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Mobility-Chef: «Die Klimadiskussion ist sehr gut für uns»
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Im Januar 2019 hat Roland Lötscher den Posten als Mobility-Chef übernommen. (Bild: wia)

Lötscher ist seit vier Monaten oberster Autoteiler Mobility-Chef: «Die Klimadiskussion ist sehr gut für uns»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 26.05.2019, 11:56 Uhr

Die Rotkreuzer Mobility hat seit vier Monaten einen neuen Chef. Roland Lötscher ist kopfvoran in eine Branche eingetaucht, in der die Konkurrenz alles andere als schläft. Trotz zunehmender Konkurrenz und Verzögerungen bei einem neuen Geschäftsfeld sieht er die goldenen Zeiten der Sharing Economy noch vor sich.

Eine graue Teppichstrasse inklusive Mittellinie führt direkt an Roland Lötschers Büro vorbei. Wir biegen ab und stehen in einem relativ bescheidenen Raum. Bescheiden jedenfalls für den Chef von 224 Menschen, welche hier, im Rotkreuzer Suurstoffi-Areal für das Carsharing-Unternehmen Mobility arbeiten. Jenem Unternehmen also, das in der Schweiz seit 20 Jahren mit seinen roten Mietautos Aufmerksamkeit generiert. Lötscher hat diesen Job vor vier Monaten übernommen und damit auch eine anspruchsvolle Aufgabe.

zentralplus: Roland Lötscher, Ihr Unternehmen hat seinen Sitz seit 1,5 Jahren in Zug, also gerade in dem Kanton mit der höchsten Autodichte pro Einwohner. Ein Widerspruch?

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Roland Lötscher: Der Umzug nach Zug hatte mit Platzproblemen an unserem früheren Hauptsitz in Luzern zu tun – und nicht mit den Zuger Begebenheiten. Generell kann man sagen, dass die Sharing Economy, welche Mobility vorantreiben will, immer mehr Leute anspricht. Jeder zweite in der Stadt lebende Schweizer hat kein Auto. In urbanen Räumen und bei jungen Leuten verzeichnen wir ein überproportionales Kundenwachstum.

zentralplus: Dennoch ist das Auto noch immer ein Statussymbol. Gerade in Zug zeigt sich das. Je mehr Einkommen, desto höher die Anzahl Autos. Wünschen Sie sich ein Umdenken?

Lötscher: Dieses Umdenken findet statt. Gerade bei Jüngeren ist das Auto meist kein Statussymbol mehr, auch wenn hier die Unterschiede zwischen Stadt und Land noch markant sind. Ausserdem haben wir auch viele Kunden, die ihr Zweitauto durch Mobility ersetzen.

«Untersuchungen der ETH ergaben, dass ein Mobility-Auto zehn Privatautos ersetzt.»

Roland Lötscher, CEO von Mobility

zentralplus: Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Klimadebatte ziemlich in die Hände spielt.

Lötscher: Ja, die Diskussion ist sehr gut für uns. Wir haben von der ETH Untersuchungen machen lassen. Diese ergaben, dass ein Mobility-Auto zehn Privatautos ersetzt. Das widerspiegelt ganz klar die Haltung der Jungen, gar kein Auto mehr haben zu müssen oder wollen.

zentralplus: Die Mobilitätsbranche ist einem rasanten Wandel ausgesetzt. Sie steckt zwischen Diesel, Tesla und fliegenden Taxis. Wo sehen Sie die grösste Herausforderung?

Lötscher: Tatsächlich wandelt sich die Mobilitätswelt sehr schnell. Das Schöne ist, dass Mobility da voll dabei ist. Nicht nur bezüglich Sharing Economy, also der gesellschaftlichen Veränderung, sondern auch in Sachen digitaler Vernetzung. Diese birgt Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle. Wir sind daran, verschiedene Ideen anzuschauen und zu testen. Die Schwierigkeit ist es, deren genauen Potenziale abzuschätzen. Doch glaube ich, dass wir gut positioniert sind, gerade mit sogenannten Freefloating-Modellen wie Catch a Car (siehe Box) oder auch bezüglich des autonomen Fahrens. Derzeit testen wir einen selbstfahrenden Shuttle in Zug.

