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Musikalische Spitzenleistung, die die Grenzen der Wirklichkeit sprengt
  • Kultur
  • Rezension
Patricia Draeger, Claudio Strebel, Albin Brun und Isa Wiss (v.l.) (Bild: Ingo Höhn)

Albin Brun Trio & Isa Wiss im Kleintheater Musikalische Spitzenleistung, die die Grenzen der Wirklichkeit sprengt

3 min Lesezeit 28.09.2018, 16:32 Uhr

Am Donnerstagabend feierte das Albin Brun Trio zusammen mit Isa Wiss die CD-Taufe des neuen Albums «Lied.Schatten» im Kleintheater. Dabei zeigten die Vokalkünstlerin und das Trio, was mit Musik möglich ist. Und lösten pure Begeisterung aus.

Langsam wird es dunkel im Kleintheater und das Geplapper und Geplauder des mehrheitlich Mitte-Fünfziger-Publikums verstummt. Kuhglocken erklingen und dazu eine ganz eigentümliche, raue und klare Stimme. Irgendwie bekannt und doch fremd. Mit «Es isch Ke Sölige Stamme», einem alten Kuhreihen aus dem Emmental, treibt Isa Wiss die Kühe auf die Alp. Energisch und bestimmt läuft sie auf der Bühne hin und her, wird lauter und eindringlicher und untermalt ihre Stimme dabei mit einem fremden Instrument. Es ist eine indische Shrutibox, mit welcher sie den urschweizerischen Volksgesang begleitet und die Grenzen der unterschiedlichen Musiktraditionen aufbricht. Und es passt perfekt.

Allmählich stimmt auch das Trio Albin Brun (Schwyzerörgeli, Sopransax), Patricia Draeger (Akkordeon) und Claudio Strebel (Kontrabass) mit ein. Alle sind sie alte Hasen im Musikgeschäft, versiert in ganz unterschiedlichen Genres, und haben schon in vielfältigen Formationen nationale und internationale Bühnen bespielt.

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Grenzen bespielen

Gerade von ihren musikalischen Reisen lassen sich die Künstler gerne inspirieren. Im Stück «Rehoboth» sind es die positiven Vibes der Musiktraditionen Namibias, die Albin Brun virtuos auf seinem Schwyzerörgeli nachzuahmen vermag. Doch es ist mehr als das. Aus der Mischung von Eigenem und Fremdem, Volksmusik und Jazz, Altem und Neuem, Dur und Moll, gelingt es den Musikern, nicht nur einen ganz neuen und eigenen «Lied.schatten» zu beleuchten, sondern diese Kategorien als solche zu befragen. Experimentierfreudig loten sie auch die Grenzen ihrer Instrumente aus, trommeln, klopfen, blasen und streichen und erzeugen ungewohnte Klänge.

Musikalisches Gespräch

Auch Isa Wiss lotet ihr Instrument, die Stimme, aus. In «MazurkaTastrophe», das auf der traditionellen Appenzeller Mazurka (ursprünglich polnisch) basiert, zieht sie ihre Pumps aus und dreht richtig auf. Es ist unglaublich und unbeschreiblich, welche Klänge sie mit ihrer Stimme erzeugen kann. Im Stil eines Scat-Gesangs singt sie bald ganz leise, flüsternd, zischend und krächzend, bald ganz laut, schreiend, lallend und energisch. Und das alles in einem rasenden Tempo. Leichtfüssig und haargenau trifft sie auch im schnellsten Wechselspiel die höchsten Töne präzis mit viel Gefühl, um dann wieder ganz tief die Bruststimme vibrieren zu lassen.

Wiss überzeugt dabei auch mit ihrer ausdrucksstarken Mimik und Gestik. Zeitweise findet fast ein musikalisches Gespräch zwischen Wiss und den Instrumenten statt, wobei die Gesprächsteilnehmer aneinander vorbeizureden scheinen. Immer wieder erzeugen die Musiker so komische Momente und bringen das Publikum zum Lachen.

Emotionale Achterbahn

Die Freude und Leidenschaft der Musiker sorgt für vertraute und ausgelassene Stimmung auf der Bühne. Dieser Funke springt auch auf das Publikum über. Es gibt zwar immer wieder irritierende und lustige Melodien, mehrheitlich sind die Lieder jedoch melancholisch, voller Sehnsucht und Leidenschaft. Die Musiker spielen an diesem Abend eine Mischung aus älteren Liedern (wie Bruns Meisterwerke «Tau» und «Schnee») und neuen Stücken, welche sich gut ineinanderfügen.

Mit «Saturn (Ça Tourne)» tanzen wir gedanklich mit und drehen uns höher und höher – bis das abrupte Ende uns zurück ins Kleintheater fallen lässt. Am liebsten wäre ich aber an den Küsten Levantos geblieben. Denn mit «Canto di Levanto» schaffen es die Musiker, eine Stimmung zu erzeugen, die die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination zu sprengen vermag. Das Rauschen des Meeres ist so eindringlich, dass es sogar das Wasserglas von Isa Wiss erfasst.

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