Nach Abgang von Chefredaktor – wie weiter mit der NLZ?
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Lichterlöschen ist am NLZ-Hauptsitz an der Maihofstrasse in Luzern noch nicht angesagt. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Turbulenzen um Luzerner Monopolzeitung Nach Abgang von Chefredaktor – wie weiter mit der NLZ?

6 min Lesezeit 17.02.2016, 16:38 Uhr

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Thomas Bornhauser dankt nach 20 Jahren als Chefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung» ab. Laut einem Experten müsste die NLZ nun gestärkt werden, etwa mit der Übernahme von NZZ-Artikeln über nationale Themen. Doch die «Alte Tante» will davon nichts wissen. Und auch im wichtigen Regionalteil sei ein Effort nötig.

Viele in Luzern dachten, dass Thomas Bornhauser (60) bis zu seiner Pensionierung Chefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung» (NLZ) bleibt. Seit 1996 stand er an der Spitze des Blattes mit seinen Lokaltiteln aus Zug, Ob- und Nidwalden und Uri – die «Neue Schwyzer Zeitung» musste 2013 eingestellt werden.

Zwar war Bornhauser mit sage und schreibe 20 Dienstjahren der mit Abstand amtsälteste Chefredaktor der Schweiz. Aber rein wirtschaftlich war die Zeitung passabel unterwegs. Auch wenn die Abo- und Umsatzzahlen stetig rückläufig waren. Betrachtet man die «Neue Luzerner Zeitung» isoliert, so sank die Auflage von 87’128 verkauften Exemplaren im Jahr 2006 auf noch 69’119 Ausgaben letztes Jahr.

«Nein, die NLZ wird nicht aus Zürich gesteuert.»

Myriam Käser, NZZ-Medienchefin

Wegfusioniert

Doch nun ist es Tatsache, Bornhauser räumt seinen Sessel (siehe auch unseren Kommentar). Auch sein Amtskollege beim «St. Galler Tagblatt», das wie die NLZ zur NZZ-Mediengruppe gehört, sucht sich einen neuen Job (zentral+ berichtete). Wobei den beiden offiziell nicht gekündigt wurde, wie NZZ-Medienchefin Myriam Käser präzisiert: «Thomas Bornhauser und Philipp Landmark haben sich im Zuge der neuen publizistischen Führungsstruktur selbst entschieden, von ihren Ämtern zurückzutreten.» Schlussendlich kommt das aber auf dasselbe raus: Ihre Jobs wurden fusioniert und an einen anderen vergeben. Für diese Aufgabe hat sich Bornhauser nicht beworben.

Neu werden die beiden Zeitungen ab Frühling von einem anderen starken Mann gesteuert. Konkret von Pascal Hollenstein, der die zusätzlich geschaffene Stelle des Leiters Publizistik übernimmt. Hollenstein ist derzeit noch stellvertretender Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» (zentral+ berichtete). In Luzern wird Bornhausers Nachfolger künftig «nur» noch für den Lokalteil zuständig sein: Regionales, Wirtschaft, Sport und Kultur. Nationales und Internationales läuft neu über Hollenstein. Wer den neuen «Mini-Chefredaktorenposten» in Luzern übernimmt, sei noch offen.

Bornhauser schweigt

Wird die NLZ künftig noch mehr von Zürich aus «ferngesteuert», wie man das in der Zentralschweiz befürchtet? Käser dementiert: «Nein, die NLZ wird nicht aus Zürich gesteuert. Jürg Weber, der Leiter Regionalmedien der NZZ-Mediengruppe, hat seine Büros in Luzern und St. Gallen. Ebenso wird es Pascal Hollenstein handhaben. Beide arbeiten nicht von Zürich aus, sondern selbstverständlich vor Ort in der Zentral- und Ostschweiz.»

Gerne hätte zentral+ von Thomas Bornhauser erfahren, was er zur ganzen Situation sagt. Ob er sich abgesägt fühlt, warum er selber nicht Leiter Publizistik geworden wäre, ob er die Stelle als Mini-Chefredaktor nicht wollte oder nicht erhielt, wie es nun mit ihm weitergeht etwa. Doch Bornhauser schweigt. Auch seine beiden stellvertretenden Chefredaktoren Dominik Buholzer und Jérôme Martinu, zwei langjährige NLZ-Journalisten, wollten auf Anfrage keine Auskunft geben, ob sie an der frei werdenden Stelle interessiert sind. An deren Ehrgeiz dürfte es aber nicht liegen.

Zu stolz zum Teilen

Nun dürfte sich die ganze Zentralschweiz fragen, was die jüngste Sparerei der NZZ-Mediengrupe für Auswirkungen auf die NLZ und ihre Regionalausgaben haben könnte.

«Der NLZ-Journalismus gilt als etwas behäbig und berechenbar. Nun könnte frischen Wind in den Laden kommen.»

Nick Lüthi, Journalist

Einer, der sich blendend im hiesigen Medienzirkus auskennt, ist der Berner Journalist Nick Lüthi. Laut ihm könnte sich die Neuorganisation auch positiv auf die Qualität des dafür oft gescholtenen Blatts auswirken. «Nämlich dann, wenn die beiden Regionalzeitungen NLZ und Tagblatt von den Leistungen des NZZ-Stammhauses profitieren könnten.»

Lüthi vergleicht die Situation mit dem Berner «Bund», der lange eigenständig war. Dieser profitiert seit der Teilfusion mit dem «Tagesanzeiger», indem auch Tagi-Artikel im Bund erscheinen. Dabei handelt sich jeweils um nationale oder internationale Themen. «Etwas Ähnliches wäre auch in Luzern vorstellbar, indem gewisse Beiträge der NZZ in der NLZ veröffentlicht würden.»

