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Nettes Miteinander im derben Mittelalter
  • Gesellschaft
Schwester Mattia Fähndrich und der reformierte Pfarrer Andreas Haas spielten einander den Ball gekonnt zu. (Bild: Remo Wiegand)

Gottesdienst im Test: Pfarrei St. Michael, Zug Nettes Miteinander im derben Mittelalter

5 min Lesezeit 29.01.2017, 10:33 Uhr

Das arme Kleinstädtchen Zug leidet unter Wachstum und Dichtestress. Die Kirche geht beispielhaft voran und schrumpft: So findet der Gottesdienst der Pfarrei St. Michael mittlerweile in der kleineren Altstadt-Kirche St. Oswald statt. Gottlob! Denn dort gibt’s ein Schauspiel voller Überraschungen.

Das Geständnis gleich zu Beginn: Ich habe mich in diesen Gottesdienst verliebt. Was folgt, ist daher mit Vorsicht zu geniessen, weil unweigerlich durch die rosarote Brille der Verzückung geschrieben.

Die Objekte meiner Begierde sind in der Kirche St. Oswald in Sandstein gemeisselt: Es schreit, sie glotzt, er verdreht seufzend die Augen. Sie jauchzt, er grölt, es bellt. Dutzende von unheimlich plastischen Figuren zieren das Innere und das Äussere der spätgotischen Kirche (erbaut zwischen 1477 und 1545). Heilige mischen sich mit Witzfiguren, stolze Kaufleute posieren neben furchterregenden Höllenhunden.

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Man befindet sich mitten im Getümmel pulsierenden mittelalterlichen Lebens, man hört Schreie und Lachen auf dem Marktplatz, riecht Schafe und Schweiss. Man fühlt die reichen Fantasiewelten mit, die Lebensfreude und die Todesängste der Menschen. Das pralle Leben füllt als göttliche Komödie die Kirche aus. Die historischen Kulissen sind die vorwitzigen Statisten der Gegenwart. Was an diesem Sonntag vor ihren Augen wohl gespielt wird?

Eine der zahlreichen eindrücklichen Figuren, die das Innere und Äussere der spätgotischen Kirche zieren.

Eine der zahlreichen eindrücklichen Figuren, die das Innere und Äussere der spätgotischen Kirche zieren.

(Bild: zvg)

Erster Akt: Der Einzug

Orgelmusik erklingt. Die erste dramaturgische Überraschung: Ein reformierter Pfarrer schreitet durch den Mittelgang zum Altar, begleitet von einer katholischen Ordensschwester. Es ist «Gebetswoche für die Einheit der Christen», die Tradition will, dass reformierte und katholische Geistliche dann in den Schwesterkirchen vorbeischauen.

Der Gottesdienst
  • Ort: Kirche St. Oswald, Zug
  • Zeit: 22. Januar, 10 Uhr
  • Länge: 56 Minuten
  • Team: Pastoralassistentin Sr. Mattia Fähndrich, Pfarrer Andreas Haas (reformiert), drei Ministranten
  • Volk: ca. 80 Personen
  • Thema: Der Pfarrer, die Ordensfrau und die Liebe

Oft genug verkamen diese gutgemeinten ökumenischen Gottesdienste in der Vergangenheit allerdings zu harmlos-höflichen Anstandsbesuchen ohne rituellen Tiefgang. Der würdevolle Einzug hier lässt allerdings hoffen. Es ist ein schönes Bild, wie Mann und Frau – beide schwarz-weiss gekleidet, sie im Ordensgewand, er im Talar – zum Altar schreiten. Würdevoll ist auch, wie konsequent Pfarrer Andreas Haas auf katholische Formalien verzichtet: Keine Verneigung vor dem Altar, kein Kreuzzeichen, nur stummes Dasein.

Zweiter Akt: Das Gebet

Schwester Mattia und Pfarrer Haas verzichten auf eine bemühende Begrüssungslitanei (warum man jetzt zusammen, obwohl man doch getrennt, aber irgendwie in Christus und im Himmel immer zusammen…) Sie tun das, was Christen am besten können (sollten): Sie beten. Das Leitwort des Gottesdienstes lautet: «Die Liebe Christi drängt uns». Es entstammt einem flammenden Appell des Apostels Paulus zur Versöhnung untereinander und mit Gott.

Die Ministranten verbringen einen ruhigen Sonntag.

Die Ministranten verbringen einen ruhigen Sonntag.

(Bild: Remo Wiegand)

«Es gäbe so viel zu versöhnen, Gott…», fleht Pfarrer Haas, im privaten Umfeld, in unserer Stadt, auf der Welt! Während der reformierte Gast sein engagiertes Ringen mit Gott mit rudernden Armen unterstreicht, markiert die Katholikin daneben ruhige Gelassenheit. Er schreit das Elend gen Himmel, sie macht Hoffnung, dass die Gebete dort erhört werden.

