Neonazis marschieren in Sempach auf – Luzerner Polizei greift nicht ein
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Aufmarsch beim Winkelried-Denkmal in Sempach: Rund 70 Rechtsextreme feiern und die Behörden schauen zu. (Bild: Telegram)

Brauner Mob feiert rechtsextreme Gedenkfeier Neonazis marschieren in Sempach auf – Luzerner Polizei greift nicht ein

7 min Lesezeit 15 Kommentare 15.07.2021, 05:00 Uhr

In Sempach sind am vergangenen Wochenende rund 70 Neonazis aufmarschiert. Unbehelligt von den Behörden hielt der braune Mob beim Winkelried-Denkmal eine rechtsextreme Gedenkfeier zur Schlacht bei Sempach ab. Infolge der zentralplus-Recherchen hat der Kanton Luzern jetzt entsprechende Nachforschungen aufgenommen.

Dutzende Rechtsradikale sind am Wochenende zum Winkelried-Denkmal in Sempach gepilgert. Anlass für den Aufmarsch war eine von Neonazikreisen organisierte Gedenkfeier zur Schlacht bei Sempach – kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren wurde das Sempacher Schlachtgelände immer wieder zum Mekka von Neonazis. Das weiss auch der Sempacher Stadtpräsident Jürg Aebi.

«In den vergangenen Jahren haben sich hier immer wieder Neonazis anlässlich des Gedenktags versammelt», sagt Aebi zu zentralplus. Dass es vergangenen Samstag nun abermals zu einem Neonaziaufmarsch in Sempach gekommen ist, davon habe Aebi allerdings «bisher keine Kenntnis gehabt». Der Luzerner Polizei hingegen war es bekannt, dass am Wochenende eine Kranzniederlegung geplant war, wie diese auf Anfrage von zentralplus bestätigt. «Der genaue Tag und der Zeitpunkt waren uns nicht bekannt», sagt Urs Wigger, Sprecher der Luzerner Polizei.

Schweizer Neonazis zelebrieren in Sempach Schlachtfeier – unbehelligt von den Behörden

Die Schlacht bei Sempach, die auf den 9. Juli 1386 datiert wird, gilt als eine der historisch bedeutsamsten in der Geschichte der Eidgenossenschaft. Sie markiert den Höhepunkt des Konflikts zwischen Eidgenossen und Habsburgern. Nicht zuletzt ging aus ihr die Heldensage um Arnold von Winkelried hervor. Dem Mythos zufolge soll er sich in die Speere der Habsburger gestürzt haben, um seinen Landsleuten den Weg zum Sieg freizumachen. Noch bis heute dauert der Heldenkult um Winkelried an.

«Dieser Krieg hat auf beiden Seiten viele Opfer gefordert. Wir gedenken nicht nur der gefallenen Eidgenossen, sondern auch den Habsburgern», sagt Aebi. So auch am vorletzten Wochenende, als die offizielle Gedenkfeier Sempach – aufgrund von Corona im geschlossenen Rahmen – stattfand. Abseits der offiziellen Feierlichkeiten und eine Woche später marschierten dann die Neonazis in der Luzerner Gemeinde auf. Dabei trugen Neonazis aus der ganzen Schweiz – von den Behörden unbehelligt – ihre rechtsradikale Gesinnung in Sempach zur Schau.

Über den braunen Besuch zeigt sich der Sempacher Stadtpräsident wenig erfreut. Aebi moniert, dass Rechtsradikale den Charakter der Feier, in der es eigentlich um die Gefallenen auf beiden Seiten geht, für ihre Zwecke politisch instrumentalisieren. «Wir verurteilen Extreme. Und sind alles andere als erfreut darüber, dass sich Rechtsradikale in unserer Gemeinde treffen», so Aebi weiter.

Teilnehmer des rechtsextremen Aufmarschs haben Verbindung zu Neonazi-Terrornetzwerk

Organisiert wurde die Neonaziveranstaltung – wie auch schon in den Jahren zuvor – von der Nationalen Aktionsfront NAF. Die Gruppierung wurde 2014 gegründet und ist seither immer wieder in der Deutschschweiz aktiv.

