Wirtschaft

Finanzielle Anreize sollen Personal anspornen
Mit Geld gegen die Spital-Überlastung in Luzern und Zug?

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Luca Jelmoni, Direktor des Schweizer Paraplegikerzentrums, denkt, dass finanzielle Anreize gegen den Personalmangel nur kurzfristig helfen.
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Luca Jelmoni, Direktor des Schweizer Paraplegikerzentrums, denkt, dass finanzielle Anreize gegen den Personalmangel nur kurzfristig helfen. (Bild: zvg)

Die Corona-Massnahmen begründet der Bund unter anderem mit der Überbelastung der Spitäler. Werner Widmer, Wirtschaftsökonom und ehemaliger Spitaldirektor sagt, dass dieses Problem mit finanziellen Anreizen gelöst werden kann. Wir haben Spitäler aus Luzern und Zug gefragt, was sie von diesem Vorschlag halten.

Kaum ein Argument wird für die Corona-Massnahmen häufiger verwendet als die drohende Überbelastung der Spitäler. Erst letzte Woche hat der Zuger Gesundheitsdirektor Martin Pfister im Kantonsrat vor vollen Intensivpflegestationen (IPS) gewarnt (zentralplus berichtete). Im Zuge dessen hat der Kanton Zug die Corona-Massnahmen verschärft (zentralplus berichtete) – noch bevor der Bund selbiges ankündigte (zentralplus berichtete).

Am Donnerstag meldet das Luzerner Kantonsspital (Luks), dass eben dieses Szenario nun eingetroffen ist: Kein einziges Bett ist mehr frei. Als Sofort-Massnahme verschiebt das Luks nicht-dringliche Operationen (zentralplus berichtete). Weiter reduziert das Luks die Operationssäle, um die Bettenkapazitäten für Covid-Fälle zu erhöhen, wie Linus Estermann von der Kommunikationsabteilung des Luks auf Anfrage mitteilt. Das hat aber den gravierenden Nachteil, dass es damit zunehmend zu Engpässen in der dringlichen Behandlung von schwerkranken Non-Covid-Patienten kommt.

Ähnlich prekär sieht es auf der Intensivstation des Zuger Kantonsspitals (ZGKS) aus. Von den acht Intensivbetten sind fünf belegt – vier davon mit Covid-19-Patientinnen. Auch das ZGKS musste zwischenzeitlich Operationen verschieben, um das IPS-Personal zu entlasten, wie Marketingleiterin Sonja Metzger auf Anfrage mitteilt.

Problem ist nicht Anzahl Betten, sondern Personal

Dass Werner Widmer, Wirtschaftsökonom und Dozent an der Universität Luzern, kein Fan der bisherigen Massnahmen des Bundes ist, ist bekannt (zentralplus berichtete). Für das Buch, in dem er als Co-Autor die schweizerische Pandemiepolitik kritisiert, erntete er viel Kritik (zentralplus berichtete).

Nun unterbreitet er in einem Interview mit dem «Nebelspalter», dessen Verleger Markus Somm ist, einen Vorschlag zur Lösung des Spital-Problems. Für Widmer, der unter anderem schon Direktor des Universitätsspitals Zürich und der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule war, ist das Hauptproblem nicht die fehlenden Plätze.

«Wir müssen alle möglichen Fachkräfte mobilisieren können, durch Erhöhung des Arbeitspensums oder auch durch tageweise, zusätzliche Einsätze.»

Luca Jelmoni, Direktor des Schweizerischen Paraplegikerzentrums Nottwil

Da es jeden Tag noch freie Betten in anderen Kantonen gebe, sollen die Spitäler sich dahingehend organisieren. Das eigentliche Problem läge gemäss Widmer beim Pflegepersonal. Unter anderem dadurch, da viele coronabedingt tagelang ausfallen.

Erhöhter Pflegebedarf der Covid-Patienten

Die Anfrage bei Zentralschweizer Spitälern zeigt: Widmers Aussage trifft den Nagel auf den Kopf. Die Betreuung der Covid-19-Patienten erfordere «hohe Fachkompetenz und personelle Ressourcen», erklärt Luca Jelmoni, Direktor des Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ) in Nottwil.

