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Nach Freistellung wird immer mehr Kritik an Luzerner Asylchefin laut
  • Politik
Silvia Bolliger, Leiterin Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen, im Interview. (Bild: giw)

Bei Dienststelle kündigten über 100 Mitarbeiter Nach Freistellung wird immer mehr Kritik an Luzerner Asylchefin laut

6 min Lesezeit 4 Kommentare 22.06.2018, 05:10 Uhr

Die Freistellung des Leiters aller Luzerner Asylzentren ist bei Weitem nicht der erste Abgang in der Dienststelle. Die Personalfluktuation ist hier doppelt so hoch wie sonst beim Kanton. Für ehemalige Mitarbeiter ist klar: Verantwortlich sei der Führungsstil von Silvia Bolliger. Dies kostete sie bereits einmal den Job.

Vorletzte Woche wurde Adrian Portmann, der Abteilungsleiter aller Asylzentren im Kanton Luzern, entlassen (zentralplus berichtete). Es ist bei Weitem nicht der erste Abgang in der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (DAF), die seit ihrer Gründung im Januar 2017 immer wieder für Negativschlagzeilen sorgte.

Im Januar eskalierte im Zentrum Grosshof ein Streit zwischen den unbegleiteten Jugendlichen (UMAs) und dem Kanton, weil dieser das Sackgeld kürzte (zentralplus berichtete). Die Polizei ist gleich zweimal ausgerückt und hat während dem zweiten Einsatz Tränengas gegen die aufgebrachten Minderjährigen eingesetzt (siehe Video).

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Bolliger führt Bereich «regimekonform»

Doch auch intern scheint der Wurm drin. Offenbar ist die Stimmung bei den Mitarbeitern auf dem Tiefpunkt und hat sich seit der Übernahme der Asylbetreuung durch den Kanton stetig verschlechtert. Darauf deuten verschiedene Gespräche, welche zentralplus mit ehemaligen Mitarbeitern der DAF führte. Im Zentrum der Kritik steht dabei Dienststellenleiterin Silvia Bolliger.

Die frühere Kommunikationschefin und Vertrauensperson des Regierungsratspräsidenten Guido Graf (CVP) wurde von der Luzerner Regierung im August 2016 ins Amt gewählt (zentralplus berichtete). Ein ehemaliger DAF-Angestellter sagt: Aus Sicht des Regierungsrates sei Bolliger wohl die Idealbesetzung, weil sie die Dienststelle «regimekonform» führe und hinter der Politik, die dieser verfolgt, stehe.

«Frau Bolliger fehlte die Führungskompetenz, die Achtsamkeit und das Fingerspitzengefühl.»

Ehemaliger Mitarbeiter Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen

Und weiter: «Aus Sicht der Mitarbeiter und letztendlich auch der Asylsuchenden lässt sich sagen, dass sie jegliche Führungsqualität vermissen lässt und kaum Fingerspitzengefühl an den Tag legt.» Ähnlich äussern sich verschiedene andere Ex-Mitarbeiter, auch aus dem Kader, die aus Furcht vor den Konsequenzen für ihre persönliche berufliche Entwicklung mehrheitlich anonym bleiben wollen.

«Ist Silvia Bolliger die richtige Frau?»

Es fehlte ihr die Führungskompetenz und die Achtsamkeit, sagt ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter. Die Expertise der erfahrenen Fachleute habe bei der Leitung kein Gehör gefunden. Für den Ex-Kantonsangestellten ist klar, dass der Druck von ganz oben, also dem Regierungsrat, kommt.

Er räumt aber auch ein: «Derzeit kann man im Asylbereich politisch nur verlieren, das zeigt ja auch das Beispiel Angela Merkel in Deutschland.» Dennoch fragt er sich, ob Silvia Bolliger die richtige Frau sei, um mehrere hundert Mitarbeiter zu führen. Letztlich konnte der frühere Mitarbeiter nicht mehr hinter den Plänen und dem Kurs der strategischen Führung in der DAF stehen. «Ich musste für mich die Reissleine ziehen». Besonders schmerze ihn, dass im Anschluss viele gestandene, gut ausgebildete Fachkräfte im Asylbereich durch ungenügend geschultes Personal ersetzt wurden.

