Gesellschaft

Experte Daniel Kunz im Interview
Nach Fall Menzingen: Wie die Schulen über Sex aufklären

  • Lesezeit: 6 min
Sexualunterricht sei eine Kunst, findet Daniel Kunz. Eine, die sich durchaus lernen lasse.
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Sexualunterricht sei eine Kunst, findet Daniel Kunz. Eine, die sich durchaus lernen lasse. (Bild: zvg Adobe Stock/ HSLU)

Eine offene Diskussion über Sexualität hat unlängst eine Lehrerin an der Kantonsschule Menzingen ihren Job gekostet. Im Interview mit zentralplus schätzt der HSLU-Professor Daniel Kunz den Fall ein. Er plädiert dafür, dass das Thema intensiver behandelt wird.

Der Fall ist Gesprächstoff im Kanton Zug: Der Arbeitsvertrag einer Lehrerin des Gymnasiums Menzingen ist nicht verlängert worden. Dies unter anderem, weil die Frau mit ihren erwachsenen weiblichen Schülerinnen über Selbstbefriedigung, Selbstachtung und Beziehung sprach (zentralplus berichtete).

Was die genauen Umstände waren, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Die Frage, die sich viele Leute, mitunter verunsicherte Lehrpersonen, stellen dürften: Was darf man mit seinen Schülerinnen und Schülern besprechen und was geht zu weit?

Um Antworten darauf zu finden, hat sich zentralplus mit HSLU-Professor Daniel Kunz getroffen, der unter anderem Dozent und Programmleiter der Weiterbildung «MAS Sexuelle Gesundheit im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich» ist.

zentralplus: Daniel Kunz, können Sie zum besagten Fall aus Menzingen eine Einschätzung geben?

Kunz: Das ist nicht ganz einfach. Eine Beendigung des Vertragsverhältnisses kann dann angemessen sein, wenn der Lehrperson fachliche und  berufsethische Verfehlungen zur Last gelegt werden können. Ob das hier der Fall ist, kann ich aus meiner Perspektive nicht einschätzen. Grundsätzlich befinden sich Sexualkunde unterrichtende Lehrpersonen stets in einer strukturellen Widersprüchlichkeit: Einerseits braucht es eine gewisse Nähe und ein gewisses Vertrauen für die Bearbeitung sexualitätsbezogener Themen, anderseits  aber auch zwingend Distanz, um den Intimitätsschutz aller im Unterricht Beteiligten zu wahren. Je nachdem, wie viel die Lehrerin von sich preisgab, kann das heikel sein. Doch auch da stellt sich eine wichtige Frage.

«Selbstoffenbarung kann methodisch-didaktisch sinnvoll sein, wenn sie der Situation entsprechend angemessen ist.»

Daniel Kunz, HSLU-Professor

zentralplus: Die da wäre?

Kunz: Selbstoffenbarung kann methodisch-didaktisch sinnvoll sein, wenn sie der Situation entsprechend angemessen ist; beispielsweise, wenn Schülerinnen und Schüler eine konkrete persönliche Frage stellen, die den Intimitätsschutz der Lehrperson wahrt. Zumal in besagtem Fall alle Schülerinnen erwachsen, das heisst, handlungsfähig waren und dem Unterricht zugestimmt haben. Es ist ein gängiges methodisch-didaktisches Konzept, dass sich Schülerinnen und Schüler als Einstieg über Erfahrungswissen zum Unterrichtsthema austauschen. In diesem Fall wurden beispielsweise Erfahrungen zu Selbstbefriedigung, Beziehungsgestaltung und Selbstachtung thematisiert. Im konkreten Fall fragt sich also, wie das im Unterricht umgesetzt wurde.

«Über weibliche Sexualität zu sprechen kann bei einer gesellschaftlichen und kulturellen Einordnung helfen.»

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Kunz: In der Sexualkunde wird ein Thema, je intimer es ist desto eher in Kleingruppen unter den Schülerinnen und Schülern ohne Beteiligung der Lehrperson diskutiert. Dafür werden Regeln aufgestellt, die beispielweise besagen, dass niemand gezwungen ist, sich aktiv zu beteiligen und jede bzw. jeder selbst entscheidet, wie viel er respektive sie von sich erzählen möchte. In einem zweiten Schritt werden die Erkenntnisse mit Blick auf das konkrete Unterrichtsziel in verallgemeinerter Form im Unterricht besprochen, beispielsweise mit der Frage, wie weibliche Sexualität sprachlich ausgedrückt wird. Über das Thema an sich zu sprechen ist also nicht problematisch, sondern kann, im Gegenteil, bei einer gesellschaftlichen und kulturellen Einordnung helfen.

zentralplus: Wie können Lehrpersonen reagieren, wenn ihnen direkt eine persönliche Frage zu ihrer Haltung gestellt wird? Etwa die Frage, wann denn der ideale Zeitpunkt für den ersten Sex ist.

