Neues Luzerner Theater: Form vor Funktion? Meinungen klaffen auseinander
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Wie sieht der Theaterplatz künftig aus? Darüber wird in den kommenden Jahren wohl noch viel diskutiert. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Podiumsdiskussion zum Generationenprojekt Neues Luzerner Theater: Form vor Funktion? Meinungen klaffen auseinander

6 min Lesezeit 3 Kommentare 02.06.2021, 05:00 Uhr

Sollen das Betriebskonzept oder städtebauliche Aspekte und Akzente im Vordergrund stehen, wenn es um den Bau eines neuen Theaters in Luzern geht? Darüber gehen die Meinungen in Fachkreisen auseinander, wie eine Podiumsdiskussion am Dienstagabend zeigte. Ebenfalls klar wurde, dass auch die künftige Rolle der Jesuitenkirche wohl noch zu reden geben wird.

Trotz des Traumwetters am wohl ersten richtigen Sommerabend des Jahres war der neue, schmucke Saal des Orchesterhauses beim Südpol am Dienstagabend gut besucht. Dies war jedoch wenig überraschend, ging es doch um nicht weniger als um das künftige optische und architektonische Erscheinungsbild des Luzerner Theaters sowie um die städtebaulichen Möglichkeiten, die ein solcher Bau bietet.

Auf einem Podium zu diesen Fragen diskutierten neben dem Luzerner Architekten Marc Syfrig, der beim Architekturwettbewerb zum KKL den zweiten Rang hinter Jean Nouvel belegte, drei international tätige Expertinnen darüber, unter welchen betrieblichen und städtebaulichen Vorgaben folglich der Architekturwettbewerb fürs neue Theater stattfinden soll.

Oder anders gesagt wurde über die Frage diskutiert, ob man den Architektenteams komplett freie Hand lassen soll, um eine städtebaulich möglichst ideale Lösung zu finden, oder ob die technischen und gesellschaftlichen Anforderungen an das künftige Theater die Grundlage für Vorschläge sein sollen. Darüber werden am Ende des Tages auch die Stimmbürgerinnen entscheiden müssen. Zu der Podiumsdiskussion hatte der Theaterclub Luzern geladen.

Erhalt des jetzigen Gebäudes ist kaum eine Option

Den Auftakt machte allerdings Numa Bischof, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, also quasi der Herr des Hauses. «Es ist eine Frage des Willens, einen Saal wie im neuen Orchesterhaus zu realisieren», schlug er gleich zu Beginn den Bogen zum Theaterprojekt. «Aus dem Saal wurde letztlich ein ganzes Haus und der Südpol somit zu einem identitätsstiftenden Ort. Der Kampus mit der Musikhochschule soll ein Anfang sein und das kulturelle und musikalische Schaffen in der Stadt Luzern verändern.» Sprich: Es werden grosse Erwartungen an das neue Theater gestellt.

«Wir müssen den Theaterneubau als zweite grosse städtebauliche Chance nach dem KKL sehen.»

Marc Syfrig, Architekt

Wichtig sei aber, so Bischof, dass die Prozesse bei der Realisierung eines solchen Projekts mit Bedacht angegangen werden und Schritt für Schritt vorgegangen wird. Und Philipp Zingg, der Präsident des Theaterclubs, hielt fest, dass man mit einem neuen Theater eine städtebauliche Lücke füllen könne, die in den letzten Jahrzehnten nie richtig habe geschlossen werden können. «Die Schiene, die wir in Luzern fahren, fusst darum bewusst nicht auf dem Erhalt des alten Gebäudes, sondern auf einem Neubau.» Damit habe man auch alle Architekturverbände des Landes auf seiner Seite.

Klare Vorgaben oder komplett freie Hand für die Architektinnen?

