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Nach vier Tagen im Bunker: Yser präsentieren ihre Experimente
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Von links: Jeremy Sigrist, Nick Furrer und Gregory Schärer. (Bild: pze )

Luzerner Band zur Residenz im Südpol eingeladen Nach vier Tagen im Bunker: Yser präsentieren ihre Experimente

8 min Lesezeit 11.05.2017, 19:15 Uhr

Sie haben sich vier Tage lang im Südpol-Club verbarrikadiert, getüftelt und komponiert. Das Ergebnis präsentieren Yser am Donnerstagabend im Südpol. Im Interview erklären die Bandmitglieder, was dabei herausgekommen ist – und warum sie auf der Bühne ein Proberaum-Gefühl erzeugen wollen.

Es brauchte einige Anlaufzeit, jetzt aber nimmt das Ganze Fahrt auf: Die Luzerner Band Yser gastierte diese Woche in der Musiker-Residenz im Südpol (siehe Box am Ende). Während vier Tagen schrieben, komponierten und tüftelten die drei Musiker an neuen Songs, welche am Donnerstagabend dem Luzerner Publikum präsentiert werden. Ihre Musik – basierend auf Jeremy Sigrists Stimme, die wie ein Instrument eingesetzt wird – könnte man als sphärischer Indie-Pop bezeichnen. Dabei ist das Grundkonstrukt das eines klassischen Trios: Drum, Bass, Gitarre. Hinzu kommen elektronische Elemente wie verschiedene Synthesizer oder Drumpads.

Yser, das sind, neben Jeremy Siegrist, Nick Furrer und Gregory Schärer ­– drei sehr bekannte Gesichter in der Luzerner Musikwelt. Wir treffen sie zum Interview im Südpol:

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zentralplus: Seit Montag verbringen Sie Ihre Tage im Südpol – wie geht’s Ihnen?

Gregory Schärer: Wir haben viel zu wenig geschlafen …

Nick Furrer: Ja, wirklich. Jery und Greg haben sogar im Backstage geschlafen – davor hatte ich Angst, das hab ich nicht geschafft. Angesichts der Energiereserven hab’ ich das Gefühl, wir seien seit zwei Wochen hier.

zentralplus: So schlimm?

Jeremy Sigrist: Wir waren immer von zehn Uhr morgens bis rund drei Uhr nachts hier und haben gespielt. Es war sehr intensiv. Pausen gab’s nur zum Essen.

zentralplus: Kann man denn wirklich 16 Stunden am Stück produktiv arbeiten?

Schärer: Oh, wir hatten immer wieder Hochs und Tiefs …

Furrer: Das ist das Schöne, wir haben uns immer wieder gegenseitig aufgefangen – einer von uns konnte die anderen immer zum Weitermachen motivieren. Neben der Energie wechselt der Mood auch oft: So haben wir um ein Uhr morgens einen «Space»-Element geschrieben, der viel Gefühl, aber wenige Strukturen hat. Aber ganz ehrlich, Strukturen zu definieren, hätten wir um diese Zeit eh nicht mehr geschafft. Man muss darauf eingehen, wie gerade das Setup des Hirns ist.

Schärer: Als wir diesen «Space»-Songteil am Morgen darauf versucht haben, hat er überhaupt nicht geklappt – weil der Mood nicht da war.

«Gewisse Songs sind noch nicht bühnenreif oder brauchen noch Zeit zum ‹Gären›.»

Nick Furrer, Schlagzeuger

zentralplus: Aber klappt er am Konzert?

Schärer: Ich denke schon. Wir haben es geschafft, ein Bandraum-Gefühl auf der Bühne zu entwickeln – und ich hoffe, dass das auch während dem Konzert anhält.

Furrer: Es ist ja kein Gig mit striktem Set – sondern wir stellen das Produkt unserer Woche vor. Deshalb wäre das Bandraum-Gefühl genau das Richtige. Wir haben ja auch nicht geprobt, wie wir das für ein Konzert machen würden – wir haben Songs geschrieben. Die Leute kommen und hören sich an, was in der Zeit hier entstanden ist.

zentralplus: Was ist der Vorteil, wenn man eine ganze Woche Zeit hat?

Sigrist: Wir konnten endlich alles mitnehmen, also den ganzen Bandraum in den Südpol-Club zügeln.

Furrer: Wir haben sogar eine Hammond-Orgel mitsamt Leslie-Speaker – dazu viel zu viel Equipment und Effektgeräte. Wir dachten, wir sortieren dann nach und nach aus – jetzt wird fast alles verwendet (lacht).

