Mit Mittelfinger und Gebrüll: Geständnis eines Velo-Rowdys
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Als Velofahrer sieht man in Luzern öfters rot. (Bild: fotolia)

Wie ich in Luzern lernte, Regeln zu missachten Mit Mittelfinger und Gebrüll: Geständnis eines Velo-Rowdys

5 min Lesezeit 3 Kommentare 03.04.2018, 14:59 Uhr

Liebe Autofahrer in der Stadt Luzern: ich fahre mit dem Velo auf dem Trottoir, dem Fussgängerstreifen und mitten im Kreisel. Immer so, dass kein Auto mehr vorbeikommt. Ich bin ein Velo-Rowdy, der täglich Gesetze missachtet. Und Sie, liebe Autofahrer, haben mich dazu gemacht.

Ein tiefer Atemzug, dann drückt der Fuss auf die Pedale, die Kette hakt ein, der Kranz beginnt sich zu drehen.

Als Landei liebte ich das Velofahren. Der morgendliche Schulweg war Ertüchtigung und Erholung zugleich. Selbst den Güllenduft genoss ich, wenn ich abends wieder die Ennetbürger Herdern erreichte. Denn das hiess: Ich war fast zu Hause.

Schluss mit den Nettigkeiten

Heute hat Velofahren weder mit Sport noch mit Psychohygiene etwas zu tun. Im Gegenteil: Es sind kurze Kapitel voller Adrenalin, Mittelfingergymnastik, Gehupe und mitleidig-höhnischem Gelächter.

Ständig werde ich auf meinem Rad mit wüsten Worten bedacht – und hier kommt mein Mittelfinger zurück. Denn während der fette 4×4 so gebaut ist, dass bei einer Kollision bestimmt keiner ausser dem Fahrer überlebt, sind wir Velofahrer den Metallmonstern und ihren Reitern schutzlos ausgeliefert. Den Sonntagsfahrern, den Posern, die ihren Motor aufheulen lassen wollen, den Vielbeschäftigten am Handy, den Unsicheren und den zu Sicheren.

Wegen ihnen weiche ich aufs Trottoir aus, schneide die Kurve und überfahre die rote Ampel. Das tue ich ganz ehrlich nicht, um sie zu ärgern. Ich tue es, um uns beide zu schützen.

Wer fährt denn da?

In der Stadt Luzern ist Velofahren nahezu lebensgefährlich. In der Innenstadt fahren nämlich vor allem die Menschen Auto, die nicht in der Stadt leben. Denn die haben kein Auto. Doch das ist ein anderes Thema.

Es geht darum, dass in der Stadt vor allem Menschen Auto fahren, die nicht hier leben und die Stadt deshalb nicht besonders gut kennen. Sie wissen nicht auswendig, wann welche Ampel auf grün springt, bevor sie es tut. Sie wissen nicht, hinter welcher mannhohen Mauer immer ein Fussgänger herumstolpert oder welche Strasse gerade wegen Bauarbeiten zum Paradies für Velofahrer mutiert.

Wir präsentieren deshalb: Eine todesmutige Fahrt über die sieben Ecken des Terrors. Also eine Velofahrt durch die Luzerner Neustadt.

Ich komme vom Pilatusplatz und fahre deshalb ganz rechts auf der Obergrundstrasse. Ich will Richtung Helvetiagärtli in die Moosstrasse abiegen. Keine gute Idee.

Ich komme vom Pilatusplatz und fahre deshalb ganz rechts auf der Obergrundstrasse. Ich will Richtung Helvetiagärtli in die Moosstrasse abbiegen. Keine gute Idee.

Die Unmögliche: Drei Spuren Autos und Linksabbiegen

Ich fahre zwischen den Reihen stehender Autos weiter, schlängle mich schräg durch drei Spuren bis ganz nach vorne. Beinahe streife ich die Karosserien mit dem Lenker, mein Fuss sucht immer wieder am Boden Halt. Hinter den Steuern schütteln sich die Köpfe fast synchron. Die Ampel leuchtet noch immer in sicherem Rot. Zum Glück, denn ansonsten kann man vergessen, an dieser Stelle als Velofahrer überhaupt abbiegen zu können. Die Autofahrer haben alle ganz viel Stress und keine Zeit, einem Menschen, der nicht metall- und motorverstärkt unterwegs ist, die Möglichkeit zu gewähren, die Spur zu wechseln.

Ich bin von der Altstadt Richtung Tribschen unterwegs. Die Hirschmattstrasse führt mich direkt von der Jesuitenkirche bis zur Langensandbrücke, wenn ich beim geradeausfahren am Viktoriaplatz nicht Opfer der Rechtsabbieger in die Pilatusstrasse werde.

