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Mit Handicap auf der «Road to Rio»
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Die Zuger Golferin Fabienne In-Albon vertritt die Schweiz an den Olympischen Spielen in Rio. (Bild: zvg)

Die Zuger Golferin Fabienne In-Albon vor Olympia Mit Handicap auf der «Road to Rio»

7 min Lesezeit 25.07.2016, 12:03 Uhr

Die Zuger Golferin Fabienne In-Albon musste ihren Olympia-Traum Anfang Jahr fast schon aufgeben, als sie mit einem Bandscheibenvorfall und einer Borreliose-Erkrankung für längere Zeit ausfiel. Doch mit der Selektion für Rio scheint die Saison gerettet. Im Interview spricht sie über Rückschläge, 130 Zicken auf Tour und darüber, warum ihr Lucky Luke Glück bringt.

Vor einer Woche hatte Fabienne In-Albon allen Grund zu jubeln. Dann nämlich wurde bekannt, dass die 29-jährige Zugerin an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen darf. Die Selektion für Rio ist mehr als bloss ein Trostpflaster für eine bisher schwierige Saison, die mit einer Borreliose-Erkrankung und einem Bandscheibenvorfall von Tiefschlägen geprägt war.

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Auf Twitter und ihrer Homepage kommunizierte die Golferin ihre Teilnahme und schrieb von einem wahrgewordenen Traum. Entsprechend glücklich ist In-Albon, an den ersten Olympischen Spielen seit über 100 Jahren teilzunehmen, an denen ein Golfturnier ausgetragen wird. Warum sie als Kind aber gar keinen Spass am Golfen hatte und wieso sie unbedingt besser sein wollte als ihr Bruder, erzählt sie im Interview. 

zentralplus: Sie haben als 10-Jährige mit dem Golfen begonnen. Wie kommt man als Kind zum Golf?

Fabienne In-Albon: Meine Eltern waren immer sehr sportlich und haben mich und meinen Bruder immer dazu motiviert, ebenfalls Sport zu treiben. Wir haben vieles ausprobiert. Unter anderem auch Golf. Dass ich aber dabei blieb, verdanke ich meinem drei Jahre älteren Bruder. Es war die erste Sportart, welche ich gleichzeitig mit ihm zu lernen begann. In allen anderen Sportarten war er immer besser als ich, auch weil er schon älter war und mehr Übung hatte. Aber beim Golf wollte ich unbedingt besser sein als er. Obwohl es mir die ersten beiden Jahre überhaupt keinen Spass machte und meine Eltern mir mehrmals ans Herz legten, aufzuhören, wenn es mir keinen Spass mache. Aber ich wollte einfach besser werden als mein Bruder. Nach zwei Jahren klickte es plötzlich und ich hatte Freude am Sport. Dann kam auch der Erfolg.

«Viele vergessen, dass ich hier sozusagen im Büro bin und nicht meine Freizeit verbringe, so wie die Hobby-Sportler.»
Fabienne In-Albon

Biografie

Fabienne In-Albon wusste schon mit 15 Jahren, dass sie eines Tages als Golfprofi auf der Tour ihr Geld verdienen möchte. Nach der Matura am Schweizer Sportgymnasium in Davos flog sie mit einem Golf-Stipendium in die USA. Anschliessend hielten sie Rückenverletzungen während zwei Jahren davon ab, Turniergolf zu spielen. Um den Anschluss an die Weltspitze wieder zu finden, flog die Zugerin erneut ins Ausland nach Australien. Während zweieinhalb Jahren studierte sie Sport-Management, spielte Amateur-Turniere in ganz Australien und schloss 2011 ihr Studium mit einem Bachelorabschluss ab. 2012 wechselte In-Albon zu den Profis und spielte während zwei Jahren auf der LET Access Tour und seit 2014 auf der Ladies European Tour (LET).

zentralplus: Wir treffen uns in Oberkirch, wieso?

