Mondmythen – Luzerner zwischen Mondkult und Aberglaube
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Wächst das Haar schneller nach, wenn man es bei Vollmond schneidet? Und gibt es in Vollmondnächten mehr Kinder? Die Liste der Mondmythen ist lang. (Bild: Ulrich Peters/flickr)

Kommen in Vollmondnächten mehr Kinder zur Welt? Mondmythen – Luzerner zwischen Mondkult und Aberglaube

7 min Lesezeit 27.07.2018, 14:59 Uhr

Diesen Freitagabend steht über Luzern und Zug ein blutroter Vollmond. Der Mond soll das Haarwachstum, die Milchleistung von Kühen, unseren Schlaf und die Psyche beeinflussen. Die Liste aller Mythen, die rund um den Mond existieren, ist lang. Wir haben mit Luzernern über zehn von ihnen gesprochen.

Jeder Luzerner wird in der Nacht vom Freitag einen Blick in den Himmel werfen. Nämlich dann, wenn der Mond während 103 Minuten in blutrote Farbe getunkt wird. Es ist die längste totale Mondfinsternis des Jahrhunderts – ein Spektakel, das in der Art das letzte für uns alle sein wird. Die Totale beginnt um 21.30 Uhr, die maximale Verdunkelung tritt um 22.21 Uhr ein.

Der Mond scheint wie kein anderer Himmelskörper Einfluss auf den Menschen zu nehmen. Zahlreiche Mythen rund um den Mond existieren. Mondkult oder purer Aberglaube? Das meinen Luzerner dazu.

1. Der Mond beeinflusst die Geburtenrate – bei Vollmond kommen mehr Babys zur Welt

«Es ist definitiv etwas Wahres dran, dass in Vollmondnächten mehr Babys zur Welt kommen!», meint Esther Fischer, Hebamme aus Emmenbrücke, überzeugt. Der Mond galt schon früher als derjenige Himmelskörper, der das Universum regelt.

So soll er Einfluss auf Fortpflanzung, Menstruationszyklus, Libido, Empfängnisbereitschaft und Eisprung der Frau haben. Naheliegend, dass somit auch ein Einfluss auf die Geburt bestehe.

«Der Zeitpunkt einer jeden Geburt eines Kindes ist ein Mysterium», sagt Fischer. «Weshalb kommt das Kind heute Abend um 19 Uhr zur Welt und weshalb nicht bereits gestern?» Esther Fischer war schon bei mehr als 1’000 Geburten dabei. Die Mondphasen hätten einen besonderen Einfluss auf die Geburten. Im Besonderen dann, wenn die Mondphasen umschlagen – oder etwa das Wetter.

Eine Geburt, die Fischer nie vergessen werde, war übrigens eine Geburt im Melchtal: «Kaum kam das Baby zur Welt, ging der Vollmond auf. Das Licht, das gekommen ist, und die ganze Energie waren imposant.»

2. Hunde fletschen bei Vollmond öfters die Zähne

Jeder kennt die Legende des Werwolfes. Es ist das Fabelwesen, das sich bei Vollmond von einem Menschen in einen Wolf verwandeln soll. Auch Hunde sollen vom Vollmond angetan sein – und öfters mit den Zähnen fletschen.

René Betschart, Mitinhaber der Hundepension «Villa Bunterhund» in Schwarzenberg, glaubt, dass da ein Körnchen Wahrheit dahintersteckt. «Praktisch in jeder Vollmondnacht wirken die Hunde nervöser und sie bellen vermehrt», sagt Betschart. «Wenn sie auch nicht gerade mit den Zähnen fletschen», meint er lachend.

Werwolf-mässiges Anbellen des Mondes bleibe ihm erspart. «Aber jedes Mal, wenn die Hunde spinnen und wir dann in den Kalender schauen, denken wir: ‹Ah, klar, es ist wieder Vollmond!›»

3. Der Mond beeinflusst das Haarwachstum

Ein weiterer Mythos: Vor und im Besonderen bei Vollmond geschnittene Haare sollen besonders kräftig nachwachsen. In Paris gibt es Coiffeursalons, die in Vollmondnächten eigens für «mondkultige» Menschen offen haben. «Ich persönlich denke, das ist ein Mythos», sagt Steve Schlosser, Hairstylist beim Coiffeurgeschäft «Hauptsache».

