Mord und Totschlag im Museum
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Furchterregend: Die Maske des Mörders aus der Luzerner «Tatort»-Folge «Schmutziger Donnerstag». (Bild: nae)

Ausstellung «Tatort» im Historischen Museum Mord und Totschlag im Museum

5 min Lesezeit 22.09.2017, 10:33 Uhr

Elf grausame Mordfälle aus dem Kanton Luzern erwarten die Besucher im Historischen Museum. An der Vernissage vom Donnerstag gab es eine Filmpremiere, einen begeisterten Mediensprecher der Luzerner Polizei und einen störenden Dialog in Endlosschleife.

Weisse Vorhänge durchziehen den Raum. Plötzlich sieht man da eine Projektion, hört man dort ein Geräusch. Man befindet sich in der neuen Ausstellung «Tatort» im Historischen Museum Luzern . «Wir interessieren uns alle ein bisschen für Mord und Totschlag», sagt Sibylle Gerber, Kuratorin der Ausstellung.

Keine leichte Angelegenheit – elf Luzerner Kriminalfälle aus sieben Jahrhunderten werden präsentiert. Diesen realen Tatorten wird die fiktive Welt der populären Krimiserie «Tatort» gegenübergestellt. Zudem erhält man einen Einblick in die Geschichte der kriminalistischen Methoden.

Eine Leiche im Backofen

Als Einstieg wurde ein eigens für die Ausstellung produzierter Film gezeigt. Dieser behandelte den Fall Hunkeler-Bucheli (1942) und wurde mit Delia Mayer und Stefan Gubser – dem Ermittlerteam des Luzerner «Tatort» – gedreht. Die Dienstmagd Anna Hunkeler-Bucheli hatte ihre Haushälterin getötet und in einem riesigen Backofen verbrannt (zentralplus berichtete).

«Wenn Sie vor einer Türe stehen und es riecht bereits seltsam, dann ist das schon mal gar nicht gut!»

Kurt Graf, Sprecher Luzerner Polizei

Dieser Raubmord sollte ihr das Geld für die Heirat mit Herrn Hunkeler einbringen. Doch die Polizei kam ihr auf die Spur. 1943 wurde sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Film kann am Eingang zur Ausstellung betrachtet werden.

Die Sparwut des Kantons

An einem Anlass über Mord und Totschlag darf die Polizei nicht fehlen. Diese war durch Polizeikommandant Adi Achermann und Mediensprecher Kurt Graf vertreten. Letzterer erzählte euphorisch von seiner beratenden Funktion bei den Luzerner «Tatort»-Krimis und den Schwierigkeiten des Polizeiberufs. «Wenn Sie vor einer Türe stehen und es riecht bereits seltsam, dann ist das schon mal gar nicht gut!» Zudem ging er kurz auf die Sparpolitik ein, als er fragte: «Dürfen wir hier überhaupt auftreten?» Glücklicherweise war das polizeiliche Erscheinen an der Vernissage schon lange geplant.

Ausstellung

Die Ausstellung «Tatort» läuft bis 11. März 2018 im Historischen Museum Luzern. Zudem gibt es dazu die neue Theatertour «Tatort 1891: Fräulein Degen ist tot» (Premiere Mittwoch, 27.9., 18.30 Uhr). Weiter gibt es zum Thema «Tatort» einen Polizeitag (Samstag, 28. Oktober), eine Besichtigung der «Tatort»-Filmstudios (Samstag, 27. Januar 2018) sowie eine Filmreihe im Stattkino (Januar und Februar 2018).

Auch Marcus Wüest, Präsident des Vereins Freunde des Historischen Museums, ging auf die finanzielle Situation des Kantons ein. Er lobte die Leistung des Museums, trotz drohender Schliessung ein solches Projekt auf die Beine zu stellen. «Es ist enorm wichtig, dass man diesen Sparwütigen nicht in die Hand spielt.»

Im Anschluss an die Reden verköstigten sich die zahlreichen Besucher am Apéro, bevor sie in der Ausstellung den menschlichen Abgründen gegenübertraten.