Kunz: Die Lehrperson kann sich hier auf ihr Fachwissen stützen, indem sie Wissen zu verschiedenen Aspekten von Jugendsexualität anbietet. Oder sie kann aus einer rechtlichen Perspektive antworten, etwa mit den gesetzlichen Vorschriften; das heisst, dass Jugendliche mit 16 Jahren sexuell mündig sind. Sie kann aber auch den Jugendschutz thematisieren, demzufolge der Altersunterschied zwischen Jugendlichen nicht mehr als drei Jahre betragen darf. Echte persönliche Erfahrungen ihrer Lehrpersonen wollen die Schülerinnen und Schüler meist gar nicht so genau wissen.

zentralplus: Und wenn doch?

Kunz: Ich-Botschaften sollten nicht die erste Wahl sein. Lehrpersonen können sagen, dass ihre persönliche Erfahrung oder Meinung zu einem konkreten Thema keine Rolle spielt, und sich auf Fachwissen stützen. Wenn es aufgrund der  Vorbildfunktion unvermeidlich wird, mit einer klaren Ich-Botschaft zu reagieren, muss diese der Situation unbedingt entsprechen. Eine passende Formulierung könnte beispielsweise lauten: «Ich in eurem Alter hätte es so und so gemacht.»

«Die Verunsicherung der Lehrpersonen ist sehr schade.»

zentralplus: Besagter Fall hat viele Lehrpersonen im Kanton Zug verunsichert.

Kunz: Das ist sehr schade. Denn das heisst, dass zu gesellschaftlich und zwischenmenschlich wichtigen Themen im Rahmen der Schule dann eher nichts passiert aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen.  

zentralplus: Die Sexualpädagogik benötigt offenbar – gerade wenn sie über Themen wie Verhütung und biologische Vorgänge hinausgeht – enorm viel Fingerspitzengefühl.

Kunz: Ja, doch handelt es sich um eine Kunst, die man lernen kann. Das braucht jedoch mehr als 30 Lektionen.

zentralplus: 30 Lektionen?

Kunz: Der Umfang des Studiums angehender Oberstufenlehrpersonen an der PH Luzern, wo ich Sexualpädagogik unterrichte, beträgt insgesamt 8’100 Arbeitsstunden. Davon entfallen 30 auf die Sexualpädagogik. Das ist lediglich ein ECTS-Punkt von 270 benötigten Punkten. Mit Blick auf die gesellschaftliche Bedeutung von Themen wie Liebe, Freundschaft und Sexualität steht das in grosser Diskrepanz zu anderen Fächern.

«Je nach Definition kann Sexualität einen weiten Bereich abdecken und weit mehr als nur die Fortpflanzung betreffen.»

zentralplus: Klassenlehrpersonen können den Sexualkundeunterricht auch an externe Fachstellen abgeben, wenn sie diesen nicht selber übernehmen wollen. In Zug wäre das Effzett, in Luzern ist das S&X, Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz (zentralplus berichtete). Ist das vielleicht eine bessere Lösung?

Kunz: Es ist keine bessere, sondern eine andere Lösung. Die Vorteile der Einbindung von Fachstellen für sexuelle Gesundheit mit ausgebildeten Sexualpädagoginnen und -pädagogen liegt darin, dass diese die kommunikativen Fertigkeiten mitbringen, Sexualität in öffentlichen Institutionen zu thematisieren. Darüber hinaus findet regelmässig eine Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung ihrer sexualpädagogischen Arbeit statt. Der Nachteil ist, dass auf diese Weise nur wenige Lektionen zu sexualitätsbezogenen Themen stattfinden und oftmals Schulen wie Lehrpersonen mit dem Besuch der Fachpersonen das Thema als erledigt betrachten und nicht von sich aus diesen Unterricht weiter fortführen. Die Legitimation hätten sie mit dem Lehrplan 21, der dafür die notwendige Grundlage bietet.

zentralplus: So oder so. Sexualität scheint eher marginal behandelt zu werden, insbesondere wenn man bedenkt, dass einen dieses Thema ein Leben lang begleitet.

Kunz: Je nach Definition kann Sexualität einen weiten Bereich abdecken und weit mehr als nur die Fortpflanzung betreffen. Im Prinzip reicht sie bis zum Gleichstellungsartikel in der Verfassung. Gleichberechtigte und gleich starke einvernehmliche sexuelle Beziehungen sind eine kulturelle Leistung. Ein fachlich und methodisch-didaktisch fundierter Sexualkundeunterricht ist hier ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der Lebenskompetenz von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Es ist sehr zu wünschen, dass schweizweit die Schulen einen Weg finden, diese Themen selbstverständlich und in einem angemessenen Umfang im Rahmen der Sexualkunde zu berücksichtigen.   

Was gehört in den Lehrplan?

Der Lehrplan 21 beinhaltet verschiedene Bereiche der Sexualaufklärung im Rahmen des Fachbereichs «Natur, Mensch, Gesellschaft». In der Primarschule werden Themen wie Identität, Körper und Gesundheit, aber auch Freundschaft und Beziehung behandelt. Auf der Sekundarstufe sollten die Schülerinnen und Schüler unter anderem über die menschliche Fortpflanzung, sexuell übertragbare Krankheiten, Verhütung, aber auch über Rollen und Geschlecht Bescheid wissen; und sie sollten ihre Verantwortung einschätzen können.

Mehr zum Thema liest du hier:

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