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Mit nur einem 20er-Nötli an die Luzerner Määs
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Zwei zentralplus-Journalisten, je 20 Franken: Kann das gutgehen? (Bild: wia)

Was der «Chilbibatzen» hergibt: ein Selbstversuch Mit nur einem 20er-Nötli an die Luzerner Määs

7 min Lesezeit 17.10.2019, 13:22 Uhr

In einer Zeit, in der Kinder teilweise bereits vom Samichlaus ein Smartphone geschenkt bekommen: Wie weit kommt man da mit einem «Chilbibatzen» von 20 Franken an der Määs? Zwei zentralplus-Journalisten haben sich mit limitiertem Budget ins Getümmel gestürzt und sind an finanzielle, ja beinahe körperliche Grenzen gestossen.

Der Chilbi-Besuch gleicht jeweils einer Zeitreise zurück in die 1990er-Jahre. Noch immer lächeln Paintbrush-Richard-Geres und Paintbrush-Julia-Roberts schmalzig von der Putschiautobahn-Ummantelung, noch immer prügeln Halbwüchsige auf einen Boxsack ein. Sie erhoffen sich nach wie vor Aufmerksamkeit und Anerkennung der Mädels. Die jedoch entledigen sich nach einer Fahrt auf einer der Mörder-Bahnen gerade ihres Mageninhalts und verpassen den testosterongetränkten Balztanz.

Und weil die Zeitreise authentisch sein soll, kommen wir heute nur mit einem Chilbibatzen bewaffnet. 20 Franken haben wir im Hosensack. Nicht mehr, nicht weniger. Wie zu guten alten Zeiten, als man als 12-Jährige(r) zum ersten Mal allein mit Freunden losziehen durfte. Ganze 20 Franken für Schleckzeug, Bahnen und Krimskrams! Fantastisch!

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20 Franken! Wir kaufen uns die Welt!

Wieser: Der erste Impuls – oh, Popcorn, nur drei Franken! Der Bertschi aber schützt mich gerade noch vor mir selber. Man müsse erst eine Runde drehen, um alle Optionen auszuchecken. Wer ist je so vernünftig an die Chilbi gegangen? Widerwillig lasse ich mich darauf ein.

Bertschi: Sich dermassen blind von seinen Emotionen leiten zu lassen, denke ich mir kopfschüttelnd. Ohne analytisches Geschick werden wir hier gar nichts – oh eine Wunderlampe! Doch das Preisschild verrät: Die 25 Franken würden das Budget bereits sprengen. Auch der majestätische Kelch und der Jagdhut mit Feder liegen ausserhalb der finanziellen Reichweite. Zumindest sollte meinem Hang zum Kauf unsinniger Produkte damit Einhalt geboten werden.

Thailändische Samosas und kanadische Socken

Wieser: Ich merke alsbald: Eine Runde mit der Kotzebahn steht ausser Frage. 8 Franken dafür, Luzern für zwei Minuten zunderobsi zu sehen. Ich lasse es. Denn eigentlich will ich vor allem eins: Essen!

Die Samosas sollen dem ersten Hunger den Garaus machen.

Meine ersten 6 Franken gehen beim Thailänder drauf. Ich leiste mir zwei Samosas. Ein Getränk liegt schlichtweg nicht drin. Bereits beginnt das grosse Kalkulieren. Denn: Vorhin hab ich kanadische Wollsocken entdeckt. Zehn Mäuse nur kosten die – «Kanadische Schafe!» – der Verkäufer schwört’s. Wenn ich nun doch noch Popcorn will und vielleicht noch eine Pinzette vom Billigen Jakob, dann … dann bin ich schon längst im Minus.

The Sky is the Limit (glaubt Bertschi)

Bertschi: Essen? Ist überschätzt. Trinken sowieso. Wer clever ist, profitiert bei der Nahrungsaufnahme von den Degustationsmöglichkeiten. Zwei der «weltbesten gebrannten Mandeln», wie uns die (über)motivierte Verkäuferin gestikulierend klarzumachen versucht, sättigen zwar noch nicht, aber immerhin. Durst. Egal, the show must go on.

