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Neubau im Bruchquartier provoziert Widerstand
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Das Haus an der Gibraltarstrasse 4 ist in schlechtem Zustand – und soll ersetzt werden. (Bild: jwy)

«Gibi 4» in Luzern soll höherem Haus weichen Neubau im Bruchquartier provoziert Widerstand

6 min Lesezeit 3 Kommentare 21.08.2019, 10:43 Uhr

Ein erhaltenswertes 150-jähriges Haus soll einem Neubau weichen. Anwohnerinnen fürchten um den Charakter des Quartiers. Der Besitzer und Architekt sieht keine andere Wahl als den Abriss.

Die Gibraltarstrasse ist eine jener innerstädtischen Oasen, in der Kreative und Kleingewerbler noch bezahlbare Räume finden. Nun ragt mitten in diesem Mikrokosmos ein Baugespann über 20 Meter in die Höhe.

Dem alten Haus, Baujahr 1865, an der Gibraltarstrasse 4 soll es an den Kragen gehen: Die Eigentümer planen anstelle des dreistöckigen Hauses einen sechsgeschossigen Neubau mit 12 kleinen Wohnungen und insgesamt 20 Zimmern. 2020 könnte der Abriss starten – je nach Einsprachen und Verzögerungen.

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Geht Quartiermentalität verloren?

Denn das Vorhaben provoziert den Widerstand der Nachbarschaft. Diese fürchtet sich vor einer Umwälzung: Dass der Neubau des «Gibi 4» die Dimensionen und den Charakter des Quartiers mit seiner «Kleingewerbementalität» sprengt. «Wir finden es eine Katastrophe», sagt Cécile Fuchs, die von ihrer Wohnung an der Bruchstrasse auf das Baugespann blickt. Sie organisiert zusammen mit einer weiteren Anwohnerin eine Unterschriftensammlung gegen das Bauprojekt.

«Der Grundtenor ist klar: Wir wollen das nicht.»

Cécile Fuchs, Anwohnerin

Mieterinnen, Hausbesitzer, Gewerbe: Für die Nachbarschaft sei das Projekt ein Affront. «Da wird einfach ein Pflock hingestellt und überhaupt nicht auf die Bedürfnisse des Quartiers eingegangen», sagt sie.

So wie auf der Visualisierung soll der Neubau an der Gibraltarstrasse 4 aussehen. (Bild: zvg)

Ihre Argumente:

  • Das alte Gebäude sei erhaltenswert, darum müsse ein adäquater Neubau geplant werden. Der jetzige Plan widerspreche den Vorgaben der Denkmalpflege.
  • Das dicht bebaute Quartier würde durch den höheren Neubau in seiner Lebensqualität eingeschränkt, die Folgen wären «massiv weniger Licht und Sonne».
  • Das Quartierleben würde anonymisiert: «Das Leben, so wie es im Quartier bislang gelebt wurde, wird mit solchen Bauten nacheinander zerfallen. Das Quartier entfremdet sich.» Sie befürchten, dass gut verdienende Singles in die Wohnungen ziehen werden und die Mietkosten in die Höhe treiben.

Sie würden sich nicht per se gegen verdichtetes Bauen wehren, sagt Cécile Fuchs. Aber im ohnehin schon verdichteten Quartier komme höchstens eine moderate Aufstockung in Frage. Über eine grünere und weniger hohe Alternative könne man durchaus diskutieren, sagt sie.

Wut und Widerstand

Das Baugesuch liegt noch bis Ende August bei der Stadt Luzern auf, darum geben die Anwohnerinnen Gas: Sie wollen möglichst viele Leute aus dem Quartier erreichen und haben einen Brief an Baudirektorin Manuela Jost geschrieben.

Auch andere private Hausbesitzer ziehen mit, Cécile Fuchs beschreibt die Stimmung im Quartier zwischen Schock, Wut und Widerstand. «Der Grundtenor ist klar: Wir wollen das nicht», sagt sie.

