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Nach Todesfällen: Vielen E-Bike-Fahrern fehlt die Routine
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Dieser Rettungshelikopter flog Ende Juli eine schwerverletzte E-Bikerin aus Unterägeri ins Spital – wo sie später tragischerweise verstarb. (Bild: zvg)

In Zug sind über 1000 schnelle E-Bikes registriert Nach Todesfällen: Vielen E-Bike-Fahrern fehlt die Routine

4 min Lesezeit 19.09.2018, 19:47 Uhr

Sie flitzen immer zahlreicher über Zugs Strassen und Velowege: die E-Bikes. Besonders die schnellen Elektrovelos mit einer Tretunterstützung bis zu 45 Stundenkilometern können zu einer  Gefahr werden. Dass es in den letzten Jahren zu zahlreichen Unfällen gekommen ist, liegt auch daran, dass nun auch Leute E-Bikes fahren, die zuvor nicht mehr mit dem Velo unterwegs waren.

Wer sein Velo mit reiner Muskelkraft bewegt, den stören E-Bike-Fahrer hin und wieder wegen ihres Imponiergehabes: Preschen sie doch an einem vorbei – obwohl ihre flotte Geschwindigkeit vor allem von einem «Elektromotörli» unterm Sattel erzeugt wird. 

Dieses Bild ist im Kanton Zug immer häufiger zu erleben. Auch von den schnellen E-Bikes mit einer Tretunterstützung bis zu 45 Stundenkilometer flitzen immer mehr über die Strassen und Velowege. Denn selbst wenn E-Bikes als ökologische Variante zu Autos gepriesen werden – die «Drahtesel» sind wegen ihrer Geschwindigkeit nicht ungefährlich.

1100 E-Bike-Flitzer unterwegs

«Zur Zeit sind etwa 1000 bis 1100 E-Bikes bei uns immatrikuliert. Wobei wir nur E-Bikes registrieren, die bis 45 Stundenkilometer unterstützt sind», sagt Markus Feer, Leiter des Zuger Strassenverkehrsamts. Diese werden wie Motorfahrräder eingelöst.

«Mit der Zunahme der Elektrovelos im Strassenverkehr hat auch die Zahl der Unfälle zugenommen.»

Frank Kleiner, Mediensprecher der Zuger Polizei

Das ist eine stattliche Zahl – sind doch all die langsameren Elektrovelos mit einer Treunterstützung bis zu 25 Stundenkilometern hierin noch gar nicht eingerechnet. Konsequenz: Die E-Velo-Dichte in Zug hat zugenommen. Und das kann verhängnisvoll sein. Wie Frank Kleiner, Mediensprecher der Zuger Polizei, versichert, hat «mit der Zunahme der Elektrovelos im Strassenverkehr auch die Zahl der Unfälle zugenommen».

Konkret heisst das: In den letzten drei Jahren ist die Zuger Polizei zu je rund 20 Unfällen mit E-Bikes gerufen worden: 2015 waren es 22 Unfälle, 2016 zählte man 17 und 2017 waren es 21 Unfälle. Nicht zuletzt machen mittlerweile laut Verkehrsstatistik der Zuger Polizei rund 20 Prozent aller Motorfahrrad- und Velounfälle inzwischen Havarien mit E-Bikes aus.

Zwei tödliche Unfälle mit dem E-Velo

Dabei werden die Unfälle immer gravierender. Erst Ende Juli verstarb eine 71-Jährige in Unterägeri, die mit ihrem E-Bike eine steile Böschung hinunterstürzte. 2016 kollidierte ein 43-Jähriger auf seinem Elektrovelo in Zug auf einem Radweg mit einem anderen Radfahrer – und kam dabei ebenfalls ums Leben (zentralplus berichtete).

So weit sollte es gar nicht kommen, wenn man mit dem E-Bike unterwegs ist.

So weit sollte es gar nicht kommen, wenn man mit dem E-Bike unterwegs ist.

(Bild: zvg)

«E-Bikes werden von jungen Familien, Pendlern, Freizeitsportlern wie auch von Senioren aus verschiedenen Gründen sehr geschätzt», sagt Frank Kleiner.