Ich bin von der Altstadt Richtung Tribschen unterwegs. Die Hirschmattstrasse führt mich direkt von der Jesuitenkirche bis zur Langensandbrücke, wenn ich beim Geradeausfahren am Viktoriaplatz nicht Opfer der Rechtsabbieger in die Pilatusstrasse werde.

Die grosse Unbekannte: Man darf auch geradeaus!

Die junge Dame hupt mich an und entrüstet sich, weil ich einige Sekunden vor dem Umspringen der Ampel bereits in die Pedale trete. Das tue ich jedoch, weil ich weiss, dass sie mich ansonsten über den Haufen fährt und sich entrüstet, weil sie nicht weiss, dass man hier geradeaus und rechts fahren kann. Und nicht nur rechts, wie sie das eben immer tut.

Von der Winkelriedstrasse kann man beinahe geradeaus zwischen den Häusern Richtung Franziskanerplatz verschwinden. Doch das mögen Autofahrer nicht. Denn da ist ein Fussgängerstreifen.

Von der Winkelriedstrasse kann man beinahe geradeaus zwischen den Häusern Richtung Franziskanerplatz verschwinden. Doch das mögen Autofahrer nicht. Denn da ist ein Fussgängerstreifen.

Die Unauffällige: Dann halt über den Zebrastreifen vor dem Stadthaus

Schon aus gefühlten 100 Metern Entfernung hupt der alte Mann und flucht beim Näherkommen altväterisch aus dem offenen Fenster. Selbstverständlich hätte ich seinen Rechtsvortritt noch fünf Minuten abwarten können, doch ehrlich gesagt überquere ich die halbe Strasse noch viermal, bevor der Sonntagsfahrer mich auch nur annähernd mit seinem Slow-Motion-Gefährt vom Fussgängerstreifen schieben könnte. Und ja, ich fahre über den Zebrastreifen, weil die Ausfahrt direkt in einen Zebrastreifen mündet.

Wer auf den Bundesplatz fährt und den Kreisel nicht gleich wieder verlässt, der ist als Velofahrer nicht beliebt.

Wer auf den Bundesplatz fährt und den Kreisel nicht gleich wieder verlässt, der ist als Velofahrer nicht beliebt.

Die Spiralen des Todes: Kreisel

Kreisel sind für Velofahrer grundsätzlich lebensgefährlich. Um auf der sicheren Seite zu bleiben, fahre ich also so in den Kreisel, dass mich niemand überholen kann. Das halten besonders Fans der hohen Pferdestärken für Schikane und drängeln in der Mitte an mir vorbei, um an der nächsten Abfahrt abzubiegen und mich damit zur Vollbremse mitten im Kreisel zu zwingen. Hätte ich eine Hupe – sie hätte den Möchtegern-Gangster aus seinem beheizten Sitz gehoben.

Egal in welche Richtung, seit über drei Jahren hat man auf der Bruchstrasse Vorfahrt.

Egal, in welche Richtung, seit über drei Jahren hat man auf der Bruchstrasse Vorfahrt.

Die Ignorierte: Immer wieder die Bruchstrasse

Was Autofahrer besonders gut beherrschen, das ist das gekonnte Ignorieren, dass sich Vorfahrten ändern können. Also biegen sie fröhlich und zackig um die Ecke, ohne auch nur annähernd in die Strasse zu schielen, in welcher sich andere Verkehrsteilnehmer törichterweise sicher fühlend fortbewegen. Dementsprechend oft bleibt Velofahrern auf dieser Strecke die Pumpe kurz stehen.

Die Winkelriedstrasse ist seit dem Neustadt-Baustellen-Marathon für Autos nur noch von der Pilatus- Richtung Moosstrasse befahrbar. Velofahrer jedoch, die dürfen hier auch in die Gegenrichtung pedalen.

Die Winkelriedstrasse ist seit dem Neustadt-Baustellen-Marathon für Autos nur noch von der Pilatus- Richtung Moosstrasse befahrbar. Velofahrer jedoch, die dürfen hier auch in die Gegenrichtung pedalen.

Die Ignorierte, Nummer zwei

Es ist eine grossartige Sache, dass man neuerdings in der Luzerner Neustadt einige Einbahnstrassen als Velofahrer auch in die entgegengesetzte Richtung befahren kann. Nicht so grossartig ist hingegen, wenn die entgegenkommenden Fahrzeuge diesen Fakt komplett ausblenden und deshalb beim Abbiegen entgegenkommende Velos konsequent zu kriminellen Bremsmanövern zwischen geparkten Autos und aufgescheuchten Fussgängern auf dem Trottoir zwingen.