Eigentlich fokussiert sich die Anlage in Nottwil auf querschnittgelähmte Menschen. Um die vielen Covid-Patientinnen im Kanton versorgen zu können, hat der Kanton Luzern vor etwa einem Jahr beschlossen, das SPZ auf die Akutspitalliste zu setzen (zentralplus berichtete). Seither behandelt auch das Pflegepersonal in Nottwill Covid-Fälle. Diese seien sowohl für die Mediziner als auch das spezialisierte IPS-Pflegepersonal «eine anhaltende und psychische Mehrbelastung». Auch der Leiter Pflege und Soziales des Luks beschreibt über das Job-Netzwerk «LinkedIn», dass er seine Kolleginnen noch nie so müde und erschöpft erlebt habe:

Franziska von Arx, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin, schätzte gegenüber «Watson», dass 10 bis 15 Prozent des IPS-Personals seit Pandemie-Beginn gekündigt oder das Pensum gekürzt hat. Während zu Zeiten der ersten Welle noch Hunderte Ad-hoc-Betten aus dem Boden gestampft wurden, geht das heute nicht mehr. Die Spitäler hätten schlicht die personellen Kapazitäten nicht mehr. Das bestätigt auch SPZ-Direktor Luca Jelmoni. Aufgrund der Personalknappheit könnten «nicht alle vorhandenen Intensivbetten betrieben werden.» Weiter warnt er: «Es ist auf die Schnelle keine signifikante Verbesserung in Sicht.»

Klatschen hilft nicht – aber Geld?

Dieses Problem liesse sich jedoch mit ökonomischen Anreizen lösen, so die Idee Widmers. Konkret schlägt er vor, die Grundpauschale für die Pflege von schwerkranken Pandemiepatienten um 50 bis 100 Prozent zu erhöhen. Profitieren sollen davon jedoch nur Angestellte mit einem 100 Prozent Pensum. Widmer verspricht sich davon, dass Teilzeitarbeitende motiviert werden, ihr Pensum kurzfristig aufzustocken oder dass ehemaliges Pflegepersonal für einen kurzen Einsatz zurückkommt.

Mit diesem Vorschlag hat zentralplus verschiedene Luzerner und Zuger Spitäler konfrontiert. Während das Luks sich nicht zu Widmers Vorschlag äussern möchte, gibt das ZGKS zumindest teilweise eine Antwort: Um dem Fachkräftemangel nachhaltig entgegenzuwirken, investiere man verstärkt in die Aus-, Weiter- und Fortbildung der Mitarbeiter. Weiter setze das ZGKS auf «langfristig gute und fortschrittliche Anstellungsbedingungen», welche im Gesamtarbeitsvertrag geregelt sind. Zudem bezahlt das ZGKS seinen Mitarbeiterinnen für 2021 einen Corona-Zustupf von maximal 1’000 Franken, je nach Anzahl Monate.

Finanzielle Anreize gegen Personalmangel nur kurzfristig sinnvoll

Einzig SPZ-Direktor Jelmoni setzt sich in seiner Antwort differenziert mit Widmers Vorschlag auseinander. Die höhere Grundpauschale könnte tatsächlich eine gewisse Abhilfe schaffen, wie er sagt. So hätten Spitäler mehr ökonomischen Handlungsspielraum in der Bettenbelegung und dem Personaleinsatz. Zudem würde sich der finanzielle Zustupf für das IPS-Personal «zumindest zeitlich befristet» positiv auf Arbeitsmoral, Einsatzbereitschaft und Personalverfügbarkeit auswirken.

Den finanziellen Ansporn jedoch nur Vollzeitarbeiterinnen anzubieten, sei «nicht zielführend»: «Wir sind gerade in Krisenzeiten auch auf Fachkräfte angewiesen, welche zum Beispiel aus familiären Gründen nur zu einem Teilzeiteinsatz zur Verfügung stehen. Wir müssen alle möglichen Fachkräfte mobilisieren können, durch Erhöhung des Arbeitspensums oder auch durch tageweise, zusätzliche Einsätze.»