Auf einer Aufnahme, die den Aufmarsch in Sempach zeigt, ist der Walliser Elektromechaniker Silvan G.* zu sehen. Der Rechtsradikale ist Mitglied des in Deutschland verbotenen Neonazinetzwerks «Blood & Honour». Er pflegt zudem enge Beziehungen zu «Combat 18» – der «Kampftruppe Adolf Hitler», dem militanten Flügel des Neonazinetzwerks. Dabei steht die «1» für den ersten Buchstaben des Alphabets, also Adolf und die Zahl «8» entsprechend für «H» wie Hitler.

C18 gilt als international agierendes Terrornetzwerk. Mit dem Schweizer Ableger der militanten Neonazigruppierung eng verbunden ist auch die rechtsextreme Zentralschweizer Bruderschaft «Brigade 8» aus dem Kanton Schwyz sowie die «Kameradschaft Heimattreu».

70 Rechtsextreme marschieren beim Winkelried-Denkmal auf

Treffpunkt der braunen Schar war der Schulhausplatz in Hildisrieden. Von dort aus marschierten die Rechtsradikalen zum Winkelried-Denkmal. Laut Luzerner Polizei waren am Samstag rund 70 Personen bei der Kranzniederlegung in Sempach anwesend. Die «Antifa Bern» berichtete zuvor von rund 90 Rechtsradikalen. Begleitet wurde der Aufmarsch in Sempach von einem Kameramann. Bei diesem soll es sich um den Anführer der Winterthurer «Eisenjugend Schweiz» und Mitglied der Neonazigruppe «Nationalistische Jugend Schweiz», Manuel C.*, der unter dem Pseudonym Eszil auftritt, gehandelt haben.

Der Jungneonazi und einstige Student der Hochschule der Künste Zürich (ZHdK) sorgte mit seinem Rauswurf von der Hochschule wegen der Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts schweizweit für Schlagzeilen. 2000 ZHdK-Studenten hatten daraufhin in einer Petition seinen Rauswurf gefordert – mit Erfolg.

Die mittlerweile aufgelöste «Eisenjugend» und die «Nationalistische Jugend Schweiz» haben sich unterdessen zur Neonazi-Nachwuchsgruppierung «Junge Tat» zusammengeschlossen. Im Vorfeld wurde der Rechtsextremen-Event in Sempach mit Flyern beworben – unter anderem auf dem Messenger-Dienst Telegram. So stand auf dem Programm «musikalische Unterhaltung» und ein «Nachmittagsprogramm bei schönem Wetter».

Rechtsradikale Walliser Musikerin singt an Sempacher Neonazi-Event

Recherchen von zentralplus zeigen: Auch die rechtsradikale Walliser Musikerin Naomi C.*, die unter dem Namen «Ewiger Sturm» auftritt, hat an der Neonaziveranstaltung teilgenommen. In der Rechtsradikalenszene ist sie längst keine Unbekannte mehr, trat früher unter dem Namen «Edelweiss 88» auf. Die Doppel-Acht gilt in rechten Kreisen als Code für den Neonazi-Gruss «Heil Hitler».

In den sozialen Medien teilt die Walliserin stolz Videos ihres Auftritts beim Sempacher Neonazi-Event, an dem sie Covers von bekannten deutschen Rechtsrockbands wie «Divison Germania» und «Frontalkraft» zum Besten gab. Letztere Band trat im Oktober 2016 beim grössten Neonazikonzert der Schweiz in den vergangenen Jahren im Toggenburg in Unterwasser auf (zentralplus berichtete).

Ebenfalls am Samstag in Sempach zugegen waren Anhänger der NAF-Jugend-Gruppe «Junge Tat» sowie Pnos-Mitglieder. In den sozialen Medien zelebriert die rechtsextreme Partei die Kranzniederlegung beim Winkelried-Denkmal mit den Worten: «In Erinnerung an die Schlacht von Sempach. Danke den Eidgenossen, die für uns gekämpft haben und jenen, die für uns kämpfen!» Begleitet wurden die Schweizer Neonazis von Gesinnungsgenossen der rechtsextremen deutschen Kleinpartei «Der III. Weg».

