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Nach drei Wochen fand ein Wanderer das Bein der Leiche
  • Kultur
Fabiano Rauber (rechts) mit Alphelfer Fritz bei der Arbeit. (Bild: Revolumenfilm/Rough Cat )

Aldo Gugolz präsentiert seinen neuen Dok-Film Nach drei Wochen fand ein Wanderer das Bein der Leiche

4 min Lesezeit 12.07.2019, 17:26 Uhr

Der Erfolg von «Rue de Blamage» ist noch nicht verhallt, da ist bereits der nächste Film des Regisseurs Aldo Gugolz auf der Zielgerade. Der Luzerner widmet sich wiederum Charakteren, die sich nicht im gesellschaftlichen Scheinwerferlicht bewegen.

Die Kühe tanzen auf dem Dach der Käserei. Sie wollen nicht mehr aufhören zu feiern, bis eines der schweren Tiere ausrutscht und mit dem Fuss in der Dachrinne hängenbleibt. Die marode Alphütte bricht in zwei Teile und stürzt vollständig ein.

Immer wieder wird der Alphirte Fabiano Rauber von diesem Alptraum geplagt. Der Tessiner steht im Mittelpunkt von Aldo Gugolz’ neuem Dok-Film «Kühe auf dem Dach». Der Luzerner Filmemacher landete mit seinem letzten Werk «Rue de Blamage» 2017 einen Publikumserfolg (zentralplus berichtete). Anschliessend zog es ihn von der Baselstrasse auf die Alpe d’ Arena im tessinerischen Vergeletto.

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Die Alphütte von den Eltern geerbt

Gugolz erzählt: «Ein erstes Mal war ich 1989 auf der Alp, 2016 dann wieder. Dabei traf ich ein sehr interessantes Team dort an.» Denn die Alp wird nicht etwa von einer klassischen Bauernfamilie bewirtschaftet. Vielmehr ist eine kleine Helfertruppe mit jeweils drei bis fünf Leuten vor Ort. «Es ist ein bunter Haufen, welcher sich aus Deutschschweizern, Tessinern und Ausländern zusammensetzt, die eine andere Lebensart suchen», sagt Gugolz. Viele stammten aus schwierigen sozialen Verhältnissen. An der Spitze des bunten Haufens steht Fabiano Rauber, der den Bergbauernbetrieb vor einigen Jahren von seinen Eltern übernommen hat.

«Der Alphirte lässt manche seiner Leute schwarz arbeiten.»

Aldo Gugolz, Luzerner Regisseur

Gugolz und seine Kamerafrau Susanne Schüle, beim Dreh für die Kameraarbeit zuständig, waren sich einig: Dieser Mikrokosmos, das Zusammenspiel zwischen Ort und Leuten, eignet sich für einen Dokumentarfilm.

Schwarzarbeit wird zum Verhängnis

«Die Eltern von Rauber waren Hippies, welche in den 1970er-Jahren ins Tal und im Sommer auf die Alp kamen. Sie haben es nicht geschafft, dem Sohn einen funktionierenden Betrieb weiterzugeben», sagt Gugolz. Der Betrieb, der im Sommer die Weiden der Alpe d’Arena auf knapp 1700 Metern über Meer für Käseherstellung nutzt, sei hochverschuldet und der Betrieb könne nur dank den Subventionen aufrechterhalten werden.

Die Alpe d’Arena über der Nebelsuppe.

Ausserdem trete Fabiano Rauber in ähnliche «Fettnäpfchen» wie seine Eltern: «Er lässt manche seiner Leute schwarz arbeiten, wofür er auch schon eine Busse kassiert hat», verrät Gugolz.

Wo ist der Rest der Leiche?

Einer der Schwarzarbeiter beeinflusste die Dreharbeiten von Gugolz und seinem Team massgeblich. Just, als sie mit dem Dreh begannen, verschwand der gebürtige Mazedonier, nachdem er ins Tal ging, um seinen Lohn auf das Konto zu überweisen.

«Die Frage, wie die Alpbewohner mit der Schuld umgehen, bildet einen zentralen Aspekt des Films.»

Aldo Gugolz

Der Tenor auf der Alp war, dass er sich halt mit dem Geld aus dem Staub gemacht habe. «Er wollte jedoch in der Nacht wieder auf die Alp rauf und kam dabei wahrscheinlich in ein Gewitter», erzählt Gugolz. Drei Wochen später fand ein deutscher Wanderer ein Bein des Verschwundenen. Zehn Monate später wurde der Rest der Leiche gefunden.

«Zu Beginn hatten wir das Gefühl, dieser tragische Todesfall käme uns in die Quere. Doch tatsächlich bildet nun die Frage, wie die Alpbewohner mit der Schuld umgehen, einen zentralen Aspekt des Films», so Gugolz. Umso mehr, als dass sich dadurch ein Kreis schliesse. Denn vor 30 Jahren, bei Gugolz’ erstem Alpbesuch, lernte er einen Alphirten kennen, der zum Heroinentzug ganz alleine auf der Alp hauste. «Er sagte, die Alp habe ihm das Leben gerettet. Und nun hat sie jemanden das Leben gekostet.»

Zweieinhalb Jahre lang gedreht

Gugolz sagt, der Dreh auf der Alp sei für ihn und seine Leute eine Selbsterfahrung gewesen. Zweieinhalb Stunden mussten sie das gesamte Equipment auf die Alp tragen. «Wenn man mit den Bewohnern auf engstem Raum zusammenlebt, bekommt man automatisch deren Ängste und Sorgen mit», so der 56-Jährige. Die Dreharbeiten zogen sich ab Frühling 2017 über zweieinhalb Jahre hin – in dieser Zeit wurden Fabiano Rauber und seine Partnerin Eltern.

«Kino, welches nah am Menschen ist, funktioniert.»

Aldo Gugolz

Finanziell wurde Gugolz zunächst vor allem vom Kanton Luzern unterstützt. Später kamen auch noch der Kanton Tessin, das Tessiner Fernsehen RSI sowie das Bundesamt für Kultur und Stiftungen hinzu.

Die kantonsübergreifende finanzielle Unterstützung war möglich, da es sich um eine Koproduktion zwischen Revolumenfilm aus Luzern und Rough Cat aus Lugano handelt. Es sei ihnen ein besonderes Anliegen, eine Kooperation mit dem Tessin angestrebt zu haben, auch um die beiden Landesteile kulturell miteinander zu verknüpfen, sagt Gugolz.

Der Traum vom Kino

Inzwischen steht der Rohschnitt. Auf Oktober soll der Film fertig sein. «Ziel ist es, dass er an der Berlinale oder den Solothurner Filmtagen Premiere feiert», so Gugolz. Auch das Visions du Réel, ein Festival für Dokumentarfilme in Nyon, sei eine Option. Der Luzerner wünscht sich ausserdem, dass der Film über die Kino-Leinwände flimmert.

Althippie Philippo Rauber ist der Vater von Fabiano.

So, wie er dies mit «Rue de Blamage» geschafft hat. Es sei ihm ein Anliegen, die Realität ins Cinema zu bringen. «Kino, welches nah am Menschen ist, funktioniert – das ist das Wichtigste, was mir der Erfolg von ‹Rue de Blamage› gezeigt hat», sagt Gugolz.

Was kommt als Nächstes?

Als Regisseur hat der in Berlin lebende Gugolz momentan noch kein neues Projekt in den Startlöchern, aktuell sei er im Recherche-Modus. Als Kameramann hingegen arbeitet er an einem Film für 3sat über Hans-Dieter Grabe, einen langjährigen deutschen Dokumentarfilmer.

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