Immerhin zwei der weltbesten gebrannten Mandeln gab es zum Probieren.

Ein Lebkuchen scheint einigermassen preiswert zu sein. Herzli-Bilder und Sprüche à la «Ohne dich ist alles doof» müssten allerdings nicht sein. Doch dann: Ein Biberli für bloss 2.50 Franken? Das scheint mir genau das richtige Angebot zu sein, um mein 20er-Nötli anzubrauchen. Und mit 17.50 Franken steht mir nach wie vor die Welt offen. Nur der Himmel ist die Grenze. Zumindest auf der Kotzebahn, deren 8 Franken ich bei meinen Plänen fest einkalkuliert habe.

Im Frust folgt der Griff zum Gewehr

Wieser: 14 Franken. Durst! Und immer noch etwas Hunger. Faserpelzjacke, ein «Schneppchen», preist einer der Stände an. 39 Franken. Langsam setzt der Tunnelblick ein. Alles, was sowieso nicht ins Budget passt, wird gnadenlos ignoriert. So auch die grässlichen Nippes-Einhörner, vor denen ein jammerndes Kind steht. 110 Kröten sind der Mama dann doch zuviel. Selbst der Traumfänger wird mit 29 Franken zum finanziellen Albtraum.

Versuche: 2. Treffer: 0.

Kurzerhand verballere ich meinen Frust am Schiessstand. Zwei Schüsse leiste ich mir. Sie gehen nach hinten los. Mir bleiben 12 Franken. Und keine Rose. Fast das halbe Budget ist schon weg.

Wir werden eingelullt

Bertschi: Noch ganze 17.50 Franken! Man darf sich halt nicht zu solch fatalen Fehlsch(l)üssen hinreissen lassen. Ich habe also Geld, aber auch ein wenig Angst. Immerhin soll die Killer-Bahn noch kommen. Vorher noch einen kleinen Happen essen wäre nicht schlecht. Ist zwar taktisch nicht ganz so clever, aber: Ich. Hab. Hunger.

Gratis Gemüsebouillon – der Zweck heiligt die Mittel.

Wieser: 12 Franken. Mittlerweile sind die kanadischen Socken schon nicht mehr im Budget eingeplant. Mit kalten Füssen geht’s darum zum Nahrin-Stand. Wir lassen uns Suppe auftischen und lernen so allerhand über den unerhörten Salzgehalt in herkömmlichen Bouillonprodukten. Weil wir überraschend satt werden ob der Probiererei, lassen wir uns geschlagene zehn Minuten lang berieseln. Es gibt ja bekanntlich nichts gratis.

Achtung Skelette!

Einmal Putschibahn – 3 Franken! Das läge absolut im im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten. Doch nachdem die drei chinesischen Touristen aus ihren Gefährten ausgestiegen sind – einer hat seine ganze Fahrt auf dem Handy gefilmt – ist die Bahn leer. Und der Spass natürlich weg. Dann halt Geisterbahn. 4 Franken, bar auf die Kralle, einsteigen bitte! Uiiiiiuuuuuu!

Buh!

Bertschi: Trotz der Fahrzeit von nur gut einer Minute – das war’s wert. Nachdem das Herz zwischen klappernden Särgen und herausspringenden Mumien in die Hose oder zumindest bis zum Bauchnabel rutschte, beginnt das Kalkulieren von vorne: 13.50 Franken bleiben noch. Minus 8 Franken, um nach unzähligen Drehungen um die eigene Achse in knapp 30 Metern Höhe gegen den Würgereflex anzukämpfen. Blieben also bloss noch 5.50 Franken. An der Wieser’schen Front sieht es auch nicht viel besser aus.