Bolligers Führungsstil sorgte bereits einmal für einen unrühmlichen Abgang. Sie führte während fünf Jahren die Geschäfte der Spitex Nidwalden. 2010 wurde sie als Geschäftsleiterin vom Vorstand per sofort freigestellt und entlassen. Grund für die Trennung waren unterschiedliche Führungsansichten, wie die «Nidwaldner Zeitung» damals schrieb. Auslöser sei kein bestimmter Vorfall gewesen, sondern unterschiedliche Ansichten, die sich «im Lauf der Zeit entwickelt» hätten.

«Die Menschen werden abgefertigt»

Mehrere Stimmen gehen auch auf die Gründe für die sehr hohe Personalfluktuation in der Dienststelle ein. Diese ist mit rund zehn Prozent doppelt so hoch wie in anderen kantonalen Institutionen. Alleine in den Jahren 2016 und 2017 wurden oder sind über 100 Mitarbeiter im Asylbereich gegangen, dem stehen 317 Neueinstellungen gegenüber.

Das zeigt eine Antwort des Regierungsrates auf einen Vorstoss der SP von vergangenem Mai. «Entscheidungen werden von oben diktiert und es gab kaum ein Mitspracherecht», sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, die schon 2017 gekündigt hat. Im Zuge der Übernahme der Asyl- und Flüchtlingsbetreuung von der Caritas Luzern durch den Kanton habe sich die positive und wertschätzende Kultur ins Gegenteil gedreht.

Von den Vorfällen im Grosshof sind die ehemaligen Mitarbeiter betroffen – jedoch nicht überrascht. «Die Menschen werden abgefertigt. Ich habe das Gefühl, es geht gar nicht mehr um die Integration der Asylsuchenden», berichtete eine ehemalige Angestellte im Asylwesen. Ähnlich äussern sich andere Exponenten. Für die Ausschreitungen im Grosshof machen sie direkt das Kader der Dienststelle verantwortlich. 

Hohe Arbeitsbelastung

«Es hat mich nicht gewundert, dass die Jugendlichen aufbegehrt haben. Ihnen wird keine Wertschätzung mehr entgegengebracht und sie fühlten sich nicht mehr ernst genommen», sagt eine Auskunftsperson. Nicht nur durch die Geldkürzung, sondern auch weil sie in ihren Freiheiten beschnitten wurden, und beispielsweise nicht mehr ihre eigene Speisen kochen durften, dies habe den Ausschlag gegeben.

Ungemütlich sei es in den vergangenen Jahren auch für die Mitarbeiter geworden: Die Arbeitsbelastung sei enorm gewesen, es werde an allen Ecken und Enden gespart, so eine ehemalige Betreuerin. «Zuweilen war eine Person für 70 Asylsuchende während der Nacht zuständig». Diese Tatsache wird auch vom Kanton nicht bestritten. Die Regierung schreibt selbst, dass über einen längeren Zeitraum eine anhaltend hohe Arbeitsbelastung geherrscht habe. Dies aufgrund der hohen Zahl der Asylsuchenden in den Jahren 2015 und 2016. Es gilt jedoch festzuhalten, dass die Fluktuation auch im vergangenen Jahr hoch geblieben ist.

Ist die Sparerei nachhaltig?

Eine weitere Person sagt, die angebliche «Durchmarsch-Führungskultur» habe dazu geführt, dass sich die Personalsituation weiter verschärfte in den vergangenen Monaten. «Ein grosser Aderlass an Expertise, Know-how und Herzblut gingen verloren. Nicht nur an der Basis, sondern teilweise auch auf Führungsebene.» Jüngstes Beispiel ist die Entlassung von Adrian Portmann. Doch er ist nicht der Einzige. Der Leiter und Vize-Leiter des inzwischen geschlossenen UMA-Zentrums Pilatusblick oder die Führung des Asylzentrums Sonnenhof haben freiwillig den Hut genommen.