Sigrist: Ausserdem: Die organischen Sounds, Gitarre und Drum, das klingt gut im Proberaum. Aber sobald elektronische Elemente dazukommen, ist der Unterschied hier im Südpol enorm. Es fühlt sich so an, wie es sollte, mit allen Bässen und Subbässen.

Zur Band

Sänger und Gitarrist Jeremy Sigrist (*1990) arbeitet zurzeit in einem Asylzentrum. Bassist Gregory Schärer (*1990) studiert E-Bass an der Hochschule Luzern – Musik im 1. Jahr des Masters wie auch Schlagzeuger Nick Furrer (*1990), der Schlagzeug im 3. Bachelor-Jahr an der HSLU studiert.

Das Konzert von Yser beginnt am Donnerstagabend um 20.30 Uhr im Südpol-Club.

Furrer: Und gerade wenn man das Schlagzeug mit elektronischen Sounds erweitert – dass sich die synthetischen Sounds mit dem Schlagzeug zu einem Ganzen fügen, ist im Proberaum sehr schwer zu schaffen. Etwas ist immer zu laut oder zu leise und das ist unbefriedigend.

zentralplus: Wie klingt Yser nach einer Woche eingebunkert in den Südpol-Klub?

Furrer: Wir haben ein tolles Set-up, jeder von uns hat einen Synthie neben sich stehen, wir sind sehr flexibel. Wir konnten viel experimentieren.

zentralplus: Experimentieren heisst oft auch improvisieren – ist der Abend strukturiert oder eher eine Jam-Session?

Sigrist: Es ist schon sehr viel fix – nur Übergänge sind in der Länge teilweise nicht klar definiert.

Furrer: Wir spielen auch nicht alles, was wir hier entwickelt haben. Gewisse Songs sind noch nicht bühnenreif oder brauchen noch Zeit zum «Gären».

zentralplus: Macht ihr die noch fertig?

Furrer: Ja, die nehmen wir mit in den Bandraum und basteln noch daran herum.

So klingt der Song «Piece of Me», den Yser vor einem Jahr veröffentlichte:

 

zentralplus: Vor zwei Wochen ist die EP «Four» erschienen. Gibt sie einen Hinweis darauf, wie der Abend klingen könnte?

Schärer: Ich finde, auf der EP hat jeder Song eine eigene Ästhetik und eine eigene Stimmung. Das macht es aus – deshalb sind auch die Songs, die wir hier entwickelt haben, stilistisch sehr unterschiedlich.

zentralplus: Stilistisch werdet ihr auf der Südpol-Homepage als «ein durchdachtes Pop-Projekt» beschrieben.

Furrer: Vielleicht könnte man es «Spielereien im Rahmen eines Pop-Projekts» nennen …

Sigrist: Die Frage ist, was heisst «durchdacht»? Wir haben sicher andere Strukturen in den Songs als Radio-Pop …

Furrer: Aber die Bezeichnung «Pop» stört uns nicht – darüber sind wir längst hinweg.

«Aber für die Zukunft haben wir noch nichts geplant, wir haben keinen durchdachten Timetable.»

Jeremy Siegrist, Sänger und Gitarrist

zentralplus: Sie sind sehr umtriebig, sei es mit Hanreti (Jeremy Siegrist) oder mit Haubi Songs (Nick Furrer): Beide Projekte veröffentlichten ein Album im letzten halben Jahr. Wann hattet ihr überhaupt Zeit, fürs Yser-Projekt?

Furrer: Die ganze letzte Woche (lacht).

Sigrist: Nun, letztes Jahr ging’s los mit Konzerten, das war der Anreiz, die Songs fertig zu schreiben. Das war vor Hanreti und Haubi Songs und bevor Nick für ein halbes Jahr nach Gent ging. Wir standen länger mit Roland Wäspe in Kontakt, der die EP aufgenommen hat, und da wir die Songs sowieso probten, haben wir vier ausgewählt und letzten Frühling in seinem Studio aufgenommen.

Im Südpol-Club präsentieren sie das Ergebnis einer Woche musikalischen Schaffens.

Im Südpol-Club präsentieren sie das Ergebnis einer Woche musikalischen Schaffens.

(Bild: pze)

zentralplus: Also sind die Songs auch schon wieder über ein Jahr alt.

