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Mücken tanzen, es spielt die Landschaft und alle Vöglein sind schon da
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In «Die Stadt der Vögel» spielen neben dem Schauspieler Walter Sigi Arnold 40 Laien mit.  (Bild: © Emanuel Wallimann, Die Waldstätter AG)

«Stadt der Vögel» auf der Tribscher Halbinsel Mücken tanzen, es spielt die Landschaft und alle Vöglein sind schon da

4 min Lesezeit 14.06.2017, 12:03 Uhr

Die Luzerner Freilichtspiele eröffneten am Dienstagabend mit «Stadt der Vögel» die Saison 2017 auf der Tribscher Halbinsel, Walter Sigi Arnold gibt sich unter der Regie Annette Windlins bis 29. Juli in der Hauptrolle die Ehre. Das 34-köpfige Spielerensemble bringt «eine luftige Komödie» auf die Bühne, oder in diesem Fall: auf den Sand, das Gras und die Bäume. Das sorgt für gemischte Gefühle.

Über Luzerns Ufern liegt immer noch eine gewisse Hitzelethargie, als sich um 21 Uhr die Zuschauer in der Tribschen einfinden. Die Mücken tanzen, Spannung liegt in der Luft, denn die Werbekampagne für die diesjährigen Freilichtspiele wurde ganz gross aufgefahren: Einstimmungen mitsamt Essen wurden im Schweizerhof und auf einem Katamaran geboten, das Gastronomiezelt punktet mit Öffnungszeiten von 19 bis 23.30 Uhr.

Die Bühne bilden Sandboden, künstliche Baumstümpfe, der angrenzende Hügel mitsamt Wald und mittendrin riesige Eier, aus denen dann wohl – so lässt sich mutmassen – die namengebenden Vögel schlüpfen werden. Dann setzt die Musik ein, Christian Wallner, David Zopfi und Pit Furrer spielen experimentell anmutenden Jazz, Myrta Amstad singt dazu.

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Das gibt den Zuschauern Zeit, um andere Besonderheiten der Freilichtbühne zu entdecken: Eine Zipline spannt sich von den Zuschauerrängen bis hoch in den Wald, mitten in der Tribüne ist eine Rutsche, umliegende Bäume sind mit Ausgucken und Hochsitzen ausgestattet. All diese Elemente kommen in den folgenden 90 Minuten zum Einsatz und sorgen für Höhepunkte im Stück von Gisela Widmer, das sich an Aristophanes’ «Die Vögel» von 414 vor Christus orientiert.

Technisch hohes Niveau

Wer kam, um die Besonderheiten des Mediums Freilichttheater zu erleben, kam auf seine Kosten. Einzigartig schön inszeniert präsentierte sich nämlich die Bühnenlandschaft und spielte nach Einbruch der Dunkelheit mit Licht, Schatten und märchenhaften Farben. Der Himmel tat das seine als Teil der liebevoll gestalteten Naturkulisse.

Doch «Stadt der Vögel» überzeugte nicht nur ästhetisch, sondern auch technisch: keine rauschenden Mikrofone und keine Verzögerungen oder Verständnisschwierigkeiten, auch wenn die Schauspieler fünfzig Meter entfernt in der Wiese standen. Einer dieser Schauspieler war Walter Sigi Arnold, der wie gewohnt sämtliche Erwartungen erfüllte; mit seiner Textsicherheit und Spielfreude war er in diesem Fall allerdings nicht alleine.

Das ganze Ensemble, von Ruth Mächler komplett in Vogelfedern gewandet, sprühte vor Elan: Vom Raben über die Stadttaube und den Rosenfink bis hin zu exotischerem Federvieh wie dem nordischen Buntspecht waren alle Vöglein, alle, da. Besonders beeindruckte Rahel Bünter als Prokne, die Nachtigall, die mit Goldkehle und in ein Kleid aus tausend Spiegeln aus dem grünen Dickicht des Waldes heraus zu ihresgleichen hinuntersang.

Der Traum vom perfekten Ort

Die Handlung des Stückes ist, in ihren Grundzügen, schnell erzählt: Makarios (Walter Sigi Arnold) und sein treuer Kumpan Georgos (Rolf Steffen) sind in Athen in Ungnade geraten und suchen einen Ort, an dem sie vor dem Gesetz sicher sind und für immer glücklich leben können. Auf die Feststellung hin, dass es einen solchen Ort nicht gibt, entschliessen sie sich, ihn zu erschaffen. Nach einigen anfänglichen Querelen mit dem Volk der Vögel bauen die beiden also Wolkenkuckucksheim, die Stadt der Vögel, zwischen Himmel und Erde, wo weder Götter noch Menschen etwas zu melden haben.

Diese Geschichte, die im Original intensiven Bezug auf die lokalen Gegebenheiten in Athen nimmt, wurde für die Freilichtspiele modern umgemünzt und eignet sich eigentlich gut für die Freilichtbühne: Realität und Utopie vermischen sich in derselben Weise, wie sich Natur, Schauspieler und Licht zu einem Grenzen verwischenden Ganzen vereinen.

Leider litt das Stück aber durchweg an unglücklichen Längen. Ob das an der Vorlage oder der Neuinterpretation liegt, lässt sich schwerlich sagen, allerdings entglitt dem Ensemble mehr als nur einmal die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Gleich zu Beginn geriet man ins Straucheln, als unklar war, weshalb die beiden Protagonisten aus Athen geflüchtet sind, und diese Frage blieb durchs ganze Stück unbeantwortet, genauso wie jene, was es mit ihrer Tätigkeit als Vogelfänger auf sich hat. Wortwitze dauerten teilweise zu lange an, die Dialoge blieben – wenngleich schnell und anspruchsvoll – wenig agil.

Mitreissende Story fehlt

Insgesamt hatte «Stadt der Vögel» daher eigentlich alles: laue Sommerluft, stimmungsvolles Licht, eine Kulisse, die in einer Liga mit den Bregenzer Festspielen rangiert, tolle Schauspieler, aufwendige Kostüme und Rahel Bünters Stimme, die sich schön mit den Choreinlagen ergänzte. Nur eben fehlte die mitreissende Story, zu oft zogen sich Handlung und Dialoge zu sehr in die Länge, zu oft fehlten schnittige Übergänge, und mit der Zeit fielen auch sichere Lacher der Langatmigkeit zum Opfer.

Immer wiederkehrender repetitiver Elemente, die zu Beginn noch unterhielten, wurde man bald überdrüssig, und so war auch der Applaus am Ende zwar lang anhaltend, aber doch recht gemässigt. Ein packenderer dramaturgischer Bogen, sinnvollere Einführung der Hauptpersonen und weniger Wiederholungen hätten das Gesamterlebnis Freilichttheater abgerundet – aber angesichts der Schwächen des Stücks konnte weder eine Rauchmaschine noch ein glänzender, enthusiastischer Walter Sigi Arnold das Ruder herumreissen.

Bis zum 29. Juli finden insgesamt 27 Vorstellungen statt, in der Regel von Mittwoch bis Samstag. Mehr Infos auf: www.freilichtspiele-luzern.ch

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