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Nach Westen, aber nicht in die Schweiz
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In den Neunzigerjahren nahm die Schweiz Tausende Flüchtlinge aus dem Kosovo auf. Heute ist es für Kosovaren schier unmöglich geworden, Asyl zu erhalten. (Bild: ©Emanuel Ammon/AURA )

Zehntausende flüchten derzeit aus dem Kosovo Nach Westen, aber nicht in die Schweiz

3 min Lesezeit 09.02.2015, 17:54 Uhr

In Kosovo herrscht schon lange kein Krieg mehr. Trotzdem haben Zehntausende von Kosovaren in den letzten Monaten ihre Siebensachen gepackt und versucht, illegal nach Westeuropa zu immigrieren. Damit stellen sie Staaten wie Österreich, Frankreich und Deutschland vor grosse Herausforderungen. Die Schweiz jedoch bleibt von dieser Einwanderungswelle verschont. Und das aus einem einfachen Grund.

Eine Carreise ins Glück? Das erhoffen sich derzeit Zehntausende von Kosovaren. Sie lassen alles zurück, haben ihr Auto, Land und Vieh verkauft und nur ein Ziel im Kopf: Weg von Kosovo.

In den meisten Fällen führt die Reise nach Westeuropa. Medienberichten zufolge sind es bereits 50’000 Kosovaren, die ihr Land in den letzten Monaten verlassen haben und der Flüchlingsstrom scheint nicht leicht eindämmbar zu sein. Trotzdem scheint die Schweiz, die während des Kosovokriegs eines der wichtigsten Einwanderungsländer war, nicht betroffen zu sein von der aktuellen Entwicklung. Weshalb?

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Das 48-Stunden-Verfahren zeigt Wirkung

Martin Reichlin vom eidgenössischen Staatssekretariat für Migration erklärt: «Tatsächlich haben wir in der letzten Zeit keine Zunahme von Einwanderern aus Kosovo festgestellt», und liefert auch gleich die Erklärung dafür mit: «Die Schweiz wendet seit 2012 ein 48-Stunden-Verfahren für Asylbewerber an. Dies für visumsbefreite, europäische Staaten wie Serbien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina. Im März 2013 wurde das Verfahren auf die Staaten Kosovo und Georgien ausgeweitet. Diese Länder gelten als ‹Safe Countries›, es gibt in den betroffenen Staaten also keine systematische Verfolgung.»

«Wenns ums Überleben geht, ist ein halbes Jahr viel wert.»

Martin Reichlin, Kommunikationschef beim Staatssekretariat für Migration

Zudem würden wirtschaftliche Gründe nicht ausreichen, um Asyl in der Schweiz zu erhalten. «Asylsuchende aus Kosovo haben entsprechend tiefe Chancen, aufgenommen zu werden», so Reichlin. «Deutschland kennt diese Praktik nicht. Das bedeutet, dass Asylbewerber ins normale Verfahren kommen und somit sicher ein halbes oder ganzes Jahr im Land bleiben können. Und wenns ums Überleben geht – und darum geht es ja bei gewissen – ist ein halbes Jahr viel wert.»

Ein weiterer Grund sei laut Reichlin ein einfacher: «Die Transitroute aus Kosovo führt über Serbien, über Ungarn nach Österreich und von dort nach Deutschland. Somit also nicht durch die Schweiz.»

Wird Propaganda gemacht für ein besseres Leben?

Die Luzerner Kantonsrätin Ylfete Fanaj hat einen Teil ihrer Kindheit in Kosovo verbracht. Sie sagt dazu: «Man bekommt diese Problematik in der Schweiz politisch nur am Rande mit, doch bei der Kosovarischen Community hier ist es ein riesiges Thema.» Die wirtschaftliche Situation in Kosovo ist seit Jahren mehr als nur schwierig. Warum also wandern gerade jetzt massenhaft Kosovaren ab? Fanaj erklärt: «Es wird entsprechende Propaganda gemacht. So werden Geschichten herumerzählt über Leute, die es angeblich geschafft hätten, Asyl zu beantragen in Frankreich oder Deutschland.»

Es sei wahrscheinlich, dass die Wahlen, die 2014 in Kosovo stattgefunden hatten, so viel Verunsicherung und Wut ausgelöst hätten, dass sie in einer regelrechten Auswanderungswelle mündeten. Im Sommer letzten Jahres wurde zwar gewählt, die neue Regierung konnte ihre Arbeit wegen der fehlenden Mehrheit der stärksten Partei PDK jedoch erst im Dezember aufnehmen. «Die politische Blockade nach den Wahlen letztes Jahr hat die Situation verschlimmert», sagt Fanaj. «Die Menschen haben einmal mehr gemerkt, dass Politik nicht zum Wohle der Menschen in Kosovo, sondern zum Wohl einzelner Politiker, Parteien und deren Familien gemacht wird. Die politische Klasse hat versagt, den Preis dafür zahlen die Schwächsten in der Gesellschaft.»

«Es scheint ein regelrechter Schneeball-Effekt zu sein, der die Leute dazu bringt, ihr Land zu verlassen.»

Ylfete Fanaj, Luzerner SP-Kantonsrätin

Wie ist es, zu sehen, dass Menschen ohne drastische äussere Umstände massenhaft aus dem eigenen Heimatland strömen? Fanaj sagt: «Die Kosovarische Community ist ohnmächtig, versteht nicht ganz, warum die Leute ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen, nur um sich auf eine auswegslose Reise zu machen, denn viele schaffen es gar nicht nach Deutschland und zudem sind die Asylchancen gleich null. Es scheint ein regelrechter Schneeball-Effekt zu sein, der die Leute dazu bringt, ihr Land zu verlassen.»

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