Brauner Mob feierte Schlacht bei Sempach – ohne Bewilligung

Unterbunden wurde der Rechtsextremen-Aufmarsch seitens der Behörden nicht. «Die Luzerner Polizei ist nicht Bewilligungsinstanz für eine Kranzniederlegung. Gemäss unserem Kenntnisstand ist eine Kranzniederlegung auch nicht bewilligungspflichtig», so der Luzerner Polizeisprecher.

Das «Reglement über die Benützung des Schlachtfeldes von Sempach» sieht allerdings vor, dass für eine öffentliche Veranstaltung auf dem Gelände eine Bewilligung notwendig ist. Eine entsprechende Anpassung wurde im Jahr 2013 erlassen. Ziel war es, so dem Kanton eine rechtliche Grundlage zu geben, um unbewilligte rechtsextreme Aufmärsche zu sanktionieren.

Bei der für die Bewilligung zuständigen Dienststelle Immobilien des Finanzdepartements des Kantons Luzern heisst es auf Anfrage von zentralplus, dass man erst nach dem Anlass Kenntnis erlangt habe, dass die Kranzniederlegung am besagten Wochenende stattgefunden hat.

Die Sprecherin des Luzerner Finanzdepartements Yasmin Kunz erklärt: «Als öffentliche Veranstaltung gilt jeder Anlass, zu dem ein unbestimmter Personenkreis eingeladen wird und der für jedermann zugänglich ist. Für die Kranzniederlegung der rechten Gruppierungen gab es gemäss unseres Wissens seitens der mutmasslichen Organisatoren keinen öffentlichen Aufruf in Sinne des Reglements.»

Kanton Luzern hat noch keine Anzeige gegen Neonaziveranstalter eingereicht

Wie Recherchen von zentralplus jedoch zeigen, ist das Gegenteil der Fall. Denn allein auf dem Telegram-Kanal von «Ewiger Sturm» wurde der von der Walliserin geteilte Veranstaltungsflyer von über 1000 Personen gesehen. Mit diesen Erkenntnissen konfrontiert, erklärt der Kanton Luzern auf Anfrage nun doch entsprechende Nachforschungen aufzunehmen. «Wir werden diese Informationen prüfen und anschliessend entscheiden, ob wir Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Widerhandlung gegen Paragraph 8a des Reglements über die Benutzung des Schlachtfeldes von Sempach erstatten», sagt Kunz.

Sollte eine Verletzung des Reglements festgestellt werden, kann diese mit einer Busse von bis zu 5000 Franken bestraft werden. Vorerst bleiben die Konsequenzen für den Aufmarsch der Rechtsradikalen beim Winkelried-Denkmal in Sempach also unklar. Ebenso wie die Frage, warum der rechtsextreme Anlass nicht bereits im Vorfeld von den Behörden im Keim erstickt wurde.

*Namen der Redaktion bekannt

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15 Kommentare
  1. Peter Limacher, 15.07.2021, 17:10 Uhr

    Ich finde die Formulierung «Mekka von Neonazis» sehr gelungen 😉

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  2. Fabian, 15.07.2021, 14:09 Uhr

    Die Luzerner Polizei hat bekanntlich selbst ein veritables Gewaltproblem in den eigenen Reihen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass nicht wenige der schikanösen Polizisten diese Gesinnung teilen.

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  3. Michel von der Schwand, 15.07.2021, 12:02 Uhr

    Sie stehen am Rand der Gesellschaft! Flacherdler, Holocaustleugner, Bescheurte und Bekloppte. Kleine hässliche Rassisten, welche tatsächlich glauben, dass sie an der Spitze der Nahrungskette stehen. Dabei sind es die Hilfsschüler von gestern. Es sind Menschen, die mit dem Kopf zu hart aufgeschlagen sind. Geschichtenverdreher. Nichts gelernt, nichts erreicht. Man kann es nicht genug betonen, aber solche Leute sind irrelevant, komplett irrelevant. Besorgt euch eine Arbeit oder noch besser besucht einen Geschichts-Unterricht für Analphabeten.

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  4. Marc, 15.07.2021, 11:14 Uhr

    Das machen die schon seit x Jahren und immer wird nur zugeschaut. Eine Schande, Grade auch für die offenbar auf dem rechten Auge blinde Luzerner Polizei.