Dritter Akt: Die Predigt

Wieder bringen sich Pfarrer und Schwester gemeinsam am Mikrofon in Stellung. Eine Dialogpredigt beginnt. Verschiedene Übersetzungen des obigen Pauluswortes werden vorgelesen, mal drängt sie uns, die Liebe Christi, mal bewegt sie, mal zwingt sie den Christen gar zum Handeln. «Wie verstehst Du diese Liebe Gottes, Andreas?» spielt Schwester Mattia den Ball dem Kollegen zu. Der spielt ihn wieder zurück.

Die Kirche St. Oswald in Zug mit ihrer historischen Kulisse weiss zu gefallen.

Die Kirche St. Oswald in Zug mit ihrer historischen Kulisse weiss zu gefallen.

(Bild: Remo Wiegand)

So geht das ein paar Mal hin und her. Man hört vom Unterschied zwischen der Liebe auf Befehl und der Liebe, die von innen kommt, vernimmt Beispiele von Versöhnung von Südafrika bis ins Val Müstair und landet letztlich bei der beispielhaft versöhnten Christenheit.

Allerdings fehlt dem Gespräch die Spannung. Die katholische Pastoralassistentin und der reformierte Pfarrer mögen sich offenkundig zu gut (oder kennen sich dann doch nicht gut genug), um sich mit Widerspruch oder kecken Fragen herauszufordern.

Vierter Akt: Das Ritual

Was das christliche Ying- und Yang-Paar drauf hat, zeigt sich danach erneut: Als man schon befürchtet, der Gottesdienst werde wieder zur reinen Frontalveranstaltung, heissen Pfarrer und Schwester das Volk nach vorne kommen. Was folgt, ist ein genial einfaches Ritual: Man steht an, wie man sich bei den Katholiken gewohnt ist, um den Leib Christi abzuholen. Vorne aber erhält man ein Kärtchen mit einer der möglichen Übersetzungen des Paulus-Wortes.

Ich erwische die Kolonne mit Pfarrer Haas, der mir den Satz zuraunt: «Was immer wir tun, tun wir, weil die Liebe Christi uns bewegt.» Ich stehe da und bin angesprochen. Diese Liebe meint mich! Haas’ Zusage ist Seelsorge im Mini-Format. Amen.

Die Kommunion wird zur Seelsorge im Mini-Format.

Die Kommunion wird zur Seelsorge im Mini-Format.

(Bild: Remo Wiegand)

Der Gottesdienst endet, wie er begonnen hat: mit tiefgründigen Gebetstexten. Zuletzt bittet Schwester Mattia um den Frieden Christi, der uns «Mut zum Dunkel und Lust am Leben» mache. Wir singen, es segnet. Irgendwo kichert dazu in den Gemäuern eine dieser frechen Fratzen. Ich schaue verstohlen in ihre Richtung. Hat sie mir jetzt eben zugezwinkert?

Kurzbewertung (1 bis 5)

Predigt:

Gut gemeinte Dialogpredigt, die nicht in die Gänge kommt. Dem abstrakten Thema «Liebe» fehlt der rote Faden.
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Persönlichkeit (Pastoralassistentin Sr. Mattia Fähndrich und Pfarrer Andreas Haas): 

Eindrücklich! Präsent, seelsorgerlich und schamlos sehnsüchtig. Bisweilen würde ein wenig Leichtigkeit nicht schaden. 
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Musik: 

Kräftige Begleitung. Bei «Weit wie das Meer», dem schönsten aller melancholischen Kirchenlieder, für meinen Geschmack deutlich zu schnell.
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Feierlichkeit: 

Kein Abendmahl, kein Weihrauch: Die armen Ministranten haben herzlich wenig zu tun. Zum Glück gibt’s das sehr gelungene Ritual mit den Bibel-Sätzen.
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Kirchenraum:

Was waren das für Genies, die im 15. Jahrhundert solche Skulpturen aus dem Stein zauberten, dass man sich noch heute mit ihnen verbunden weiss?
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Integrationsfaktor: 

Herzlicher Friedensgruss, persönliches Adieu an der Pforte und Einladung zum Kirchenkaffee. Leider finde ich das Pfarreizentrum nicht, nachdem ich allen Statuen noch Lebewohl gesagt habe.

Gesamterlebnis:
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Die Kulisse führt den Besucher mitten ins Getümmel pulsierenden mittelalterlichen Lebens.

Die Kulisse führt den Besucher mitten ins Getümmel pulsierenden mittelalterlichen Lebens.

(Bild: Remo Wiegand)

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