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Mit Kuhglocken, Herzklopfen und Highheels
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Die neue Miss Zentralschweiz, Nikol Nikolova, wird gekrönt. (Bild: jav)

Dramatische Wahl der Miss Zentralschweiz Mit Kuhglocken, Herzklopfen und Highheels

4 min Lesezeit 12.09.2015, 06:09 Uhr

Nikol Nikolova ist die neue Miss Zentralschweiz. Sie freut sich, ihre Mitstreiterinnen freuen sich, die Jury freut sich und das Einkaufszentrumspublikum ebenso. Zwischen «Bau&Hobby» und «Weltbild» brachten «elektrisierende Persönlichkeiten» das Shopping zum Kochen – eine Realsatire.

Wen interessiert denn schon Politik? Die wirklich relevante Wahl dieses Jahres in der Zentralschweiz fand im Pilatusmarkt statt. Aus zwölf jungen Schönheiten wurde die Miss Zentralschweiz gewählt. Die Urschweiz hielt den Atem an.

Kein Bier im VIP-Bereich

Shoppingcenter-Charme und Miss-Show – eine Kombination mit viel Komikpotential. Am Freitagabend im Pilatusmarkt wurde die Miss Zentralschweiz 2015 gekürt.

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Kurz vor Start der Show versammelt sich das Publikum – Familien mit Kindern, Jugendliche, aufgestylte Partygänger im Vorglüh-Modus und ältere Herren mit grossen Objektiven an ihren Geräten.

Drei Stehtischchen stehen links der Bühne. Von diesen werden wir jedoch relativ schnell vertrieben. Die sind für die VIPs reserviert. Wahrscheinlich hätte sich unser Bier aus dem Coop auf den schicken Fotos auch wahrlich schlecht gemacht.

Der Herzklopf-Sound macht die Spannung

Dann geht’s los. Die «grosse Show» auf der «grossen Showbühne» wird angekündigt. Wie bei der Fashionweek in New York rennen wichtige Frauen mit kurzen Röcken und Headsets durch die Menge. Alle seien extrem nervös. Untermalt wird der Beginn der Wahl deshalb passend mit dramatischen Herzklopf-Sound. – Den werden wir an diesem Abend nicht das letzte Mal gehört haben. Bestimmt werden einige Zuschauer davon träumen. Aber auch Kuhglockengebimmel und dramatische Musik in Club-Lautstärke untermalen das Show-Spektakel zwischen «Mc Paperland» und «Fust».

«Die Mädels sind heiss auf die Krone», dröhnt der Moderator in geübter Show-Manier. Nun, dann wollen wir sie nicht warten lassen. Denn sie haben «hart gelitten». Die Show beginnt. Eine Show voller «elektrisierender Persönlichkeiten», versucht-frenetischem Applaus, peinlichen Komplimentversuchen, hübschen Mädchen und einem Juror mit «grossartiger Aura».

Los geht’s mit einem dynamischen Film

Für den ersten Film liessen die Veranstalter die Frauen in kurzen Hotpants, Highheels und weissen Shirts im Gänsemarsch durch das halbleere Shoppingcenter laufen. Ja.

Beim ersten Auftritt wirken die Teilnehmerinnen noch leicht eingeschüchtert. Das «harte, aber grossartige Catwalk-Coaching» scheint jedoch Früchte zu tragen. Fünf Schritte nach vorne, Stopp, Hand auf die Hüfte, wieder fünf Schritte, Stopp, Hand auf die Hüfte und nochmals dasselbe – dann umdrehen und retour aufs Plätzchen. Die Probezeit dafür muss äusserst intensiv gewesen sein.

Sich selbst sein wollen

Doch nicht nur fürs Laufen, auch fürs Reden wurden die Damen gecoacht. Der Experte in der Jury bringt es auf den Punkt: «Man soll sich selber sein wollen und niemanden nachmachen wollen.» Die Basis dazu sei bei allen Teilnehmerinnen vorhanden. Glück gehabt.

Mit frenetischem Applaus will der Moderator die Gäste begrüsst haben. Doch das Publikum ist wohl noch eher in Einkaufslaune. Es taut erst später auf. Und zwar bei der ohrenbetäubenden und blendend glitzernden Performance von «The Voice of MJ». Ein tatsächlich guter Michael Jackson-Nachahmer.

Nach dessen Auftritt dürfen sich die jungen Damen in kurzen Videos vorstellen. Dem Redefluss nach zu urteilen waren Textkärtchen nur teilweise vorhanden.

Für Kinder, Alte und Gemobbte

Die Damen zeigen sich volksnah und sozial: Musik ist der einen sehr wichtig, die andere findet, man soll um seine Träume kämpfen, eine liebt Tiere ganz doll, eine eher Kinder, ihre Mitstreiterin will sich für mehr Respekt gegenüber alten Leuten einsetzen, eine andere gegen Mobbing.

Im Sommer spielt man gerne Volley, im Winter fährt man gerne Ski. Zudem liest man gerne und helfen ist ebenfalls sehr beliebt. Die Frage, weshalb man sie wählen sollte, beantwortet eine Teilnehmerin lächelnd mit: «Man lernt sich immer und überall mal kennen.» Es bleibt unklar, ob das als Drohung zu verstehen ist oder einfach ungünstig formuliert wurde.

Fleischbeschau

Dann kommt der Bikiniwalk – der Moderator versucht die Männer im Publikum zum Grölen zu bewegen. Wenig motivierte Reaktionen. Es folgt ein bisschen Fleischbeschau und dann geht’s bereits in die letzte Runde. Die Mädels rennen, die Highheels in den Händen, hinter der Bühne zwischen «Fust» und «Depot» den Gang runter – Abendkleid-Montieren ist angesagt. Ein hübsches Bild, wären da nicht die ganzen männlichen Zuschauer, die sich mit ihren Handykameras postiert haben. Ein Bild wie bei der Patrouille-Suisse-Show.

Zwischendurch verfallen die Moderatoren plötzlich in eine Art Kasperlitheater. «Wo ist denn Steve?», ruft die Moderatorin. Ja, wo ist er denn? Hat er sich versteckt? «Lasst uns alle ganz laut zusammen rufen: Steeeveee.» Nun. Wie gesagt: Das Publikum ist relativ schwer anzuheizen.

In der Abendkleidrunde kommt dann nur noch die Hälfte weiter. Schnell verschwinden die Verschmähten hinter dem Vorhang. «Die Spannung war also da», findet die Moderatorin nach der Auswahl. Die ersten Freundinnen der Ausgeschiedenen verschränken im Publikum die Arme und beginnen mit angewiderten Gesichtsausdrücken und kleinen Lästereien.

Jetzt aber mal ehrlich

Dann hat sie gewonnen. Die 18-jährige Obwaldnerin Nikol Nikolova gewinnt und ist wirklich süss dabei. Sympathisch auch die dunkelhäutige Teilnehmerin, die mit ihrer Aussage «Es ist Zeit, dass auch mal eine Dunkelhäutige das Zeugs gewinnt» auf jeden Fall bei uns eine Runde Applaus erntet. Unter die ersten Sechs kam sie leider trotzdem nicht.

Zum Schluss erhalten alle noch einen Gutschein für ein «Beauty-Kürsli», die Gewinnerin verdrückt ein paar Tränen und wir gehen nach Hause. Mit dem guten Gefühl, mit dem eigenen Leben auf einem guten Weg zu sein.

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