«Ja, die Leitung des Gesundheits- und Sozialdepartements steht vollumfänglich hinter Silvia Bolliger und schätzt ihren enormen Einsatz und die gute Führung der Dienststelle.»

Erwin Roos, Departementssekretär des Gesundheits- und Sozialdepartements

Der Kostendruck, mit dem der Kanton gegenüber der Ära Caritas jährlich Millionen einsparen will, geht in den Augen der Mitarbeiter nicht auf. «Ich denke, diese Politik ist nicht nachhaltig – am Ende kostet es die öffentliche Hand mehr, wenn die Asylsuchenden nicht gut betreut sind», ist eine ehemalige Angestellte überzeugt. Die Rechnung gehe, wenn überhaupt, kurzfristig auf, sagt ein anderer Insider. Langfristig würden sich die Kosten aufgrund der fehlenden Integrationsleistung für das Allgemeinwesen deutlich erhöhen, beispielsweise aufgrund von Arbeitslosigkeit, Fremdbetreuung oder Haftkosten.

Kanton steht hinter Bolliger

Silvia Bolliger befindet sich derzeit in den Ferien – an ihrer Stelle antwortet Erwin Roos, Departementssekretär des Gesundheits- und Sozialdepartements. «Aus Sicht des Departements ist sie für die Führung der Dienststelle gut geeignet und leistet hervorragende Arbeit», sagt Roos. Ausserdem sei das Departement über die Entlassung bei der Spitex Nidwalden unterrichtet gewesen.

Beim Kanton lässt man sich ob all der Vorwürfe nicht aus der Ruhe bringen: «Nein, aus unserer Sicht handelt es sich um eine gut geführte Dienststelle», betont Erwin Roos, Departementssekretär des Gesundheits- und Sozialdepartements. Es werde in einem politisch und wirtschaftlich anspruchsvollen Umfeld hervorragende Arbeit geleistet. Und stellt sich hinter die Dienststellenleiterin: «Ja, die Leitung des Gesundheits- und Sozialdepartements steht vollumfänglich hinter Silvia Bolliger und schätzt ihren enormen Einsatz und die gute Führung der Dienststelle.»

Mitarbeiterbefragung wird durchgeführt

Klar sei, dass sich eine Dienststelle mit rund 200 Mitarbeitenden ohne Hierarchie und Führungsentscheide nicht leiten lasse. Auf die Vorwürfe vonseiten ehemaliger Mitarbeiter, Bolliger nehme zu wenig Rücksicht auf die Meinung ihrer Mitarbeiter, sagt Roos: «Aus unserer Sicht werden jedoch die Mitarbeitenden im üblichen Mass in die Entscheidungsfindung eingebunden.»

Und der Departementssekretär sagt, die Vorfälle rund um das Zentrum Grosshof seien nicht Bolliger anzulasten: Roos gesteht zwar ein, dass es im Asylzentrum Grosshof eine Eingewöhnungsphase gebraucht habe. Einen Zusammenhang mit der Arbeit der Dienststellenführung besteht aus Sicht des Kantons jedoch nicht. «Dass die Ausschreitungen einzelner minderjähriger Asylsuchender und Flüchtlinge auf den Führungsstil der Dienststelle zurückzuführen wäre, stellen wir jedoch klar in Abrede.»

Dennoch bewegt man sich im Departement: In der Jahresplanung 2018 des GSD ist laut Roos für die Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen und für weitere Dienststellen im zweiten Halbjahr 2018 eine Mitarbeiterbefragung vorgesehen.