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5 Kommentare
  1. Hegard, 07.12.2021, 15:20 Uhr

    Es bestätigt wieder einmal wie unflexibel unser Systeme sind. Vor allem die Politiker (anscheinend wieder einmal die Grünen) Es bestätigt aber auch, dass die Pflegeinitiative nötig war.
    Warum stellt man die vakanten IP Fachkräfte nicht temporär an, so dass man die überlasteten Pfleger entlasten und mehr Betten bedienen kann? Der Bundesrat hat deswegen Geld zur Verfügung gestellt und ich bin ausnahmsweise mit Berset einverstanden, mehr Eigenverantwortung.
    Und wenn zB Bern hoch verschuldet ist, ist das nicht die Schuld der Spitäler und Kranken, sondern das Unvermögen der Politiker.
    Danach könnten intelligente Verantwortliche immer noch die neuen Verträge fair anpassen, das heisst auch die Arbeitsbedingungen zum Wohl der Patienten und Angestellte. Und nicht warten bis Papi das Ok gibt. Eigenständig, Eigenverantwortung, Eidgenosse??? Wenn 1291 die gleichen Leute am Rütli gestanden hätte, würde es die Schweiz gar nicht geben, sondern wären Habsburger oder wer auch immer noch am Diskutieren.
    Erstmals temporär lösen und dann faire Angestellten Verhältnisse aushandeln und nicht erst in 4 Jahren.

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  2. Linda Angelina, 07.12.2021, 10:05 Uhr

    kanne dieses Thema nicht mehr ernst nehmen,

    letztes Jahr wurde die Bettenzahl von 1600 auf 800 Intensivbetten reduziert

    letztes Jahr wurden 600 Covid Patienten behandelt
    jetzt sind 230 Covid Patienten und jetzt gibt es Personalmangel

    wo ist dann all diese tolle Personal vom letzten Jahr?

    und alle Europäischen Staaten, hatten genügend Zeit zum aufbauen,

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    1. Alain, 07.12.2021, 13:02 Uhr

      Es hatte nie 1600 Intensivbetten, und es wurden weit mehr als 600 Patienten behandelt. Und wir brauchen die Intensivstationen übrigens auch um Unfallopfer, Krebskranke, und Organtransplantierte zu behandeln. (Letztere sind z.T. corona-erkrankte die z.B. eine neue Lunge benötigen).

      Wer von Betten spricht hat eh keine Ahnung, es geht nicht um Betten (es sind genügend vorhanden), es geht um qualifiziertes Personal. Wenn wir das Personal so stark beanspruchen sollte es uns nicht wundern wenn es aufgibt.

      Ich nehme an, Sie haben sich schon als Intensivpflegerin beworben?

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    2. Kasimir Pfyffer, 08.12.2021, 10:20 Uhr

      «wo ist dann all diese tolle Personal vom letzten Jahr?»
      Sie haben gekündet oder ihr Pensum reduziert, sie sind ausgebrannt oder krank und erschöpft. Und ihr Goodwill ist verständlicherweise am Ende, nachdem die IPSen mittlerweile zu 80 Prozent oder mehr von ungeimpften Egoisten belegt werden, die sich eine absolut vermeidbare Krankheit eingefangen haben.
      «und alle Europäischen Staaten, hatten genügend Zeit zum aufbauen,» Nein. Einfach nein. Die normale Pflegefachperson-Ausbildung dauert 4 Jahre, IPS ist ein mind. 2jähriges Nachdiplomstudium. Wann geht das endlich in die Köpfe rein?

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  3. Roli Greter, 07.12.2021, 08:07 Uhr

    Der Personalmangel existiert nicht erst seit 2020, dem Bund scheinen jedoch Pflaster wichtiger als vorbeugende Massnahmen wie gut bezahltes und gut ausgebildetes Personal. Beides kostet.
    https://www.arztspitalpflege.ch/personalmangel-in-spital-und-pflege/

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