In-Albon: Ich trainiere immer entweder hier oder in Holzhäusern. Holzhäusern ist mein Heimplatz, dort bin ich auch im Club. Manchmal komme ich aber nach Oberkirch, weil mein Technik-Coach von hier ist. Dazu kommt, dass es hier etwas ruhiger ist zum Trainieren. Viele Leute vergessen, dass ich auf dem Rasen sozusagen im Büro bin und nicht meine Freizeit verbringe, so wie die Hobby-Sportler. Das ist manchmal schwierig, weil ich mich über persönliche Kontakte freue, mich aber auch konzentrieren muss.

zentralplus: Sie sind 40 Stunden die Woche mit Golf beschäftigt, davon verbringen Sie 12 Stunden im Kraftraum. Wieso geht’s nicht ohne?

In-Albon: Im Golf müssen wir über Stunden konzentriert auf dem Platz stehen. Das braucht enorme mentale Stärke. Und die kommt nur, wenn auch der Körper stark ist. Zudem ist es bezüglich des Zeitaufwandes ein Job wie jeder andere auch. Ich arbeite zwischen 35 und 40 Stunden die Woche an meinem Golfspiel. Da gehören Mentaltraining, Physiotherapie, Athletiktraining, Massagen und viele Stunden auf dem Platz dazu. Am Abend dann muss ich meine Reisen organisieren, Flüge buchen und so weiter. Die Leute verstehen das manchmal falsch und sagen: «Ach, so eine Massage hätte ich auch gerne.» Selbst die Massage ist nicht einfach nur lustig, meistens ist das mit Schmerzen verbunden. Aber ich will mich nicht beklagen. Es ist wirklich eine schöne Arbeit, professionelle Golferin zu sein.

«Auf der Tour ist man manchmal einsam, gerade wenn man eine Niederlage einstecken musste oder man einen Erfolg feiert.»
Fabienne In-Albon

zentralplus: Sie spielen seit zwei Jahren auf der «Ladies European Tour (LET)». Das bedeutet: Sie sind etwa acht Monate pro Jahr weg. Haben Sie nie Heimweh?

In-Albon: Sagen wir es so: Ich komme immer gerne nach Hause. Ich weiss, wo ich hingehöre und deshalb ist es immer schön, zurück bei der Familie und den Freunden zu sein. Auf der Tour ist man manchmal schon einsam, gerade wenn man eine Niederlage einstecken musste oder man einen Erfolg feiert. Dann hätte man gerne die Familie um sich herum. Aber das gehört nun mal dazu.

zentralplus: Haben Sie denn keine Freunde auf der Tour?

In-Albon: Ich habe einige gute Kolleginnen auf der Tour, mit denen ich am Abend essen gehe oder das Zimmer teile. Aber auf dem Platz sind wir eben auch Konkurrentinnen. Dann wird es auch mal ein wenig zickig – bei 130 Frauen mit dem gleichen Ziel auch nicht verwunderlich.

zentralplus: Sie setzen auf Routine vor den Turnieren. Ihr Ritual vorher dauert jeweils eineinhalb Stunden. Was passiert alles?

In-Albon: Ich bin immer genau eine Stunde und 30 Minuten vor Beginn dort. Dann melde ich mich an und zeichne in mein Birdiebook die Fahnenpositionen ein. 10 Minuten später gehe ich in die Garderobe und wärme mich auf. Eine Stunde vor dem Start schlage ich auf der Driving Range ein paar Bälle, immer mit den gleichen Schlägern in der gleichen Reihenfolge. Dann geht es eine Viertelstunde aufs Putting Green und dann noch fünf bis zehn Minuten zum Chippen. Zehn Minuten, bevor das Turnier beginnt, stehe ich am ersten Tee.

Vor den Tournieren zeichnet sich die Golferin die Fahnenpositionen in ihr Birdiebook ein.

Vor den Tournieren zeichnet sich die Golferin die Fahnenpositionen in ihr Birdiebook ein.

(Bild: zvg)

zentralplus: Was hat es mit dem Koala-Bär auf sich, der immer auf Ihrer Golftasche sitzt?