Er wirft die Frage in die Runde des Salons – alle sind einstimmig dafür. Er kenne zwar einige (wenige) Kunden, die an diesem Glauben festhalten. Jedoch seien es meist diejenigen, die von Natur aus eher langsames Haarwachstum aufweisen.

Vollmondnächte – und gerade auch Blutmondnächte – seien aber auch für Schlosser speziell: «Für mich ist da schon auch ein Funken Spiritualität dran – aber ich würde jetzt nie behaupten, dass die Haare dann schneller nachwachsen», sagt er lachend. Gemäss dem Motto «Nützt’s nüt, so schadt’s nüt» fügt er jedoch an: «Wenn man fest an etwas glaubt, es sich manifestiert – dann passiert es auch.»

4. Der Mond beeinflusst das Abnehmen

Promis wie Madonna schwören drauf: die Mond(phasen)-Diät. Bei zunehmendem Mond soll der Körper besonders rasch Kalorien in Fett umwandeln – weshalb es lohnenswert sei, möglichst auf Obst und Gemüse zurückzugreifen. Fasten soll man bei Vollmond, bei abnehmendem Mond könne man auch mal wieder naschen.

Für Andrea Heller, eine Luzerner Ernährungsberaterin, sei es fraglich, ob sich die magische Kraft des Mondes auf die Ernährung ausschlägt. «Verzichtet man bei Vollmond jedoch möglichst auf Fett, Süsses und Schwerverdauliches und greift auf gesunde Ernährung zurück, haben es Fettpölsterchen so oder so schwerer», sagt Heller.

5. Der Mond beeinflusst das Backverhalten von Brot

Getreide, Wasser, Hefe und Sauerteig – die Grundzutaten eines jeden Brotes sind lebendige Zutaten. «Der Mond kann nicht nur die Stimmung des Menschen beeinflussen, sondern auch die des Teiges», verrät Bruno Heini von der Luzerner Conditorei «Heini».

Denn bei abnehmendem Mond soll der Teig schwerer aufgehen – anders bei zunehmendem Mond. Bruno Heini erklärt, dass jeder Bäcker täglich mit Umwelteinflüssen konfrontiert ist – so auch mit den Mondphasen. Bei der Teigherstellung müsse man diese Einflüsse miteinbeziehen, die Temperatur des Wassers an die Luftfeuchtigkeit anpassen.

Der Mond habe also Einfluss auf den Teig – einem guten Brot merke man es aber nicht an, wenn es bei abnehmendem Mond gebacken wurde. Denn ein guter Bäcker wisse, wie er Tag für Tag dasselbe feine Brot backe.

6. Der Mond beeinflusst die Qualität von Holz

Holz ist nicht gleich Holz. Einige Luzerner Schreiner schwören auf sogenanntes «Mondholz». Wann das Holz gefällt und verarbeitet wird, bestimmen die Phasen des Mondes. Wer jetzt jedoch denkt, dass kuriose Gestalten in Vollmondnächten mit einer Axt im Wald umherlaufen, der irrt sich.

Der beste Zeitpunkt, das Holz zu fällen, sei bei abnehmendem Mond – idealerweise vor Neumond. Die biologischen Abläufe innerhalb des Baumes seien da auf ein Minimum reduziert.

Urs Dubach, Schreiner aus Büron, meistert sich gerade ein eigenes Bett aus Mondholz. «Mondholz ist besonders lange haltbar und robust. Es bewegt sich weniger als normales Holz, bleibt in seiner Form.»

Dass es eine spirituelle Kraft hat, glaubt Dubach jedoch nicht. «Ich würde jetzt nicht behaupten, dass man in einem Bett aus Mondholz besser schlafen kann», sagt Dubach lachend.

