Mörderpaar träumte von Amerika – und landete im Gefängnis
  • Gesellschaft
Ragnhild Flater und Max Märki, die Täter im Mordfall Stadelmann. (Bild: StAAG/RBA1-1-24077_1=1)

Verhängnisvolle Liebe begann in Luzern Mörderpaar träumte von Amerika – und landete im Gefängnis

5 min Lesezeit 2 Kommentare 19.04.2020, 05:00 Uhr

Am Ostersonntag 1957 traf ein Mann am Luzerner Grendel auf eine Frau – und verliebte sich unsterblich in sie. Was unschuldig begann, endete mit einem brutalen Mord. Nun hat der Journalist Peter Hossli dieses Stück Schweizer Kriminalgeschichte aufgearbeitet.

Die Gassen der Luzerner Altstadt sind an diesem lauen Ostersonntag gut gefüllt. Nach einem milden März zieht es die Luzernerinnen und Luzerner raus. Max Märki ist auf der Suche nach einer Dame, mit der er die Nacht verbringen kann. Seine Ehefrau ist mit den drei Kindern in Brugg, er arbeitet seit einigen Wochen in der Luzerner Altstadt als Gipser und wohnt im Hotel.

Beim Schlendern fällt ihm eine junge Frau auf, keine Schönheit, aber ihre Augen gefallen ihm. Er spricht sie an, will wissen, wie sie heisse, woher sie komme. «Ragnhild», antwortet sie. Aus Norwegen. Da muss es sicher kalt sein, meint er. «Es ist schön dort», antwortet sie, «aber die Männer in der Schweiz sind schöner.» Bingo, denkt Max.

Im Tea-Room am Grendel ist der erste Schauplatz

Die Begegnung bildet den Auftakt zu einer atemberaubenden Geschichte, die mit Liebe anfängt und mit Mord aufhört. Erzählt wird sie vom Aargauer Journalisten Peter Hossli, der sie akribisch recherchiert und eben als Buch veröffentlicht hat. Max und Ragnhild sind die Protagonisten in einem Kriminalfall, der die Schweiz 1957 erschüttert hat.

Sie arbeitet zu der Zeit als Hilfsköchin im Tea-Room ABC am Grendel in Luzern. Doch eigentlich träumt sie davon, an die Hotelfachschule zu gehen. Sie liebt ihren «Lappi», wie sie Max manchmal scherzhaft nennt. Von dessen Frau weiss sie vorerst nichts. Auch nicht von den drei Kindern, die daheim auf ihn warten.

Im Tea-Room ABC am Grendel begegnete sich das Liebespaar erstmals. (Bild: Stadtarchiv Luzern, F2 PA 017/1124)

Zwischen den beiden entwickelt sich eine Amour fou. Er macht ihr teure Geschenke, lädt sie zum Essen ein. Die beiden lieben sich heimlich im Auto. Wenn sie sich nicht sehen können, schreiben sie sich Briefe. Wenn Max das Haus verlässt, greift Ragnhild sofort zum Füller – um ihm gleich wieder nahe zu sein.

Erpressungsversuch an der Eisengasse

Dass ihr Liebster ein Doppelleben führt, ist ihr nicht klar. Finanziell jedoch wird es immer enger für ihn. Seine Frau will die Scheidung und fordert für die Kinder Alimente. Mitten im Scheidungsprozess erfährt Max, dass Ragnhild schwanger ist. Das Ungeborene ist ein Beweis für seine Untreue. Max sagt seiner Geliebten nichts von den Schwierigkeiten, in die ihn das bringt. Er beschliesst, sich die Probleme mit einem «Chrampf», einem krummen Ding, vom Hals zu schaffen.

