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«Nein, eine solche Konzerthalle braucht es nicht»
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Die Sport- und Eventhalle soll Platz bieten für 4’000 Zuschauer. (Visualisierung: Raumgleiter AG, Zürich)

Taugt die Pilatusarena zum Konzerthotspot? «Nein, eine solche Konzerthalle braucht es nicht»

6 min Lesezeit 27.02.2018, 10:10 Uhr

Mit der Pilatusarena will Luzern auch für Konzerte eine Lücke schliessen: Bands sollen hier künftig vor 4’000 Zuschauern auftreten. Doch in Zürich gibt’s bereits mehrere Hallen in dieser Grösse. Veranstalter glauben deshalb kaum, dass man damit Bands nach Luzern locken kann.

Zwei Türme für eine Halle: Kriens adaptiert das Allmend-Modell und finanziert mit Wohntürmen seine Arena (zentralplus berichtete). In der Aufregung um die Türme – die höchsten der Zentralschweiz! – geht die geplante multifunktionale Halle fast vergessen.

In der Pilatusarena sollen neben Sport und Kongressen in Zukunft auch Konzerte und Events für rund 4’000 Zuschauer stattfinden (zentralplus berichtete).

Die funktionale Halle ist modular aufgebaut, die Zuschauertribünen können je nach Bedarf flexibel angeordnet werden. Endlich eine statthafte Halle mit «nationaler und internationaler Ausstrahlung», wie es von den Verantwortlichen vollmundig heisst. Endlich grössere Konzerte in einem guten Ambiente, «Events mit brodelnder Stimmung», versprechen die Macher. 2019 sollen die Bagger auffahren.

Es fehlt eine Halle für grosse Acts

Eine moderne Halle für grössere Popkonzerte fehlte bislang in Luzern, nur in der Klassik ist die Stadt Weltspitze. «Wir müssen versuchen, Konzerte mittlerer Grösse nach Luzern zu bringen», sagte etwa Toni Bucher, Verwaltungsratspräsident der Pilatus Arena AG, bei der Präsentation zu zentralplus.

Bisherige Konzerthallen sind kleiner, etwa der Luzerner Saal im KKL (maximal 1’800 Zuschauer), wo vor allem während des Blue Balls populäre Acts auftreten. Zwar hätten in der Allmend-Halle bis zu 6’000 Zuschauer Platz und es spielten schon Billy Idol, Katie Melua oder Bligg vor jeweils 4’500 Zuschauern. Aber die Atmosphäre ist eher für Schlager-Partys oder Hochzeitsmessen als für Konzerte geeignet.

Mid-Size-Hallen liegen im Trend

Eventhallen in dieser Grösse – so genannte Mid-Size-Locations – scheinen ein Bedürfnis. Vor gut einem Jahr hat in Zürich die Samsung Hall eröffnet mit 5’000 Plätzen – die erste reine Eventhalle dieser Grösse. Dazu kommt neu die Halle 622 in Oerlikon (3’500 Zuschauer). Diese schliessen eine Lücke zwischen kleineren Konzerthallen à la Volkshaus (1’100 Plätze ) oder Komplex 457 (1’900) auf der einen und dem Hallenstadion (13’000) auf der anderen Seite.

«Gegen die Samsung-Hall und die Halle 622 hat eine neue Halle in Luzern immer das Nachsehen.»

Johannes Vogel, Geschäftsführer AllBlues

Nun zieht Kriens nach. Doch wie gross ist die Chance, dass Bands wie Franz Ferdinand oder Wanda künftig auf dem Mattenhof-Areal Halt machen statt in Zürich, wo in Sachen Konzerte die ganze Bandbreite abgedeckt ist? Ist es also ein geschickter Schachzug, wenn nun auch die Pilatusarena in die Nische der mittelgrossen Hallen drängt?

Keine Chance gegen Zürich

«Nein, eine solche Halle braucht es nicht.» So lautet das Verdikt von Johannes Vogel, Geschäftsführer und Inhaber von AllBlues Konzert AG. Der Zürcher Konzertveranstalter kennt den Luzerner Markt und veranstaltet regelmässig Konzerte im KKL – etwa Stephan Eicher und Martin Suter im Februar, Philipp Fankhauser oder Nana Mouskouri im März.

Es gebe gar nicht so viele Bands, die eine Mid-Size Halle brauchen, so Vogel. In der Samsung Hall spielte etwa Gorillaz, in der Halle 622 Franz Ferdinand – beide aus Grossbritannien. «Für die meisten reicht eine Kapazität bis 3’000 Zuschauer. Und jene, die mehr brauchen, buchen gleich das Hallenstadion.» AllBlues konzentriere sich daher auf Konzerte unter 2’000 Plätzen, wie das im KKL der Fall ist.

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Lo & Leduc vor dem vollen Luzerner Saal.

(Bild: KKL Luzern/André Springer)

Das Problem ist das massive Überangebot an Konzerten. «Eine weitere Halle wird dieses Problem nur zusätzlich und völlig unnötig verschärfen», so Vogel. Kommt dazu, dass Luzern gegenüber Zürich immer den Kürzeren zieht, egal mit welcher Halle. «Gegen die Samsung-Hall und die Halle 622 hat eine neue Halle in Luzern immer das Nachsehen. Alle Bands in diesem Bereich wollen primär in Zürich spielen», sagt er. Sei es aus Prestigegründen oder weil die Agenturen Luzern einfach nicht auf dem Radar haben.