Dann fliegen die Hände hinter der Frontscheibe, der Mund formt wüste Worte und schon ist das Fahrzeug abgebogen. Der Fahrer fühlt sich im Recht und fragt sich nicht annähernd, was der rote Streifen auf der Fahrbahn wohl zu bedeuten hatte. «Vielleicht das Blut der Velo-Rowdys, die hier bestimmt nicht durchfahren dürfen. Die machen ja eh, was sie wollen!»

Ja, das tun wir. Aber nur, weil wir, wenn wir die Gesetze befolgen würden, schon lange nicht mehr in der Lage wären, auf den Sattel zu steigen.

Ach. Und falls sich die Autofahrer hier erneut echauffieren wollen: Ich bin zudem umweltfreundlicher als sie!

Und fitter.

Vielleicht.

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3 Kommentare
  1. Rodolphe Schobinger, 11.04.2018, 15:14 Uhr

    Sehr geehrte, fitte Frau Avanzini,
    als Fussgänger, Fahrrad-, Motorrad-, Auto- und öV-Fahrer danke ich Ihnen, die wahre Problematik des Strassenverkehrs in unserer wunderbaren Stadt aufzuzeigen:
    Es sind nämlich die Strassenverkehrsteilnehmer mit derselben beschränkten, einseitigen Sichtweise und Einstellung wie Sie.
    Wie wäre es miteinander, statt gegeneinander?
    Aufgefallen in Ihrem Artikel ist mir auch, dass Sie es zwar schaffen sämtliche Autofahrer in abschätzige Kategorien einzuordnen und auch ordentlich und pubertär über diese zu lästern wissen, jedoch Ihre Lösungsansätze hingegen äusserst mager ausfallen. Ich meine, einen vulgären F***-Finger als einzige Lösung aufzuzeigen ist nicht wirklich viel.…sagt aber einiges über Sie aus.
    Freundliche Grüsse, rs.

    PS: für einen Stinkefinger vom Sattel aus, müssen Sie einhändig fahren…das ist illegal und gefährlich. Denken Sie das nächste Mal daran.

  2. Dominik Bucheli, 05.04.2018, 07:50 Uhr

    Diese Glosse zeigt vor allem eines: Das die Verkehrsregeln für Velofahrer zu wenig bekannt sind, auch der Autorin. Velorowdys sind Personen, die Verkehrsregeln verletzen um besser vorwärts zu kommen. Die Autorin hat sich aber (abgesehen vom zu früh losfahren an der Ampel) in allen Situationen korrekt verhalten.
    Velofahrer dürfen an stehenden Kolonnen vorbei Fahren. Im Kreisel in der Spurmitte fahren ist das korrekte Verhalten von Velofahrern. Das Selbe Verhalten könnte man auch an Stelle des bei Rotfahrens an der Ampel bei einer Spur, wo der Rechtsabbiegen und Geradeausfahren auf der selben Spur sind anwenden. Das Problem in solchen Situationen ist, dass Autolenkende die Regel, dass man Richtungswechsel mit Blinken anzeigen sollten oft Vergessen. Sonst kann man sich als Velofahrer auch hinter dem Rechtabbieger einreihen.
    Selbst das befahren des Fussgängerstreifens ist nirgends verboten. Meist ist es Verboten, weil ein Fussgängerstreifen von einer für Fussgängervorgesehene Fläche in eine für Fussgänger vorgesehene Fläche führt. Wenn aber die Ausfahrt von einem Veloweg über einen Fussgängerstreifen führt, darf dieser befahren werden. Das Velo hat aber keinen Vortritt.
    Die Einzigen Rowdyhaften Verhalten der Autorin sind bei den konkreten Situationen bei rot Fahren und in der Einleitung ausweichen auf das Trottoir. Es ist nun problematisch, wenn man das korrekte Verhalten von VelofahrerInnen in einem Artikel mit dem Titel «Geständnis eines Velo-Rowdys» beschreibt. So entsteht bei den Lesern der Eindruck, dass diese Verhalten Verkehrsregelverletzungen seien und reagieren darauf entsprechend.

  3. Roli Greter, 04.04.2018, 02:21 Uhr

    Wie langweilig monochrom ihre Welt auch immer ist Frau Avanzini; hören sie auf zu jammern und gehen sie um Himmels Willen zu Fuss. Gruss von einem Velofahrer mit Mittelfinger am Lenker…

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