Kommt die Opposition zu spät?

Eigentümer ist das Büro Vier von Architekt Alexander Galliker, der sein Büro auch in der Gibraltarstrasse hat und das Quartier gut kennt. Er könne nachvollziehen, dass die Anwohnerinnen und Anwohner Veränderungen skeptisch und verunsichert gegenüberstehen.

«Politischer Widerstand hätte aber geleistet werden sollen, als die gesetzlichen Grundlagen – der Zonenplan – vor ein paar Jahren im Mitwirkungsverfahren entwickelt und per Abstimmung von den Luzernerinnen und Luzernern angenommen wurde», sagt er und hält fest: «Das Projekt hält sämtliche Normen und Vorschriften ein.»

Galliker habe sich viele Gedanken gemacht im Zusammenhang mit dem Projekt und suche einen sensiblen Umgang damit. Zusammen mit dem angrenzenden Atelierbau 4a, der ebenfalls Galliker gehört und erhalten bleibt, wird ein neues Ensemble geformt. «Der Neubau fügt sich zurückhaltend ins Quartier, seine Höhe entspricht mehreren angrenzenden Nachbargebäuden, und wir haben uns in der Formensprache den bisherigen Gebäuden angeglichen», so der Architekt.

So sieht das Baugespann aus der Nachbarschaft aus – diese wehren sich gegen den Neubau. (Bild: zvg)

Tradition des Blockrands

In Bezug auf Höhe, Fassade und Farbgestaltung bezieht sich der Neubau auf den umliegenden Blockrand – speziell auf das Gebäude «Elfriede» an der Ecke Bruchstrasse/Klosterstrasse. Dieses steht auf der Liste der kantonalen Kulturgüter und ist somit geschützt.

Das «Gibi 4» hingegen ist «nur» als erhaltenswert eingestuft. Im kantonalen Bauinventar heisst es, das Haus habe trotz Veränderungen «historische Substanz und sein wohlproportioniertes Erscheinungsbild in den wesentlichen Elementen erhalten».

Es sei leider in den 80ern massiv «umgebaut und ausgekernt» worden, sagt Galliker. Zudem habe sich das Haus abgesenkt, weil das Fundament instabil sei. Eine Aufstockung und Unterkellerung des bestehenden Gebäudes erachtet er – soweit überhaupt möglich – als nicht verhältnismässig und wirtschaftlich. «Eine Stabilisierung, Aufstockung und Sanierung des bestehenden Hauses würde kostenmässig eher zu Luxuswohnungen führen», sagt er.

Bekannter Streit

Es ist nicht der erste Streit darüber, ob erhaltenswerte Gebäude abgerissen werden dürfen. Prominentestes Beispiel sind die beiden unbewohnten Bodum-Villen an der Obergrundstrasse.

Beim Widerstand der Gibraltarstrasse denkt man unweigerlich auch an die Steinenstrasse auf der anderen Seite der Stadt: Dort wehren sich Anwohner gegen einen Hotel-Neubau, der aus ihrer Sicht zu dominant ist (zentralplus berichtete). Auch dort ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Weitere Bauprojekte könnten folgen

In der Gibraltarstrasse wird wohl auch das vergleichbare Nachbarhaus an der Nummer 2 in Zukunft einem Neubau weichen. Ein Zusammenbau der beiden Grundstücke kam jedoch nicht zustande.

«Der Erhalt der Szene bedeutet mir sehr viel, auch persönlich.»

Alexander Galliker, Architekt

«Die Gibraltarstrasse befindet sich wie alle Strassen der Stadt in einem Wandel», sagt Galliker. Er kenne viele seiner Mieterinnen und Mieter sehr gut und durch seine eigene Nähe wisse er um die Bedeutung und den Stellenwert der Strasse als Bindeglied zwischen verschiedenen Kulturen, Lebensweisen und Epochen.