Das erwartet die Besucher

Wie wird das Ganze präsentiert? Multimedial ist hier das Stichwort. Auch wenn die Fernseher etwas antiquiert wirkten, bestach die Ausstellung durch verschiedene Arten der Informationsvermittlung. Die elf Fälle waren auf innovativen Tafeln erklärt. Durch deren Mind-Map-Struktur konnten die Fakten schnell erfasst werden. Texte konnten gelesen und teilweise gehört werden. Ergänzend wurden auch originale Mordwaffen, Beweismaterialien und Schriftstücke präsentiert.

«Es ist nicht immer so spannend wie im Fernsehen, wo man mit Blaulicht über die Seebrücke rast.»

Sibylle Gerber, Kuratorin

Die Ausstellung zeigt zudem drei Luzerner «Tatort»-Folgen, die man mittels Kopfhörer mitverfolgen kann. Daneben fanden sich jeweils passende Requisiten – zum Beispiel eine Fake-Wunde oder die Maske des Mörders in «Schmutziger Donnerstag». Wer möchte, konnte in der Technikabteilung seinen eigenen Fingerabdruck hinterlassen. Von der einfachen Personenbeschreibung bis zur heute gebräuchlichen DNA-Analyse wurden dort die Methoden der Polizeiarbeit erklärt.

Der Tote aus der Serie «Kriegssplitter» hatte sogar eine richtige ID.

Der Tote aus der Serie «Kriegssplitter» hatte sogar eine richtige ID.

(Bild: nae)

Der Film läuft und läuft

Der Hauptkritikpunkt liegt in der Art und Weise, wie der selbstproduzierte Film zum Fall Hunkeler-Bucheli in der Ausstellung präsentiert wurde. Der grosse Flachbild-Fernseher zeigte den Film in Endlosschleife mit Ton und ohne Schallschutz. Dadurch fiel die Konzentration auf Texte in unmittelbarer Nähe schwer. Zudem kann es mit der Zeit nerven, zum zwanzigsten Mal denselben Dialog zu hören.*

Ausserdem gab es Besucher, die sich am diffusen Licht störten. Um eine mysteriöse Stimmung zu erzeugen, setzte Gerber auf das Spiel von Licht und Schatten. Mit der Zeit wurde es dadurch etwas mühsam, die Texte zu lesen.

Die Ausstellung ist dennoch sehr gelungen. Man spürt die enorme Recherchearbeit, die dahinter steckt. Eineinhalb Jahre hat Kuratorin Sibylle Gerber daran geforscht. Wie ein Kriminalist sei sie vorgegangen und habe die verschiedenen Puzzleteile aus dem Archiv zusammengetragen. Insofern sei ihre Arbeit sehr ähnlich wie die der Polizei – eine enorme Papierarbeit. «Es ist nicht immer so spannend wie im Fernsehen, wo man mit Blaulicht über die Seebrücke rast.» Nichtdestotrotz sind die Fälle alles andere als langweilig.

Eine Leiche im Güllenloch

Da ist zum Beispiel Matthias Muff. Dieser erschoss 1909 einen Bauer aus Geldnot und Rache. Er versenkte die Leiche in der Jauchegrube und versuchte danach, dessen gesamten Hof in Brand zu stecken. Fünf Monate später wurde er durch die Guillotine hingerichtet.

Auch ganz aktuelle Fälle fanden Eingang in die Ausstellung. Zum Beispiel der unter dem Namen «Todespfleger» bekannt gewordene Mörder. Dieser hat zwischen 1995 und 2001 in verschiedenen Altersheimen 22 Bewohner umgebracht. Da die Schutzfrist bei diesen Akten noch läuft, wurden anstelle der Namen Kürzel verwendet.

Zwei Polizisten vor dem Fall Hunkeler-Buchel.

Zwei Polizisten vor dem Fall Hunkeler-Bucheli.

(Bild: nae)

Durch die Gegenüberstellung von älteren und neueren Fällen lässt sich die Strafpraxis gut erfassen. So strafte man bis Anfang des 20. Jahrhunderts viel körperlicher – durch Folter oder Hinrichtung.

In der gesamten Ausstellung werden keine delikaten Bilder gezeigt. In Anbetracht der geschilderten Fälle trat man den Heimweg trotzdem mit einem mulmigen Gefühl an. Die Ausstellung wird denn auch für Kinder ab zwölf Jahren empfohlen.

* Hinweis: Das Historische Museum hat mitgeteilt, dass der Film künftig in der Ausstellung nicht im Loop gezeigt wird. So sollte es möglich sein, sich besser auf die Texte konzentrieren zu können.

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