Bei diesem Punkt waren sich die Experten auf dem Podium grundsätzlich einig. Während allerdings Mathias Müller, Partner eines Architekturbüros in Zürich und Berlin, das unter anderem in Zürich das Toni-Areal und das Theater 11 realisierte und die Machbarkeitsstudie zum Umbau des Schauspielhauses Pfauen erstellte, darauf pochte, dass die betrieblichen Voraussetzungen den Wettbewerb leiten müssen, plädierte Marc Syfrig dafür, die städtebaulichen Aspekte in den Vordergrund zu rücken.

Syfrig warnte in der Folge wiederholt vor zu strikten Vorgaben. «Wir müssen den Theaterneubau als zweite grosse städtebauliche Chance nach dem KKL sehen», so der Urluzerner, der sehr emotional auftrat. Jean Nouvel habe beim KKL schliesslich nicht gewonnen, weil er das beste Betriebskonzept, sondern die beste architektonische Lösung präsentiert habe. Vorgaben wie ein öffentliches Café, wie es im Betriebskonzept fürs neue Theater vorgesehen ist (zentralplus berichtete), würden die Ideen hingegen schon zu Beginn des Prozesses zu sehr einschränken.

Syfrig zeichnete das Bild eines Neubaus, welcher direkt an die Jesuitenkirche angebaut werden könnte. «Warum soll man nicht vom Foyer aus direkt in die Kirche schauen können?», fragte er ins Publikum. Zudem sei die Jesuitenkirche jünger als der sogenannte Freienhof aus dem Mittelalter, der bis Mitte des 20. Jahrhunderts zwischen ihr und dem Theater stand. In anderen Worten: Als allzu heilig sollte man die Kirche für Luzern nicht einschätzen und ihr am Theaterplatz alles unterordnen.

Das Podium lief unter der Leitung von Ivo Bösch, Redaktor des Architekturmagazins «Hochparterre» (Mitte).

Wie wichtig ist die Jesuitenkirche?

«Die Kirche hatte zeitweise mal einen Vorplatz zur Reuss, mal nicht. Mal sah man die Westfassade, mal nicht», führte Syfrig aus. Da nicht alles schon immer so war, wie es heute ist, ergäben sich grosse Chancen. «Für mich gewinnt jenes Architektenteam, welches die Geschichte dieses Ortes am besten aufgreifen und weiterentwickeln kann.» Politisch und städtebaulich würde er darum «all-in» gehen und ohne räumliche Grenzen an das Projekt herantreten. «Wir sollten eine gemeinsame Vision für diesen Ort kreieren», so Syfrig.

«Ich habe den Eindruck, dass man in der Schweiz viel eher den Bruch mit dem Alten sucht, als dies beispielsweise in Deutschland der Fall ist.»

Fabienne Hoelzl, Professorin für Städtebau

Für viele dürfte an dieser Stelle der Einwand eines Zuschauers fast unerhört daherkommen, der die grundsätzliche Frage stellte, ob kommende Generationen die Jesuitenkirche überhaupt noch brauchen und ob man mit dem Sakralbau deshalb nicht unnötig eine Demarkationslinie für das neue Theater ziehe. Denn es entstünde ein Theater mit beschränktem Platz neben einer oft leeren Kirche. Sprich: Der Zuschauer stellte, wenn auch nur implizit, den Abriss der Kirche in den Raum.

Dem hielt der ebenfalls anwesende Stadtpräsident Beat Züsli (SP), auch er ist studierter Architekt, entgegen, dass der Stadtrat der Meinung sei, dass die Kirche und das Theater zusammengehören. «Wir wollen unser Dilemma, in welchem wir uns wegen der hier diskutierten Fragen befinden, nicht noch vergrössern», sagte Züsli. Dass ein Neubau aber bis ganz an die Kirche herangezogen werden könnte, schloss er nicht aus.

«In der Schweiz ist man für Neues zu haben»

Für eine mutige Herangehensweise ohne Scheuklappen plädierte auch Fabienne Hoelzl, Professorin für Städtebau an der staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. «Ich habe den Eindruck, dass man in der Schweiz viel eher den Bruch mit dem Alten sucht, als dies beispielsweise in Deutschland der Fall ist», so eines ihrer Voten. Dennoch schlug sie vor, den Teams auch die Möglichkeit offenzulassen, etwas aus dem heutigen Gebäude zu machen.

