Musikerin Laura Livers muss mit 1380 Franken pro Monat auskommen
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Laura Livers während ihres New-York-Aufenthaltes im Jahr 2018. (Bild: zvg)

Für Kulturschaffende hat Corona verheerende Folgen Musikerin Laura Livers muss mit 1380 Franken pro Monat auskommen

5 min Lesezeit 10 Kommentare 01.09.2020, 05:00 Uhr

Dass es Kulturschaffende im Moment schwer haben, ist bekannt. Ein Beispiel aus Zug zeigt jedoch eindrücklich, wie es selbständigen Musikern wegen Corona regelrecht ans Lebendige geht.

«Und so etwas passiert in Zug?», denkt man sich, als Laura Livers ihre aktuelle Situation schildert. Die Zuger Komponistin und Musikerin lebt seit Corona finanziell am Limit – nein, eigentlich deutlich darunter.

«Über Geld zu sprechen, ist ein grosses Tabu, auch in der Kulturszene. Doch ich will darüber reden, sonst ändert sich nichts. Ausserdem habe ich nichts mehr zu verlieren», sagt Livers zu Beginn des Gespräches.

1100 Franken Ergänzungsleistungen erhält die freischaffende Künstlerin aktuell von der Ausgleichskasse. Dazu kommen 280 Franken, welche ihr von der Stiftung «Suisse Culture Sociale» bezahlt werden. «Damit sollen meine wichtigsten Kosten gedeckt werden.» Nur: 1380 Franken im Monat, das ist selbst für Kulturschaffende wenig, die es sich gewohnt sind, mit knappen finanziellen Mitteln zu jonglieren. Als Selbständigerwerbende hat Livers keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Ein Sabbatical zur «falschen» Zeit

«Das Hauptproblem beim Erwerbsersatz ist, dass ich 2019 ein Sabbatical eingelegt habe. Dies, nachdem ich nach meinem Masterabschluss jahrelang gearbeitet hatte», erklärt Laura Livers. Will heissen: «In diesem Jahr entsprachen meine Einnahmen nur gerade einem Viertel davon, was ich im Jahr davor verdient hatte. Und blöderweise wird die Höhe des Erwerbsersatzes mit den Steuerdaten von 2019 berechnet.» Respektive auf 80 Prozent davon.

Das Ersparte, das sich Livers während Jahren erarbeitet hatte und von dem sie während ihres Pausenjahres gelebt hatte, wurde weniger. Und gerade, als die Musikerin im Frühjahr 2020 wieder mit ihren Projekten starten wollte, kam Corona. «Genau zu Beginn des Lockdowns war mein Erspartes aufgebraucht», erzählt sie.

«So etwas sollte nicht passieren. Nicht, wenn der Wirtschaft daneben so schnell und unkompliziert geholfen wird.»

Laura Livers, Zuger Komponistin und Pianistin

«Ich habe das Glück, dass ich im Moment für 700 Franken in einer Einlegerwohnung einer Freundin leben kann. Trotzdem kommen diverse weitere Lebenskosten dazu. Krankenkasse, Telefon und Lebensmittel, geschweige denn die Steuern.» Mit den 1380 Franken komme sie immer genau so lange klar, bis eine neue Rechnung hereinflattere. Besonders brenzlig sei es im Juli gewesen, als die EO-Zahlungen erst mit mehreren Wochen Verzögerung eintrafen, da neue Regeln des Bundes in Kraft getreten waren. «So etwas sollte nicht passieren. Nicht, wenn der Wirtschaft daneben so schnell und unkompliziert geholfen wird und wenn Restaurants hürdenlos innerhalb von 24 Stunden einen Kredit von 50’000 Franken erhalten», findet Livers.

Das Ziel: Nicht betrieben zu werden

«Währenddessen renne ich atemlos den Zahlungen nach, die ich tätigen muss, ständig mit dem Ziel, nicht betrieben zu werden.» Sie ergänzt: «Ausserdem will ich verhindern, dass ich auf die Schwarze Liste der Krankenkasse gerate.»

Neben ihrer Arbeit als Komponistin und Pianistin arbeitet Livers hin und wieder auch als Kultur-Rezensentin oder hilft bei Kulturhäusern aus. «Diese Verdienstquellen fallen derzeit natürlich weg.» Auch an einer Musikschule unterrichten kann sie nicht. «Ich habe zwar einen Bachelor in klassischer Musik und einen Master in Komposition. Zum Unterrichten braucht es jedoch eine Ausbildung in Musikpädagogik.»

