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Möchtegern-Südstaatler mit Flair für Hundsverlochete
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Ophelia's Iron Vest in ihrer Heimat und in ihren schönsten Anzügen. (Bild: zvg)

Ophelia's Iron Vest – Die grosse Lüge Möchtegern-Südstaatler mit Flair für Hundsverlochete

5 min Lesezeit 25.05.2015, 11:52 Uhr

Eine Luzerner Band schert sich keinen Deut um die aktuellen Musikströmungen. Und doch sind sie die Einzigen, die jedes Jahr fürs B-Sides gebucht werden. Ophelia’s Iron Vest heisst die Band, die sich um rosa Anzüge streitet und die auch für die Hells Angels spielen würde.

Die Brüder Andreas und Martin Gantner – ein Germanist und ein Kunsthistoriker – teilen seit Jahren die Leidenschaft für Banjomusik. Ophelia’s Iron Vest heisst ihre Truppe aus Luzern, die fernab von allen musikalischen und modischen Trends unterwegs ist. Die mittlerweile sechsköpfige Band spielt Country und Bluegrass – und das in rosa und hellblauen Anzügen.

Ophelia’s Iron Vest kommen aus Spice River Valley, einem Flecken Erde, den es sich nicht zu suchen lohne. Vielleicht finde man ihn in Kentucky, vielleicht am Mississippi, vielleicht aber auch nur in den Köpfen der Bandmitglieder, schreiben sie auf ihrer Facebookseite.

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Schicke Anzüge und Rollstühle

Die Brüder sitzen im «Meyer» bei einem Bier. Gesprächsthema der beiden ist gerade die Bombendrohung bei «Germany’s Next Topmodel». Etwas, das sie sehr beschäftige, betonen die beiden augenzwinkernd.

zentral+: Woher habt ihr eigentlich eure schicken Anzüge?

Andreas: Im Internet bestellt. Sie sollten massgeschneidert ankommen – Masse eingeben, Anzüge erhalten. Nun. Sie sitzen nicht wirklich gut. Und farbtechnisch gab es nur die Auswahl zwischen verschiedenen Grautönen und Schwarz, und eben: rosa oder hellblau.
Martin:
Das war der Grund für den bisher einzigen richtigen Streit in der Band.

zentral+: Die Farbwahl?

Martin: Eigentlich eher die Aufteilung: Soll Andreas hellblau und der Rest rosa auftreten oder umgekehrt?
Andreas:
Wir hatten Sitzungen, haben Umfragen im Bekanntenkreis durchgeführt, Listen gemacht, gestritten. Schlussendlich wollten mich einfach mehr Leute in Rosa sehen.

zentral+: Wenn das der erste richtige Streit war – wie lange gibt es euch denn schon?

Martin: Mittlerweile sind es neun Jahre. Wir zwei haben damals mit dem Banjospielen angefangen. Später kam Julius dazu, mit ihm sind wir gemeinsam aufgewachsen und zur Schule gegangen. Danach Remo und Maurin, die mit uns in der Jungwacht waren, und schliesslich Vasco.

«Ich glaube, wir werden noch im Rollstuhl auf den Sonnenberg fahren, um zu spielen.»
Andreas Gantner, Ophelia’s Iron Vest

zentral+: Kein B-Sides Festival ohne Ophelia’s Iron Vest – ist das so?

Martin: Beinahe. Beim ersten oder auch zweiten Mal waren wir noch nicht dabei. Aber seither jedes Jahr. Die haben zu uns gesagt, es wird nie mehr ein B-Sides ohne Ophelia’s Iron Vest geben, solange wir wollen. Und ein solches Angebot nehmen wir natürlich nur zu gerne an.
Andreas:
Ich glaube, wir werden noch im Rollstuhl auf den Sonnenberg fahren, um zu spielen.

zentral+: Welches ist eure beste Erinnerung ans B-Sides?

Die Band

Andreas Gantner: Gesang, akkustische Gitarre
Martin Gantner: Elektrische Gitarre, Gesang
Julius Lange: Pedal-Steel-Gitarre
Maurin Crameri: Schlagzeug
Remo Baumgartner: Bass
Vasco Schelbert: Piano, Orgel

Martin: Schwierig, schwierig. Die ganzen B-Sides haben sich in unserer Erinnerung zu einer sehr langen Nacht verbunden.

zentral+:  Wo würdet ihr nicht spielen?