«Wir bauen eine grosse Maschine, die einwandfrei funktionieren muss.»

Birgit Aufterbeck, Stiftungsratspräsidentin Luzerner Theater

Später ergänzte Hoelzl: «Ich würde den Wettbewerbsteilnehmern maximal zwei Seiten an Vorgaben machen. Denn wir wollen ein modernes Theater, das städtebaulich zu Luzern passt.» Ein Theaterneubau an so zentraler Stelle könne deshalb eine Chance sein, grundsätzlich über Pittoreskes (malerisches) zu diskutieren, das heute das Stadtbild prägt, sagte sie bewusst etwas ketzerisch.

Stiftungsratspräsidentin pocht auf klare Vorgaben

Nochmals zurück zum Betriebskonzept: Dass dieses unbedingt die Form des neuen Theaters vorgeben sollte und nicht umgekehrt, betonte im Anschluss an die Diskussion auch Birgit Aufterbeck, Stiftungsratspräsidentin des Luzerner Theaters. «Wir bauen eine grosse Maschine, die einwandfrei funktionieren muss. Da kann man nicht einfach sagen, dass eine Schraube vielleicht noch ein bisschen anders aussehen oder weggelassen werden sollte.»

Aufterbeck nahm damit Bezug auf Mathias Müller, der in seinen Ausführungen mehrmals hervorhob, dass es bei den betrieblichen Vorgaben nichts zu rütteln gebe. Es müsse ein Grundprogramm vorgegeben werden und dann könne man als Architekt sagen: «Da will ich etwas dazu beitragen», lautet Müllers Ansicht.

Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer darüber, dass das Projekt von einer breiten Mehrheit in der Bevölkerung getragen werden muss und man deshalb nicht vor der politischen Diskussion zu genannten Punkten zurückschrecken sollte. Auch von drohenden Einsprachen solle man sich nicht einschüchtern lassen. Die nächste Etappe erfolgt im Herbst. Dann stimmt das Stadtparlament über den Projektierungskredit für das weitere Vorgehen ab.

Auch sie legten ihre Sicht der Dinge dar: Birgit Aufterbeck, Stiftungsratspräsidentin Luzerner Theater und Stadtpräsident Beat Züsli (links). In der Mitte Philipp Zingg, Präsident des Theaterclubs.

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3 Kommentare
  1. Peter Bitterli, 02.06.2021, 10:15 Uhr

    In dem Text kommt zwar mindestens sechs mal das Wort „städtebaulich“ vor, was zweifelsohne vorbildlich ist, aber kein einziges mal der Begriff „urban“. Somit kann es sich nicht um eine zünftige Diskussion über Architektur gehandelt haben, für welche unbedingt beide Begriffe in hinreichender Quantität herumgeblasen werden müssen. Im übrigen ist es natürlich von nachgerade unerträglicher Spannung und ungeheurem Erkenntnisgewinn, jedesmal wieder, wenn sich berufene Menschen zu grösseren kulturellen Bauprojekten zu Wort zu melden geruhen, die absolut genau gleiche Worthülsenkaskade über die Priorität von Inhalt vor Form oder umgekehrt über sich ergehen zu lassen. Ich persönlich freue mich immer sehr, wenn Architekten reden. Es hat etwas Beruhigendes, so wie SRF1 zum Staubsaugen. Einfach für urbane Menschen.

  2. Stefan Walter, 02.06.2021, 08:57 Uhr

    Zuerst das Gebäude bauen, dann mit Inhalt füllen? Wir sehen am Südpol, wie schlecht das funktioniert. Seit über 10 Jahren dümpelt der Südpol vor sich hin, ohne klare Ausrichtung, mit ständig wechselnder Besetzung die es nie schafft, wirklich Akzente zu setzen…

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