Furrer: Sie sind sehr unterschiedlich alt. Eines der Lieder auf der EP ist eines der ersten, die wir überhaupt geschrieben haben. Trotzdem fühlen sich die Songs für uns immer noch neu an und wir können sie problemlos im Set spielen – ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Ausserdem ist eine EP oder ein Album stets nur eine Momentaufnahme.

zentralplus: Beim ersten veröffentlichten Song «Piece of Me» ist die Stimme sehr direkt, das Drum fett produziert. Jetzt klingt der Sound sphärisch und etwas weicher. Dafür sind Sie extra nach Zürich – warum?

Furrer: Ich kenne Roland Wäspe von einem gemeinsamen Projekt, bei dem wir mit dem amerikanischen Musiker Peter Broderick durch Europa getourt sind. Er hat ein gutes Gespür für die Art von Musik, die wir machen, deshalb gingen wir zu ihm. Uns war es wichtig, dass ein paar frische Ohren den Sound zu hören bekommen, und uns gefielen Rolis Produktionen wie The Fridge oder Zardt sehr gut. Es hilft manchmal, wenn man aus den bekannten Kreisen etwas herauskommt und neutralere Leute ins Boot holt.

So klingen Yser live:

zentralplus: Setzt ihr ab jetzt mehr auf Yser? Bisher liess sich noch wenig Konzept erkennen – jetzt EP-Release und die Musiker-Residenz. Geht jetzt mehr?

Schärer: Mehr Konzerte zu spielen, wäre schon cool. Das ist sicher das Ziel bis Ende Jahr.

Sigrist: Aber für die Zukunft haben wir noch nichts geplant, wir haben keinen durchdachten Timetable. Wir haben uns überlegt, auch in Eigenregie Aufnahmen bei uns im Bandraum zu machen. Das gäbe uns eine grosse Freiheit, stilistisch, aber auch zeitlich.

zentralplus: Heute spielt ihr mit den Isländern Fufanu – die spielen lauten, energetischen Post-Punk. Passt ihr da überhaupt dazu?

Sigrist: Ursprünglich war geplant, dass Fufanu beginnt und wir danach spielen. Aber es war uns ein Anliegen, dass wir starten – weil es von der Gesamtenergie her Sinn macht, denke ich. Aber wir spielen keine typische Support-Show – wir spielen ein ganzes Set, zwischen 45 Minuten und einer Stunde.

Die Musiker-Residenz im Südpol

Das Projekt der Künstlerresidenz im Kulturzentrum Südpol Luzern ist simpel: Während vier Tagen, von Montag bis Donnerstag, wird einer Band oder einem Musiker der Zugang zum Südpol-Club gewährt. Dort können sich die Künstler dann einnisten und eine Show entwickeln. Diese präsentieren sie jeweils am Donnerstagabend einem Publikum.

Nach vier Ausgaben der Musiker-Residenz resümiert Nadine Rumpf, Programmatorin des Südpols: «Wir hatten ein durchwegs positives Echo, national und sogar international. Die Künstlerinnen und Künstler schätzen diese Art von Projekt.» Bisher eingeladen waren das Flieder Ensemble aus St. Gallen, die Zürcherin Evelinn Trouble, die Bands Tanche, Nada und jetzt also Yser aus Luzern.

Nadine Rumpf erklärt: «Wir haben die technischen und räumlichen Möglichkeiten, dieses Angebot anzubieten.» Der Südpol stellt die Haustechniker für eine definierte Zeit lang zur Verfügung. Welche Art von Technik eingesetzt werde, bestimme jeweils das individuelle Projekt – der Südpol sei da flexibel, so Rumpf.

Ab nächster Saison monatliche Residenz geplant

Aber sollte ein Projekt, das fast eine ganze Woche dauert, nicht am Wochenende aufgeführt werden? Rumpf: «Der Donnerstag hat sich beim Publikum als Konzerttag im Südpol etabliert. Wir geben den Residenzkonzerten die gleiche Aufmerksamkeit wie internationalen Acts.»

Ab Start der neuen Saison will man das Angebot ausbauen. Das bisher unregelmässig stattfindende Prinzip der Musikerresidenz wird strukturiert. «Wir möchten jeden Monat eine Künstlerin oder Künstler beziehungsweise eine Band in der Residenz haben.» Dafür steht der Südpol Luzern in Kontakt mit nationalen und internationalen Acts. «Momentan sind wir in einer Phase des Ausprobierens – was funktioniert, verfolgen wir weiter», so Nadine Rumpf.

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