Max weiss von einer Engelsmacherin, die zu der Zeit an der Pfistergasse lebt. Im katholischen Luzern weiss man von Marianne Zemp, wie Autor Peter Hossli die Dame nennt, die aber eigentlich anders heisst. Sie macht Frauen die «Kinder weg», die diese nicht haben können oder wollen – mit teils sehr riskanten Methoden. Sie mischt Schmierseife mit einem Sud aus Kamille und führt die Lauge in die Gebärmutter ein. Das Resultat sind heftige Krämpfe. Im besten Fall wird der Fötus abgestossen. Im schlechtesten Fall stirbt die Frau mitsamt dem Kind.

Max weiss von der Sache, weil eine Bekannte von ihm auf diese Weise abtrieb. Sie war von einem österreichischen Kellner geschwängert worden und gebar – nach der «Behandlung» durch die Engelsmacherin – im November 1956 ein totes Kind. Heimlich verbrannte der Vater es im Kamin des Restaurants Rotes Gatter unter der Egg.

Im Roten Gatter am Rathausquai wurde der Fötus verbrannt. (Bild: Stadtarchiv, F2 PA 034/01)

Max beschliesst, sein Wissen auszunutzen – und Marianne Zemp zu erpressen. 16’000 Franken fordert er in einem Brief von ihr. Als er sie kurz darauf im Restaurant Bethlehem in der Eisengasse anruft, um die Details zu besprechen, lacht sie ihn aus. Die Erpressung scheitert.

Luzern – ein Ort, an dem Träume in Erfüllung gehen

Inzwischen reift in Max ein neuer Plan. Er will ein grosses Ding drehen, das ihn ein für alle Mal von seinen finanziellen Sorgen befreit. Ein Betrug. Ein Raub. Ein Schelmenstreich.  

Wie ein Schachspieler stellt er seine Figuren auf dem Spielbrett auf, um einem unbescholtenen Bürger eine gefährliche Falle zu stellen. Ragnhild erzählt er vorerst nichts davon, doch auch ihr hat er eine Rolle zugedacht. Erst am Abend vor der Tat – als bereits alles fein säuberlich geplant ist, weiht er seine Liebste ein.

Er verspricht ihr, dass sie beide nach der Sache zu dritt ein neues Leben in Amerika beginnen. Sie schwört, ihm zu helfen. Wenige Stunden später sind die beiden zu Mördern geworden. Und die Zeitungen sind voll mit Meldungen über den Handelsreisenden Peter Stadelmann, der auf brutale Art und Weise um die Ecke gebracht worden ist: Bewusstlos geschlagen in einem Citroen – und danach in der Reuss ertränkt.

In diesem Auto geschah der Mord am Handelsreisenden Peter Stadelmann.

Peter Hossli zeichnet nicht nur die Suche nach den Verbrechern sorgfältig nach. Er erzählt auch, welche Vorgeschichte die Tat hatte, wer darin noch verwickelt war und wie das Leben der Täter danach verlief. «Revolverchuchi» ist eine Reise in eine Zeit, als Luzern ein Ort war, an dem sich Träume erfüllen, aber auch platzen konnten. In ein Luzern, das uns mit seinen strengen Moralvorstellungen fremd geworden sein dürfte – und doch irgendwie vertraut ist, weil es die Schauplätze zum Teil heute noch gibt.

«Revolverchuchi, Mordfall Stadelmann» von Peter Hossli, erschienen im Zytglogge-Verlag, erhältlich im Buchhandel.

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2 Kommentare
  1. Jörg, 21.04.2020, 12:54 Uhr

    Früher gab es den Züsli ,auch Bekannt der die Postfiliale im Schönbühl überfiel,, ein raffinierter Hund, während die Polizei kam, fuhr er schon lange mit dem Komplizen über den See vom Eisstadion, stand ein Bott bereit,,. nach Adligenswil wo er die nächste Postfiliale überfiel.

    1. Redaktion Lena Berger, 22.04.2020, 10:24 Uhr

      Das klingt nach einer spannenden Geschichte! Wann ist das denn gewesen?

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