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Neue Praxis für Transsexuelle
  • Gesellschaft
Jil Lüscher hat ihren ganz persönlichen «Masterplan». (Bild: bra)

Im falschen Körper Neue Praxis für Transsexuelle

5 min Lesezeit 1 Kommentar 16.09.2013, 06:00 Uhr

In Luzern erhalten Transmenschen bald professionelle Betreuung. Jil Lüscher beschreibt, weshalb das auf dem Weg von «männlich» zu «weiblich» so wichtig ist.

Es handelt sich auch in Fachkreisen um die Exoten unserer Gesellschaft. «Transsexuelle haben es schwer, eine vernünftige Betreuung zu finden», sagt Psychiater Horst Haupt, der an der Luzerner Tribschenstrasse eine Praxis führt. Er reklamiert, dass für Transmenschen generell ein «massiver Versorgungsmangel» herrsche. Und er geht mit seiner eigenen Zunft hart ist Gericht: «Die meisten Psychiater oder Psychologen weigern sich, diese Fälle aufzunehmen». Auch seien häufig wichtige Fachkenntnisse nicht vorhanden. «Sogar Hausärzte reagieren mitunter verständnislos oder gar transphob», meint er. 

Horst Haupt arbeitet seit knapp einem Jahr daran, ein Netzwerk mit Spezialisten für die Zentralschweiz zusammenzustellen. Er betreut zurzeit zehn Zentralschweizer Patienten mit der Diagonse «transsexuell». «Die Praxis ist noch in der Gründungsphase», wie er erklärt. Aber noch im Herbst möchte er das offizielle «Outing» seiner Arbeitsgruppe.

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Eine Alternative zu Zürich oder Basel?

Eine bekannte Betroffene aus Luzern ist Jil Lüscher. Als sie ihren ganz persönlichen «Masterplan» – den Weg vom Mann zur Frau – startete, wusste sie noch nicht, dass eine Arbeitsgruppe für die Zentralschweiz entstehen wird. «Für diejenigen, die noch am Anfang ihres Weges stehen, könnte ein solches Netzwerk durchaus Sinn machen», meint sie.

Jil Lüschers Ziel ist es, bis spätestens in fünf Jahren die “Hardware Körper” der “Software Gefühl” angepasst zu haben. Sprich auch äusserlich so weiblich zu sein, dass die Frage Mann oder Frau kein Thema mehr ist. Den Zwischenstand nach acht Monaten beurteilt sie als «ganz passabel». Neben den Ärzten stehen ihr gute Freundinnen und Freunde zur Seite. «Mein Wandel ist mit sehr vielen schönen Momenten verbunden. Es ist alles sehr befreiend», sagt sie.

Für die Koordination zwischen unterschiedlichen Ärzten ist sie am Universitätsspital in Zürich eingeschrieben. Eine «Transition» benötigt eine ganze Reihe von Fachkräften: Hausarzt, Psychiater, Hautärzte, Frauenärzte, Chirurgen oder Hormon-Spezialisten. In der Regel dauert eine Begleitung bis zur geschlechtsanpassenden Operation zwei Jahre. Der Weg vom einen Geschlecht zum anderen ist komplex und entsprechend kostenintensiv: Mit der Diagnose übernehmen die Krankenkassen einen Teil der Gesamtkosten von 30’000 bis 40’000 Franken.

Das Outing ist das Schwierigste

Der Vorname von Jil war 55 Jahre lang Jörg. Nun wird sie zunehmend weiblicher und ist mit ihrer jetzigen Auftreten bereits eine Frau: Nach einem Training in der Logopädie spricht sie nun mit hoher Stimme. Sie trägt eine blonde Echthaarperücke und enge Jeans, sie betont ihre langen und schlanken Beine. Elegant geht sie in schwarzen High-Heels. Und durch die gezielte Behandlung mit Hormonen – ein Gel mit Östrogen und Tabletten mit Testosteronblocker – ist ihre Haut weich geworden. «Meine Oberarme waren früher viel muskulöser», sagt die Transfrau. Jetzt sind sie schmal, grazil und geradlinig.

Der wichtigste Schritt für Jil Lüscher – und auch die höchste Hürde – war das Comingout vor acht Monaten. Die Erklärung an das persönliche Umfeld, an die langjährige Lebenspartnerin und an die Tochter aus früherer Beziehung, das fiel ihr schwer. «Aber ich musste endlich leben, was ich innerlich schon immer gefühlt hatte.»