Zudem hat Luzern einen weiteren Standortnachteil: die Billettsteuer, die auch in Kriens erhoben wird. Wenn es nach Vogel geht, sollte diese «unsägliche Steuer» abgeschafft werden. «Deshalb gibt es auch in Lausanne keine grösseren Konzerte mehr: Dort sind es gar 14 Prozent Steuer, das ist für jedes grössere Konzert ein klares No-Go.» Luzern und Kriens erheben zehn Prozent der Einnahmen.

Trotzdem: Welche Bands könnten in der Pilatusarena spielen? «Trauffer und Gölä. Aber die würden auch im Entlebuch funktionieren», so Vogel.

Wenn schon, ein Halle für 8’000 Zuschauer

Auch ABC Production hat schon in der Messehalle oder im KKL veranstaltet. Leiter André Béchir ist einer der besten Kenner der Schweizer Konzertszene. Aber auch für ihn ist die Pilatusarena «auf keinen Fall» eine Konkurrenz zu den Hallen in Zürich. «In Zürich finden täglich mehrere Konzerte statt» sagt Béchir. Und im Gegensatz zu München, Paris oder Mailand sei auch Zürich ein Dorf.

Zur Pilatusarena sagt André Béchir: «Für uns ist die Halle sicher kein Veranstaltungsort erster Priorität, auch schon wegen der Kapazität.» Für lokale Anlässe sieht er durchaus eine Nachfrage, «vorausgesetzt die technische Ausstattung, die Garderoben und die üblichen Anforderungen für Konzerte und Events sind in der Planung berücksichtigt.»

«Was Luzern bräuchte, ist eine Halle für 8’000 Zuschauer.»

André Béchir, Leiter ABC Production

Was Luzern auch seiner Sicht bräuchte, wäre eine richtige Konzert- und Eventhalle, die spezifisch für diese Anforderungen konzipiert wäre und nicht als Messe- oder Mehrzweckhalle. «Jedoch bräuchte sie mindestens eine Kapazität von 8’000 Zuschauern», so Béchir. «Leider gibt es in der Schweiz bis zum heutigen Datum keine einzige Halle, die mit diesen Vorgaben gebaut wurde.» Für die klassische Musik und das Theater würden dank den politischen und kulturellen Lobbyisten Hallen gebaut, die U-Musik sowie Rock und Pop müssten sich um Daten in Mehrzweckhallen bemühen.

Zudem müsse auch aus seiner Sicht Luzern die Billettsteuer abschaffen, um konkurrenzfähig zu bleiben. «Welcher Künstler zahlt schon gerne zehn Prozent des Umsatzes an den Staat und nachher noch zusätzlich die Quellensteuer?», fragt Béchir.

Es gibt eine Lücke, aber …

Kilian Mutter würde es sich wünschen, dass in Luzern Konzerte in der Grössenordnung der Pilatusarena stattfinden würden – «nur schon aus lokalpatriotischen Gründen», wie er sagt. Der frühere Musikchef von Radio 3Fach arbeitet bei der Zürcher Booking-Agentur Just Because. Er veranstaltet kleinere und mittlere Bands in der ganzen Schweiz, aber auch grössere Acts wie kürzlich Alt-J im Hallenstadion.

«Ich habe selber schon erlebt, wie schwierig es ist, Bands für ein grosses Publikum nach Luzern zu holen.»

Kilian Mutter, Booker Just Because

Die Pilatusarena schliesst aus seiner Sicht durchaus eine Lücke in Luzern: «Wenn Bands im Südpol oder in der Schüür gespielt haben und danach bekannter werden, treten sie vielleicht noch am Blues Balls auf, danach ist fertig», sagt Mutter. Weil für den nächsten Schritt schlicht die nötige Infrastruktur fehlt. Das KKL sei oft schon ausgebucht oder zu teuer – und die Messehalle auch keine Option.

Luzern steht nicht an erster Stelle

Dennoch macht auch Kilian Mutter ein Fragezeichen: «Ich habe selber schon erlebt, wie schwierig es ist, Bands für ein Publikum zwischen 1’800 und 2’000 Zuschauern nach Luzern zu holen», sagt er – und spricht den gescheiterten «Salad Days Club» an. Mit diesem Label wollten verschiedene Player grössere Acts ins KKL holen, darunter das B-Sides und Radio 3Fach. Es blieb bei der Premiere von Chilly Gonzales.

Zürich steht für internationale Agenturen nun mal an erster Stelle, Luzern kommt höchstens für eine zweite Runde in Frage. Es sei nicht unmöglich, aber um das zu ändern, wäre ein grosser Effort nötig: «Jemand, der sich bei den internationalen Agenturen aktiv drum kümmert», sagt Mutter. Zudem müsste die neue Venue gute Konditionen bieten, um bei Veranstaltern attraktiv zu sein. Möglich wäre aus seiner Sicht auch, dass man sich auf einen Bereich spezialisiert – wie das Z7 in Pratteln. Metalfans aus dem ganzen Land pilgern für die Konzerte dorthin.

Denn für Kilian Mutter ist klar: «Wenn tatsächlich Konzerte in dieser Grösse in Luzern stattfinden, kommen auch Leute von ausserhalb hierher.»

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