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  5. Andy Bürkler, 15.07.2021, 11:07 Uhr

    Man sollte diese jämmerlichen Gestalten nicht grösser machen, als sie sind.
    Die Gefahren für Demokratie und Rechtsstaat kommen heute von woanders her.
    Dies zu benennen, bräuchte aber Mut.

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    1. Michel von der Schwand, 15.07.2021, 14:11 Uhr

      Die Untergrabung von Demokratie und Rechtsstaat erfolgt nachweislich von rechtsbürgerlicher Seite. Immer wieder versuchen deren Sympathisanten etwas anderes in die Welt zu setzen. Dabei haben sich rechtsbürgerliche Parteien nie von rechtsradikalen Gruppierungen distanziert. Im Gegenteil: Immer wieder wird deren Gesinnung verharmlost, so auch in ihrem Kommentar. Der geistige Müll dieser rechtsradikalen Gruppierungen gehört auf den Misthaufen. Nicht ohne Grund beobachtet der deutsche Verfassungsschutz übrigens eine AFD.

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    2. Andy Bürkler, 15.07.2021, 14:28 Uhr

      @Michel von der Schwand: Sie sagen doch oben inhaltlich dasselbe wie ich: «aber solche Leute sind irrelevant, komplett irrelevant».
      Was ist jetzt da der Unterschied? (Ausser Ihre Ausdrucksweise).
      Möchten Sie von etwas ablenken, dass Sie so «laut» sprechen?

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  6. Yan, 15.07.2021, 10:55 Uhr

    Man darf sich sammeln. Was ist denn los mit solchen Reaktionen? Gegen Islamofaszismus sagt man nichts.

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  7. schaltjahr, 15.07.2021, 08:43 Uhr

    Weder Linke, noch Rechte oder auch Fussballfans haben spezielle Rechte. Das sollte vor Allem den Justiz und Polizeidirektor dazu bewegen der Polizei klare Weisungen zu Erteilen. Leider geschah in der Vergangenheit genau das Gegenteil ( z.B. Cupfinal ) und das ist ein schlechtes Signal für den Kanton und die Sicherheit der Bevölkerung. Auch dem Polizeikommandanten würde es gut Anstehen sich einmal wieder zu Wort zu melden und sich vor seine Leute zu Stellen … Die sind nämlich völlig ohne klare Instruktionen und ohne Rückhalt der Führung ..

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  8. Melchior Hoffmann, 15.07.2021, 08:38 Uhr

    «Gemäss unserem Kenntnisstand ist eine Kranzniederlegung auch nicht bewilligungspflichtig.»

    Gut, die Luzerner Polizei war also nicht zuständig für die Bewilligung. Dennoch sträuben sich mir die Haare ob solcher Aussagen: Von der Polizei erwarte ich Bescheid zu wissen in diesen Belangen und sicher nicht, sich mit Annahmen zufriedenzugeben!

    Aber klar, da müsste man sich ja bequemen, und das wegen ein paar wenigen Rechtsextremen…

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  9. Max, 15.07.2021, 07:48 Uhr

    Gibt es schon eine Bezifferung des Ausmasses der Schäden? Oder gab es etwa gar keine? Einen solch langen Artikel wünscht man sich von Frau Rais zum nächsten 1. Mai ebenso. Alles Radikale ist schlecht.

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    1. Redaktion Redaktion zentralplus, 15.07.2021, 08:17 Uhr

      Möglichmacher von zentralplus können Artikelwünsche einreichen, über deren Umsetzung die Community anschliessend entscheidet. Jetzt mitmachen: https://www.zentralplus.ch/moeglichmacherin/

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  10. Sandra Klein, 15.07.2021, 07:44 Uhr

    Eine Schande für Sempach und für die Luzerner Polizei, die bei Rechtsextremismus am liebsten wegschaut.

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  11. Michel von der Schwand, 15.07.2021, 07:12 Uhr

    Eine kleine Gruppe geistig derangierter Volldeppen.

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  12. Ilmo, 15.07.2021, 07:06 Uhr

    Unglaublich, wie lasch die Polizei bei diesem Thema agiert… und dass es ein Newsportal braucht, bis sich was bewegt. In dem Sinne: Danke für die Arbeit, zentralplus!

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