7. Der Mond beeinflusst die Milchleistung von Kühen

«Bei Vollmond abgewöhnte Kälber bekommen später grössere und vollere Euter» – ein Ammenmärchen? Für Fritz Neuenschwander vom Biohof «Bauer Fritz» in Rickenbach ist diese Aussage jedenfalls purer Humbug. «Ein schöner Gedanke, jedoch kann ich mir das eher nicht vorstellen», sagt er lachend.

Eine Kuh kann das erste Mal gemolken werden, nachdem sie das erste Kalb ausgetragen hat. Im Schnitt sei sie dann rund zweieinhalbjährig. Einen Zusammenhang zwischen dem Endpunkt des Säugens der Milch und dem Geben von Milch sei schwer nachvollziehbar.

8. Der Mond beeinflusst das Wachstum von Pflanzen

«Ich bin der Überzeugung, dass der Mond bestimmt eine gewisse Auswirkung auf die Pflanzen hat», sagt Selina Wandeler, Gärtnerin und Floristin aus Luzern. In ihrem eigenen Garten habe sie auch schon Pflanzen nach dem Rhythmus des Mondes angesät. «Die Pflanzen kamen gut – aber ob das wirklich am Mond lag?»

Bei aufsteigendem Mond soll man Obst ernten und die Pflanzen säen, die nach oben wachsen. Bei absteigendem Mond empfehle es sich, diejenigen Pflanzen zu säen, die in die Tiefe wachsen. Jätet man zu dem Zeitpunkt Unkraut, solle es langsamer nachwachsen.

Jedoch sei es sehr aufwendig, jede Pflanze nach dem Mondkalender zu richten, so Wandeler: «Ich bin mir nicht sicher, ob der Aufwand und Ertrag wirklich übereinstimmen.»

9. Vollmondnächte rauben einem den Schlaf

Viele Menschen beklagen sich in Vollmondnächten über schlechten Schlaf. Ein Team aus Schweizer Forschern fand 2013 heraus, dass in Vollmondnächten die Schlafdauer um rund 20 Minuten verkürzt wird, erklärt Schlafspezialist Max Strelzof von der Klinik für Schlafmedizin – von der es auch in Luzern eine gibt.

Die Einschlaflatenz sei um fünf Minuten verlängert und – jetzt kommt’s: Der Anteil des Tiefschlafs um 30 Prozent verkürzt. Jedoch seien die Resultate mit Vorsicht zu geniessen. Allgemein sei die Datenlage bezüglich des Zusammenhangs zwischen Vollmond und Schlafstörungen bis jetzt recht dünn. Doch ein Zusammenhang könne tatsächlich existieren.

«Da es genug Mythen bezüglich des negativen Effekts des Vollmonds auf die Schlafqualität gibt, ist es nicht ausgeschlossen, dass es eine Verschlechterung der Schlafqualität im Sinne von Nocebo gibt», sagt Strelzof. Nocebo bedeutet, dass ein Glaube eben nicht nur heilen, sondern auch krank machen kann.

10. Vollmondnächte beeinflussen die Stimmung eines Menschen – man wird unruhig, nervös und schnell gereizt

Der Mond bewegt ganze Meere – demnach auch Menschen? Durch das Spiel von Anziehungs- und Fliehkräften zwischen Erde und Mond entstehen Ebbe und Flut. Zweimal am Tag zieht sich das Wasser von der Küste zurück, steigt durch die Gravitationskraft des Mondes wieder an. Ein Flutberg entsteht.

Der Mond ist für die Gezeiten verantwortlich, kann ganze Ozeane bewegen. Doch nur schon in unseren Seen gibt es keine Ebbe und Flut mehr. Die Anziehungskraft wird umso kleiner, desto geringer die Masse ist. Der Mensch ist belanglos klein zum Ozean, dementsprechend belanglos dürfte auch die Gravitationskraft des Mondes auf den Menschen sein – dies behaupten Experten.

Die Luzerner Psychiatrie stellte bis anhin nicht fest, dass sich Patienten bei Vollmond besonders auffällig verhalten. Persönliche psychische Belastungen beeinflussen die Seele mehr als ein solches Naturphänomen, heisst es auf Nachfrage.

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