«Der Erhalt der Szene bedeutet mir sehr viel, auch persönlich», sagt Galliker. Er hat deshalb bereits einen ersten Raum in der ehemaligen Molkerei, wo er sein Büro hat, saniert, um einem Künstler an der Gibraltarstrasse 4 ein Ersatzatelier anzubieten. «Lösungen für andere Mieter sind angedacht, um sie im Quartier zu behalten», verspricht er.

Kosten von 1,75 Millionen

Heute befinden sich im alten Haus «Gibi 4» neben Wohnungen auch Büros – der Neubau hingegen soll ein reines Wohnhaus werden: Hauptsächlich 1- und 2-Zimmer- sowie eine 3-Zimmer-Wohnung. Der Inhaber rechnet mit Baukosten von rund 1,75 Millionen Franken.

Wie teuer die Mieten sein werden, kann Galliker noch nicht sagen, aber er verspricht bezahlbare Wohnungen für Einzelpersonen oder Paare. «Ich kenne den Markt im Quartier sehr gut», sagt er.

Der Neubau knüpft an die Höhe von anderen Bauten im Quartier an. (Bild: zvg)

Velos statt Autos

Das Konzept des Neubaus entspricht durchaus dem modernen urbanen Bauen: Auf dem begrünten Flachdach soll es Solarzellen geben, im begrünten Innenhof Veloparkplätze. Auf Auto-Parkplätze will der Architekt verzichten und setzt auf eine Bewohnerschaft, die mit ÖV und Velo unterwegs ist. «Verdichtetes Bauen entspricht den ökologischen Erfordernissen der Zeit», begründet er das Projekt.

Die Anwohnerinnen befürchten hingegen sehr gut verdienende Singles, Expats und Airbnb-Wohnungen. «Ich glaube nicht, dass es günstige Wohnungen geben wird», sagt Cécile Fuchs.

Trotz der Unsicherheiten und absehbaren Einsprachen: Alexander Galliker rechnet nach der Baubewilligung mit einem Baubeginn in den nächsten zwei Jahren.

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3 Kommentare
  1. Jörg Müller, 22.08.2019, 17:00 Uhr

    Wenn ich nur den Neubau diesen Ekelhaften Klotz sehe, kriege ich das Grauen, und kann die Stadt nur dazu Aufrufen zur Vernunft zu kommen, und so etwas nie und nimmer zu Bewilligen, und Zimmer wohl Stunden Zimmer, ein Neubau dan soll er max 4 Etagen haben mit Giebeldach,, ein Quartier darf durch so was nicht verschandelt werden, diesen Grusiger klotz passt zu Kriens Schweighof oder Matthof, wie kommt ein gesunder Menschenverstand so was nur zu präsentieren,

  2. Joseph de Mol, 21.08.2019, 11:15 Uhr

    Die Opponenten könnten hier, wie in Luzern seit Jahren üblich und bestens als “Kampf- und Rhetorikmittel” anerkannt, zum Mittel der “Hausbesetzung” greifen. Wird in der Stadt Luzern äusserst erfolgreich, nachhaltig und “resolut” eingesetzt. Ich bin gespannt, ob der Eigentümer Galliker auch so nachsichtig und tolerant wie die Stadt Luzern mit ihren eigenen Besetzern in städtischen Liegenschaften (also de facto das Eigentum der Allgemeinheit) umgehen würde.

  3. Kasimir Pfyffer, 21.08.2019, 11:13 Uhr

    Rüüdig hässlich, dieser Klotz, eine echte Zumutung. Hoffen wir, dass dieser Kelch an der Gibraltarstrasse vorbeigeht. Es wird allerdings mehr Druck von unten brauchen als ein nettes Brieflein an Manuela Jost Die liebe Frau Baudirektorin scheint ihr Amt primär innezuhaben, statt es auszuüben. Wie politisches Gestalten aussieht, könnte sie sich bei Adrian Borgula abgucken. Der macht was für seinen von uns bezahlten Lohn.