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«Nächstes Jahr achten wir dann auf den Pelz»
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Echtpelzkragen in einem Geschäft in Luzern.  (Bild: jav)

Echtpelz? zentralplus kontrolliert Luzerner Läden «Nächstes Jahr achten wir dann auf den Pelz»

4 min Lesezeit 19.02.2017, 05:46 Uhr

Kaum eine Jacke verkauft sich diesen Winter ohne Pelzbesatz. Dessen Herkunft muss bei Echtpelz deklariert werden. Erfährt die Käuferin, wenn ein Stück Waschbär aus chinesischer Qualzucht an ihrer Kleidung hängt? Wir haben Luzerner Geschäfte getestet – und dabei auch schockierende Antworten erhalten.

Abends um halb zehn am Bahnhof Luzern: Pelzkragen, Pelzbommel und bepelzte Kapuzen, wohin das Auge blickt. Auch Echtpelz ist wieder voll im Trend – da kann sich Heidi Klum noch hundert Mal nackt für die Tierschutzorganisation Peta auf Plakaten räkeln. Der Markt boomt: Seit 2010 hat sich der Schweizer Echtpelzimport von 270 Tonnen auf 440 Tonnen vergrössert.

Doch wer in der Schweiz mit Pelzen und Pelzprodukten handelt und diese verkauft, muss am Produkt Tierart, Herkunft und «Gewinnungsart» angeben. Kontrollen führen neben dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) auch verschiedene Tierschutz-Organisationen durch. Und zentralplus.

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Kontrollen sind nichts Neues

Die Schweiz kennt die Deklarationspflicht seit 2014 und hat damit die strengsten Vorgaben der Welt. Seither haben – auch wegen den Kontrollen – einige Schweizer Mode- und Warenhäuser Echtpelz ganz aus ihrem Sortiment gestrichen. Globus beispielsweise gab 2016 an, ab sofort nur noch Kunstpelz zu verkaufen. So auch schon Vögele, Migros, Schild und Coop City – letzere haben auch keine Daunen aus Lebend-Rupf und Stopfmast im Sortiment. Aber das ist nochmals ein anderes Thema.

zentralplus hat sich in Luzern deshalb vor allem Boutiquen und kleinere Geschäfte vorgenommen. In den meisten war kein echter Pelz zu finden. Kunstpelz dominiert das Geschäft und findet sich vor allem an Parkas und Daunenjacken-Kapuzen.

Deklaration häufig korrekt

Echtpelz haben wir in acht Geschäften entdeckt. In den Hochpreis-Boutiquen waren die Deklarationen durchwegs korrekt aufgeführt, Fragen wurden kompetent beantwortet und man durfte auch Fotos machen. Was jedoch nicht heisst, dass die Tiere deswegen besser gehalten, oder weniger qualvoll gejagt, werden, betonen Tierschutzorganisationen. Denn gerade die Jagd mit Fallen (wie bei Kojoten in Kanada beispielsweise) wird als sehr problematisch angesehen. So auch die Gitterhaltung – besonders in China –, welche gemäss Tierschützern für die Tiere von der Geburt bis zum lebendigen Häuten eine einzige Qual sei. Die Bilder von Pelzfarmen sind wohl allen bekannt. Nationale Tierschutzorganisationen empfehlen deshalb, nur Schweizer Pelz zu tragen.

So sieht eine korrekte Deklaration aus: Tierart, Land und «Gewinnungsart». (Bild: jav)

So sieht eine korrekte Deklaration aus: Tierart, Land und «Gewinnungsart». (Bild: jav)

In zwei der acht kontrollierten Geschäfte, die in Luzern echten Pelz verkauften, waren die Deklarationen ungenügend. Die Reaktionen der beiden Verantwortlichen sind dabei komplett unterschiedlich.

Pelzdeklaration? Nie gehört

Beim Lagerverkauf im Kornmarkt 7 ist die Deklaration der Pelze an Strickjacken aus Finnland nicht korrekt. Lediglich die Tierart – Waschbär – ist angegeben. Die Verkäuferin kann uns weiter keine Auskunft geben und richtig erschreckend wird es, als wir den Geschäftsleiter erreichen. Davon, dass man beim Verkauf von Pelz Regeln einhalten müsse, wisse er nichts, geschweige denn kennt er das Wort Pelzdeklaration. Auf die Kritik reagiert er uneinsichtig. Ende der Woche nehme man die Jacken mit Pelz sowieso aus den Läden, um für die Frühlingssachen Platz zu schaffen. Im nächsten Jahr könne man ja dann darauf achten.

Der Unterschied von Kunstpelz (links) und Echtpelz (rechts) ist auch für Laien im direkten Vergleich ohne Weiteres sichtbar. (Bild: jav)

Der Unterschied von Kunstpelz (links) und Echtpelz (rechts) ist auch für Laien im direkten Vergleich ohne Weiteres sichtbar. (Bild: jav)

Vorsätzliche Falschdeklaration?

Ganz anders fällt die Reaktion in der «Bijou les Boutiques» an der Kapellgasse aus. Hier ist ein Parka mit Kunstpelz-Futter und Echtpelz-Kragen mit 100 Prozent Polyester und «Kunstpelz» angeschrieben.

Echt- und Kunstfell unterscheiden

Bei echtem Fell ist unter dem oberen, dünnen Deckhaar leicht gekräuselte, feine «Unterwolle» sichtbar. Kunsthaar ist starrer, häufig gleich lang geschnitten und fühlt sich wegen der statischen Aufladung leicht klebrig an. Und wer den Pelz auseinanderzieht, sieht, ob Leder darunter ist. Dann handelt es sich um echten Pelz. Bei Kunstfell sieht man hingegen eine gewobene Textilschicht.

Die Geschäftsleitung reagiert erst mal mit Verwunderung. Sie hätten seit drei Jahren keinen Echtpelz mehr im Sortiment, ist man überzeugt. Beim Einkauf werde stets darauf geachtet. Es sei sehr selten, dass Kleidungsstücke nur auf Bildern kontrolliert werden. «Wir werden die Jacke sofort zurückziehen. Das wollen wir auf keinen Fall», betont die Geschäftsleiterin am Telefon. Wenige Minuten später erhalten wir nochmals die Rückmeldung, die Filiale in Luzern sei informiert, der Parka schon aus dem Laden genommen und man werde mit dem Lieferanten Kontakt aufnehmen.

Nicht nur Unwissenheit und Desinteresse sind also der Grund für falsch deklarierten Echtpelz, sondern, dass Produzenten und Zulieferer den Echtpelz teilweise vorsätzlich falsch deklarieren. Ein gut gemachter Kunstpelz ist teurer als echter Billigpelz aus Qualzuchten in China. So gelangen zum Teil falsch deklarierte Echtpelze in den Handel, schreibt die Tierschutzorganisation Peta auf ihrer Webseite. Wer sich also beim Kauf nicht sicher ist: Die Unterscheidung ist relativ einfach (siehe Box).

Auch ohne korrekte Deklaration. Zieht man den Pelz auseinander und es kommt Leder zum Vorschein, dann ist er echt. (Bild: jav)

Auch ohne korrekte Deklaration. Zieht man den Pelz auseinander und es kommt Leder zum Vorschein, dann ist er echt. (Bild: jav)

Doch auch Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Die Konsequenzen für Geschäfte, die kontrolliert werden und eine mangelhafte Deklaration aufweisen, sind Bussen bis 2000 Schweizer Franken. Ist der Vorstoss gar vorsätzlich, liegt die Busse bei bis zu 10’000 Franken, heisst es beim BLV auf Anfrage.

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