Allerdings hat sich die NZZ in der Vergangenheit stets als «Premiumtitel» verstanden. Dass ihre Artikel auch in schnöden Lokalblättern wie der NLZ erscheinen, war bislang tabu. Lüthi sagt dazu: «Für die NZZ könnte das zwar eine Verwässerung bedeuten. Auch für die Doppelabonnenten, die NLZ und NZZ lesen, wär das nicht ideal. Aber wenn die NZZ für die NLZ weiterhin Qualität garantieren will, müsste sie über ihren Schatten springen. Sonst lässt sich der ständig steigende Preis der Tageszeitung nicht mehr rechtfertigen.» Tatsächlich ist die NLZ in den letzten Jahren immer teurer geworden – und immer dünner. NZZ-Medienchefin Käser aber winkt betreffend Lüthis Vorschlag ab: Es sei derzeit nicht geplant, dass NZZ-Artikel auch in der NLZ erscheinen würden.

Kein Sparen im Lokalen?

Auf den Lokalteil der NLZ soll die neuste Sparrunde keinen Einfluss haben. Das versichert zumindest Käser. Begründung: «In der neu definierten Rolle des Chefredaktors der NLZ kann sich dieser auf die regionale und lokale Berichterstattung und Kommentierung konzentrieren.» Der neue Mini-Chefredaktor hat also ein bisschen mehr Zeit, selber zu schreiben.

«Wenn Lokalzeitungen eine Zukunft haben wollen, müssen sie ihre Lokalberichterstattung verstärken und sicher nicht abbauen.»

Nick Lüthi

Ob das reicht? Für viele Verlage ist unbestritten, dass der Regionalteil zum wichtigsten Element einer Lokalzeitung wie der NLZ gehört. Wird dieser weiter ausgedünnt, geht die Identifizierung mit dem Medium verloren. Hinzu kommt, dass es nationale und internationale News im Netz mittlerweile fast überall gratis zu haben gibt. Ein Jahresabo für 441 Franken (wie für die NLZ) braucht’s dafür nicht mehr.

Auch Medienexperte Nick Lüthi sieht das so: «Entscheidend für die Abonnenten ist zu erfahren, was in der näheren Umgebung passiert. Wenn Lokalzeitungen eine Zukunft haben wollen, müssen sie ihre Lokalberichterstattung verstärken und sicher nicht abbauen.»

Myriam Käser dementiert zumindest, dass auch im regionalen Bereich der NLZ und seiner Regionalausgaben gespart werden soll: «Ziel der gemeinsamen Organisation ist es, im Überregionalen, bei der Lesermarktbearbeitung und in der Verwaltung vermehrt zusammenzuarbeiten und in der lokalen und regionalen Berichterstattung das Eigenständige zu stärken.»

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Bezüglich Lokaljournalismus der NLZ verbindet Lüthi die neusten Umstellungen auch mit Chancen: «Der NLZ-Journalismus gilt als etwas behäbig und berechenbar. Nun könnte frischen Wind in den Laden kommen.» Da hätte wohl niemand etwas dagegen. Es wird nun an Bornhausers Nachfolger liegen, das LZ-Flaggschiff wieder auf Kurs zu bringen.

Hinweis: Das Interview mit NZZ-Medienchefin Myriam Käser zum Thema Entlassungen und Sparpotenzial servieren wir Ihnen in am Donnerstag separat.

Arbeitgeber von 500 Personen

Die Neue Luzerner Zeitung AG ist Herausgeberin der fünf Regionalausgaben mit einer Gesamtauflage von rund 125’000 Abonnenten, davon rund 70’000 NLZ-Abos. Gelesen werden die NLZ und ihre Regionalausgaben täglich von 294’000 Leserinnen und Lesern. Gesamthaft ging die Auflage innert der letzten 9 Jahre von 131’004 auf 118’795 Exemplare zurück, und dies, obwohl 2014 der «Bote der Urschweiz» mit 16’047 Exemplaren für die deutlich schwächere «Neue Schwyzer Zeitung» eingewechselt kam.

Die Neue Luzerner Zeitung AG beschäftigt alleine rund 300 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von 99 Millionen Franken.

Die Neue Luzerner Zeitung AG ist die grösste Tochtergesellschaft der LZ Medien Holding AG mit rund 500 Mitarbeitern. Sie gibt die NLZ und ihre Regionalausgaben sowie die Zuger Presse mit Lokalausgabe Zugerbieter und den Anzeiger Luzern heraus. Zu dieser Holding gehören zudem auch die AGs Radio Pilatus, Tele 1, Multicolor Print, Maxiprint.ch, NZZ Fachmedien und NZZ Management. An der Surseer Woche ist die Holding mit 20 Prozent beteiligt. Verwaltungsratspräsident der Holding ist Erwin Bachmann. Mitglied im Verwaltungsrat ist unter anderem NZZ-CEO Veit Dengler.

2014 erzielte die gesamte LZ-Gruppe einen Gesamtertrag von knapp 136 Millionen Franken. Daraus resultierte ein Betriebsergebnis von 8,6 Millionen Franken. Ein Jahr zuvor waren es zwei Millionen mehr. 

2014 hat die NZZ-Mediengruppe die NLZ sowie das St. Galler Tagblatt vollständig übernommen. Was viele nicht mehr wissen dürften: Bis 2002 hielt Ringier einen Anteil von 49 Prozent an der NLZ. Ringier verkaufte diesen dann jedoch an die NZZ-Gruppe.

Lesetipp: Lesen Sie hier unseren ersten Artikel zu diesem Thema: «Grosser Knall bei der NLZ – Bornhauser tritt ab»

Plus unseren Kommentar: «Zeit für frischen Wind bei der NLZ»

Plus unsere Fortsetzung «NLZ muss mit Entlassungen rechnen»

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