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Neue Vorwürfe gegen Luzerner Dienststelle Asyl
  • Gesellschaft
Kantonsmitarbeiterin Iris Lipp will nicht schweigen und wehrt sich gegen ihren Arbeitgeber.   (Bild: giw)

Asyl-Mitarbeiterin: «Ich wurde vom Chef gemobbt» Neue Vorwürfe gegen Luzerner Dienststelle Asyl

6 min Lesezeit 1 Kommentar 04.07.2018, 05:14 Uhr

Nach der Freistellung von Abteilungsleiter Adrian Portmann und der Kritik an Dienststellenleiterin Silvia Bolliger erhebt nun eine Mitarbeiterin Vorwürfe. Sie sei von einem überforderten Vorgesetzten gemobbt worden – und niemand habe ihr geholfen. Jetzt will sie ihren Chef anzeigen.

Iris Lipp hat seit Monaten höllische Magenschmerzen, kann kaum noch schlafen und muss deshalb Schlaftabletten und Antidepressiva zu sich nehmen. Die 53-Jährige kann nicht mehr – nach dem zweiten Zusammenbruch in Folge zieht sie Ende Mai die Konsequenzen und geht nicht mehr ins Büro. Sie ist krankgeschrieben. Ihr Arbeitgeber: der Kanton Luzern respektive die Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (DAF). Dort ist seit Monaten Feuer unter dem Dach – zuletzt wurde der Abteilungsleiter Asylzentren per sofort freigestellt und Dienststellenleiterin Silvia Bolliger steht massiv in der Kritik.

«Ich kann nicht mehr schweigen – die Zustände sind unhaltbar», sagt die Littauerin. «Ich wurde systematisch gemobbt am Arbeitsplatz – und niemand ist eingeschritten.» Sie wirkt gefasst und überlegt, es gehe ihr wieder etwas besser.

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Rund eineinhalb Jahre betreute die Kauffrau Grossliegenschaften für Asylsuchende in zahlreichen Gemeinden des Kantons. Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass die Liegenschaften in Ordnung sind. Sie kümmerte sich um die Erledigung von Reparaturen und Umzüge sowie die Integration der Asylsuchenden im Wohnbereich.

Chef drohte ständig mit der Entlassung

Alles habe toll begonnen, als sie die Stelle 2017 annahm: «Es war meine Traumstelle, ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten», sagt Lipp. Sie habe ihre Liegenschaften sehr gut im Griff gehabt, in den Wohnungen, die sie betreute, habe es keine Gewalt, keine Drogenprobleme oder verdreckte Haushalte gegeben. «Wenn es Probleme gab, war ich für die Bewohner die Vertrauensperson.» Sie wurde gerufen, wenn wieder einmal der Strom nicht ging, der Abfluss verstopft war oder ein Wasserschaden drohte. Sie habe mit den Leuten auch mal gescherzt und kannte die Asylsuchenden in den Häusern.

«Uns wurde wiederholt damit gedroht, wir würden den Job verlieren, wenn wir nicht nach den Regeln spielen.»

Iris Lipp, Mitarbeiterin Grossliegenschaften DAF

Doch im Herbst letzten Jahres änderte sich die Situation grundlegend. Es kam zu zahlreichen Kündigungen in der Abteilung Wohnbegleitung und Iris Lipp drohte der Verlust ihrer Stelle. Doch der Abteilungsleiter José Flüeler habe sich für sie eingesetzt. «Er sagte mir, ich sei eine sehr gute Mitarbeiterin und er wolle mich behalten.» Ihr wurde ausserdem eine Stelle im Bereich Sicherheit angeboten, Lipp entschied sich dagegen und blieb in der Wohnbegleitung. «Das war mein grösster Fehler.»

Danach arbeitete die ehemalige Bankfachfrau unter einem neuen Teamchef, dieser wiederum ist dem Abteilungsleiter Flüeler unterstellt. Der Teamleiter habe sie und andere Mitarbeiter eingeschüchtert und herumkommandiert. «Uns wurde wiederholt damit gedroht, wir würden den Job verlieren, wenn wir nicht nach den Regeln spielen», sagt Lipp. Sie und andere Kollegen seien um die 50 Jahre alt und fürchteten sich sehr, auf die Strasse gestellt zu werden. Ständig seien die Leute wegen Kleinigkeiten zu Sitzungen zitiert worden. Lipp sagt, ihr seien laufend Kompetenzen entzogen worden.

Kontakt mit Asylsuchenden untersagt

Als sie ihren neuen Chef über massive Probleme in Liegenschaften aufmerksam machte, habe ihr dieser einen Maulkorb verpasst. Lipp darf sich aus rechtlichen Gründen in der Öffentlichkeit nicht zu den Details äussern. «Man sagte mir, ich soll nicht darüber sprechen.» Erst als Mitarbeiter aus einem anderen Bereich Wind bekommen hätten und ein anderer Abteilungsleiter intervenierte, sei reagiert worden.

«Im Anschluss wurde ich abgestraft.» Ihr wurde im Gespräch von ihrem Teamleiter mehrmals vorgeworfen, sich unprofessionell zu verhalten. «Offenbar, weil ich mit den Menschen sprach und auch mal an einem freien Tag oder abends Mails las oder dringliche Anrufe von Asylsuchenden entgegennahm.» Den Austausch mit den Asylsuchenden sieht sie jedoch als Teil ihres Jobs. Lipp sagt, von ihrem Vorgesetzten und dem Abteilungsleiter sie ihr vorgeworfen worden, ihr fehle es an der Distanz zu den Klienten. Auch tröstende Umarmungen oder ein Schulterklopfer seien ihr von oberster Stelle beim DAF verboten worden.

