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«Natürlich werden mir Fakten als Ideologie vorgehalten»
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Stadtrat Adrian Borgula (Grüne) will nochmals vier Jahre anhängen – dann ist Schluss. (Bild: jwy)

Luzerner Stadtrat Adrian Borgula im Porträt «Natürlich werden mir Fakten als Ideologie vorgehalten»

7 min Lesezeit 2 Kommentare 28.02.2020, 05:05 Uhr

Der 60-jährige Adrian Borgula ist seit acht Jahren Teil des Stadtrats. Mit seinen Themen steht der Grüne oft im Schussfeld und Verzögerungen ärgern ihn. In seiner dritten und letzten Amtszeit will er beim Klimaschutz nun Nägel mit Köpfen machen.

In der Ecke seines Büros steht sie unübersehbar: die Tuba. Eins von Adrian Borgulas Instrumenten neben Horn und Kontrabass. «Musik ist ganz wichtig in meinem Leben, auch in Ergänzung zum rationalen Alltag», sagt er.

Die wöchentliche Probe ist fast heilig, das wissen auch seine Mitarbeiterinnen und Stadtratskollegen. «Manchmal bin ich hundsmüde, dann geh ich an die Probe und bin wieder aufgefrischt.» An der Fasnacht tingelt seine Kleingruppe seit Jahren von Beiz zu Beiz. Musik, Natur, Stadtrat – dieses Trio beschreibt Adrian Borgula schon recht gut.

Er steht für seine Themen ein

Der gebürtige Stanser ist die auffälligste und streitbarste Figur im Luzerner Stadtrat. Weil er seine Themen lebt und für sie einsteht. Von ihm hört man selten Floskeln, er will sein Gegenüber überzeugen.

«Ich bin zäh, habe meine Standpunkte, aber ich höre gut zu.»

In seinen Dossiers ist er sattelfest: «Seine» Themen wie Verkehr, Parkhäuser, Carreglement, Umweltschutz oder Nutzung des öffentlichen Raums stehen stark im Fokus der Einwohnerinnen und des Gewerbes. «Es gibt Spitzenzeiten, in denen ich schon sehr stark unter Druck stehe. Politisch und wegen der hohen Arbeitslast», gibt er zu.

Dass er polarisiert, ist sich Borgula bewusst: «Das hat vor allem mit den Themen zu tun, aber auch mit der Beharrlichkeit, mit der ich dran bin.» Aber er versuche immer sachlich und faktenbasiert zu argumentieren, auch wenn das nicht immer so gesehen werde. «Schon als Kantonsrat sagten mir viele, dass ich eine klare Haltung habe, aber dass man mit mir sachlich gut diskutieren könne. Ich bin zäh, habe meine Standpunkte, aber ich höre gut zu.»

Am meisten Parlamentsdebatten

Ihm ist pudelwohl bei der Umwelt und Mobilität, das Stadtpräsidium sieht er nicht als verpasste Chance (auch wenn er 2012 wie alle Neulinge kandidierte). «Ich mache sehr gern Facharbeit und habe auch so genügend Repräsentationsaufgaben.»

Von Borgulas Präsenz zeugt auch, dass er noch vor dem Stadtpräsidenten am häufigsten in den Medien genannt wird. Auch das erklärt er sich mit den Themen: Seine Direktion bearbeitet viele Vorstösse und gelangt mit Projekten ins Parlament. «Ich suche nicht das Rampenlicht, aber ich vertrete meine Sache und übernehme gerne die Verantwortung», sagt er.

Und wie hat er’s mit den Medien? Er lacht und sucht nach einer publizierbaren Antwort. Das Gespräch mit Journalisten liege ihm, aber er möge keine vorgefertigten Thesen, sondern interessierte und kritische Zuhörer. Borgula erinnert sich dabei an eine angespanntere Zeit, «als in der Zeitung eine stärkere Anti-Stadt-Haltung herrschte».