Das Fahren der E-Bikes im Strassenverkehr benötige allerdings eine gewisse Routine. Hauptursachen für die zahlreichen E-Bike-Unfälle sind laut Kleiner nicht angepasste Geschwindigkeit, mangelnde Vertrautheit mit dem Velo, Unaufmerksamkeit sowie eine nicht an den Verkehrsverhältnissen orientierte Fahrweise.

«Es ist schon so, dass dank E-Bikes auch wieder Leute Velo fahren, die sich seit Jahren nicht mehr auf dem Velo im Strassenverkehr bewegt haben.»

Frank Kleiner

Wichtig sei vor allem, so der Polizeisprecher, dass man seinen Fahrstil seinem Können anpasse. «Es ist schon so, dass dank E-Bikes auch wieder Leute Velo fahren, die sich seit Jahren nicht mehr auf dem Velo im Strassenverkehr bewegt haben – und vielen fehlt natürlich die Routine.» Sofern man die Nutzung den eigenen Möglichkeiten anpasse, die Verkehrsregeln beachte und sich der Gefahr der höheren Geschwindigkeit bewusst sei, so Kleiner, «sind E-Bikes nicht gefährlicher als gewöhnliche Fahrräder».

Helm ja, Eignungsprüfung nein

Doch die Realität sieht oftmals anders aus. Das hat zum einen damit zu tun, dass E-Velo-Fahrer mit schnellem Bike (bis 45 km/h) zwar einen Helm tragen müssen, aber keinerlei Eignungsprüfung abzulegen haben, bevor sie solche Fahrzeuge im Alltag benutzen dürfen. Und die Fahrer von weniger schnellen Elektrovelos (mit Tretunterstützung bis 25 km/h) müssen nicht mal einen Helm tragen.

In Deutschland wird für die schnellen E-Bikes anders als in der Schweiz ein entsprechend gültiger Mofa-Führerschein verlangt. «Über die ausländischen Vorschriften kann und darf ich mich nicht äussern», sagt Markus Feer vom Zuger Strassenverkehrsamt dazu.

Auf diesem Radweg zwischen dem Campingplatz Brüggli und der Chollermühle in Zug dürfen schnelle E-Bikes nicht fahren – es sei denn der Motor wird ausgeschaltet.

Auf diesem Radweg zwischen dem Campingplatz Brüggli und der Chollermühle in Zug dürfen schnelle E-Bikes nicht fahren – es sei denn der Motor wird ausgeschaltet.

(Bild: woz)

Hinzu kommt, dass so mancher schnelle E-Biker auch auf Wegen unterwegs ist, die für solche «Geschwindigkeitsmaschinen» gar nicht erlaubt sind: in der Stadt Zug beispielsweise auf dem gekiesten Veloweg zwischen dem Brüggli-Camping-Platz und der Chollermühle. Dort dürfen E-Bikes mit Tretunterstützung bis zu 45 Stundenkilometern ebensowenig fahren wie Töffli – es sei denn, sie schalten ihren Motor ab. Doch welche E-Biker tun das schon. Entsprechende Verbotsschilder werden in der Regel missachtet.

77-Jährige wagte sich sogar auf die Autobahn

Neuerdings wagt sich so mancher lebensmüde E-Bike-Fahrer sogar auf die Autobahn – wo die Zuger Polizei jüngst eine 77-jährige Seniorin auf ihrem Zweirad zwischen Lindencham und Rotkreuz auf dem Pannenstreifen stoppte. Und das auch noch auf dem dreispurigen Autobahnabschnitt (zentralplus berichtete).

Doch in Zukunft soll es besser werden, glaubt man der Zuger Polizei.

«Die Verkehrssicherheit und damit auch das Thema ‹E-Bike› sind ein wichtiger Bestandteil der Präventionsarbeit der Zuger Polizei», versichert Frank Kleiner. So mache die Zuger Polizei immer wieder auf das richtige Verhalten im Strassenverkehr und auf die richtige Benutzung von E-Bikes aufmerksam. «Zudem haben wir an der Zuger Messe 2017 diese Thematik aufgenommen und zwei E-Bikes ausgestellt. Während der ganzen Messe haben Polizisten die Messebesucher über die Verkehrsregeln für die verschiedenen Zweiradtypen, deren Bremswege und Gefahren informiert.»

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