Die Tochter trifft ihren neuen Vater bald

Jil Lüscher macht einen sehr glücklichen Eindruck. Sie scheint mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Doch der Preis für das neue Lebensgefühl ist hoch. Ihre Stimme beginnt zu zittern, wenn sie davon spricht: «Ich habe meiner Lebenspartnerin den Boden unter den Füssen weggezogen. Sie hat ihren Partner verloren. Wir fühlen gegenseitig nach wie vor tiefe Freundschaft, Respekt und Ehrfurcht und wir sind füreinander da. Sie bleibt für mich die wichtigste Person in diesem Prozess.»

Es gehe nun Schritt für Schritt vorwärts. Das Paar lebt immer noch zusammen in der gemeinsamen Wohnung, in einer Art WG. Noch vor einem Monat waren beide von sich aus nicht bereit, sich gemeinsam in der Öffentlichkeit zu zeigen. Inzwischen besuchen sie als «Freundinnen» öffentliche oder private Anlässe und nehmen auch Einladungen von Bekannten an. Diese Begegnungen seien sehr herzlich, spannend und voller Humor: «Nicht selten höre ich, diese nicht alltägliche Situation sei so bereichernd für sie. Für mich sind solche Worte das Schönste überhaupt.»

Ein Treffen von Frau zu Frau mit der zwanzigjährigen Tochter blieb bis anhin aus. Nicht, weil sie mit der krassen Veränderung ihres Vaters nicht einverstanden wäre. «Sie akzeptiert es und geht aus meiner Sicht erstaunlich reif damit um. Nur möchte sie Jil einfach nicht unvorbereitet treffen.» Eine Begegnung im Schutz eines Psychologen ist aufgegleist – auf Wunsch der Tochter.

Schöne Reaktionen am Arbeitsplatz

Dass sich Jil Lüscher auch für Transparenz am Arbeitsplatz entschieden hat, sei ganz wichtig gewesen, sagt sie. «Meine Kolleginnen und Kollegen haben es akzeptiert und mein Arbeitgeber steht zu mir», freut sie sich. «Es ist der Hammer. Ich kann meinen Job ungezwungen als Frau ausüben.»  Als Chefredakteurin der Wochenzeitung «Anzeiger Luzern» steht sie mit ihrer Wandlung voll und ganz in der Öffentlichkeit.

 Entsprechend gab und gibt es immer wieder Reaktionen auf ihren Weg: Mails, Karten, Briefe, Anrufe, Facebook-Freundschaftsanfragen. Nur zwei von bisher über hundert Rückmeldungen seien negativ gewesen. «Mit einer solchen Flut an positiven Reaktionen durfte ich nicht rechnen.» Es sei wie ein Toleranz-Indikator der regionalen Gesellschaft, «die offensichtlich von einem weltoffenen, toleranten Geist beseelt ist», freut sich Jil Lüscher.

Es gibt – immer seltener werdende – Momente, in denen Jil Lüscher am Erfolg ihrer Entscheidung zweifelt. «Kann ich den Kampf um meine gefühlte Identität je gewinnen?» Diese Frage reisse sie jeweils in ein tiefes psychisches Loch. «Dann habe ich mich emotional nicht mehr im Griff und muss einfach drauflosheulen. Vor allem, wenn ich alleine bin.» Mit diesem Auf und Ab – mit der neuen hormonellen Gefühlswelt – müsse und könne sie aber immer besser leben.

Der Änderungsprozess des Vornamens ist amtlich eingeleitet und auch die geschlechtsanpassende Operation wird in den kommenden Tagen terminlich fixiert. «Die Leitungen werden bald untertags verlegt», scherzt sie. Vor dem Eingriff habe sie keine Angst. Im Gegenteil: Sie freue sich.

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1 Kommentare
  1. Irina Studhalter, 16.09.2013, 10:04 Uhr

    Ich habe mit grosser Freude festgestellt, dass ihr von ‘ihr’ schreibt, wenn es um Jil Lüscher geht. Mir ist das kürzlich im Zusammenhang mit dem Outing von Chelsea Manning (früher Bradley Manning) sehr negativ aufgefallen. Dort berichteten die Medien durchgehend von ‘ihm’. Daumen hoch für Fairness und Respekt!