Die Tuba spielt eine gewichtige Rolle in Adrian Borgulas Leben. (Bild: jwy)

Der Biologe Borgula

Trotz Musik spielt die Natur die erste Geige: Biologe Borgula hat ein grosses Faible für Vögel, Reptilien und Amphibien, nicht selten ist er mit Feldstecher anzutreffen. In dieser Hinsicht sei der Stadt in den letzten Jahren einiges gelungen, Borgula nennt die Neugestaltung der Allmend oder den Landschaftspark Friedental als Perlen.

Aber auch kleinere Projekte im Rahmen der Biodiversitätsstrategie und der Grünstadt Luzern. «Die Art der Gestaltung und Pflege der Grünräume haben wir optimiert.» Dementsprechend hält er sich gern in den grünen Oasen der Stadt auf, etwa im Musegg-Gebiet oder bei den Brutinseln am Seeufer.

Der Bund hört auf die Städte

Mit Genugtuung nimmt Borgula wahr, dass der Bund in gewissen Bereichen – ÖV, Klimaschutz oder Energie – die städtische Perspektive heute stärker wahrnehme. «Innovation und der Fortschritt kommen häufig aus den Städten, weil die Themen hier schon viel länger virulent sind», sagt Borgula. Bei der Mobilität forciere das Astra hingegen noch viele Auto-Verkehrsprojekte.

«Es geht manchmal furchtbar lang, das tut schon weh.»

Gewichtige Niederlagen musste Adrian Borgula in seiner Amtszeit nicht einstecken. Einen Minuspunkt gibt’s für den Pilotversuch für Carparkplätze auf der Allmend, den das Parlament zugunsten einer Gesamtstrategie zurückgewiesen hat. Zudem kommen ein paar seiner Projekte nicht vom Fleck: grünes Inseli, autofreie Bahnhofstrasse, neue Carparkplätze. «Es geht manchmal furchtbar lang, das tut schon weh», gibt Borgula zu. Das habe mit der Komplexität der Materie, den partizipativen Prozessen oder Einsprachen zu tun.

Ziel: rot-grüne Mehrheit im Parlament

Adrian Borgula ist jetzt 60 und möchte nochmals vier Jahre anhängen. Politische Pläne darüber hinaus hat er nicht, zwölf Jahre Stadtregierung werden genug sein: «Drei Tage nach meinem 65. Geburtstag werde ich meinen letzten Arbeitstag haben.»

Zuerst muss er wieder gewählt werden, doch die Chancen stehen gut. Vor vier Jahren erzielte Borgula hinter Martin Merki das zweitbeste Resultat – haarscharf mit 30 Stimmen vor Beat Züsli. «Mein Ziel ist es, im ersten Wahlgang gewählt zu werden.» Wichtiger als die Reihenfolge innerhalb des Stadtrats ist ihm ein gutes Abschneiden von Rot-Grün. «Wir sind gut unterwegs, aber es braucht zusätzlichen Schub in der Stadt, um die Klima-Wende wirklich zu verankern. Das ist eine so riesige Aufgabe, da müssen wir entschieden dranbleiben.»

Eine linke Mehrheit im Stadtrat, wie sie die SP anstrebt, würde Borgula begrüssen, das würde aber auch eine andere Verantwortung mit sich bringen. «Städte wie Bern, Basel und Zürich haben den Trend zu Rot-Grün längst hinter sich, und sie sind nicht untergegangen, auch wirtschaftlich nicht», sagt er schmunzelnd.

Hofft auf eine verlässliche rot-grüne Mehrheit im Stadtparlament: Stadtrat Adrian Borgula. (Bild: jwy)

Einen Gang zulegen

Für seine letzte Legislatur will Borgula einen Gang zulegen und mehr umsetzen. «Vielleicht müssen wir manchmal mehr probieren und etwas offener sein.» Er hofft darum auf eine verlässliche Mehrheit im Parlament für grüne Themen. Doch auch der momentanen Situation mit wechselnden und knappen Mehrheiten kann er etwas abgewinnen: Sie zwinge zu Aufmerksamkeit, die Gesprächskultur im Stadtparlament sei gut und meist sachlich.

