration bleibt ein wichtiger Teil. Vom Gärtnern in Kappel am Albis, Mis-en-place im Intermezzo am Kolinplatz, Dekoartikel herstellen in der internen Schreinerei oder als Reinigungsmitarbeiter im öffentlichen Raum – an der Auswahl soll es nicht scheitern.

Von engagierten Eltern ins Leben gerufen

Angefangen hat alles 1967, als eine Gruppe engagierter Eltern die Zuwebe (Zugerische Werkstätte für Behinderte) ins Leben ruf. Ziel: Für die eigenen Söhne und Töchter mit Beeinträchtigung eine sinnvolle Beschäftigung zu finden. Bereits ein Jahr später eröffnete die erste Werkstätte an der Ägeristrasse in Zug, die 20 Menschen einen Arbeitsplatz bot.

Seither sind über 100 Arbeitsstellen hinzugekommen, vor allem in handwerklichen Bereichen. «Wo möglich, soll eine Eingliederung unserer Mitarbeiter an einem geschützten Arbeitsplatz in den freien Arbeitsmarkt angestrebt werden», heisst es im Leitbild der Zuwebe von 2010.

Dazu bietet die Zuwebe nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch speziell betreute Ausbildungen an. Das Angebot reicht von einem zweijährigen Praktikum bis hin zum eidgenössisch anerkannten Fähigkeitszeugnis.

Im unteren Geschoss befinden sich die Werkstätten, allen voran die hauseigene Schreinerei. «Hier lernen unsere Klienten den verantwortungsvollen Umgang mit schweren Maschinen, wie etwa die Kreissäge», erzählt ein Betreuer. «Gleichzeitig erledigen wir hier auch Aufträge von externen Firmen – zum Beispiel fertigen wir hier Holzverpackungen für eine Schnapsbrennerei, damit die Holzverarbeitung nicht nur ein Spass bleibt, sondern gewissenhaft erlernt und erledigt wird.»

Ein wenig weiter findet sich die Wäscherei. Hier werden die Wäsche der Bewohner gewaschen, aber auch die Arbeitskleider der Zuwebeler, von verdreckten Bauarbeiter-Hosen bis zu den Servierschürzen vom Intermezzo. Ein paar Türen weiter spielen die Mitglieder der Schauspielerei Sketches zum 50-Jahr-Jubiläum vor dicht gedrängtem Publikum, das fleissig mitkichert. In einem abgedunkelten Raum wird der Film «Das Leben ist kein Ponyhof» der Luzerner Filmemacherin Ursula Brunner gezeigt (zentralplus berichtete) – ein Film, der an diesem Samstag den schonungslosesten Einblick in das Leben von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung gewährt.

Eigene Betroffenheit

Nicht alle Besucher sind aus reiner Neugierde vorbeigekommen, sondern teils auch aus einer eigenen Betroffenheit. Das zeigen die während der Führung gestellten Fragen. Ob es denn einen Arzt im Haus gebe, wie man zu einem Platz in einer betreuten Wohnung komme, oder ab welchem Alter man bei der Zuwebe wohnen kann.

«Manchmal dauert es, bis man sie gefunden hat – aber es gibt für jeden Klienten die passende Lösung.»

Ein Betreuer in der Zuwebe

Die Betreuer und Betreuerinnen sind vorbereitet. In ruhigem Ton erklären sie, wo der Nachtdienst stationiert ist und wie die Zusammenarbeit zwischen der Zuwebe, den Sozialbehörden und der KESB funktioniert, um einen passenden Betreuungsplatz zu finden. Und sie erzählen von der neuen Wohngruppe «Peers» für junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren, die sich in ihrer Erstausbildung befinden. «Es gibt für jeden Klienten die passende Lösung», sagt ein Betreuer. «Manchmal dauert es, bis man sie gefunden hat, aber auch für diesen Prozess sind wir da.»

Von den Bewohnern selbst ist während der Führung nicht viel zu sehen. Der grosse Besucherandrang wirkt wohl eher abschreckend, findet sich doch im ganzen Haus kaum ein Ort, an dem sich nicht Neugierige in Grüppchen versammeln. Vielleicht sitzen sie aber auch alle draussen auf den Festbänken, schliesslich kennen sie das Haus ja ein- und auswendig.

Tatsächlich. An den dekorierten Tischen draussen auf dem Vorplatz merkt man erst auf den zweiten Blick, dass die Menschenmenge nicht nur aus Besuchern besteht, sondern gut durchmischt mit Zuwebe-Klienten ist. Hier, auf ihrem Heimterrain, fallen sie nicht aus der Norm – genau die Situation, die sich die Organisation Zuwebe für den Alltag wünscht.

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