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Nachruf auf einen Farbklecks
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Der «Schlirgg» auf dem i verschwindet – im Hintergrund das künftige Layout der «Luzerner Zeitung». (Bild: zvg/Montage: zentralplus)  

Glosse: Der «Schlirgg» landet im Papierkorb Nachruf auf einen Farbklecks

3 min Lesezeit 12.09.2016, 14:48 Uhr

Was wollte uns die «Neue Luzerner Zeitung» 20 Jahre lang mit ihrem «Schlirgg» im Zeitungskopf sagen? Es bleibt ein Rätsel. Nun gibt’s ein neues Layout und das Unding verschwindet endlich. Ein Nachruf mit Freudentränen.

Man liest am frühen Montagmorgen davon, dass sich die «Luzerner Zeitung» einen neu-alten Namen gibt und ein neues Kleid erhält. Man liest die üblichen Worte, wenn Zeitungen einen Relaunch anpreisen: neue Schrift, irgendwas von mehr Spalten, besserer Lesbarkeit, weniger Farben, zeitgemässe Typografie, mehr Raum etc. etc. Alles nicht sehr aufregend im digitalen Zeitalter, aber für die gewohnheitsliebenden Zeitungsdinosaurier immer wieder ein mühseliges Umgewöhnen.

Aber dann lässt der NLZ-Cheflayouter im hauseigenen Interview doch noch die Bombe platzen: «Der blaue ‹Schlirgg›, der unseren Schriftzug bislang begleitete, entfällt.» OMG! Der «Schlirgg», der Schweif, das Ding – wie soll man es nur nennen? – wird nur noch sechsmal gedruckt, dann ist er Geschichte.

Genauso unsinnig wie «Zisch»

Der «Schlirgg» war das verbildlichte «Zisch». So hiess doch tatsächlich recht lange Zeit der Online-Auftritt dieser Zeitung. «Zisch.ch»: Das ist heute kaum mehr vorstellbar, so wie man es sich in wenigen Wochen nicht mehr vorstellen kann, einen blauen «Schlirgg» im Zeitungslogo zu haben.

Auch von der Büro-Fassade an der Maihofstrasse muss der «Schlirgg» weg:

 

Nun, vielleicht ist das für die grosse Masse wirklich kein Aufreger und ein sehr subjektiver Nebenaspekt: Aber der blaue «Schlirgg», dieses grafische Unding auf dem «i», an das man sich 20 Jahre lang klammerte, verschwindet! Er überlebte alle bisherigen kleineren layouterischen Anpassungen und den Wechsel von «Zisch» zu «Luzernerzeitung.ch». Mit der Lancierung der Sonntagsausgabe 2008 nahm die Bedeutung des Undings sogar um eine siebte Ausgabe zu: Denn auch auf selbiger thronte der «Schlirgg» zuoberst auf dem Zeitungskopf.

Der «Schlirgg» ist auch schon Thema auf Facebook.

Der «Schlirgg» ist auch schon Thema auf Facebook.

Der «Schlirgg» ist kein «Swoosh»

NLZ wird wieder zur LZ

Ab 19. September heisst die «Neue Luzerner Zeitung» wieder «Luzerner Zeitung» (ebenso fällt bei den Regionaltiteln das «Neue» weg). Schon 1833 gab es eine «Luzerner Zeitung», sie war die Vorgängerzeitung des «Vaterland» (1871 bis 1991). Und auch zwischen 1991 und 1996 hiess die aus «Vaterland» und «Tagblatt» fusionierte Postille «Luzerner Zeitung» (LZ). Als sich schliesslich 1996 die LZ die «Luzerner Neuste Nachrichten» (LNN) einverleibte, wurde sie zur NLZ.

Mit der Rückbesinnung auf die LZ erhält die Zeitung auch ein neues Layout, sie gleicht sich optisch dem «St. Galler Tagblatt» an, das ebenso zur NZZ-Gruppe gehört. Das neue Layout wurde nötig, weil die beiden Zeitungen im überregionalen Teil stärker zusammenspannen und vermehrt Inhalte austauschen wollen.

Was wollte uns die Zeitung damit 20 Jahre lang sagen? Es blieb immer schleierhaft. Es sollte wohl Dynamik symbolisieren: «Wir arbeiten effizienter, als die Tinte trocknen kann!» – «Frisch ab Presse!» So in diese Richtung vermutlich. Doch der «Schlirgg» hatte ein grosses Problem: Mit diesem Klecks im Zeitungskopf war jeder noch so gehaltvolle Text weniger gehaltvoll, jedes noch so ästhetische Layout weniger ästhetisch.

Vielleicht hatte man die Hoffnung, der «Schlirgg» würde eines Tages zu dem, was der «Swoosh» für Nike ist: ein Markenzeichen, fast noch wichtiger als der Name selber. Aber was konnotiert man mit dem gezischten «Schlirgg»? Etwas Verschmiertes, etwas Dahingesuddeltes – ein «Schlirggi-Schlärggi» ist ein nachlässiger Mensch. Man denkt an «Geschlargg» – die verschweizerdeutschte Trägheit! Lauter Dinge, die man um Gottes Willen weit weg von einer Qualitätszeitung haben will. Und als solche will sich die «Luzerner Zeitung» ja hoffentlich sehen.

Ich habe immer gesagt: Solange der «Schlirgg» dieser Zeitung das Gesicht gibt, nehme ich sie nicht ernst. Sicher, das war nur halb ernst gemeint, aber immerhin halb! Ach ja, und hiess nicht auch die Fasnachtsbeilage der NLZ, pardon: LZ, «Schlirgg»?

Mehr gibt’s dazu nicht mehr zu sagen. Nur noch: Adieu, «Schlirgg» – möge das vorübergehende Missverständnis in der Presselandschaft langsam vergessen gehen. Ach ja, und eine Frage: Kaum ist der längjährige Chefredaktor Thomas Bornhauser weg, geht auch der «Schlirgg». Zufall oder nicht?

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