Einige Themen bleiben, etwa die Reussportbrücke. Die Haltung des Stadtrats steht noch aus, doch Borgula lässt Kritik durchblicken: «Auch die reduzierte Variante ist nach wie vor ein massiver Eingriff in das Gefüge des Reusstals, und die verkehrlichen Auswirkungen sind relativ bescheiden.»

«Wir dürfen nicht nur die Anliegen der Gewerbetreibenden und Restaurants berücksichtigen.»

Trotz diametral anderen Ansichten bezüglich Spange Nord bezeichnet Borgula den Dialog mit dem Kanton als gut. Das Einvernehmen mit seinem neuen Kollegen im Regierungsrat, Fabian Peter (FDP), sei konstruktiv und offen. Ein gegenseitiges Verständnis von urbaner und ländlicher Mobilität sei möglich und nötig, denn: «Wir können nicht in dieser Blockade weiterarbeiten, und in vielen Fragen sind wir uns einig, etwa beim Durchgangsbahnhof und ÖV.» Beim Knotenpunkt Pilatusplatz wird sich weisen, ob der Kanton die Pläne der Stadt für eine neue Verkehrsführung unterstützt.

Ringen um öffentliche Flächen

Immer wieder geht’s bei Borgula um Parkplätze, diese polarisieren ungemein. Die Gesamtfläche aller Auto-Parkplätze in der Stadt entspreche etwa 116 Fussballfeldern, sagt er. Kann Luzern ohne grossflächigen Abbau eine Velostadt werden? «Es geht darum, die Städte wieder vermehrt nach einem menschlichen Massstab umzubauen. Wir müssen die Zentren gut erreichbar behalten, aber mehr Ruhe reinbringen und mehr Flächen für den Aufenthalt gewinnen, auch solche ohne Konsumationszwang», sagt Borgula.

«Man muss nüchtern festhalten, dass das Auto in der Stadt seine Vorteile und seine Rolle hat, aber es braucht pro beförderten Passagier einfach zehn Mal mehr Platz als der ÖV. Das sind Fakten, aber natürlich wird mir das dann als Ideologie vorgehalten», sagt er.

Letztlich seien die öffentlichen Parkplätze nichts anderes als öffentlicher Raum. Dieser stehe zur Nutzung für alle offen und sei sehr stark gefragt. «Wir dürfen nicht nur die Anliegen der Gewerbetreibenden und Restaurants berücksichtigen, sondern auch jene der Bevölkerung.» Auf diese Debatten in den Spannungsfeldern lässt sich Borgula gern ein.

Eine Stadt auch für Tiere

Der grüne Stadtrat sieht die kleinen Aufwertungen von Stadtplätzen ebenso wie die gigantischen Herausforderungen des Klima-Wandels. Würde er manchmal gern stärker durchgreifen? «Klar, in vielen Fragen möchte ich schneller vorwärtsgehen. Aber ich bin überzeugter Demokrat, in der Konkordanz werden alle wichtigen Kräfte eingebunden.» Das sorgfältige Arbeiten werde sich auszahlen, ist Borgula überzeugt.

«Wir sollen nicht nur an uns denken, sondern auch an all die anderen Arten. Wir teilen den Lebensraum mit vielen Tieren und Pflanzen, die zum Teil stark unter Bedrängnis stehen.» Er zeigt durch sein Bürofenster auf den Park im Innenhof des Stadthauses – eine Oase inmitten der Verkehrsströme. «Diese Magerwiese ist spitze, das ist eine der artenreichsten auf Stadtgebiet.»

Adrian Borgula im Video: «Die Stadt Luzern würde mir besser gefallen, wenn …»

Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer zentralplus-Serie zu allen zehn Kandidatinnen und Kandidaten für den Luzerner Stadtrat. Mehr Infos zu den Wahlen vom 29. März gibt’s in unserem Dossier.

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2 Kommentare
  1. paul, 28.02.2020, 09:57 Uhr

    bahnhofstrasse? inseli?
    bitte zwei gänge hochschalten! besten dank!

    1. Samuel Kneubühler, 29.02.2020, 01:28 Uhr

      Die autofreie Bahnhofstrasse ist vor Gericht blockiert. Inseli ist in der Planung. Aber ja, es dauert lange.

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