«Eine grosse Herausforderung in Zürich sind die sehr limitierten Parkplätze.»

zentralplus: Seit Ende letzten Jahres hat Mobility 100 Prozent Aktienanteil an Catch a Car, einer Firma, die auf dem sogenannten Freefloating-Modell beruht. In den Städten Basel und Genf funktioniert das Konzept. In Zürich, wo Sie derzeit Fuss zu fassen versuchen, harzt es. Warum?

Was ist Freefloating?

Als Freefloating werden Carsharing-Systeme betitelt, die keine fixe Abhol- und Rückgabestationen haben. Das bedeutet, Kunden nehmen sich irgendwo ein Velo oder Auto und stellen es anderswo wieder ab. In Zürich hat Mobility vor kurzem 200 Scooter platziert. Diese können mittels App gesucht und gleich benutzt werden. Die Firma Catch a Car, die mittlerweile zu 100 Prozent Mobility gehört, bietet diesen Service für Autos an. In Basel und Genf läuft dieses Konzept bereits.

Lötscher: Das ist eine gute Frage und eine der Ersten, die ich nach meinem Antritt gestellt habe. Die Stadt Zürich beobachten wir seit Längerem intensiv. Dort treten fast monatlich Neuanbieter auf den Plan, allerdings vorwiegend im Bereich Mikromobilität, also etwa mit Trottinetts und Velos. Und auch wir haben in Zürich vor einem Jahr Mobility-Scooter lanciert. Eine der grössten Herausforderungen für Catch a Car ist es, dass die Parkplätze in Zürich sehr limitiert sind. Wir wären sehr interessiert, zu starten, doch letztlich ist alles auch eine Frage des politischen Willens.

zentralplus: Bezüglich der Parkplatz-Engpässe?

Lötscher: Zum Beispiel. Aber auch bezüglich der Bewilligungen, die es bräuchte, um Fahrzeuge 24 Stunden auf öffentlichen städtischen Parkplätzen parkieren zu dürfen. In den letzten zwei Jahren ist es bei den Freefloating-Velos, vor allem bei jenen von ausländischen Anbietern, zu Wildwuchs gekommen. Das versucht man nun einzudämmen.

Der neue Mobility-CEO Roland Lötscher steht auf der büroeigenen Strasse.

Der neue Mobility-CEO Roland Lötscher steht auf der büroeigenen Strasse.

(Bild: wia)

zentralplus: Ich stelle mir das als logistische Herausforderung beim Freefloating-Modell vor, wenn Nutzer die Fahrzeuge etwa weit weg deponieren. Die müssen ja wieder zurück?

Lötscher: Um diesen Fall zu verhindern, arbeiten wir mit sogenanntem Geofencing. Heisst, mit einem Radius, in dem herumgefahren werden darf und in dem das Auto stehen gelassen werden kann. Aber ja, wir hatten in Einzelfällen das Problem, dass ausserhalb dieser Zone parkiert wurde. Doch grundsätzlich verstehen die Nutzer das System sehr gut.

zentralplus: Mobility hat im Jahr 2018 einen Gewinneinbruch erlitten. Von rund 2 Millionen Franken im Jahr zuvor ging es runter auf 781’000 Franken Gewinn. Wie schätzen Sie dieses Ergebnis ein?

Lötscher: Dafür muss man den Kontext verstehen. Mobility will diverse Mobilitätsprodukte anbieten. Das bedeutet, dass wir sie testen müssen, um herauszufinden, ob sie strategisch überhaupt sinnvoll sind. Solche Investitionen dauern eine Weile. Das heisst, wir sind aktuell in einem Investitionszyklus. So haben wir Mobility-One-Way ausgebaut, haben Catch a Car in Basel und Genf übernommen, aber auch komplett neue Produkte lanciert. So etwa Mobility-Scooter oder die Mitfahr-App Mobility-Carpool. Das sind Investitionen, und entsprechend erhöhen sich die Aufwände.