Ob es denn nicht andere Möglichkeiten gab, um Unterstützungsgelder zu erhalten? Der Kanton Zug hat für Kulturschaffende einen Fonds geschaffen, um Ausfallentschädigungen zu sprechen. «Das ist richtig. Bloss hatte ich im Frühling erst etwa zehn Konzerte definitiv gefixt, für die ich vergütet werden konnte.»

Niemand traut, Konzerte zu booken

Livers ergänzt resigniert: «Weil die Lage so unsicher ist und die Fallzahlen steigen, bookt im Moment kaum jemand Konzerte für den Herbst. Die kleinen Anlässe, die aktuell stattfinden, lohnen sich fast nicht. Doch muss ich jetzt auch Engagements annehmen, bei denen ich nur 100 Franken Gage erhalte. Da ist dann sehr wenig Wertschätzung zu spüren.»

Vorläufig bis am 16. September gilt die Sonderregelung, dass auch Selbständigerwerbende Erwerbsersatz beziehen können. «Doch was ist danach?«, fragt sich Livers. Das Parlament sollte diesen Herbst noch einmal darüber befinden.

«Im allerschlimmsten Fall kann ich immer noch meine Pensionskasse auflösen.»

Sieht Livers bessere Alternativen, wie der Staat in dieser aussergewöhnlichen Situation mit selbständigerwerbenden Kunstschaffenden umgehen könnte? «In Berlin erhielten Freelancer während Corona 5000 Euro für drei Monate.» Das sei zwar wohl auch nicht die perfekte Lösung, doch könne man sich damit gut eine Zeit lang über Wasser halten. «Auch wäre es mutig gewesen, wenn der Bund die Chance genutzt hätte, um neue Konzepte zu schaffen wie etwa ein bedingungsloses Einkommen», gibt Livers zu bedenken. «Ich hatte in den ersten Monaten kaum Zeit, Ruhe zu finden und zu arbeiten, da ich dauernd damit beschäftigt war, mit den verschiedensten Ämtern zu telefonieren. Allein um herauszufinden, wie ich meine Existenz sichern kann.»

Laura Livers hat derzeit finanziell hart zu kämpfen.

Lichtblicke am Horizont

Etwas Hoffnung zeichnet sich nun jedoch ab. Bei der Stadt Zug konnten Kulturschaffende, so auch Laura Livers, bis Mitte August ein Gesuch für finanzielle Unterstützung einreichen. Diese werden derzeit geprüft. Ausserdem ist es Kulturschaffenden mittlerweile auch möglich, beim kantonalen Amt für Kultur Entschädigungen für potenziell entgangene Einnahmen zu beantragen. Dies, sofern plausibel dargelegt werden kann, dass ein Engagement ohne Corona stattgefunden hätte.

Immer mal wieder – wenn es finanziell besonders eng wird – macht sich bei Laura Livers Panik breit. Weil sie nicht weiss, wann die nächste Rechnung kommt, nicht weiss, was die kommenden Monate und Jahre bringen werden. Sie zuckt mit den Schultern und sagt: «Dann mache ich halt Schulden, wenn es wirklich nicht anders geht. Und im allerschlimmsten Fall kann ich immer noch meine Pensionskasse auflösen.»

Nicht nur um ihre eigene Existenz macht sich Livers Sorgen, sondern auch um die Gesellschaft. «Ich habe im Studium gelernt, dass das Fehlen von Kultur ein Indikator dafür ist, dass es einer Gesellschaft nicht gut geht. Kunst ist ein Abbild der Gesellschaft, ein Outlet, eine Weltflucht, die widerspiegelt, was im Menschen passiert. Wenn das nicht passiert, geht es uns nicht gut.» Sie überlegt kurz, sagt: «Ich fürchte, es wird wegen der aktuellen Krise darauf hinauslaufen, dass sich immer mehr Leute von der Kultur verabschieden müssen.»

Livers kann vorläufig aufatmen

Kurze Zeit nach dem Interview meldet sich die Zuger Pianistin freudig. «Ich habe heute in einem Brief vom Kanton Zug erfahren, dass ich einen Förderpreis über 20’000 Franken gewonnen habe für das freie Schaffen als Musikerin. Somit bin ich ab Herbst, wenn das Geld kommt, für mindestens ein halbes Jahr finanziell abgesichert», so die Zugerin überschwänglich.

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10 Kommentare
  1. Th. Schmid, 03.09.2020, 00:20 Uhr

    Guter und interessanter Artikel. Warum er aber «über 791 Franken» gekostet haben soll, ist mir unverständlich, sorry.