Der Austausch mit Asylsuchenden sei ihr daraufhin von ihrem Teamleiter und dem Abteilungsleiter untersagt worden – sie sollte lediglich bei den Immobilien vorbeischauen und nach dem Rechten sehen. Immer wieder hätte sie vorzeitig Situationen in den Griff bekommen und so Kosten für den Steuerzahler sparen können. Stattdessen sei alles unter den Teppich gewischt worden. Dass Lipp von ihren Vorgesetzten offenbar schlecht behandelt wurde, wird zentralplus von einem Mitarbeiter der Dienststelle bestätigt. Aus Schutz vor beruflichen und persönlichen Konsequenzen möchte die Person anonym bleiben.

«Mein Chef interessierte sich nicht für die Flüchtlinge»

Lipp erzählt, sie sei bis zu dreimal in der Woche zu einer Sitzung aufgeboten und dort abgekanzelt worden. Für «Geschnatter» mit Kollegen in der Pause. Sie fühlte sich nicht ernst genommen, der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit fällt.

«Ich kann nicht verstehen, weshalb so jemand zum Teamleiter ernannt wird.»

Iris Lipp, Mitarbeiterin Grossliegenschaften DAF

Ihr Chef habe als Erstes jeden Vormittag ihr Arbeitszeitkonto kontrolliert. «Überstunden wurden mir verboten.» Einmal sei sie gar für Mehrstunden zurechtgewiesen worden, die sie im Auftrag des Abteilungsleiters machte. Am Schluss hätte sie gar ihr Arbeitstelefon jeden Abend persönlich beim Abteilungsleiter Flüeler abgeben müssen. «Dafür gibt es überhaupt keine Grundlage oder Weisung beim Kanton – das war absolut demütigend.» 

Ihr direkter Vorgesetzter sei völlig überfordert mit seiner Aufgabe, so ihr vernichtendes Urteil. «Der Sozialpädagoge arbeitete jahrelang als Missionar in Süd- und Mittelamerika und kann überhaupt nicht mit dem PC umgehen», sagt Lipp. Sie habe die meisten administrativen Aufgaben für ihn erledigt. «Ich kann nicht verstehen, weshalb so jemand zum Teamleiter ernannt wird.» Mit den Asylsuchenden habe er aufbrausend und von oben herab gesprochen. «Mein Chef interessierte sich nicht für die Flüchtlinge, wichtig war für ihn nur der Austausch mit den Gemeinden und den freiwilligen Helfern», so Lipp.

Interne HR-Abteilung soll Lipp abgewimmelt haben

Seine Unsicherheit habe er an ihr und den drei Kollegen ausgelassen. Für Lipp ist klar: «Ich wurde fertiggemacht, weil ich einen guten Job erledigte. Meiner Meinung nach hatte mein Chef grosse Angst, seinen Job zu verlieren, und wollte mich rausmobben», sagt sie. Denn weitere Entlassungen drohten, weil die Asylzahlen weiter sinken. Auch Abteilungsleiter Flüeler habe seine Aufsichtspflicht als Dienststellenleiter verletzt, findet Lipp. «Die Dienststelle wird wie eine Diktatur geführt», sagt Lipp.

«Ich werde meinen Job verlieren, aber ich will sowieso nicht mehr zurück.»

Iris Lipp, Mitarbeiterin Grossliegenschaften DAF

Weil sie innerhalb der Dienststelle keine Unterstützung erhielt, habe sie sich an die kantonale HR-Abteilung gewandt. Dort sagte der zuständige Mitarbeiter für Soziales und Gesundheit zu Lipp: Man könne ihr nicht helfen, gegen direkte Vorgesetzte könne man nicht vorgehen, sie würde in einer Verwaltung arbeiten. Sie solle sich an den Umgang gewöhnen oder künden. Auch in der Rechtsabteilung konnte man ihr nicht weiterhelfen. Es bleibt eine Rechnung von 400 Franken für die einstündige Telefonberatung.

Kanton äussert sich nicht zum Fall

Selbst die kantonale Mobbing-Fachstelle habe ihr lediglich geraten, nicht mehr zur Arbeit zu gehen. Lipp lässt das nicht auf sich sitzen und wird ihren Chef anzeigen. «Ich werde meinen Job verlieren, aber ich will sowieso nicht mehr zurück», sagt Lipp, ohne mit der Wimper zu zucken. Trotz zweimaliger Nachfrage in den vergangenen vier Wochen habe sie von ihrem Abteilungsleiter Flüeler kein Zwischenzeugnis erhalten, das ihr rechtlich zusteht.

Departementssekretär Erwin Roos sagt, gemäss Verordnung zum Personalgesetz könne eine Betroffene die Schlichtungsstelle anrufen, um Streitigkeiten, die sich aus ihrem Arbeitsverhältnis ergeben, zu bereinigen. Inhaltlich könne man zu den Aussagen nicht Stellung nehmen, weil der Kanton Personalangelegenheiten nicht öffentlich verhandelt; damit würden die Rechte der betroffenen Personen verletzt. Roos sagt, man gehe Hinweisen auf mögliche Verletzungen von Dienstpflichten in jedem Falle nach.

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1 Kommentare
  1. Rudi Adler, 04.07.2018, 07:32 Uhr

    also irgendwo muss man halt schon sich an gewisse Richtlinien halten. Die zu nahe Kontaktaufnahme ist eigentlich nicht die perfekte Betreuung. Alles nur dem Arbeitgeber in die Schuhe schieben kann man auch nicht.