In-Albon: Das ist mein Glücksbringer «Lucky Luke». Er erinnert mich an Australien und ist dabei, seit ich auf der Profitour dabei bin. Ich habe zweieinhalb Jahre in Australien gelebt und studiert. Dort fühle ich mich sehr wohl und spiele immer gutes Golf. Der Koala erinnert mich an das und gibt mir ein gutes Gefühl.

zentralplus: Sie haben sich für die Olympischen Spiele in Rio qualifiziert. In zwei Wochen geht es los. Was bleibt bis dahin noch zu tun?

In-Albon: So vieles. Es bleibt nur wenig Zeit, um sich vorzubereiten. Also versuche ich, alles so zu machen wie bei den anderen Tournieren auch. Obwohl Rio kein normales Turnier wird. Dazu kommt, dass ich aufgrund einer Borreliose und einer Rückenverletzung vier Monate Trainingsrückstand habe. Ich habe in der Zeit aber auch vieles gelernt – über meinen Körper und über das Training. Dass Quantität nicht alles ist, zum Beispiel. Bei den noch verbleibenden Trainings bis Rio setze ich deshalb auf Qualität. Wenn ich auf dem Platz stehe, dann mit 150 Prozent Konzentration. Dennoch brauche ich meine Trainer, die mich manchmal bremsen. Ich bin sehr motiviert für Rio und habe den Hang, zu viel zu machen.

zentralplus: Von den 60 qualifizierten Golferinnen sind Sie im Ranking die 55. Was sind Ihre Ziele für Rio?

In-Albon: Ich will die beste mögliche Leistung abliefern. Einen Rang zu nennen ist schwierig, weil ich die Spielerinnen der amerikanischen und der asiatischen Touren nicht einschätzen kann. Ich habe noch nie gegen diese Frauen gespielt und für alle ist die Olympia-Situation neu. Daher sind Voraussagen nicht einfach zu treffen. Aber wie gesagt, ich spiele mein bestes Golf und dann werden wir sehen.

«Wenn von 100 Visitenkarten eine in einem Sponsoringvertrag endet, ist das schon ein Erfolg.»
Fabienne In-Albon

zentralplus: Sie kämpfen immer wieder mit Verletzungen am Rücken, hatten dieses Jahr mit der Borreliose einen weiteren Rückschlag. Das kostet Energie. Jetzt steht mit Rio Ihr grosser Traum vor der Türe. Was kommt danach?

In-Albon: Noch viel, hoffe ich. Nach Rio geht es direkt weiter mit der LET. Das ist gut. Ich habe schon schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich ein Ziel erreicht hatte und danach nichts kam. Dann fiel ich in ein Loch und musste mich zuerst wieder aufraffen. Deshalb bin ich froh, dass der Fokus auch nach Rio konstant hoch bleibt. Die Pause kommt dann im Dezember zwischen Weihnachten und Neujahr. Bis dahin will ich mir noch mein Tourticket für das Jahr 2017 sichern.

zentralplus: Können Sie vom Golfen leben?

In-Albon: Mit Sponsoren ja. Ohne wäre es nicht möglich. Das bedeutet auch, dass ich mit vielen Menschen spreche und Kontakte knüpfe. Insbesondere, wenn ich unterwegs bin. Ich versuche, meine Sponsoren möglichst persönlich zu treffen und nicht alles über eine Drittperson abzuwickeln. Das ist zwar aufwendiger, gehört aber zu meiner Philosophie. Für mich ist es wichtig, dass wir eine grosse Familie sind. Aber es ist ein Knochenjob. Wenn von 100 Visitenkarten eine in einem Sponsoringvertrag endet, ist das schon ein Erfolg.

zentralplus: Was mögen Sie an Zug?

In-Albon: Ich bin ein Naturmensch, deshalb gefallen mir besonders der See und der Zugerberg. Ich schätze ausserdem, dass Zug sehr ruhig ist, obwohl es eine Stadt ist. Die Hektik in Zürich zum Beispiel, die mag ich gar nicht. In Zug, vor allem in Oberägeri, tanke ich Energie und bin ich zuhause.

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