«Wir stehen glücklicherweise nicht unter dem Druck, kurzfristig hohe Gewinne schreiben zu müssen.»

zentralplus: Das klingt, als dauere diese Investitionsphase länger. Entsprechend muss man wohl damit rechnen, dass Mobility auch dieses Jahr einen Gewinneinbruch erlebt?

Lötscher: Ja, das kann sein. Doch als Genossenschaft stehen wir glücklicherweise nicht unter dem Druck, kurzfristig hohe Gewinne schreiben zu müssen. Ganz im Gegensatz etwa zu börsenkotierten Unternehmen. Wir sind daher in einer sehr guten und auch gesunden Position. Es ist uns vielmehr wichtig, etwas Gutes zu leisten und zeitgemäss unterwegs zu sein.

zentralplus: Welche Zielgruppe hätten Sie gerne noch mehr als Nutzer von Mobility?

Lötscher: Zum einen die Jungen. Ich glaube, dort liegt auch das Potenzial. Zum anderen Geschäftskunden. Dort sind wir zwar bereits gut positioniert, einen Viertel unseres Umsatzes machen wir mit Geschäftskunden. Doch es gibt noch Luft nach oben.

zentralplus: Sie waren, bevor Sie zu Mobility kamen, in Bahrain bei einer Telekomfirma tätig. Haben Sie jetzt einen Kulturschock?

Lötscher: Das werde ich des Öfteren gefragt, ist aber überhaupt nicht so. Ich hatte das Glück, an verschiedenen Orten in Europa, etwa in London, tätig zu sein, aber eben auch am Persischen Golf. Nicht nur persönlich, auch beruflich war das eine spannende Erfahrung. Für meine Familie und mich war immer klar, dass wir zurückkommen würden. Wenn man abenteuerlustig ist, sind solche Erfahrungen sehr bereichernd.

«Was mir Bauchweh macht? Die Frage, ob wir es schaffen, mit der technologischen Entwicklung mitzuhalten.»

zentralplus: Von der Telekommunikationsbranche in die Mobilität. Das scheint ein ziemlich weiter Sprung zu sein. Täuscht das?

Lötscher: Ja, das täuscht. Ich habe zwanzig Jahre Erfahrung in der Telekommunikation. Es ist eine Branche, die eine riesige Innovationskraft hat und sehr dynamisch ist. Übrigens ist es auch jene Branche, die im Digitalisierungsprozess einer der Haupttreiber von Mobilität ist. Mein Wissen, gerade in Themenbereichen wie strategische Marktentwicklung oder in der Umsetzung technologiebetriebener Geschäftsmodelle, hilft mir hier sehr.

zentralplus: Was bereitet Ihnen am meisten Bauchweh, wenn Sie in die Zukunft Ihrer Branche blicken?

Lötscher: Da gibt es zwei Punkte. Einerseits die technologische Entwicklung und die Frage, wie wir es schaffen, mitzuhalten. Andererseits sind wir uns bewusst, dass die Konkurrenz nicht schläft. Im Gegenteil, sie nimmt massiv zu. Das merkt man an diversen Fronten. Etwa in Zürich. Dort sind nun auch sehr kapitalstarke Unternehmen aus dem Ausland präsent, die in der Schweiz und insbesondere in den Städten mitmischen wollen. Allerdings sehe ich Mobility gut aufgestellt. Wir brauchen uns vor niemandem zu fürchten.

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1 Kommentare
  1. Urs Reutimann, 28.05.2019, 23:53 Uhr

    Mobility hat heute eine Premium-Klasse lanciert in Zusammenarbeit mit einem grossen SUV-Anbieter: Jaguar’s und RangeRovers sind nun im Angebot. Man glaubt es einfach nicht.
    Diese Statements mitten in der Klimadebatte sind heuchlerisch. Man gibt sich dazu her, das Verkaufsgeschäft der grössten Umweltschädiger auf der Strasse und unnötigsten Fahrzeugkategorie zu fördern, das Auto als Statussymbol noch weiter zu überhöhen!
    Ein enttäuschter Mobility-Kunde.