Andreas: Unser Credo ist: Wir spielen überall, wo man uns will – und es organisatorisch möglich ist. Festivals, Hochzeiten, in Bars, an allen möglichen Veranstaltungen. Das werfen uns die Leute auch manchmal vor, dass wir an jeder Hundsverlocheten spielen. Was sie dabei aber übersehen: An diesen Hundsverlocheten geht es meist sehr lustig zu und her. Man sieht Menschen, die man sonst nie treffen würde, man wird in der Regel gut verpflegt und es wird gut bezahlt.
Martin:
Am Hells-Angels-Treffen würden wir vielleicht eher nicht spielen.
Andreas:
Warum nicht? Vielleicht kämen wir ja ganz gut an? Gelächter der beiden.

zentral+: Was sind eure musikalischen Ambitionen?

Martin: Wir machen Musik vor allem darum, weil sie uns Spass macht und wir gerne gemeinsam Zeit verbringen. Allen, die das Gefühl haben, es mit der Musik «schaffen» zu können, denen wünsche ich wirklich viel Glück. Aber da glaube ich eher nicht daran.

zentral+: Wo habt ihr bereits gespielt?

Martin: In Liverpool, Berlin, Italien – das war wahrscheinlich der seltsamste Auftritt: an einem Oktoberfest in Ventimiglia. Die meisten dieser Auftritte im Ausland sind durch internationale B-Sides-Bier-Bekanntschaften entstanden. Wir können den B-Sides-Leuten echt dankbar sein. Nicht nur dafür natürlich.

zentral+: Wart ihr denn auch schon in den USA?

Andreas: Die meisten von uns. Martin war als einziger physisch noch nicht da.

«Da stehen 12-jährige dicke Buben auf der Bühne, die viel besser Banjo spielen als wir alle zusammen.»
Andreas Gantner, Ophelia’s Iron Vest

zentral+: Euer Südstaatler-Getue, wird euch das abgekauft?

Andreas: Klar. Aber es ist ganz unterschiedlich. Ein Ami hat mich einmal nach dem Konzert zur Seite genommen und mir gesagt, dass jeder, der nur ein bisschen Ahnung habe, wisse, dass es den Akzent gar nicht geben könne, den ich den Leuten hier vormache. Aber er sage es niemandem.

zentral+: Und wie sieht es mit einer Tournee aus?

Andreas: Nun, wie gesagt, wie spielen überall, wo man uns will. Wir haben auch schon ein paar grosse Countryfestivals angeschrieben. Aber die warten da nicht auf uns. Da stehen 12-jährige dicke Buben auf der Bühne, die viel besser Banjo spielen als wir alle zusammen.

zentral+: Andreas, du bist Lehrer. Wissen deine Schüler, was du musikalisch so treibst?

Andreas: Viele wissen es, aber das Interesse an der Musik ihres Lehrers ist mässig. Das Video vom Kick Ass Award 2013 haben sie aber mal gefunden. Deshalb rufen sie nun manchmal «That’s stressin my balls», wenn sie mich sehen. 

 

zentral+: Wie entstehen eure Songs?

Andreas: Meist schreibe ich etwas, dann werfe ich es den hungrigen Mäulern vor und wir probieren aus. Entweder es entwickelt sich etwas, macht Spass – kurz gesagt, wenn das Gefühl für den Song stimmt. Oder es funktioniert halt nicht. Dann spielen wir es nie mehr.

«Wir spielen überall, wo man uns will.»
Andreas Gantner, Ophelia’s Iron Vest

Die grosse Lüge

Zum Schluss fällt den Gebrüdern Gantner plötzlich auf, dass sie ihr Südstaaten-Schauspiel eigentlich viel lieber weitergezogen hätten. Das Ziel sei eigentlich gewesen, dass zentral+ titeln würde: «Ophelia’s Iron Vest – behind the curtains – it’s all a lie.»

Andreas: Es war so. Wir haben – vor langer Zeit, als wir noch jung waren – am Mississippi einen blinden Bluesmusiker getroffen. Er hat unser Talent sofort erkannt und uns unter seine Fittiche genommen. Als Mentor brachte er uns das Banjo-Spielen bei.

Martin: Nein, nein. Unser Vater war in der Army und wurde im luzernerischen Lieli interniert. Er hat sich hier niedergelassen und dann mit uns, seinen Söhnen, die berühmt-berüchtigte «The Spice River Valley Radio Show» aufgebaut. Das war in den 60er-Jahren. Seither sind wir auf Welttournee. – Wir sind ja eigentlich viel älter, als wir aussehen.

Und hier noch ein Zitat, welches wir euch nicht vorenthalten können. Zusammenhang dafür gab es keinen.

Martin: Banjoplayer in the streets, lover in the sheets. Oder umgekehrt.

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