Das Kafi Schnaps ist ferner denn je

Wieser: 8 Franken. Was uns beide jetzt noch aus der finanziellen Schieflage befreien kann: Ein Tombola-Hauptgewinn. Mein Gefühl ist gut. Heute, heute ist der Tag! Ich werde gewinnen. Eine Vespa. Oder eine Fritteuse. Bittebitte lass es die Fritteuse sein. Oh, ein Toaster! Zwei Lose bitte. Minus 4 Hämmer. Es sind Nieten.

Bertschi: 13.50 Franken. Die Wieser weiss halt nicht, wie man taktisch Tombola spielt. Jeder weiss, dass bloss zwei Lose unmöglich zum Erfolg führen können. Dieses uralte Tombola-Naturgesetz kennt man doch: Erst ab fünf Losen kann man überhaupt gewinnen.

Niete über Niete.

Und mit fünf Franken geht das finanziell wunderbar auf. Selbstsicher strecke ich den Zehner über den Tresen und beginne im Lostopf zu wühlen, träume vom 1000er-Puzzle der Kapellbrücke. Doch der erste Schock folgt auf dem Fuss: Der erwartete Fünfliiber zurück auf die Hand bleibt aus. Was, ein Los kostet 2 Stutz, nicht nur einen? Und der Treffer bleibt natürlich auch aus.

Das Budget ver-x-facht

Wieser: 4 Franken. Die letzte Chance auf ein Getränk. «Bitte zweimal ein Esspapier», bestelle ich beim Gummibärenmann. Denn das ist nicht irgendein Esspapier. Es ist ein 500-Euro-Schein, der hier zum Verkauf angeboten wird. Ein futterbarer. 2 x 50 Rappen sind weg. Die letzte Chance auf eine Cola vorbei. Egal. Ich hab jetzt 1000 Euro.

500 Euro für 50 Rappen – kein schlechter Wechselkurs.

3 Franken. Alles muss weg. Ich habe gut gerechnet. Anders als der Bertschi. Darum kann ich mir nun leisten, wovon ich schon eine ganze Weile geträumt habe. Eine grosse Tüte Popcorn! Bei jeder Handvoll fühle ich mich ein wenig mehr wie die Wüste Sahara, lechze nach frischem Wasser, schiele etwas gar gierig auf den grünen See. Egal. Popcorn! Ich bin im Reinen mit der Welt. Vielleicht sind es die ersten Anzeichen eines Verdurstungstodes. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass ich mit 20 Mäusen alles aus dieser Määs herausgeholt habe, was möglich ist. Bertschi steht derweil enttäuscht neben mir.

Wieser am Ziel ihrer Träume.

Bertschi: 3.50 Franken. Die Kälte und der einsetzende Nieselregen zehren langsam am inzwischen ausgemergelten Körper. Die Zunge klebt trocken am Gaumen. Der Kopf ist leer. Und ob ich gerechnet habe! Bloss falsch. Noch bleiben mir 3.50 Franken. Daraus muss ich nun das Beste machen. Ein Stück Nougat gäbe es dafür. Das bringe ich jetzt nicht runter, sonst ereilt mich noch dasselbe Schicksal wie die speienden Mädels.

Selbst das Mineral ist zu teuer

Ungeduldig tigere ich um die Stände, wo sind die Gratisangebote, wenn man sie braucht? Trinken! Jetzt! Ein Bier vielleicht? Unter 5 Höger geht gar nichts. Zumindest eine Coca-Cola oder immerhin ein Henniez-Mineral? 4 Franken. Ich will noch nicht gehen. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht so. Ein letzter Versuch am Holdrio-Stand. Und tatsächlich: Einen Punsch gibt es für 3.50 Franken. Gekauft, getrunken. Nochmals mit dem Leben davongekommen.

Immerhin für einen Punsch reichten die Reste des Chilbi-Batzens noch.

Wieser und Bertschi: 0 Franken. Von einer Inflation in den letzten 20 Jahren ist an der Chilbi wenig zu spüren. Bahnen, Süsses, Lösli – der 20er reicht immer noch recht weit. Vorausgesetzt, man kann rechnen, hat keinen Durst und erst recht keinen Hunger.

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