    1. Redaktion Lena Berger, 03.09.2020, 08:21 Uhr

      Vielen Dank für die positive Rückmeldung auf den Artikel. Was ein unabhängiger journalistischer Artikel kostet, setzt sich aus verschiedenen Posten zusammen. Das hat viel mit der Qualitätssicherung und den entsprechenden Abläufen zu tun. Einerseits ist da das Honorar für die Autorin und die Fotografin. Dann die müssen die Redaktoren bezahlt werden, die den Text redigieren (also zb. inhaltliche Logik, roten Faden und Sprachbilder überprüfen sowie Fakten checken). Die Redaktionleitung überprüft danach, ob Titel und Lead angemessen sind. Als nächstes wird der Artikel von unserem lokalen Korrektorinnen-Team auf Rechtschreibung etc. überprüft. Der letzte Schritt besteht in der Veröffentlichung des Textes durch unser Newsteam, das ebenfalls einen Lohn bezieht. Dieses ist auch für den Vetrieb der Artikel auf Socal Media verantwortlich. Hinzu kommen Kosten für die Arbeitsmaterialien, Miete, Telefongebühren und weitere Spesen. Alles in allem kostet ein Artikel, an dem eine Autorin einen ganzen Arbeitstag gearbeitet hat, rund 800 Franken. Das ist der Grund, weshalb zentralplus auf Spenden angewiesen ist.

  2. EiSa, 02.09.2020, 07:03 Uhr

    Ich kenne persönlich ein MusikerDuo, welches mit viiel weniger auskommen muss, die haben sich für den weg entschieden und jammern nicht, sondern arbeiten kreativ weiter 😉 ohne Auftritte halt…

  3. Joseph de Mol, 01.09.2020, 15:02 Uhr

    Schon mal was von einem „Brotjob“ gehört? Auch wenn es vielleicht nicht sexy, artsy oder hip ist – hilft aber über die Runden zu kommen.

  4. CScherrer, 01.09.2020, 11:29 Uhr

    Da bleibt einem nur das Staunen. Realitätsfremder geht es wohl nicht. Die Dame soll sich gefälligst einen Nebenjob suchen. Basta!

    1. M. Graf, 01.09.2020, 17:38 Uhr

      Lieber Herr Scherrer

      Hier eine Denkaufgabe für Sie: hören Sie Musik? Ja? Falls nicht zuhause dann sicher am Radio, beim Einkaufen etc. Musik ist ein fester und nicht wegzudenkender Bestandteil des menschlichen Lebens. Gäbe es keine Menschen wie „die Dame“, sähe die Welt noch trostloser aus, als sie ohnehin schon ist. Musik machen heisst in diesem Fall 100% Einsatz zu geben. Anders kommen keine Songs ins Radio oder auf iTunes etc. Basta!

    2. CScherrer, 02.09.2020, 07:49 Uhr

      Liebe/r M. Graf

      Was hat dies mit der Tatsache zu tun, dass auch diese Dame arbeiten gehen kann? Sie argumentieren am Thema vorbei. Natürlich gehört es zur Aufgabe des Staates auch die Kunst zu unterstützen. Die Menchen, die unseren Müll wegräumen, uns einen Kaffee servieren verrichten demnach nicht 100%? Medizinstudenten geben nicht 100% und müssen daneben noch arbeiten um ihr Studium zu finanzieren? Lächerliches Argument, dass dies bei einer Künstlerin nicht möglich ist.
      Songs kommen dann in das Radio, wenn sie gut sind oder die Plattenfirma diese „pusht“. Und so ganz nebenbei: Ich kaufe Schallplatten! Lade keine Songs runter.

  5. pit.sommer, 01.09.2020, 10:03 Uhr

    Wie bei Familien „üblich“, wenn das Einkommen des Ehemanns nicht ausreicht, könnten auch (Lebens)-Künstler einen Nebenerwerb suchen…..

  6. Andrea Bellini, 01.09.2020, 08:35 Uhr

    Musik ist ein „high risk“-Geschäft. Viele probieren es, die wenigsten schaffen es. Wie kann man auf die Idee kommen, von der Musik leben zu können wie von irgend einem anderen Job? Hat Laura Livers einen Hit vorzuweisen, füllt sie Konzertsäle? Nein, bei weitem nicht. Also kann sie zufrieden sein, dass sie damit etwas Geld verdient und muss sich halt für den Restbedarf einen anderen Job suchen.

    1. Cora Svito, 01.09.2020, 14:34 Uhr

      Absolut richtig, nur dass praktisch das ganze Kultursegment mit wenigen Ausnahmen eine brot- und trostlose Sparte ist, speziell dann, wenn man nur zum durchschnittlichen Haufen zählt. Master hin oder her, der vermeintliche Elite-Dünkel hindert diese Leute daran, sich mit möglichen Einkommens-Alternativen auseinander zu setzen. Sie fühlen sich zu höherem geboren!

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