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4 Kommentare
  1. Peter Estermann, 25.06.2018, 06:39 Uhr

    Wir erinnern uns: Anfang Juni stellte sich RR G. Graf in Zentralplus vor die DAF. Ich zitiere ihn aus Zentralplus: „Wir sind eine junge Dienststelle und entwickeln eine eigene Kultur. Das braucht eine gewisse Zeit und kann nicht vom Departement oder von einem Regierungsrat vorgegeben werden. Auch die Kultur, welche die Caritas vorlebte, ist nicht mehr aktuell.“

  2. Bruno Bucher, 23.06.2018, 12:07 Uhr

    Wir waren in Eschenbach als Gruppe von einem Dutzend Freiwilliger in der temporären Unterkunft für Asylsuchende aktiv. Wir haben einen Alphabetisierungskurs durchgeführt, Strickkurse veranstaltet, Spaziergänge durchs Dorf und die Natur unternommen, um die Menschen mit ihrer neuen Umgebung und der deutschen Sprache vertraut zu machen. Wir haben auch einen Sprachkurs durchgeführt, bei dem immer mindestens zwei Unterrichtende anwesend waren, manchmal hat eine Frau unterdessen die Kinder gehütet. Zu den von der Dienststelle organisierten Sitzungen der Begleitgruppe, wurden wir erst nach energischem Einsatz eingeladen. Willkommen waren wir aber offenbar nicht.
    Dann kam plötzlich der Entscheid, der Sprachkurs werde jetzt von einer von der Dienststelle bestimmten Person durchgeführt – und wir seien jetzt überflüssig.
    Eine Lehrperson für eine Gruppe von gut zehn Personen mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen, die Kinder waren auch dabei – und dies in einem zu kleinen Container! Einige unserer Gruppe haben dort mal reingeschaut. Ein einigermassen nachhaltiger Unterricht war gar nicht möglich. Wir durften vorher ein grosses Schulzimmer benützen.
    Wenn ich jetzt die Beurteilung von Herrn Roos, dem Departementssekretär, lese, dann komme ich zum Schluss, dass Fehlleistungen, Arroganz und mangelndes Einfühlungsvermögen unterstützt werden.

  3. Räto Leber, 22.06.2018, 20:22 Uhr

    Typisch die Situation. Oben wird alles mit vielen Floskeln schön geredet und die wirklichen Probleme verwedelt. Habe ich während 20 Jahren im Kanton Zug erlebt. Kündigungen und Burnouts kümmern die Chefs wenig, wenn sie nur ihren Job behalten können. Und werden sie dann in gegenseitigem Einvernehmen endlich von den politisch Verantwortlichen entlassen, gibt es den Nachbarkanton, der sie wieder einstellt und die Tragödie beginnt von Neuem. Und das kostet. Und der gehörnte Angestellte bezahlt die Fehlleistungen der politisch Verantwortlichen, die sich dann verwundert fragen, weshalb immer mehr Bürger lieber Verschwörungstheorien nachhängen, als der gestandenen Politik. Eben darum, weil die meisten Politiker mit Problemen nicht umgehen können, und, wenn sie Stellung nehmen müssen, sich in verbale Schaumschlägereien flüchten.

  4. Peter Estermann, 22.06.2018, 07:31 Uhr

    «Die Menschen werden abgefertigt. Ich habe das Gefühl, es geht gar nicht mehr um die Integration der Asylsuchenden» steht da. Ja genau! Endlich hat der Kanton einigermassen in den Griff bekommen, einen Basis-Deutschkurs zu organisieren. Danach wird ins SAH und die Freiwilligenarbeit ausgelagert. Die Freiwilligen arbeiten idealistisch und vor allem gratis. Die Asylsuchenden erreichen ihre “Sachbearbeiter” nicht (sie müssen sich an einen Pool wenden) und den unterstützenden Freiwilligen wird aus der Direktionsetage solches beschieden: er habe “… seine “Mitarbeiter (…) angewiesen, Anfragen zu ignorieren bzw. nicht mehr entgegenzunehmen”. Auch hier fehlt also die Wertschätzung.